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Dann macht es BUMM!
Es hat gekracht. Instinktiv blicke ich, selbst gerade dabei, die riesige Kreuzung zwischen Guangzhou Lu und Shanghai Lu zu überqueren, da die Fahrbahn gerade frei zu sein schien, nach rechts in Richtung des Knalls und werde Zeuge des Zusammenstoßes einer jungen Motorroller-Fahrerin mit einem roten Auto. Da man ja hier üblicherweise geht oder fährt, wenn kein Auto kommt, weiß ich nicht mal, wer Schuld hat, aber ich glaube, das Auto hatte Grün. Drei, vier Meter weit wird das Kraftrad nach vorne geschleudert. Die Fahrerin (ohne Helm, ist hier nicht so üblich) ist derweil von ihrem Gefährt in ihre ursprüngliche Fahrtrichtung geworfen worden und liegt da erst mal verstört auf dem Asphalt, kommt aber schon wieder hoch. Der Fahrer hat gehalten und hilft. Warnblinker hat er vergessen (ist hier wohl auch nicht so üblich). Vielleicht, denke ich, sollte ich mir lieber doch kein Fahrrad zulegen hier. Schließlich neige ich ebenfalls dazu, bei Rot über die Ampel zu fahren. Ist in China ja auch ganz normal.
Bleiben wir erst mal zu Fuß unterwegs: Ich promeniere durch einen Park, der letztes Jahr neu angelegt wurde und noch nicht ganz fertig ist, und sinne über dies und jenes nach. Was habe ich eigentlich letztes Jahr um diese Zeit gemacht. Wie war das, als damals die Uhren plötzlich anfingen anders zu gehen? Und gingen sie danach richtig oder falsch? Hier gehen die Uhren auch anders, aber es gibt keine Sommerzeit (nur eine Stunde später Bundesliga). Ab und zu staune ich noch, dass Gott mich so mir nichts, dir nichts wieder nach China entlassen hat. Aber es ist ein guter Weg, den er mit mir geht. Und ich bin hier als Christ nicht allein: Heute Morgen im Gottesdienst der internationalen Gemeinde (Predigt von einem agilen Filipino) gab es eigens einen Empfang für allein stehende Leute. Ich lernte Afrikaner aus Ghana und Gabun, aus Nigeria, Simbabwe und der Zentralafrikanischen Republik kennen, eine Medizinstudentin aus Mikronesien (die ich nach dem Mückenbestand auf ihrem ach so paradiesischen Südsee-Eiland befragte), eine Neuseeländerin, natürlich auch ein paar Amerikaner und Amerikanerinnen (eine sieht aus wie Sandra Bullock) und: eine Schwäbin. Als ich sie um ihre E-Mail-Adresse bat (um eine weitere Sprachpartnerin für meine Studentinnen zu gewinnen), stellte sich heraus, dass wir kurz zuvor bereits per E-Mail miteinander kommuniziert hatten, weil sie schon auf meiner Kontaktliste stand. Ich bin ja hier auch so eine Art Koordinierungsstelle für deutsche Studenten. Diejenige, die mein Päckchen fand, fragte mich sogar, ob ich (ich: seit 6 Wochen hier) wisse, wo es hier einen des Englischen mächtigen Zahnarzt gebe. Sie hat ihn aber auch so gefunden und schrieb mir zum Beweis dessen eine Nachricht: „Wurzelbehandlung erfolgreich hinter mich gebracht, juhu!“
Libr-o-meter
Was dem film-o-meter die neuesten Filme, sind dem sin-o-meter die neuesten Bücher: Für meine Bibliothek spendet mir das Goethe-Institut jährlich die von den Kritikern (und von mir) favorisierten Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt. Filme sehe ich kaum noch. Ich lese. Was auch sonst, bei solchem Service: Der neue Walser, Lenz, Handke, Enzensberger sind inzwischen bei mir eingetroffen. Als Sonderwunsch habe ich noch „Krabat“ von Otfried Preußler angefordert.
Per E-Mail bekomme ich heute von einer deutschen Studentin Nachricht, dass da ein Paket für mich unten am Empfang ihres Hotel-Wohnheims liege. Da ist wohl was falsch zugestellt worden! Ein Glück, dass sie mich von dem Studententreffen am 20. September (sin-o-meter berichtete) kennt. Sonst hätte ich „Krabat“ und das dramatische Einwandererschicksal „Das dunkle Schiff“ von Sherko Fatah vielleicht gar nicht erhalten. Buch des Monats ist für mich indes „Flughunde“ von Marcel Beyer, ein nicht mehr ganz druckfrisches Buch aus „meiner“ Bibliothek, das nachvollziehbar zu machen versucht, wie Helga Goebbels ihren Vater sah (wen's interessiert: Kritik von mir bei Amazon.de).
Ehemaligentag
Heute war nach viel Routine wieder ein etwas aufregenderer Tag. Es begann damit, dass ich endlich den GoDi besucht habe, zu dem ich am ersten Wochenende hier vergeblich unterwegs war (siehe 14.9.). Er fand im fünften Stock eines Hotels statt. Inder, Afrikaner, Amerikaner, Briten, Deutsche – der Name „international Fellowship“ ist mehr als verdient.
Es ist der typische Kontrast, den man auch aus Deutschland kennt: Hier der GoDi im Freikirchenstil mit Lobpreisteil inklusive Keyboard oder Gitarre und Schlagzeug und einem stärkeren Akzent auf persönlichen Beziehungen, dafür ohne jedes Zeitgefühl (eine Predigt sollte nach meinem Dafürhalten 25 Minuten nicht überschreiten, es sei denn, Parzany oder Theo Lehmann oder Otto-Uwe predigt); dort, d. h. in der chinesischen Gemeinde, die eher landeskirchliche Prägung mit einem geraffteren und stärker ritualisierten Ablauf und Tasteninstrument statt Gitarre. Bei der Vorstellung der Neuen folgte ich auf Rita, die ich schon letzte Woche im chinesischen GoDi getroffen hatte. Sie wollte wohl auch mal was Neues ausprobieren. Am Ende traf ich dann sogar einen Deutschen. Nächste Woche werden alle Neuen eigens mit einem Mahl geehrt; da muss ich wohl noch mal hin. Und dann mal sehen, wo ich bleibe.
Wo ich am Nachmittag abbleiben würde, das war schon festgelegt: Ein Treffen mit der einzigen ehemaligen Studentin aus meiner Zeit in Yanji, die es beruflich nach Nanjing verschlagen hat, stand an. Wir trafen uns in der Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel. Ich wartete und wartete, aber wo blieb sie? Zum Glück hatte ich ja in Schanghai selbst durch Unpünktlichkeit geglänzt. Also tat ich heute Abbitte und nahm mir vor, mindestens so lange zu warten, wie ich in Schanghai die beiden jungen Damen hatte unschlüssig Ausschau halten lassen. Und siehe da, Jin Lan war schon nach 15 Minuten da! Ihre Reisezeit zum Treffpunkt mit dem Bus: eine Stunde und 15 Minuten. Großstadt. Wir gingen gemeinsam in einen dieser typischen chinesischen Parks: mit hoch gewölbten Brücken über schmale Wasserwege, deren Nass leider von kristallklar so weit entfernt ist wie Schanghai von Lhasa. Zu Bild und Ton so eines Parks gehören neben Pagoden oder kleinen Tempelanlagen mit den obligatorischen Räucherstäbchen auch Chinesen, die öffentlich ihrer Sangeskunst hingegeben sind. Ich erfahre, dass Frau Jin nicht nur heute und hier auf einem guten Weg ist, auch ihr Deutsch kommt nach zwei Stunden schon viel weniger stockend und das freut den alten Lehrer doch. In einem typisch chinesischen Restaurant der Marke Kentucky Fried Chicken lassen wir den Nachmittag traditionell chinesisch ausklingen.
Aber damit war der große Tag der Ehemaligen noch längst nicht zu Ende, denn als ich am Abend die Rainer-Werner-Fassbinder-DVD sichte, mit der ich irgendwann mal Deutschlands fünfziger Jahre illustrieren möchte, ruft mich Liu Chao an, eine Studentin des Jahrgangs 03, die sich ewige Sympathien bei mir erworben hat, weil sie mir zum Abschied meiner Zeit in Nordchina eines meiner chinesischen Leibgerichte an den Zug brachte. Sie hat das gar nicht so häufige Kunststück fertig gebracht, in einer deutsch-chinesischen Firma immer mit Deutschen zusammenzuarbeiten und auf diese Weise ihren deutschen Wortschatz beträchtlich zu verbessern. (Ihr Lieblingswort ist „wunderschön“.) Dass es ihr im Rahmen dieser Zusammenarbeit, die eine Zeit lang in einer Montagehalle für Zugteile erfolgte, wo z.T. raue Umgangsformen herrschen können, gelungen ist, die Vokabel Popolöcher als Alternative zu einem wesentlich gröberen, dort offenbar gebräuchlichen Ausdruck desselben semantischen Gehalts zu etablieren, zeugt nicht nur von einer gewachsenen sprachlichen Kreativität, sondern auch von dem nicht minder erfreulichen sittlichen Einfluss, den der befruchtende interkulturelle Austausch zwischen chinesischen Deutschlernern und deutschen Muttersprachlern wirksam werden lassen kann.
Solche und andere Berichte aus dem Alltag einer Ex-Studentin ließen die Fernsprechminuten sich verflüchtigen wie Tautropfen im Nanjinger Sommer, diese gar zu Stunden werden und den heutigen Tag schlussendlich als Ehemaligen-Tag in das sin-o-meter eingehen.
Großstadt-Freudiana
Der Vortrag des Psychoanalyse-Doktors aus Frankfurt über „Hero“ beginnt um 16 Uhr und der Hörsaal im vierten Stock der School of Foreign Studies ist bis zum letzten Platz gefüllt. Für mich ist nur noch ein kaputter Klappsitz übrig, auf dem man den Schwerpunkt geschickt ausbalancieren muss, damit man nicht wegsackt. Zauber-Professor und Strickjacken-Freund Hong führt den Referenten kurz ein, dann geht es los. Die Vorlesung (in diesem Fall wörtlich zu verstehen) wird durch lange Filmausschnitte immer wieder unterbrochen. Da hätte ich mir den Film ja gestern Abend gar nicht mehr anzuschauen brauchen!
Für Filmfreunde hier die Kurzfassung des Referats: Der namenlose Held ist namenlos, weil er ohne Vater und Mutter aufgewachsen ist, und schleppt Vateraggressionen von ödipalem Ausmaß mit sich herum, die er auf den König projiziert, der seine Familie auslöschen ließ. Sein Narzissmus reicht am Ende nicht aus, um den grausamen König zu ermorden, aber er reicht aus, um einen heldenhaften Freitod zu wählen. Oder so.
Die Fragen im Anschluss fallen aus, weil alle Studenten schnell zum Essen oder ins Wohnheim müssen. Außerdem, so sagen sie mir, sei das ja eine sehr komplizierte Thematik. Schlusswort von Karl Kraus (Dramatiker und Zeitgenosse Freuds): „Psychoanalyse ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.“
Rita, Michael, Peter und die anderen...
Heute nach dem Gottesdienst, in dem eine sehr beschwingte Amerikanerin eine vortreffliche Predigt über joy in the Lord hielt, treffe ich Rita, eine in Hanoi geborene und in Saigon aufgewachsene Chinesin mit Muttersprache Kantonesisch und so gut wie keinen Kenntnissen in Mandarin-Chinesisch, die lange Zeit in Washington gelebt hat. Deutsch hat sie auch mal zwei Jahre lang gelernt, aber davon ist nach rund zwanzig Jahren fast nichts mehr übrig. Mit mir spricht sie die ganze Zeit Französisch. Davon ist erheblich mehr übrig, obwohl sie das auch seit zwölf Jahren nicht mehr praktiziert habe, sagt sie. Emily (siehe Eintrag vom 21.9.) kann zu meiner Überraschung der Unterhaltung folgen und schlägt spontan eine französische Sprachpraxis-Gruppe vor. Das Mädel ist polyglott! Anschließend treffe ich noch den Briten Michael, einen Geschäftsmann, der mir David vorstellt, einen überaus jovialen Chinesen, der mir Peter vorstellt. Das Ganze endet mit zwei Visitenkarten mehr in meiner bereits beträchtlichen Sammlung.
Zu Fuß gehe ich bei in der Sonne schon wieder gefühlten 30 Grad zurück und finde nun auch das Hotel, in dem der GoDi stattfindet, den ich am 14.9. verpasst habe. In einem Kaufhaus kaufe ich die DVDs von „Die Kinder von Huangshi“ (siehe Eintrag vom 7.9.) sowie den Film über die Luftbrücke, der just zur Zeit meiner Abreise auf Sat-1 lief. Den Film mit „Heino Forch“, so steht es hoch offiziell auf der Hülle, haben die hier ja schnell auf DVD im Regal! Schließlich kaufe ich noch „Hero“, weil (sin-o-meter berichtete) ein deutscher Psychoanalyse-Doktor aus Frankfurt am Dienstag über den Film meines chinesischen Lieblingsregisseurs referieren wird.
Das Imperium schlägt zurück
Südberg nennen die Studenten den Qixia-Berg, eine gut in einer halben Stunde zu bewältigende Erhebung vor den Toren von Nanjing, natürlich auch das wieder ein eintrittspflichtiger Park. Von oben sieht man herab auf den gewaltigen Jangtse, dessen endlose Zahl scheinbar unbeweglicher Frachtschiffe von hier aussieht wie eine Raumflotte aus Krieg der Sterne, die im All schwerelos dahingleitet. Ich trage heute mein chinesisches „Run for Jesus“-T-Shirt. Man muss ja mal 'ne Steilvorlage liefern. Unten an so einem typischen Räuchertempel erzählt dann auch eine Studentin, ihre Oma sei Christin gewesen. Den Rest des Tages verbringen wir auf die typische Weise mit Picknick und Spielchen wie „Blinde Kuh“, „Der Plumsack geht rum“ oder „Wer war der Mörder?“, für die man bekanntermaßen in China nie zu alt ist, wie ich und die anderen Deutschen immer wieder verblüfft feststellen dürfen. Ein Spiel, bei dem man mit dem Gesäß eine Acht malen soll, muss dagegen leider entfallen, weil ich bereits anlässlich der Einladung zu diesem kleinen Spontan-Wandertag der Studenten des zweiten Studienjahres im Unterricht deutlich gemacht habe, dass ich für Spiele, in denen der Lehrer zum Depp wird, nicht zur Verfügung stehe. Dafür also nun Hasch mich, ich bin der Mörder! Dazu teilt sich die Gruppe in Verbrecher, Polizei und Bürger. Ich ziehe eine Verbrecherkarte und werde gleich in der ersten Runde enttarnt. Offenbar liegt mir die Rolle nicht so. Eine bessere Figur habe ich am Morgen gemacht, als wir am Eingang zu dem Berg-Park auf den Rest der Gruppe und diejenigen warteten, die, weil sie verschlafen hatten, nicht mehr kommen sollten: Ich unterwies die Studenten, darunter drei Deutsche, die als Sprachpartner mit zum Ausflug geladen waren, in Mau-Mau, holsteinische Variante.
Am Abend dann mein schwerer Rückfall. Es muss wohl an dem Rührei auf Reisteig liegen, das ich nach dem Wandertag an einem Stand auf der Straße zum Abendessen erworben habe. Jedenfalls fühle ich mich schon wieder wie Hulk trifft Alien und dabei ziemlich hilflos und niedergeschlagen. Offenbar schlägt da irgendein Bakterien-Imperium mächtig zurück. Ich flehe zum Herrn der Herren mich von diesem sterblichen Leib zu erlösen, ohne freilich das Zeitliche segnen zu müssen, und irgendwann nachts überschreite ich, nachdem ich mir voller Verzweiflung bereits den legendären Mehrens-Fußsack als Wärmflaschen-Surrogat auf den Bauch gelegt habe, den Schmerz-Zenit in der Magengrube und bin am nächsten Morgen geheilt!
Rumpelstilzchens Falschgeldaktion
Heute wurde mit einer Reihe von Vorträgen im Beisein des Generalkonsuls von Schanghai, des Uni-Präsidenten der Universität Göttingen, des Wissenschaftsministers von Niedersachsen und einiger äquivalenter Würdenträger von chinesischer Seite die hiesige Außenstelle der Universität Göttingen, der Partner-Universität der Universität Nanjing, eingeweiht. Rechtzeitig zum wie üblich üppigen und extrem schmackhaften Büffet am Mittag ist mein Magen wieder in Form gekommen. Ich saß neben einem Professor für Nordamerika-Studien und unterhielt mich mit ihm über LeClézio, den aktuellen Nobelpreisträger für Literatur, und die Reaktion der amerikanischen Autoren. Ehrlich gesagt ertappe ich mich ja manchmal bei dem Gedanken: „Hoffentlich entdeckt keiner, dass ich zwischen all diesen elegant gekleideten und hoch gebildeten Herren und Damen nur eine gigantische Falschgeldaktion bin, ein falscher Fuffziger, der hier eigentlich gar nicht reingehört!“ So wie Rumpelstilzchen: „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich außer hundert Seiten von Philip Roth (und das auch nur, weil ich die Verfilmung verpasst habe) keinen einzigen dieser Autoren gelesen habe!“ Mancher Gebildete könnte das schließlich für einen menschlichen Makel von einigem Ausmaß halten und im Fegefeuer der Eitelkeiten dieses elitären akademischen Zirkels würde man dann plötzlich als unbedeutender Jedermann dastehen. Naja, das sind so schwache Momente... Im Grunde sind die Damen und Herren mit den hohen Ämtern und eleganten Kleidern sogar froh, wenn sie beim Essen jemanden neben sich sitzen haben, der kein kommunikationsgehemmter Fachidiot ist, sondern ein einigermaßen eloquenter Normalo. Im Übrigen ist das mit dem Fachwissen so ähnlich wie beim Fußball: Es kommt immer darauf an, dass man im richtigen Moment den entscheidenden Pass spielt. Von all den anderen Pässen wird gar nicht geredet. Also gibt es auch keine Wissens-Engpässe.
Erheblich verspätet war übrigens am Vormittag der Minister für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen eingetroffen, hatte allerdings eine Erklärung parat, die das unzeitige Erscheinen im Nu vergessen ließ: Schuld sei Chinas rasche Entwicklung. „Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum und den damit einhergehenden infrastrukturellen Veränderungen konnte unser Navigationssystem nicht Schritt halten“, so der Minister sinn- und sachgemäß. Auch der Zauber-Professor läuft mir gut gelaunt wieder über den Weg, wieder in schlichter Strickjacke. Mein Reden: Die wirklich wichtigen Leute pfeifen auf Etikette (ich trage übrigens Jeans). Er, Prof. Hong, lädt mich zu einem Vortrag ein zum Thema „Eine psychoanalytische Sicht des Films Hero von Zhang Yimou“ und bekennt zugleich, dass er den Film doof findet.
Die Studenten hatten unterrichtsfrei, um den überwiegend in deutscher Sprache gehaltenen Bei- und Vorträgen beiwohnen zu können: Fachsprache Deutsch. Das übt. Die Dekanin des Fachbereichs Fremdsprachen, eine Deutsch-Professorin, bald fünfzig, die mir mittwochs vom Bus aus immer fröhlich zuwinkt, damit ich den Platz neben ihr finde, referierte über den Begriff Interkulturalität, den freien Raum, der im Diskurs zwischen zwei Kulturen entstehe und in den man als Interkultureller sozusagen passen muss, sowie über den Aufbau des Doppel-Magisterstudiengangs, den Göttingen und Nanjing gemeinsam anbieten, um solche Pässe zu spielen. Die Leiterin der Abteilung Interkulturelle Germanistik am Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität Göttingen, Frau Prof. Dr. Casper-Hehne, führte das Referat fort mit Anmerkungen zu den Zielen des Studiengangs: Es gehe vor allem darum, ein verlässliches Messinstrument zu entwickeln, an dem abzulesen sei, ob die angewandte Methodik greife und zweckmäßig sei, mit der bisher, zu oft, so ihre Kritik, im Rekurs auf Stereotypien, interkulturell gelehrt und gearbeitet worden sei. Zweifel an gängigen Prämissen der herkömmlichen interkulturellen Didaktik und Methodik seien angebracht. Das alles interessiert den durchschnittlichen Leser des sin-o-meters natürlich nicht die Bohne, aber das hier ist nun mal mein Tagebuch und ich muss den Text dann im Dezember für meinen Jahresbericht an die mich entsendende Organisation nur noch kopieren. Ich bin sicher, ihr versteht das.
Herr Li darf wieder ins Bett
Ich habe kaum ein Auge zugetan und muss zum Glück heute erst um zehn unterrichten, die letzte Nachholstunde aus der Ferienwoche. Schlapp, als hätte ich fünf Tage gefastet (ich weiß, wie sich das anfühlt), schleiche ich über den Campus. Dummerweise hat mein Kollege, Herr Li, ganz vergessen, dass er damals, an dem Samstag, als ich in Schanghai war, meine Stunden übernommen hatte. Er hat schon Beamer und alles aufgestellt, da stellt sich einer neben ihn: ich. Herr Li darf wieder ins Bett. Den Studenten ist im Prinzip egal, was sie heute haben. Noch. Aber gleich gibt es lange Gesichter: Ich habe nämlich bei der Bewertung der am Computer ausgedruckten Probeseiten für die Abschlussarbeit pro Rechtschreibfehler zehn Prozent abgezogen, sodass man mit fünf Fehlern durchgefallen ist. „Ja“, erkläre ich, „bei so wenig Wörtern fällt natürlich jeder Fehler mächtig ins Gewicht. Und welcher Professor eines Deutsch-Fachbereichs", frage ich, „will überhaupt noch eine Arbeit lesen, bei der in der Überschrift (Schriftgröße 18) das Wort deutsch 'duetsch' geschrieben ist?“ So wird die Abschlussarbeit zur Abschussarbeit.
Hulk trifft Alien
So schlecht ging's mir schon lange nicht mehr. Irgendwie muss ich heute Abend in der Mensa was Falsches gegessen haben. Gegen acht, beim Korrigieren der jüngsten Diktate, ging es los mit dem Rumoren und gegen Mitternacht muss ich aufstehen, weil ich mich fühle wie der unglaubliche HULK kurz vor der Verwandlung. Mein Bauch wölbt sich, als würde gleich ein Alien rauskommen, und ähnlich explosiv verläuft die Nacht dann auch noch...
Der Zauber-Professor
In der Bibliothek bekomme ich heute Besuch von einem Emeritus der Deutsch-Abteilung in Nanjing, einem überaus belesenen Mann, der mir von irgendeinem wichtigen Autor erzählt, Soziologe oder so, von dem ich nie was gehört habe. Er soll ihn nämlich übersetzen. Und Freud. Oder ein Buch über Freud. Oder beides ist dasselbe. So genau habe ich das nicht verstanden. Denn der Herr Professor antwortet nicht immer so, wie es der Frage gemäß ist. Ein typischer zerstreuter Professor eben. Gleichwohl wächst mein Respekt ins Unermessliche, als der schlicht wie zur Mao-Zeit gekleidete Gelehrte mir in einem Nebensatz eröffnet, dass er Thomas Manns „Zauberberg“ und „Dr. Faustus“ ins Chinesische übersetzt hat.
Kanzler, Kritik und Kompromiss
Diesmal ist der Gottesdienst in der St.-Paul-Gemeinde doch reichlich kurz, nur vierzig Minuten. Außer der Lebensmitteltrainerin von vor zwei Wochen gesellt sich diesmal noch die des Englischen nicht minder mächtige Lili zu mir, die gerade „End of the Spear“ liest, eine Geschichte über einen Missionar, der im lateinamerikanischen Dschungel die Mörder seiner Eltern traf und zum Glauben an Christus führte. Das Buch wurde von Christen in den USA verfilmt, hat es aber offenbar noch nicht nach Deutschland geschafft. Noch interessanter wird es, als ich den Pastor dieser registrierten Gemeinde kennen lerne, der sich über Gäste aus Deutschland (irgendein Bischof war wohl mal zu Gast) und Frau Merkel beschwert, weil die immer rummerkeln, äh, -mäkeln an China und so. Schröder, der mit den Chinesen fröhlich Bier getrunken habe, fand er besser. Ich denke, was hat der denn für Sorgen, und erkläre ihm (Lili übersetzt die kniffligen Stellen), dass Schröder der schlechteste Bundeskanzler war, den wir je hatten, und es beim Amtseid sogar ablehnte, die Formel „so wahr mir Gott helfe“ zu sprechen. Hm, da kommen wir nicht weiter. Aber Gott (!) sei Dank finden wir doch noch einen gemeinsamen Nenner: Die Bischöfe in Deutschland seien in wichtigen ethischen Fragen viel zu liberal und die Kirche sollte sich nicht zu viel um Politik kümmern, dafür gebe es ja schließlich die Politiker. Die kümmern sich allerdings in China auch um die Kirchen und werden, so erklärt Lili mir, immer dann nervös, wenn die Wirkungen des Heiligen Geistes zu sehr betont werden. Lieber Predigten über Rechtschaffenheit und Loyalität. Das kommt gut. Prompt ist der Nachmittag auch schon halb rum. Dabei war der Gottesdienst doch nur vierzig Minuten kurz.
Geisterbahn
Dummerweise kommt der Zug um zehn nach fünf schon in Nanjing an, da bin ich normalerweise im Tiefschlaf. Eigentlich sollte der Zug um 5.22 Uhr erst am Ziel sein! Da ich immer knapp kalkuliere, bin ich so überrascht, dass ich in Turnhose und Unterhemd und mit offenen Schnürsenkeln, aber immerhin mit all meinem Gepäck aus dem Zug steige. Noch ärgerlicher ist, dass um die Zeit die U-Bahn noch nicht geöffnet ist. Vor der Treppe lagern schon etliche potenzielle Passagiere. Auch draußen auf dem Platz vor dem Bahnhof (er liegt am Xuanwu-See) lagern sich die Reisenden. Ich entdecke draußen einen Fahrstuhl, der zur U-Bahn führt. Sesam öffnet sich und ich finde mich in einer unterirdischen Geisterstadt wieder: keine Seele weit und breit! Ich komme mir vor wie Will Smith in „Ich bin Legende“. Selbst der Durchgang zum U-Bahnsteig, wo ich normalerweise meine Fahrkarte einführen muss, steht offen. Ich bin so allein, dass ich mich sogar völlig hemmungslos umziehen kann. Die erste U-Bahn ist schon angekündigt, fährt in zehn Minuten, aber in die falsche Richtung. Ich denke, ich steige trotzdem da ein, denn die Endstation ist nur zehn Minuten entfernt und ich kann ja dann dort in die andere Richtung wechseln, ohne eine neue Fahrkarte kaufen zu müssen. Aber – gespenstisch – der leere Zug kommt an, hält, piept, wartet eine Minute und fährt dann, ohne die Türen geöffnet zu haben, weiter: eine Geister-U-Bahn! Mit mir hat wohl keiner gerechnet. Der Kontrast zu den Menschenmassen, die sich in so einer U-Bahn normalerweise stapeln, könnte kaum größer sein. Jeder Gast in einem fremden Land kennt dieses beunruhigende Gefühl: Gibt es hier irgendwas, was alle wissen außer mir?
Endlich taucht ein Uniformierter auf. Scheint sich aber nicht groß zu wundern, dass ich vor ihm da bin. Diese Ausländer sind ja immer irgendwie anders, das kennt man schon... Wenig später kommen zu meiner Erleichterung die ersten Fahrgäste die Treppe herunter und als die U-Bahn in Richtung Uni auftaucht, gehen sogar die Türen auf: Geisterbahnsteig adé!
Hongcun, die Horden und ich
Natürlich merke ich meine Kniekehlen auch noch heute Morgen auf dem Weg nach Hongcun. Erst mal muss ich zur Bank. Der gestrige Tag hat ein gewaltiges Loch in meinen Reisegeldbeutel gerissen. Ich frage einen Passanten und habe die Visitenkarte von Herrn Wang An Ping in der Hand. Die Bank finde ich auch.
Die Reise, vorbei an abgeernteten Reis- und Maisfeldern, auf denen die Wasserbüffel sichtlich froh sind endlich eine ruhigere Kugel schieben zu können, dauert ca. eine Stunde. Dann – und jetzt heißt es, Mini-Budget-Reisende aufgepasst – steige ich am Busbahnhof einer charismalosen Kleinstadt aus und denke: Das ist jetzt aber noch nicht Hongcun, oder? Wo sind die malerischen Bauten? Ich gehe zum Fahrkartenschalter und frage nach einer Karte für Hongcun. Ja, sagt die Tante, einmal rechts um die Ecke. Draußen an der Ecke treffe ich eine Gruppe junger Leute aus dem Bus wieder, die auch nach Hongcun wollen; aber erst mal, es ist halb zwölf, wolle man was essen. Ein Mädchen aus der Gruppe zeigt mir, dass der Bus an der Kreuzung hinter der Brücke über den Fluss schon warte. Zwei Yuan. Ich überquere also die Brücke, da wartet wirklich ein Bus. Ich steige ein, entrichte meinen Fahrpreis und lande – und jetzt heißt es, Mini-Budget-Reisende, die ihr via Google auf diese Seite gestoßen seid, weil ihr Huangshan+Unterkunft+China oder Hongcun+Urlaub+billig eingegeben habt, doppelt aufgepasst –, also, ich lande an einer Stelle (zweite Brücke über den Fluss nach Ortseingang), wo weit und breit keine Eintrittsgebühr für dieses Weltkulturerbe zu entrichten ist. Schon der 40-Mark-Berg gestern hatte ja gewisse Verstimmungen bei mir ausgelöst und nun stelle man sich vor, man soll 16 Mark (2 % eines gehobenen Monatsgehalts in der Volksrepublik) Eintritt zahlen, damit man Bad Wimpfen oder Rothenburg ob der Tauber betreten kann! Und wie will man das eigentlich sicherstellen? Die Stadt mit Checkpoint-Charlie-Häuschen umzingeln? Ob das so einem Städtele nicht manches von seinem diskreten Charme rauben könnte? Nicht anders ist es hier.

Ich flaniere durch die Stadt, treffe auf eine uralte, 1,40 Meter große Frau, die für ihre wohlschmeckenden Maronen oder irgendwelche Nüsse berühmt ist (genau habe ich das nicht verstanden, ich weiß auch nicht was „Nuss“ auf Chinesisch heißt, weil ich keine Nüsse mag), betrete einen Ortskern mit Fischteich, gesäumt von historischen Bauten zumeist aus der Qing-Dynastie, und ein Maler mit langen Zotteln, der in Peking Kunst studiert hat, lädt mich in seinen kleinen Ausstellungsraum voller geheimnisvoll-düsterer Gemälde ein. Eines hat er gerade im September fertiggestellt. Gleich mehrfach überschreite ich die Brücke über den so genannten Südsee, der am inneren Rand mit Lotospflanzen überwuchert ist und am äußeren von einer Promenade gesäumt wird, der Bäume reichlich Schatten spenden. Diese Ortschaft ist die ideale Entspannungsübung nach einem anstrengenden Tag. Nachdem ich mich gestern in meine Einzelteile aufzulösen drohte, empfinde ich mich heute wieder als Einheit, Tag der deutschen Einheit eben.

Auf der anderen Seite des Sees, wo das Weltkulturerbe endet, sehe ich Horden von Chinesen mit knallroten Unisex-Baseball-Kappen, die, vom offiziellen Touri-Parkplatz kommend, in das Örtchen einfallen, und alle haben sie dieses Kärtchen in der Hand, auf dem steht, dass sie umgerechnet 16 Mark für das bezahlt haben, was ich auch gerade tue.
Das alles genieße ich bis vier Uhr, dann geht’s auf die gleiche Weise zurück. Ich esse in einem Hamburger-trifft-chinesische-Esskultur-Restaurant (und entscheide mich diesmal für den Hamburger). Als ich meinen Rucksack aus der Jugendherberge holen will, wer steht da auf einmal vor mir? Michael, der auf dem Huangshan irgendwo wild gezeltet hat und natürlich nichts Besseres zu tun hat, als mir zu berichten, dass ich ja den besten und einsamsten aller Gipfel auf dem Huangshan, den nicht gesperrten Himmlische-Stadt-Gipfel (1810 m) verpasst habe. Vielen Dank, das war genau das, was ich jetzt gebraucht habe. Ich muss also wiederkommen. Kurz nach neun betrete ich den Bahnhof, um den Nachtzug um 21.44 Uhr nach Nanjing zu erreichen, in dem ich einen Liegeplatz gebucht habe.
Du bist nicht allein!
Um halb sieben schleiche ich mich an der Rezeption vorbei aus der Absteige – auf Nimmerwiedersehen! – und begebe mich zum Busplatz. Der Ausflug zum Huangshan wird eine typische Didus-Hammertour. Aber erst mal gilt es sich durch die Touristenhorden zu zwängen. Michael, ein Amerikaner aus Los Angeles, der auch schon länger in New York gelebt hat, nun in Xuzhou unterrichtet und mich beim Ausstieg aus dem Bus anspricht, will, dass ich mein Chinesisch einsetze, um den Uniformierten am überlaufenen Eingang zum Naturpark weiszumachen, irgendwelche Freunde, zu denen wir den Anschluss verloren hätten, seien bereits weiter vorn in der Schlange. Ich sage, dass ich für solche Aktionen zu ehrlich bin und glaube auch nicht, dass wir ohne Notlüge zwei Stunden anstehen müssen. Am Ende sind wir zwar nach einer Stunde durch, aber nun kommt noch eine halbe Stunde Busfahrt rauf zum Anstieg. Und dann muss ich am eigentlichen Eingang noch mal rund zwanzig Minuten rumstehen, weil ich erst hier die Eintrittskarte (umgerechnet 40 Mark) für den Berg bekomme. Ich finde aber den Eingang nicht. Wo ist denn hier der Eingang? Ich werde vom Ausgang zu einem Ort geschickt, wo gar kein Eingang ist. Da ist nur der Eingang zur Seilbahn, die noch mal 80 Yuan kostet. Seilbahn will ich nicht. Ich fühle mich wie ein Hund, der gleich von der Leine gelassen wird, aber Gleich verzögert sich immer wieder. Inzwischen ist es nach halb zehn! Wie viel Zeit soll ich hier eigentlich noch vertrödeln, bis ich endlich tun kann, weshalb ich hergekommen bin? Schließlich verliere ich mal wieder die Geduld (der Hund reißt sich von der Leine los), klettere durch Büsche, mache einen etwas gewagten Sprung auf eine Wasserdurchlassbefestigung und finde mich in der Schlange zur Seilbahn wieder. Kurz darauf finde ich endlich den Aufstieg zur Treppe. Meine Eintrittskarte hat nun gar keiner kontrolliert. Endlich geht es bergauf, ich mache ordentlich Tempo. Natürlich rächt es sich später, dass ich beim Aufstieg einfach jeden der eine Million Chinesen überholen will, die ebenfalls auf dem Weg nach oben sind.
Man darf nicht davon ausgehen, dass das hier eine normale Bergtour ist, denn die gesamte Strecke ist mit Treppenstufen versehen und auf denen tummelt sich die besagte (gefühlte) Million Chinesen. Außerdem liegen überall verstreut an den Rändern der Wanderwege teure Hotels und Camping-Nischen. Hier ist man nie allein! Auch nicht auf den Spitzen dieses auf einzigartige Weise von der Natur, von Sturm, Nebel und Regen, in bizarre Felsformationen gemeißelten Gebirges mit seinen insgesamt 72 verschieden hohen Gipfeln. Eine Attraktion ist der Nordsee genannte Aussichtspunkt mit Blick auf den so genannten Pinsel: einen steil emporragenden Felsen, aus dem ein Bäumchen wächst. Die Kombination sieht aus, als würden zwei Finger einen Pinsel halten. Ich überzeuge mich persönlich davon, dass der Vergleich nicht hinkt. Auf dem Rote-Wolken-Gipfel mache ich Rast, mit dem Hellen Gipfel erreiche ich den höchsten zugänglichen Punkt (1840 m).

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Der von mir anvisierte Lotosgipfel, der eigentliche Höhepunkt (1864 m), ist gesperrt. Was ich auch noch nicht weiß: Auf dem Weg dorthin verengt sich der vorformatierte Wanderweg beträchtlich, weshalb ich mich plötzlich in einer Riesenschlange wiederfinde. Es geht sogar durch einige Höhlenschächte. Aber man stelle sich das vor: Auf dem Weg zu einem Gipfel in 1800 Metern Höhe steckt man plötzlich in einer Menschenmenge fest, als gäbe es Freikarten für Bayern gegen Real! Na, immerhin hatte ich kurz vor diesem Schock meinen Clooney-Auftritt und durfte gleich mehrfach vor traumhafter Kulisse posieren. Schade, dass einem als Clooney kein VIP-Durchlass gewährt wird. Aber – Moment! – kommt noch! Denn nachdem ich am gesperrten Aufstieg zum Lotosgipfel noch mal kurz Pause gemacht habe, blicke ich talwärts und was sehen meine schreckensstarren Augen? Noch mal Schlange ohne Ende! Das ist die Chance für meine notorische Ungeduld, endgültig mit mir durchzugehen. Als ich wieder festhänge und auch noch merke, dass die alle zur Seilbahn wollen, die ich gar nicht benutzen will (der Weg zu den tiefer gelegenen Treppen ist aber derselbe), erblicke ich unterhalb des Pfads, auf dem ich gerade im Stau stecke, total verödete und verlassene Stufen: ein offenbar gesperrter alternativer Abstieg. Ich wühle mich zurück und bin wild entschlossen irgendwie an der Holzgittertür vorbeizukommen, hinter der die verlassenen Stufen, die übrigens Herr-der-Ringe-Schauwert haben, beginnen. Aber – o Wunder! – muss ich gar nicht, denn das Schloss hängt zwar geschlossen vor dem Tore, nicht aber im Riegel, den ich mühelos zur Seite schieben kann, was ich auch tue. Mein Rucksack hängt in dem Spalt kurz fest, aber dann bin ich durch: allein treppab, ganz allein. So hatte ich mir die Bergtour eigentlich vorgestellt. Ich trippele in Windeseile hinunter, will ich doch wissen, ob die Sache nicht womöglich einen Haken hat und ich am Ende wieder zurück muss. Angesichts meiner schmerzenden Glieder und Gelenke wäre das freilich ein übler Ausgang des Experiments. Fakt ist: Es geht abwärts mit mir, in jeder Hinsicht. Von oben rufen ein paar Witzbolde mal wieder: „Hollo!“ Ich ignoriere das. Am Ende der Stufen treffe ich einen Gerüstarbeiter, der dabei ist, an einer steilen Felskante entlang eine Holzbrücke zu bauen. O Schreck, ich muss zurück, denke ich; und der wird mich gleich noch gehörig anfahren, was ich hier mache. Chinesen finden aber im Gegensatz zu Deutschen Ausländer auf krummen Extratouren cool und er zeigt mir, dass die Treppe über mir weitergeht. Ich bedanke mich, steige empor, komme zum Eingang der Seilbahn und KÖNNTE nun, wenn ich etwas weniger selbstgefällig und dafür etwas mehr mit Vernunft gesegnet wäre, einfach da einsteigen und meine schmerzenden Glieder dem verdienten Feierabend zuführen. Aber wie dereinst Boris, der immer den schwersten Schlag ausprobieren musste, wenn´s besonders aussichtslos zu werden begann, erkundige ich mich, wo es zu den Treppen ins Tal geht. Und nun beginnt für mich die wahre Zeit der Leiden, denn es wird ein quälend langer Abstieg über nicht enden wollende Stufen. Meine Kniekehlen schmerzen, die Waden haben schon mal einen Krampf angedroht und jetzt beginnt auch noch mein Kopf zu hämmern. Aber was sollen eigentlich die Männer sagen, die mir aus beiden Richtungen kommend, über den Tag verstreut immer wieder über den Weg gelaufen sind, Männer, die nicht zum Vergnügen die steilen Stufen rauf- und runterklettern, sondern die, ein massiv-hölzernes Joch auf den Schultern, von dem links und rechts zentnerschwere Lasten baumeln, Obst, Gemüse, Stoffe, auf eben diesen Stufen ihren Lebensunterhalt verdienen? Ich denke, dass es kaum einen treffenderen Ausdruck, kaum ein sinnfälligeres Bild geben kann für den krassen Gegensatz zwischen Arm und Reich im gegenwärtigen China als dieses absurd anmutende Nebeneinander von kapitalem Konsumtourismus und archaischem Arbeitsalltag. Vor allem muss ich freilich einsehen, dass man in meinem Alter seinem Körper nicht mehr solche Tours de force zumuten kann, ohne wenigstens eine vernünftige Mahlzeit einzunehmen. Äpfel und Birnen und ein paar Joghurt-Trünke, das war einfach nicht genug für diese Strapazen. Und die Gurke, die ich an einer der (denke, hoffe, flehe ich) letzten Rast-Stationen erwerbe, von denen es hier einige Dutzend gibt, bringt auch nur wenig Linderung. Bei jeder Stufe denke ich, mir platzt gleich der Schädel. Was ich total unterschätzt habe, ist die Anstrengung für die Muskulatur und die Gelenke, die mit dem Abstieg verbunden ist. Die Schwerkraft, dachte ich, die macht das schon. Ja, macht sie auch, sie macht sich tonnenschwer bemerkbar. Man muss sich das auch mal vor Augen führen: So ein Tag in den Gelben Bergen, das ist im Grunde nichts anderes, als würde man einen ganzen Tag lang die Stufen des Kölner Doms rauf- und runterpesen. Aber irgendwie leben ja Verrückte immer länger. Und so darf man sich auch nicht wundern, dass ich an der Busstation lieber noch mal 1200 Meter Stufen in Kauf nehme, als für eine Busfahrkarte Schlange zu stehen. Mehr als weh tun konnte die letzte Meile schließlich auch nicht mehr.
Ich bin nervös und habe es eilig, weil die Dämmerung einbricht und ich 2004 in China schon mal zu spät von einem Berg gekommen bin. Damals gab es keine Busse mehr. Diesmal habe ich mehr Glück. Der Bus, zu dem der Bergbus im Obertal mich gebracht hat (beim Einstieg gab es zwischen übermüdeten Chinesen eine heftige Rangelei), setzt mich dann zwar gleich an der nächsten Tankstelle wieder aus, aber er verweist mich auf einen anderen Bus, der dort im Halbdunkel parkt. Der ist allerdings total leer. Was wird das wieder werden? Die Jungs am Bus telefonieren. Ich verstehe nichts. Dann fahren sie los und auf halber Strecke werde ich noch mal umgeleitet. Dieser Bus (Nummer sechs an diesem Tag) bringt mich dann endlich sicher nach Hause.
Wenn ich jetzt was Ordentliches esse, denke ich, wird es sicher besser. Direkt neben dem Bus-Bahnhof ist so ein typisches chinesisches Kleinrestaurant: dürftige Ausstattung, gute Küche. Ich erkundige mich nach den Mahlzeiten und bestelle eine Ladung gebratenen Reis und die chinesische Spezialität Rührei mit Tomate für insgesamt drei Mark zwanzig. Der stolze Papa, der die Bestellung aufnimmt, bringt seine Tochter (englischer Name: Alice) ins Spiel. Die Oberschülerin soll bei mir ihr Schulenglisch an den Mann bringen. Englisch sei ihr Lieblingsfach, erklärt sie mir, aber an eine Elite-Uni wie Nanjing werde sie es wohl nicht schaffen. Mit Hilfe ihres Papas plane ich den morgigen Tag: Ein Bild des malerischen Ortes Hongcun (UNESCO-Weltkulturerbe) hängt nämlich im Restaurant an der Wand. Morgen Früh um zehn gehe der letzte Bus.
In der Jugendherberge lerne ich Chao aus Xian kennen, einen von fünf Zimmergenossen, die zum Glück alle früh schlafen gehen. Chao hat mit einem Freund oder einer Freundin zwei Tage (mit Übernachtung) in den Gelben Bergen verbracht. Zugegeben, das klingt vernünftig, aber ich hätte dann am Ende doch nur zwei Hammertouren daraus gemacht!
"George Clooney und ich"
Ich habe scheinbar mal wieder mehr Glück als Verstand: Schon der dritte oder vierte Versuch, eine Bleibe zu finden, ist von Erfolg gekrönt! Wild gestikuliert und schreit die junge Frau vom Empfang und führt mich in ein fensterloses Loch mit offenbar schon benutzter Bettwäsche und seltsamerweise nur rotem Licht als Beleuchtung. Aber ich bin natürlich zu müde um lange rumzulamentieren, das weiß die Hektikerin auch. Die umgerechnet zehn Euro sind, gemessen an meinen bisherigen Erfahrungen, der reinste Wucher. Für so was zahlt man normalerweise ein Viertel davon, aber es ist Ferienzeit, alles ist belegt und ich bin hundemüde.
Das setzt sich auch am nächsten Tag fort, an dem ich aber erst mal Stress mache und dafür sorge, dass vernünftiges Licht eingebaut wird, ich frische Bettwäsche bekomme und alles etwas wohnlicher wird. Dafür soll ich nun, es ist ja der eigentliche Nationalfeiertag, 150 Yuan bezahlen, also 50 Prozent Aufschlag! Das verstehe ich natürlich überhaupt nicht und verhalte mich auch so. Ich zahle erst mal hundert und stelle vage in Aussicht, den Rest später zu begleichen, wozu es natürlich nie kommen wird. Die Hektikerin hat damit ihr Gesicht behalten und ich mein Geld.
Gleich nebenan ist eine Jugendherberge mit englischsprachigem Personal und vielen ausländischen Gästen. Die waren heute Nacht überfüllt. Aber jetzt reserviere ich mir ein Zimmer für die Nacht auf Freitag. Es kostet nur die Hälfte, allerdings werde ich das Zimmer mit fünf anderen Gästen teilen müssen. Eine Rückfahrkarte für den Nachtzug nach Nanjing habe ich auch schon erworben. Ich musste nicht mal Schlange stehen!
Am Nachmittag schaue ich mir Huangshan-Stadt an. Unten am Fluss ist ein Volksfest mit den üblichen Wurstständen und Provinz-Jahrmarktsattraktionen. Immer wieder werde ich mit "Hollo?!" angesprochen. Hier in der Provinz ist es wieder schlimmer als in der Großstadt und zugleich ist das ja das Schöne an China: dass man sich immerfort fühlen darf wie Brad Pitt oder George Clooney, wenn die sich irgendwo in der Öffentlichkeit zeigen. Abgesehen davon, dass die ja in dieser Gegend auch nicht viel bekannter sind als ich, kennen sie das bestimmt auch, dass sich Menschen in ihrer Gegenwart einfach nicht mehr normal verhalten, auch wenn sie sich nicht trauen, das Wesen vom anderen Stern, das ihnen das unberechenbare Schicksal da über den Weg laufen lässt, direkt anzusprechen. Erst mal - in ungefähr 25 Prozent der Fälle - wird immer getuschelt: "Guck mal der Ausländer da!" ("Guck mal, ist das nicht der Clooney?"). Wer ahnt denn schon, dass Clooney Chinesisch versteht, der hat doch andere Sorgen. Fast ebenso häufig werfen Menschen, vor allem der jüngeren Generation, ihrem chinesischen Gegenüber unvermittelt die paar Brocken Englisch an den Kopf, die sie beherrschen: "Thank you!", "Oh, very nice!" oder so. ("Zeigen wir dem Clooney mal, dass wir Englisch reden können, dann gibt er uns vielleicht von sich aus ein Autogramm.") Und dann kommt es bei den ganz Mutigen - morgen mehr dazu - auch immer wieder, aber alles in allem doch selten zu den klassischen Promi-Urlaubsbildern. ("George Clooney und ich auf dem Gipfel des Huangshan-Gebirges.") Ja, so fühlt es sich an, in der Öffentlichkeit immer erkannt zu werden! Oder doch immer öfter. China ist eben ein Land, das sich rasant entwickelt!
Unterwegs zu den Gelben Bergen
Endlich habe ich es geschafft, ein bisschen hinter die Funktionsweise des Programms namens Access zu schauen, bei dem nomen nicht omen ist und mit dem die Bücher der Leihbibliothek verwaltet werden. Ich bin ja einen wesentlichen Teil meiner Arbeitszeit als Bibliothekar tätig. Meine Vorgängerin hat sich das Programm selbst beigebracht und kann mir nicht viel helfen. "Ausprobieren", rät sie per E-Post. Ein Scheitern hätte bedeutet, dass ich weniger klug bin als sie. Aber wer mal versucht hat sich ein komplexes Computerprogramm allein nach der Versuch-und-Fehler-Methode zu erschließen, der weiß, was ich in den letzten Wochen nervlich durchgemacht habe. Nun aber: der Durchbruch. Stundenlang trage ich die Angaben des ganzen Monats nach. Bis halb vier morgens.
Nach langem Schlaf kommt die neuen Mensa-Karte zum Einsatz. Aber das hätte ich nicht erwartet: Die Mensa ist ein nicht enden wollendes überdachtes Straßenrestaurant mit einer endlosen Vielzahl an kulinarischen Köstlichkeiten zur Auswahl an einer Quer- und einer Längsseite des großen Saales. Divide et impera, ist wohl der Wahlspruch der Köche...
Im Bus neben mir sitzt ein sehr freundlicher junger Mann, der in Wuhan Telekommunikation studiert hat und als Computerprogrammierer in Nanjing arbeitet. Er will mit einem Freund eine Fahrradtour in der Gegend um Huangshan machen. Sein Englisch ist sehr ordentlich. Eine Unterkunft hat er auch noch nicht. Und er macht mir auch wenig Hoffnung, dass ich in derselben Nacht noch eine finde. Ich frage mich, worauf ich mich da wieder eingelassen habe. Ich bin schon mal nachts um eins irgendwo in der chinesischen Provinz gestrandet und musste mir die Nacht frierend in einem Bus um die Ohren schlagen. Allerdings war das im Februar. Dafür ist es hier in Huangshan-Stadt schon halb zwei.
Die ersten Versuche sind in der Tat ernüchternd. Überall, wo ich zu so später Stunde eintrudele, ernte ich nur Kopfschütteln. Ich bin schließlich nicht die einzige Person im Reich der Mitte, den die Ferientage zu einem Ausflug in die legendären Berge verleitet haben. Aber, he, es ist ja schon der 1. Oktober! Das darf hier gar nicht mehr stehen!
Rohrkrepierer
Meine Naivität kennt mal wieder keine Grenzen, als ich mich eine Stunde vor dem Start eines Busses nach Huangshan, den legendären Gelben Bergen im Süden der Provinz Anhui, von meinem Domizil auf den Weg mache. Eine Viertelstunde geht noch drauf, weil ich einen wichtigen Brief mit meinem Arbeitsvertrag nach Peking schicken muss. Fünfzehn Minuten braucht die Schaltertante mit studentischer Hilfe, um meine englischen Buchstaben zu entschlüsseln und tauglich für den Sino-Versand zu machen. Schaffe ich es wohl noch zeitig bis zum Busbahnhof? Bei dem Massenauflauf am Bahnhof (gleichzeitig U-Bahn-Station) dämmert mir schon: Das wird knapp. Zusehends verbreitern sich die Ströme in Richtung Busbahnhof. Halb China ist unterwegs. Auf dem Platz vor dem Busbahnhof: ein einziges Gewimmel von Menschen. Ich muss in eine lange Schlange. Wenige Minuten vor Abfahrt des Busses, den ich eigentlich nehmen wollte, habe ich eine Fahrkarte ergattert: für morgen Abend 19.30 Uhr. Früher gab es nichts mehr! Mein Plan, mal eben schnell mit Sack und Pack auf Tour zu gehen: ein echter Rohrkrepierer. Eigentlich hätte ich es wissen müssen...
Also ein Urlaubstag in Nanjing. Ich wandere die Außenseite der gewaltigen, sechs bis sieben Meter hohen Stadtmauer, mit über 30 km eine der längsten erhaltenen Chinas oder sogar der Welt, entlang: Vor mir liegt der herrliche Xuanwu-See, eine Art chinesische Außenalster mit vier Inseln, die man über Dämme und Brücken erreichen kann. Herrlich, wie die das immer machen! Den Park verlasse ich an der Stelle, wo wir die Stadtmauer schon am 13. September besichtigt haben. Mein Orientierungssinn erwacht eigentlich erst jetzt, wo ich die Stadt auf eigene Faust erkunde. Zum Glück ist es nicht mehr so heiß und ich bin mit meinem ersten Ferientag eigentlich noch ganz zufrieden. Immerhin ist der Brief weg!
Der Sonntag, der ein...
... Montag war. Das ist die Überschrift für diesen Tag, an dem ich, wie angekündigt, meine Kurse vom Montag unterrichten durfte. Wenigstens bekomme ich am Nachmittag endlich meine Mensa-Karte und kann nun also ab sofort in den Genuss der von den Studenten hoch gelobten Mahlzeiten dort kommen.
Unter Tage
Sabina, seitenverkehrt, ist das Erste, was ich nach dem Aufstehen zu sehen bekomme. Sie lugt vorsichtig seitlich durch die gläserne Wohnzimmertür, ob sich schon was regt. Danach sehe ich nicht mehr viel von ihr. Sie muss zum Unterricht. Ich schlafe noch eine Runde weiter und mache mich gegen 11 Uhr auf den Weg zum Bahnhof, wo ich Punkt 12 Hongzhen und Fenghua treffen soll. Zwar erreiche ich mit der Untergrundbahn fast rechtzeitig das Ziel, aber dann verliere ich die Orientierung, glaube, dass ich am falschen Ende des Bahnhofs herausgekommen bin, weil ich nichts wiedererkenne. Ich kehre um, lande auf der total öden Nordseite, wo eine Baustelle ist, gehe wieder unter Tage, tauche wieder auf, wieder Ödland, lande auf der unterirdischen Optikermeile: Menschen, Brillen und Linsen, soweit das Auge reicht. 25 Minuten später bin ich dann durchgeschwitzt wieder am Ausgangspunkt, aber von Hongzhen und Fenghua natürlich weit und breit keine Spur. Ich setze mich auf die Metallreling vor dem Fahrkartenverkauf und denke an die zig Male, wo ein verabredetes Treffen mit mir bereits gescheitert ist. Da stehen sie auf einmal vor mir. Fenghua habe mich als Erste entdeckt, bekundet eine sehr erleichterte Hongzhen fröhlich. Fenghua hat eine gewaltige neue Brille auf, als sei sie selbst gerade unter Tage bei den Optikern gewesen. Ein Glück!

Zum Dank für den unerwarteten (?) Stress lädt Fenghua (im Bild links) alle zum Essen ein. Vorher kaufe ich noch das Billett; dabei muss ich mich in die Reihe neben mir schieben, weil kurz vorm Ziel der Schalter mit meiner Schlange Mittagspause macht. Ein wenig begeisterter Herr, der gerade noch vor mir war, greift mir energisch an die Schulter, aber ich bin ja der Mann mit der Stahlschulter, das kann er nicht wissen. Beim Abschied überreicht mir Fenghua noch ein Tütchen mit Schokoladenartikeln vom Feinsten. Lehrer ist man eben immer. Das ist wie mit Eltern, die bleiben es auch bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie (offiziell) nicht mehr im Dienst sind, sind sie die Besten!
Odyssee mit Nina
Nina (23) ist für ungefähr drei Monate in Schanghai und macht ein Unterrichtspraktikum, und Nina sollte Recht behalten. Nach dem unerwartet in die Länge gezogenen und also gar nicht so kurzen Kurzfilmfest des Goethe-Instituts (schuld daran war das recht appetitliche Büffet nach der Filmvorführung und mein Wiedersehen mit dem Dokumentarfilmer und Medienkunst-Professor Lothar Spree, dessen Gastprofessur in Schanghai nach fünf Jahren dieses Jahr zu Ende geht und den ich 2004 in Hangzhou kennen gelernt hatte) hatten wir uns gerade an der U-Bahn von Hongzhen verabschiedet, da meinte Nina: "Hoffentlich kriegen wir noch'ne U-Bahn!" Großkalibrig antworte ich: "Also, da mach' ich mir ja nun überhaupt keine Sorgen." Prompt werden wir beim Umsteigen Richtung Tongji des Feldes verwiesen. Halb elf und in der größten Stadt Chinas fährt keine U-Bahn mehr zur Uni! Es gebe aber einen Bus Nr. 123, wird uns gesagt. Also auf! An der ersten Station in der uns gewiesenen Richtung steht eine Menschenschlange, aber der Bus, in dem sie sich kurz darauf auflöst, fährt nicht zur Uni. Weiter hasten wir durch die Nacht. "Lost in transition", witzele ich. Notfalls könnte man ja auch ein Taxi nehmen, aber das ist unsportlich. Wir bekommen die Richtung wieder gewiesen, wieder viele Leute, wieder keine 123. Wir hasten weiter. Als die nächste Station in Sicht kommt, liest Nina: "123!" Da ich kein Kleingeld habe, schenkt mir Nina ihre letzten Maos (chines. Cent), das Geld lasse ich in den Kasten beim Fahrer klimpern, der wohl gerade irgendwo draußen eine raucht. So merkt er nicht, dass mir vier Maos zum Fahrpreis fehlten... Um Mitternacht stranden wir in einer auf Westlich getrimmten Bar, wo Ninas Freundin Jenny zwei feschen Typen gegenüber sitzt. Außerdem dabei: eine Deutschfranzösin, die in der Nähe von Annecy geboren ist und im Wohnblock neben dem von Sabina wohnt. Sie übernimmt es, da sie sowieso heim möchte, Nina abzulösen und mich zur Unterkunft auf dem Wohnheimgelände der Uni zu lotsen. Unterwegs kaufe ich geistesgegenwärtig noch schnell Zahnpasta, damit ich nicht schon wieder Sabinas teure Sensodyne benutzen muss. So viel Zeit muss sein! Endlich am Ziel finden wir beide verrammelte Eingangstüren vor und müssen über das nebenan gelegene Gästehaus erst noch den Schlüsseldienst herbeirufen lassen. Reichlich erledigt versinke ich in Sabinas Wohnzimmercouch, meinem Nachtlager.
Und so hatte der Tag zehn nach acht begonnen: Sabina scheint auch nicht so der Frühaufsteher zu sein und hätte fast verschlafen. Fünfzehn Minuten bleiben für Frühstück und Morgentoilette. Eigentlich wollten alle mit der U-Bahn fahren, aber bis auf Nina und eine andere Kollegin, die uns später mit Karte sicher ans Ziel führen wird, sind die anderen schon mit dem Taxi zum Deutschlehrertag gefahren. Die Fortbildungsveranstaltung des Generalkonsulats in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut findet in dessen Sprachtrainingscenter statt. Einige Verlage stellen ihre Lehrwerke aus und das Ganze beginnt mit einem Vortrag über verschiedene Intelligenztypen und Lernsysteme. Das mit den unterschiedlichen acht oder neun Intelligenzen (intrapersonale, interpersonale [über sich selbst und andere reflektieren können], mathematisch-analytische, räumliche, sprachliche, naturalistische und ein paar andere, die ich vergessen habe) finde ich sehr aufschlussreich; schließlich kriege ich bei klassischen Intelligenztests immer eher unbefriedigende Leistungen bescheinigt, weil ich für die Lösungen immer zu lange brauche. Umso ärgerlicher, dass mir wenig später die Tasche mit dem Skript zum Eingangsreferat und einigen wichtigen Notizen gestohlen wird, als ich auf Klo bin. Die Seminare zum Lernen empfinde ich ob einiger gruppendynamischer Übungen z.T. als etwas kindisch. Die chinesischen Teilnehmer(innen) sind umso begeisterter. Aber, apropos Chinesen, wo ist eigentlich Hongzhen (im Bild ganz unten im Hintergrund zu sehen)? Ich hatte doch meine Ex-Studentin zwecks Wiederbegegnung mit mir und anderen Deutschen herbestellt. Ich bitte Sabina um ihr Mobiltelefon und klingele in der Pause mal durch: "Wieso bist du noch nicht hier?" Wenig später ist sie da, findet mich aber nicht, weil ich schon wieder in so'ner Werkstatt komische gruppendynamische Übungen mache. Als sie mich in der Pause dann doch zufällig entdeckt, stecke ich sie selbst in so eine Gruppe, wissend, dass ihr so was gefallen wird. Und ich behalte Recht.
Am frühen Abend stoßen Hongzhen und ich dann wieder zu den üblichen Verdächtigen. Wie finden wir die? Auf Hongzhens Telefon ist durch meinen Anruf bei ihr Sabinas Telefonnr. gespeichert. Die kleinen Dinger sind doch praktisch! Sabina hat sich mit einigen DAAD-Kolleginnen und dem Kollegen Rainer ins Restaurant gegenüber begeben. Zum Filmabend gehen aber schließlich nur Nina und Hongzhen und ich, weil die anderen zu müde sind. Sabina muss außerdem am morgigen Sonnabend unterrichten (ebenfalls wegen der Feiertagswoche), und das schon um acht! Weil Hongzhen sich in der Richtung irrt, als wir aus der U-Bahn kommen, sind wir eine halbe Stunde zu spät. Wir kriegen im Vorführraum, der alles andere ist als ein Kinosaal, nur noch Plätze auf dem Boden (meine armen Kniee), haben aber nur zwei Filme verpasst. Fazit: Nicht ein einziges Mal habe ich es an diesem Tag irgendwohin pünktlich geschafft.
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