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Dienstag, 02. Februar 2010

Vor der Affeninsel
Von DM, 23:59

Da man ja nicht immer nur auf der Robbenbank herumlungern kann, fahre ich heute in den malerischen Fischerort Xincun. Der Bus nimmt mich aber nur mit bis Lingshui, die vorgelagerte Gewerbestadt. Weiter geht es für 3 Yuan im Minibus. Das Ambiente ist hier völlig anders als in der Touristenmetropole Sanya. Mit den vielen Kokospalmen und Bananenpflanzungen auf den Feldern, den staubigen Straßen, dem Müll überall an ihren Rändern und den extrem pragmatisch eingerichteten Ladenzeilen in iher epigonenhaften Architektur (die selbst nicht weiß, wen sie imitieren soll) entlang der Hauptstraße erinnert mich doch manches an Afrika. Die Attraktion von Xincun, in der ansonsten die Ethnie der Danjia das Alltagsbild bestimmt, ist die dem Hafen vorgelagerte hügelige Affeninsel. Ich stehe auf der Kaimauer und sehe Tonnen von Touristen über mir per Seilbahn den Affen entgegenschweben. Einige machen sich dabei sogar ohne Skrupel selbst zum Affen: Eine Reisegruppe hat es fertiggebracht, sich komplett in potthässliche Hawaii-Zweiteiler stecken zu lassen, Groß und Klein rennen nun also in diesen schreienden Farben hier herum. Zum Davonlaufen! Ich laufe also davon, für die Affeninsel habe ich heute sowieso keine Zeit, und flaniere den Pier entlang. In einer langen Linie liegen nicht nur Schiffe am Hafen, sondern die Meerenge zwischen Insel und Ufer ist außerdem durchzogen von einer langen Reihe von Hausbooten. Auf Holzpaletten ist dort auf dem offenen Wasser ein richtiges kleines Dorf entstanden. Sogar ein Hund bellt da hinten irgendwo. Ob der wohl immer genug Auslauf hat draußen auf dem Wasser? Ich wandere weiter am Hafenbecken entlang, überall kleine Stände und auf dem Boden jede Menge Unrat. Es riecht ziemlich fischig, während ich vorbeikomme an Frauen, die Fischernetze herstellen oder flicken, Fischern, die ihre Fische an die Händlerinnen weitergeben, die mit Eisbehältern auf der Gangway warten, Männern, die auf ihren Booten Maschinenteile reparieren oder ihr Schiff umbauen. Eine Mutter füttert an Bord ihr kleines Kind. Ein Fischer hat sich bei offener Tür in der Ein-Mann-Kabine seines kleinen Kutters hingehauen und macht ein Nickerchen. Ganz hinten am Ende der Kaimauer sitzen im gleißenden Licht ein paar Angler. Auf dem Rückweg staunt mich eine Schar Kinder an, als wäre ich eine Marienerscheinung. Nur einer wagt mal ein zaghaftes "Hello..."
Die Sonne hat mich zermürbt und hier länger als bis fünf Uhr zu verweilen empfiehlt ohnedies sich nicht, da man sonst vielleicht keinen Bus mehr bekommt. Also: Aufbruch.

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Montag, 01. Februar 2010

Zirkusakrobaten und Milchskandal
Von DM, 23:59

An den belebten Straßenkreuzungen werden Knirpse als Zirkusakrobaten zur Aufbesserung des Einkommens ihrer Familien (vermutlich Angehörige der Li- oder Miao-Minderheit) eingesetzt. Von meinem Fensterplatz im ersten Stock von Kentucky Fried Chicken, eines beliebten chinesischen Restaurants, kann ich die Szene verfolgen: Zum Klong-klong der Schellen in den Händen ihrer Begleiter, vielleicht ihre großen Brüder, machen die etwa 1,10 Meter kleinen und extrem beweglichen Kinder Flick-Flacks, als würden sie auf Händen spazieren gehen, oder stecken sich das Drehmoment eines Mini-Karussells in den Mund, wenden ihren schmalen Leib kopfüber nach hinten und drehen sich dann mit den Händen in Schwung. Ihre größeren Kompagnons, selbst noch Kinder, sammeln das Geld ein. Das alles erinnert stark an die menschlichen Kanonenkugeln aus der Muppets-Show, nur ist das für die Knirpse, die den ganzen Tag in der Sonne durchhalten müssen, vermutlich nur halb so witzig.
Kurz zuvor habe ich schon wieder Terror in der Ladenmeile gemacht. Da kaufe ich mir einen leckeren Erdbeertrunk, ganz im Stil der Schulmilch, mit der ich groß geworden bin, und beim ersten Schluck bleibt mir gleich alles im Halse stecken: verdorbene Milch! Schmeckt wie Knüppel auf'n Kopp! Ich gleich zurück und als die Tante, bei der ich mich beschwere, mir einen Safe für meine Tasche mit den anderen Milchgetränken anbietet, weil sie mein Chinesisch nicht versteht, werde ich noch empörter. Am Ende taucht eine Tante mit Ersatz-Erdbeermilch auf und macht mich wieder glücklich.

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Sonntag, 31. Januar 2010

Die Herberge zum blauen Himmel
Von DM, 23:59

Warum wir China so lieben, ewige Bestenliste Platz eins: Nur hier bringen es nette junge Rezeptionistinnen fertig, mich mit der Frage zu begrüßen, ob ich ein Superstar sei, was ich natürlich sofort bejahe. So heute geschehen am Empfang der Blauer-Himmel-Herberge, in die ich am Nachmittag umgezogen bin (bereits meine dritte Unterkunft in Sanya). Nicht nur zwei Hotels, auch zwei hilfsbereite Mitbewohner habe ich verschlissen, letzteres bei dem Versuch, mit dem herbergseigenen W-Lan ins Netz zu kommen. Erst als Peter, der Boss, den Tresendienst übernimmt und er persönlich Hand anlegt, kann ich mit dem alten Bibliotheks-Hewlett-Packard meinen Eintrag hier im sin-o-meter aktualisieren. Ich sitze in der überdachten Open-air-Herbergsbar und bin umgeben von Mücken, die nicht in Bestform sind, und heiteren Herbergsgästen, die schon eher in Bestform sind. Die zockenden Amerikaner verbrüdern sich gerade mit den drei russischen Mädels vom Nachbartisch. Nach vielen Zocker- und Alkohol-Runden verlegen sie sich auf „Tat oder Wahrheit“, ein Spiel, bei dem man intime Details ausplaudern oder etwas Peinliches tun muss. Es wird also so oder so peinlich. Am Ende bekommt die blonde Russin zum Lohn von ihrem US-Sitznachbarn den ersten Kuss. Da hat sich die Völkerverständigung ja wenigstens gelohnt! Auch anderswo geht es fröhlich zu: Die drei Gäste aus der IFS-Schüleraustauschgruppe, ein Franzose, eine Französin und deren Freund, ein Amerikaner, die alle drei ein Jahr an Schulen und in Gastfamilien in Guangzhou bzw. Nanjing verbringen und eigentlich mit mir in dem 6-Bett-Zimmer untergebracht sind, tauchen erst auf, als die Sonne längst wieder am Himmel lacht. Offenbar haben sie die Nacht am Strand durchgemacht.

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Samstag, 30. Januar 2010

Was Dubai recht ist...
Von DM, 23:59

Sanya hat entschieden etwas mit Dubai gemeinsam. Dort wurde ja, direkt vor der Küste, diese künstliche Insel in Palmenform und mit lauter Mega-Hotels errichtet. Die Form einer Palme haben die Chinesen zwar nicht zu bieten, dafür ist ihre vier Quadratkilometer große Kunstinsel von echten, goldummäntelten Palmen umgeben. Das ganze Unternehmen nennt sich Phoenix Island, denn wie Phönix aus der Asche erheben sich hier aus dem blanken Meer monströse Bauten, die offensichtlich hoch hinaus wollen. Vier von sechs geplanten Apartment-Türmen stehen schon als Rohbau, Bauwerk Nummer fünf wird die Attraktion: Das Sieben-Sterne-Hotel wird die Form einer geschlossenen Muschel haben, aber in der Mitte, also zwischen den beiden Muschelhälften, weht der Wind durch. Der Wanderarbeiter aus der Provinz Sichuan, der seit vier Jahren an und auf der Insel arbeitet, schwärmt mir vor: Sanya habe immer gute Luft und schönes Wetter und die Aussicht hier auf der Insel sei doch großartig. Da stimme ich zu. Ich sitze, nachdem ich die palmenumsäumte Baustelle umrundet habe, im Schatten des Phönix-Monuments, das zugleich Gedenkstätte für den Empfang der olympischen Fackelläufer 2008 in Sanya ist, da gesellt sich der Arbeiter, ein sonnengegerbter Gärtner, zu mir. Vorher habe ich mir im bereits fertig gestellten Konferenzzentrum, indem ich mich dem Empfang für eine Gruppe chinesischer Touristen einfach angeschlossen (aber brav auf Getränke und Kuchen verzichtet) habe, eine 3-D-Simulation der fertigen Insel angesehen: ein Hubschauberlandeplatz, ein eigener Schiffsanleger, Swimming-pools, Bungalows für Reiche, Einkaufshütten, die aussehen wie Bungalows für Reiche...

Mögen der Gärtner und ich auch in zwei völlig verschiedenen Welten leben, eines haben wir auf jeden Fall gemeinsam: Weder er noch ich wird jemals eine Nacht in einem der Luxusräume verbringen, die hier vor unseren Augen entstehen.

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Freitag, 29. Januar 2010

Willkommen bei den Ch'tis!
Von DM, 23:59

Auf dem Luhuitou- oder (auf Deutsch) Hirsch-dreht-Kopf-Hügel gibt es den Luhuitou- (Hirsch-dreht-Kopf-)Park, und der kostet unverschämte 45 Yuan Eintritt. Auf dem Weg zum Gipfel verwickelt mich ein etwas verwahrlost aussehender Russe in ein Gespräch in praller Sonne und fragt mich, ob er nicht einen Job für mich wüsste. Er habe leider gar kein Diplom oder sonst einen Abschluss, sagt er; da kann ich natürlich auch nicht viel helfen.
Die Verkäuferin am Eingang zum Park kann wie alle Einheimischen hier auf der Insel kein „sch“ sprechen, weshalb ich völlig verwirrt bin: „Zehn", also „shi“ hört sich bei ihr an wie „si“ („vier“), also höre ich „Vier-vier-fünf“ anstatt „vierundvierzig“. Willkommen bei den Ch’tis! Ich lege einfach einen Fünfziger hin. Wird schon stimmen. Stimmt aber nicht. Der Park ist reine Abzocke. Man hat zwar einen schönen Blick auf die Stadt, aber den hat man auf Erhebungen in Stadtnähe bekanntlich immer. Und das Monument ist auch jetzt nicht der Brüller. Ein Hirsch und zwei menschliche Gestalten illustrieren die Sage eines jungen Kriegers, der auf einen Hirsch angelegt hatte, der sich jedoch in diesem Moment, es war wohl eher eine Hirschkuh, in ein wunderschönes Mädchen verwandelte. Und wenn sie nicht gestorben sind... Außerdem gibt es noch einen buddhistischen Wunschbaum mit roten Schleifen und goldenen Schlössern und, dazu passend, einen Teich mit Goldfischen. Ich hätte lieber wie der Hirsch einen Blick zurück tun sollen und denselben Weg gehen, auf dem ich kam. Stattdessen verprasse ich völlig sinnlos und völlig gegen meine Gewohnheit 40 Yuan für eine Möchtgernachterbahn ins Tal, die aber auf halber Höhe endet, mich unschlüssig aussteigen und ins Verderben laufen lässt. Ich finde nämlich den Weg zurück nicht, drehe dann auch noch verzagt um und umrunde schließlich die gesamt Hügelkette. Ich lande in einer staubigen Endlosbaustelle, denn wir überall in China muss auch hier alles Alte und Traditionelle hässlichen Hochhauskomplexen weichen. Die Hitze und der Baulärm und der Krach vorbeipesender Mopeds treiben mich fast zum Wahnsinn. Ich komme dennoch in geistiger Gesundheit, wenn auch ziemlich erschöpft in meinem Hotelzimmer an, kann mir aber nur noch für sieben Yuan was zu essen kaufen, weil ich vergeblich hoffe, bei einer Barabhebung die immens hohen Gebühren sparen zu können. Die Banktanten weisen mich stur ab, obwohl ich mich extra begriffsstutzig gestellt habe. Ich kaufe mir eine Nudelsuppe für vier Yuan und Bananen für zwei. Morgen wird sich herausstellen, dass ich die 1 Prozent Gebühr auch bei Barabhebungen am Schalter entrichten muss und ich werde Banken als Verbrecher beschimpfen (auf Englisch) und es wird mir gar nichts nützen. Sicherlich wirke ich mit meiner Stuwwelpeter-Frisur auch eher kurios als furios. Tja, nur nicht den Kopf verlieren, das war schon das Motto des sagenumwobenen Hirsches.

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Donnerstag, 28. Januar 2010

Chinas Mallorca
Von DM, 23:59


In weichen Wellen ziehen sich die hellgrünen Hügel landeinwärts, die im Osten und Westen die Bucht säumen, in der ich gerade schwimme. An einigen Stellen ragen aber auch schon weiße Villen und hässliche Hotelmonster aus dem satten Grün in die Höhe und verschandeln das Bild. Für „60 money“ kann man sich auf den Liegen unter Palmenschirmen eine Massage verabreichen lassen. Eine chinesische Familie macht sich einen Spaß daraus, den kleinen braunen Schoßhund immer wieder ins Wasser zu werfen. Ob der das wohl auch so lustig findet? Im Hintergrund fährt jemand Wasserschirm. Das geht so: Ein Schiff zieht eine Leine hinter sich her, an der ein Fallschirm hängt und an dem hängt: ein Wagemutiger. Eine Szene, die man sich auch am Strand von Alcudia vorstellen könnte und in der Tat ist Hainan, die Tropeninsel im äußersten Süden Chinas, an deren südlichstem Zipfel mit der Stadt Sanya ich mich befinde, so etwas wie das chinesische Mallorca oder eher noch Gran Canaria, wo man ja ebenfalls im Januar baden gehen kann. Nur ist die chinesische Tropeninsel viel größer, fast so groß wie Taiwan, Durchmesser knapp 300, Umfang knapp 600 Kilometer. Und wo auf Mallorca alles fest in deutscher Hand ist, bestimmen hier Russen das Bild. Fast alles, was für Touristen von Belang ist, ist auch auf Russisch beschriftet und als deutscher Urlauber wird man gelegentlich auf Russisch angesprochen.
Doch zurück zum Strandleben: Der Himmel ist blau, das Wasser auch und so muss Urlaub eigentlich sein. Alles wäre noch schöner, wenn ich nicht elf Mark Gebühr dafür zahlen müsste, dass ich hier Geld von meinem eigenen Konto abhebe (die nächste Stufe ist Raubmord), und wenn ich nicht im ersten Hotel, das viel zu teuer war, meinen Kamm liegen gelassen hätte. Jetzt kämme ich mich mit der Gratis-Zahnbürste, die hier zum Service gehört, und sehe aus wie Struwwelpeter. Da hilft nur eins: Ich muss zum Frisör!

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Dienstag, 19. Januar 2010

Potemkinsche Dörfer in der Grünen Küche
Von DM, 23:59

Gestern saßen wir noch im Salon des Fachbereichs, die Studenten des IKG-Studiengangs (Doppelmasterstudiengang Interkulturelle Germanistik in Kooperation der Universitäten Göttingen und Nanjing, paritätisch besetzt mit deutschen und chinesischen Studenten) und ihre Profs, um einer Reihe studentischer Magisterarbeitsthemenvorstellungen beizuwohnen, und die Lehrer schwitzten dabei in Anbetracht einer Außentemperatur von 18 Grad Celsius nicht minder als die Prüflinge. Das war die Arbeit; heute nun das Vergnügen: Damit die Studenten ihre Professoren mal näher kennen lernen können, gehen wir gemeinsam essen. Vize-Dekanin Kong hat sich dazu was ganz Besonderes ausgedacht: Ein Restaurant namens Grüne Küche. Dafür müssen wir (die Studenten holen mich am Südtor ab) zwar mit Bus Nr. 65 eine halbe Stunde fahren, aber der Laden, erste Adresse für tibetische Mönche, die diversen Reinheitsvorschriften Genüge zu tun haben, hat es in sich: Tausend Köstlichkeiten auf dem Büfett und alles ohne Eier, Fleisch und Milch. Potemkinsche Dörfer: Die Leckereien sehen z.T. aus wie Krabben oder Fleischspieße – ist aber alles vegetarisch bzw. vegetalisch! Sogar der Kuchen. Sogar die Seife auf dem Klo soll rein pflanzlich sein. Da geht man doch mal extra aufs Klo! Die deutsche Studentin neben mir, die gestern noch über die hochspekulative Raum-Theorie referiert hat, sitzt nun in diesem ganz konkreten Raum und folgt immer denselben Vektoren: hin zum Büfett, zurück zum Tisch. Bei mir ist es ähnlich: Vor der Speiseeistheke (hier wurde aber doch Milch verwendet) erscheine ich so lange, bis die Bedienung auf einmal spurlos verschwunden ist. Danach bin auch ich verschwunden, aber nicht spurlos. Heute ist nämlich letzter Öffnungstermin in der Bibliothek und alle wollen sich mit Ferienlektüren versehen lassen. Außerdem stehen, als ich ankomme, bereits zwei Studenten vor der Tür. Sie müssen sich ihre nicht akzeptable Abschlussarbeit abholen und eine zweite Fassung schreiben.

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Freitag, 15. Januar 2010

Jahresrückblick
Von DM, 23:59

Prüfungszeit. Seit Tagen sitze ich an den Korrekturen von 23 Studentenaufsätzen. Und das ist erst der Anfang... Für sin-o-meter-Leser weit weniger spannend als für meine Studenten. Denn wie immer kommt nicht jeder durch... Statt ihn aber mit Studentensorgen zu langweilen, biete ich dem geneigten sin-o-meter-Leser lieber einen kleinen Jahresrückblick.


Alltag in meiner Bibliothek (Jan. bis Dez.)


Erster Auftritt bei Michaels legendären Partys im Februar und ...


... Gruppenfoto auf Michaels 70. Geburtstag im September.


Im April tagsüber bei den Ming-Gräbern ...


... und am Konfuzius-Tempel bei Nacht.


Regenreise im Juli nach Yunnan ...


... und Sonnenreise im November zur Familie von Yang Liu.


Freunde zu Gast in der Welt (Nov.) ...


  ... und die Welt zu Gast bei Freunden (Aug.)!

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Freitag, 01. Januar 2010

Mit Sonnenschein ins neue Jahr
Von DM, 23:59

Heute hole ich mit Danyu die letzten Sonntag ausgefallene Wanderung auf den Zijin-Berg nach. In der Sonne sitzen wir auf einem Felsen mit Talblick und es ist frühlingshaft warm. Wir vergessen völlig, dass es hier um fünf dunkel wird und müssen schließlich im Dämmerlicht zurück. In der Dunkelheit, die uns im Tal erwartet, finden wir auch keinen Bus mehr. Eigentlich soll ja bis um halb zehn noch ein Bus fahren, aber das gilt vermutlich nicht für Feiertage... Jenseits der Bushaltestelle stehen drei Versprengte, die auch noch guter Hoffnung sind, d.h., sie hoffen auf ein Taxi. Aber alle Taxis, die aus der Hotelzufahrt hinter uns kommen oder dorthin fahren, ignorieren uns stur. Zappenduster.
An der Rezeption des Nobel-Hotels, zu dem die gut ausgebaute Straße hinter der Haltestelle führt, versucht die frierende Künstlerin, nachdem sie eine gefühlte halbe Stunde auf dem Klo war, ein Taxi zu bestellen. Fehlanzeige. Oder gleich ganz in dem Hotel absteigen? Ich sage: Schmarr'n! und nötige sie den Rückweg zu Fuß anzutreten. Unterwegs, schon in Stadtnähe, liest uns dann ein Taxi auf und bringt uns in ein Grillrestaurant, wo wir unseren inzwischen doch erheblichen Appetit stillen können. Zu Hause bin ich erst weit nach Mitternacht!

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Donnerstag, 31. Dezember 2009

Nur eine Sekunde
Von DM, 23:59


Ich habe meinen letzten Unterricht des Kalenderjahres 2009 hinter mich gebracht (zum Abschluss gab es noch mal einen kleinen Test) und habe für den Abend zwei Freikarten für ein Konzert. Cathy-Jiakun geht mit. Sie wird das schon finden, denke ich. Wir treffen uns an der U-Bahn-Haltestelle Xinjiekou. In Wahrheit, weiß Jiakun zu berichten, ist der Konzertsaal aber noch etwa einen Kilometer zu Fuß entfernt, der gleiche Ort wie damals im Sommer. Wir müssen uns sputen. In zehn Minuten geht es schon los! Da freuen sich Jiakuns über den Asphalt knallenden Festtags-Hochhacken!
Es gibt die üblichen Stücke, klassische Gassenhauer, die die Chinesen so schätzen, Strauß, Donau, Radetzkymarsch und ein längeres modernes Stück mit Klavier, Geige und Gesang. Das gefällt uns am besten. In der Pause treffen wir meinen US-Kollegen Paul. Er hat auch eine Freikarte bekommen. Das Konzert gipfelt in einem Silvester-Konfettiregen in Gold! Danach brechen wir zusammen zu Michaels großer Silvesterparty am Konfuzius-Tempel auf. Es gibt kein Taxi. Wir nehmen Bus Nr. 1. Ich kenne den besser als sie. Sie kennt das Restaurant besser als ich. Ohne sie wäre ich irgendwo in der Nacht gestrandet, denn Michaels Mobiltelefon ist heute außer Dienst, wie ich feststellen muss, als ich ihn wegen unserer Verspätung anrufe. Als wir endlich eintreffen, fliegt Jiakun auf, weil sie sich gar nicht angemeldet hat. Noch schlimmer: Sie hat zwei ihrer Freundinnen eingeladen, die natürlich auch nicht angemeldet waren! Da hält sich Michaels Begeisterung spürbar in Grenzen, denn er hatte doch extra um persönliche Anmeldung gebeten, damit die Küche planen konnte. Jiakun wird den Rest des Jahres wegen dieser Peinlichkeit im Jammertal verbringen. Ich verordne ihr eine Grußkarte an Michael zum 1. Januar. Als Dankeschön für meine hilfreichen Tipps erhalte ich ein Neujahrsgeschenk: eine Tafel Lindt-Schokolade aus dem Wessi-Laden und einen Film aus Taiwan. Ich werde unisono aufgefordert ein Lied vorzusingen und wähle „Alle Jahre wieder“; da kann ich immerhin zwei Strophen auswendig und es ist auch nicht so hoch wie „O du fröhliche“ oder „Stille Nacht“. Beim Neujahrs-Countdown gibt es Chaos, weil die Uhr im Restaurant vor geht. Schließlich übernimmt Tom die Verantwortung für die richtige Zeit, aber seine Uhr hinkt hinterher.
(Foto: Jiakun, Michael und ich)
Die Tanten vom vorderen Tischende fangen noch an zu tanzen und zum Abschied wollen einige von ihnen noch meine E-Mail-Adresse, obwohl ich sie eigentlich nicht unbedingt wiedersehen muss. Immerhin: Eine der Tanten ist vom Fernsehen. Die kann mich mal auf ein Interview einladen. Ich tröste mich mit dem statistischen Faktum, dass 99,9 Prozent aller Leute, die meine E-Mail-Adresse erhalten, nie im Leben schreiben. Unter diese Quote wird vermutlich auch, und das ist dann schon eher bedauerlich, die Chinesin fallen, die seit einem Jahrzehnt in München lebt und entsprechend gut Deutsch kann. Jetzt besucht sie zu den Feiertagen ihre Familie.
Michael ist keine zwanzig mehr. Er muss nach Mitternacht ins Bett. Nach dem Fest, etwa um ein Uhr, schlendere ich mit Jiakun über die leer gefegte Einkaufsmeile am Konfuzius-Tempel. Es ist um die Zeit aber überhaupt nicht mehr bunt hier. Zu spät. Verödet förmlich. Feuerwerk gibt es übrigens auch weit und breit nicht zu sehen. Es gab ein behördliches Verbot. Man dachte wohl an die Katastrophe von Peking vor einem Jahr, als eine verirrte Rakete einen Bauriesen in Schutt und Asche legte. Jiakun sagt: "So, das war schon alles? Jetzt ist 2010?" Es ist eben doch nur eine Sekunde...

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Sonntag, 27. Dezember 2009

Jetzt gehn wir über'n See
Von DM, 23:59

Im Anschluss an den Gottesdienst in St. Paul's treffe ich außer meiner alten Bekannten Emilie überraschend viele Deutsche (darunter Evas Flugzeugbekanntschaft, einen Lehrer) und Danyu, die junge Autorin mit Neigung zu hysterischen Anfällen. Ich habe mich nämlich mit ihr zum Wandern verabredet. Wie immer kommt alles anders. Erst besteht Danyu darauf, mich, obwohl ich doch geschmierte Brötchen im Rucksack habe, in ein französisches Restaurant einzuladen, weil sie sich zum x-ten Mal für mein Empfehlungsschreiben an die Chicago Theological University (CTU) bedanken muss, und dann hat sich gestern Abend mein Ex-Kollege Helmut mitsamt Kolleginnen Ursula und Minjiong aus Yanji angekündigt. Wir wandern also nur einmal über die Inseln im Xuanwu-See und treffen dann um halb sechs die drei Rundreisenden zum Abendessen in dem Pizza-Restaurant bei mir um die Ecke. Zwischendurch im Bus hat mir die vielseitige Künstlerin unbedingt noch ihre Mappe mit Fotomodell-Bildern zeigen müssen. Hier eine Kostprobe. Sie ist es wirklich, aber ihr wisst, wie das mit solchen Fotos ist: Man kann kaum glauben, dass das die Person ist, die gerade im Bus neben einem sitzt.

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Samstag, 26. Dezember 2009

Eine einfache Nudelgeschichte
Von DM, 23:59


Cathy überrascht mich mit Kinokarten für „Eine einfache Nudelgeschichte“, die erste Komödie von Star-Regisseur Zhang Yimou, kommt dafür aber auch 25 Minuten zu spät zum Sprachtraining. Ich habe derweil fleißig Vokabeln gepaukt. Als ich mich gestern im Kino umgehört habe, erfuhr ich, dass momentan alle Filme ohne englische Untertitel laufen. Ich bin daher skeptisch, kann dann aber doch noch ganz gut folgen. Erstens ist der Film der chinesische Neuaufguss von „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“ und zweitens flüstert mir Cathy gelegentlich Übersetzungen schwieriger Abschnitte ins Ohr, wobei der Rand ihrer Brille auf etwas irritierende Weise meine Schläfe streift.

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Freitag, 25. Dezember 2009

Weihnachten mit Steven und Jeremy
Von DM, 23:59

Wie im letzten Jahr feiere ich in der internationalen Gemeinde Weihnachten mit einem Festbankett. Steven und Jeremy nebst Familien nehmen sich meiner an, weil ich (in der Nähe des Büfetts) so allein in der Gegend herumsitze. Beide sind Lehrer, und zwar an der Universtiy of Astronautics. Steven hat eigentlich Physik studiert. Jetzt unterrichtet er Englisch. Jeremy erzählt von verschiedenen außercurricularen Aktivitäten, die er mit Steven verantwortet. Wegen der Kinder müssen beide früh weg und ich finde mich am Rand der Bühne wieder. Dort sind die Schokokrümel von der Torte gefallen und ich fülle damit mehrfach meine Dessertschüssel auf. Danach beginnt der stimmungsvolle Gottesdienst, der wie üblich im Kerzenschein endet. Nach dem Gottesdient spreche ich noch kurz mit Elysée und Martin aus meinem Hauskreis sowie einer Chinesin, die verbotenerweise zu den NICF-Gottesdiensten kommt. (Eigentlich dürfen zu einer Gemeinde von Ausländern nur Taiwanesen, Hongkong- und Macao-Chinesen gehen.)

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Donnerstag, 24. Dezember 2009

Kärtchen und Chor
Von DM, 23:59

Tja, heute ist leider ein normaler Arbeitstag. Es ist trübe Luft, die Nacht scheint länger als am Montag, wo ich ja auch um 6.45 Uhr aus dem Haus musste. Ich spiele „Das Geschenk der Weisen" von O. Henry von CD vor. Ziel: Finden Sie den auktorialen Erzähler.
Zu einem „Fröhliche Weihnachten“ im Chor haben die lieben Studenten sich dann doch noch aufgerafft, als der Unterricht schon zu Ende ist. Youjin war mal wieder die Anstifterin. Die schickt mir auch immer SMS mit Glückwünschen zu Feiertagen. In der anderen Klasse bekomme ich zwei reizende Kärtchen von Liu Jian und Ma Yawen. Die beiden sind ein ganz entzückendes Pärchen: sitzen immer zusammen, gehen immer zusammen auf Klo und schreiben im Diktat immer dieselbe Note (mit verschiedenen Fehlern)! Und ihre Weihnachtsgrußkarten, die sie mir nach dem Unterricht immerhin nicht ganz zeitgleich überreichen, sind vom selben Hersteller. Ma Yawen bedankt sich in ihrer Karte für „die interessanten Unterricht“. Liu Jian wünscht: „Alles Gute!" Ich bin gerührt.
Essen muss ich heute ja nicht. Am Abend mache ich zwei Jahre Ferien. Ich habe es verdient nach dem langen Tag.

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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Maximo und Magendrücken
Von DM, 23:59

So richtige Vorweihnachtsstimmung kommt ja nicht auf, wenn man am 23. Dezember nachmittags mit freiem Oberkörper auf dem Balkon sitzt und liest. Zugegeben, ich bin gerade meine zwanzig Runden im Wutaishan-Stadion gelaufen, aber bei Winterwetter wäre ich sicher schon wieder abgekühlt. Der Kalorienverlust ist übrigens heute besonders sinnvoll, denn am Abend gibt es ein Weihnachtsbankett und diesmal werde ich nicht, wie im letzten Jahr, den Bus verpassen, der uns, eine Handvoll ausländischer Dozenten, in ein Nobel-Hotel kutschiert. Ich bin sogar zwanzig Minuten zu früh!
Constanza hat mich gleich ausgemacht hinten auf der Rückbank des Busses und setzt sich zu mir. Sie hat nicht nur an die von mir entliehenen DVDs gedacht, sondern mir auch noch ein kleines Weihnachtspräsent mitgebracht. Ich darf es aber erst morgen öffnen. Wir haben uns die letzten Monate freitags einige Male zum Essen getroffen, damit ich mein Spanisch etwas aufpolieren konnte. Constanza ist heute Abend glücklich und ich weiß auch, warum: Morgen trifft in Schanghai Maximo aus den USA ein. Der heißt nicht nur so, sondern ist es auch: der „maximo lider“ ihres Herzens nämlich, ihr seit seit vier Monaten schmerzlich vermisster Zukünftiger. Während wir dinieren, muss er schon unterwegs sein. Constanza wird ihren Vertrag nicht erfüllen und schon im März, nach einer Chinareise mit Maximo, in ihre argentinische Heimat zurückkehren, was meinem Spanisch sicher nicht zum Vorteil gereichen wird.
In einem vornehmen Festsaal haben sich auf Einladung der Provinzregierung von Jiangsu rund zweihundert Ausländer eingefunden und werden gleich zwanzig Meter Büfett-Tische abschreiten um sich mit Köstlichkeiten auszustatten. Constanza hat sich in den Kopf gesetzt, heute bei der Tombola etwas zu gewinnen, aber als das letzte Los gezogen wird und sie noch eine minimale Chance auf den Hauptpreis, einen weißen Plüschbären, siebzig Zentimeter lang, hat, schreit, als hätte ihn ein spitzer Gegenstand getroffen, plötzlich der 75-jährige Politik-Professor neben ihr auf, der in den sechziger Jahren einige Zeit in Argentinien verbracht und seiner bezaubernden Sitznachbarin an diesem Abend schon sein halbes Leben erzählt hat. „Ich habe noch nie etwas gewonnen!“, erläutert der sichtlich bewegte Gelehrte seinen emotionalen Ausbruch. Er lässt sich nun also vorne auf der Bühne den Plüschbären aufbinden. Uns anderen bleiben immerhin das gute Essen und einige folkloristische Tanz- und Gesangseinlagen. Der Ananasreis und die Schokowaffeln haben es mir besonders angetan. Constanza und ich setzen uns noch für ein Abschiedsfoto auf die von den Musikerinnen verlassenen Stühle auf der Bühne, als die Party aus ist, aber leider ist ihre Batterie mal wieder leer.
In der Nacht werde ich nur drei Stunden schlafen können. Magendrücken.

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Sonntag, 20. Dezember 2009

Der Mann im Baum
Von DM, 23:59

Der ältere Herr im Baum ist eigentlich die einzige nennenswerte Besonderheit am heutigen vierten Advent, aber dafür doch um so kurioser. Ich habe mich allein auf meinen Hausberg Zijin Shan begeben. Der Himmel ist heute strahlend blau. Auf dem Gipfel lungern wie immer allerhand Touristen herum und er, der Mann im Baum, hängt im Baum, mit den Kniegelenken in einen Ast eingehakt, Kopf nach unten. So hängt er da schon so lange, wie ich auf dem Gipfel raste, und liest Zeitung mit Hilfe von Steinen, die er auf die Seiten legt, damit der Wind sie nicht wegweht. Mir liegt es auf der Zunge zu fragen: „Warum hängen Sie im Baum?“, aber das kommt mir dann doch zu neugierig vor. Zumindest bestätigt sich der altbekannte Befund, dass die Jungen die Alten hier in China nicht mehr verstehen und umgekehrt.

Übrigens: Der Zijin-Berg ist genauso hoch wie der jüngst fertig gestellte Zifeng-Turm, den man von hier aus gut sehen kann: 448 Meter.

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Samstag, 19. Dezember 2009

Meifa
Von DM, 23:59


Cathy hat es auch nicht leicht. Ende November haute sie die Schweinegrippe um und sie musste ins Krankenhaus. Und letzte Woche hatte sie Windpocken. Ein Unglück kommt eben selten allein. Und nun sitze ich mit ihr beim Frisör und sie hofft sicherlich, dass ein drittes Unglück ausbleibt. Das Jahr ist nämlich rum und Cathy will kürzere Haare. Ich weiß auch nicht, ich wollte nur mal fragen, was sie denn heute Abend noch so vorhabe, und das habe ich so klingen lassen, als hätte ich nichts dagegen, dabei zu sein. Tja, und nun sitze ich beim Frisör, einem hippen Laden, in dem ein halbes Dutzend Kunden gleichzeitig verschönert werden kann (deswegen sagt man jetzt auch Schönschnitt, "meifa", statt Haarschnitt, "lifa"). Dabei ist ja mein Jahr noch gar nicht rum und ich bin folglich nur Zuschauer. Zur Entschädigung lädt sie mich anschließend in Giuseppe Parisis CIAO ITALIA in der Shigu Lu ein. Sie ist fast die einzige Chinesin in dem vornehmen Laden. Typisch vornehmer Laden ist auch dies: Die Lasagne-Portion ist so klein, dass zwei davon für mich gerade gereicht hätten. Da Chinesinnen indes notorisch um ihre Schlankheit besorgt sind, schafft Cathy nicht mal ihre paar Nudeln in Sahnesoße.

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Donnerstag, 17. Dezember 2009

Roter Wein und blauer Fleck oder: Weihnachtsfeier Teil 2
Von DM, 23:59

Gemeinsam mit Feiqian und Chen Dong alias Eva geht es mit dem Uni-Bus zurück in meine Wohnung. Im Bus bin ich so vertieft in das Gespräch mit Feiqian, dass ich erst beim Aussteigen merke, dass mein französischer Kollege Alain rechts neben mir sitzt. Der hätte ja auch mal was sagen können!
Wir sind um eins in meiner Wohnung. Aber erst mal gehen wir jetzt essen. Am Südtor treffen wir auf Xiaoqi, der auch zu dem Jahrgang gehört (einer von drei Jungs), aber nicht mit uns essen, sondern lieber seine Haare in Fasson bringen lassen will. Eva bestellt ein Reisgericht. Feiqian und ich entscheiden uns für etwas mit Pilzen. Schmeckt gut. Wir warten dann bei mir zu Hause auf Jinting, die Leiterin des Glühwein-Kommandos. Feiqian wartet draußen, damit Jinting uns finden kann. Bei mir in der Wohnung kümmern wir uns dann um die Zubereitung des Spezial-Glühweins, der heute Abend auf der Weihnachtsfeier der Deutsch-Abteilung serviert werden soll, das heißt, die Studentinnen kümmern sich darum. Ich korrigiere derweil ihre Geschichte-Tests. Denn bei Glühwein kann ich nun gar nicht helfen, schon gar nicht mit Rezepten. Wenn nichts zu tun ist, löchert mich Eva mal wieder mit indiskreten Fragen und will außerdem wissen, was sie im Test für eine Note bekommt. „Erst mal sehen, was die anderen geschrieben haben“, antworte ich. Eine völlig entnervte Yangliu ruft an, weil sie im Stau steckt und daher viel zu spät kommen wird. Dreimal sagt sie: „Ich habe eine Bitte an Sie. Aber, nnnng, wie kann ich das sagen?“ und macht mich ganz nervös damit. Ihr Problem: Da sie Xi Min versprochen hat, vorher mit mir den Ablauf durchzugehen, bittet sie mich, so zu tun, als wäre sie heute nie im Stau gewesen. „Solange ich nicht für Sie lügen muss“, sage ich.
Als ich in meiner neuen Jacke und meinem film-o-meter-Jackett (Outfit 1) im Saal eintreffe, muss ich zuerst Luftballons aufblasen, bei denen einem nach dreimaligem Pusten die Luft wegbleibt; dann saut Yijie alias Cecilia meine neue Jacke mit blauem Zeugs ein. Und das ging so.
Didus: „Was ist denn das?“
Cecilia: „Wollen Sie mal sehen?“ SPRÜH!
Und schon habe ich blaues Zeugs auf der Jacke haften. So schnell konnte ich gar nicht antworten. Cecilia scheint nun aber doch der Schreck in die Glieder gefahren zu sein, dass da so viel rausgekommen ist. Sie rubbelt verstört an meiner Jacke herum wie Loriot in einem seiner Pannensketche und verteilt das Blau auf dem gesamten Ärmel. „Keine Angst, das geht ganz leicht wieder ab. Beim Waschen.“ Die neue Jacke kostete umgerechnet 27 Mark. Und ich weiß genau: Im modernen China gibt mir das kein Recht empört zu sein.
Für die Weihnachtsfeier habe ich die ersten fünf Minuten des JESUS-Films von der Technik-Expertin der Studenten auf einen Computer kopieren lassen und lasse das anstelle einer langen Rede vom eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes laufen. „Was ging da damals ab?“, frage ich analog zum Motto der Feier.
Wesentlich besser kommt aber mein Lesestück „Leckere Weihnachtsplätzchen von Großmutter“ an (Kopie aus dem Vorjahr), eine Geschichte, bei deren Vortrag ständig um die Wette gerannt werden muss. Und ihren besonderen Spaß haben natürlich alle, als ich bei einer Lehrer-Vergesäßungsaktion pantomimisch als arroganter Darcy um die Gunst von Elizabeth Bennet („Stolz und Vorurteil“), verkörpert von einer deutschen Kollegin, buhlen muss. Am Ende muss ich auch noch tanzen. Alles abgekartet. Die Mehrens-Sprechchöre kamen wie auf Kommando und die Rolle des von der Liebe gedemütigten arroganten Schnösels, der dann auch noch tanzen muss: wie das kleine Einmaleins von allem, was ich hasse, auf fünf Minuten gerafft. Als Tanz wähle ich Ringelpiez mit Nach-drei-Sekunden-wieder-Loslassen. Klassischer Fall von guter Miene zum bösen Spiel. Außerdem ist mal wieder alles zu laut. Kurz vor Ende der Veranstaltung gehe ich ins Klo um mir Klopapier in die Ohren zu stopfen, renne aber danach in der Gegend rum wie diese Mars-Sonde, zu der Houston keinen Kontakt mehr hat. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Musical-Version des Märchens vom Wolf und den sieben Geißlein, das, wie ich mir habe sagen lassen, durch eine Zeichentrickserie in China zu ungeahnter Popularität gelangt ist. Die Studenten des Jahrgangs 08 spielen das eindrucksvoll nach, unterstützt von Schafskopf-Stirnbinden aus Pappe. Beim Abschlussfoto muss ich Cecilia, die hinter mir steht, fast die Arme umdrehen, weil sie immer über meinem Kopf Häschenohren macht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Schuss vor den Bug
Von DM, 23:59

Als heute Nachmittag die Magister-Studenten die Gliederungen und Entwürfe ihrer im nächsten Jahr fälligen Arbeiten vorlegen müssen, platzt der Fachbereichsleiterin, die zusammen mit mir und vier weiteren Professoren den Studenten gegenüber sitzt, der Kragen: Von ernsthaften Überlegungen, wie die Arbeit gestaltet werden soll, sind zumindest einige der Prüflinge noch so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Hier zeigt sich ein ganz massiv verbreiteter Virus einmal mehr überdeutlich: die Aufschieberitits. Hinzu kommt, dass gerade die Studenten, die ihren B.A. an einer anderen Uni gemacht haben, einfach noch zu große Rückstände hinsichtlich der Befähigung zum selbstständigen und eigenverantwortlichen Arbeiten aufweisen. Dem Studenten Zhao geht die Kritik so unter die Haut, dass er während der Sitzung kurz raus muss. Einige Professoren haben Mitleid. Ich stimme der gestrengen Fachbereichsleiterin aber zu: ein plakativer Entwurf zu Walsers Romanen, der keinerlei inhaltliche Durchdringung des Themas erkennen lässt, ist dann doch zu wenig für einen Magisterstudenten.

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Samstag, 12. Dezember 2009

Weihnachtsfeier Teil 1
Von DM, 23:59

Draußen regnet und stürmt es. Nachdem es gestern Abend ja ganz schön spät wurde, schlafe ich in Ruhe aus. Danach geht es ins Sprachlehrzentrum des Goethe-Instituts, das zu einer Weihnachtsfeier geladen hat. Ich sitze am Tisch mit einem Lehrer, der hervorragend Deutsch spricht, und vier Studenten, die besser in Englisch sind als in Deutsch. Frau Yi, die an einem anderen Tisch sitzt, beschere ich mit einem Buch. Dafür stellt sie mir in Aussicht, dass sie die überfälligen Bücher aus meiner Bibliothek bald zurückgeben wird. Adventslichter brennen und wir dürfen Papiersterne basteln, die dann an der Tafel des Unterrichtsraums aufgehängt werden. Der Weihnachtsmann kommt auch und hat sogar das „goldene Buch“ dabei, in dem die guten und schlechten Taten der Studenten aufgezeichnet sind. Mein Tischnachbar bekommt Stress wegen mangelnder Hausaufgaben, andere tadelt der Mann in Rot wegen der Verwendung eines Mobiltelefons während des Unterrichts. Die Leiterin des Zentrums wird gerügt, weil der Weihnachtsmann erfahren hat, dass sie nachts zu viel arbeitet. Aber es gibt dennoch Geschenke. „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ singen wir gleich zweimal, weil es im Liederheft nur vier Lieder gibt. Dabei sollten die Deutschen doch wissen, dass die Chinesen Singen lieben.

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