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Ausverkauf
Heute steige ich auf dem Weg zu meinem zweiten Messetag zwar nicht falsch aus, sondern falsch ein. Mal was anderes. Als ich merke, dass ich zwar den richtigen Bus erwischt habe, der aber in die falsche Richtung fährt, sind schon wieder zwanzig Minuten vorbei und ich schicke eine Kurz-Nachricht an Wu Jing. Die ist aber mal wieder gar nicht besorgt. Hauptsache, ich kann nachher beim Abbau mit anpacken. Ich komme also fast eine Stunde verspätet an und lasse nun erst mal Wu Jing essen, vertrete sie also am Stand. Ihre Kollegin kommt gerade vom Essen und ist schon in Aufbruchsstimmung. Sie möchte mittags schon nach Schanghai zurückreisen. Und Mittag ist ja jetzt.
Ich habe heute allen etwas mitgebracht: Etwa 25 Mützen mit der Aufschrift "China und Deutschland - gemeinsam in Bewegung", Marketing-Artikel, die schon seit zwei Jahren in meiner Bibliothek herumliegen. So schnell kann ich gar nicht gucken, wie die weg sind. "Muss sich rumgesprochen haben", mutmaßt eine nur mäßig verblüffte Wu Jing. Kurz vor Messeschluss scheinen die Geier das Feld übernommen zu haben. Mit Stielaugen kommt ein junger Chinese mit Kurzhaarschnitt vorbei und lugt nach meinen DAAD-Kulis. Ich nicke. Schon grapscht der Junge nach dem ganzen Packen. Ich protestiere, er kehrt um und gibt mir zwei zurück. Und schon ist er weg! Wu Jing bestellt noch einen Transport-Dienst, mit dem ich mich morgen herumplagen werde, wenn die Kisten in meine Bibliothek befördert werden sollen. Was ich nicht behalte, geht mit demselben Transport nach Schanghai zurück.
Ich verabschiede mich, nachdem ich beim Abbau und beim Verladen der Kisten in Wort und Tat mitgewirkt habe, am westlichen Seitentor der Messehalle von Wu Jing. Ich will nicht wie gestern mit dem Taxi im Stau stehen und gehe lieber zu Fuß durch den nahen Xuanwu-See-Park zurück. Doch der ist bauarbeitsverseucht und ich muss den Xuanwu-See nördlich umwandern. Wegen der Hitze steige ich am Bahnhof in die U-Bahn. Der Tag wird auch nicht mehr lang, denn morgen ist Unterricht. Wir müssen die freien Wochentage "vorholen", die wir in den nächsten drei Wochen zweimal haben: Erst kommt das Mondfest und zwei Wochen später der Nationalfeiertag.
Die leere Muschel
Ist mir ein komplettes Rätsel, was das wieder soll, aber im Bus mir gegenüber sitzt ein Opa, dessen Unterschenkel, die unter den weit aufgekrempelten Hosenbeinen hervorlugen, komplett in Frischhaltefolie eingewickelt sind. Soll das vielleicht eine Therapie gegen Krampfadern sein?
Ein Rätsel ist mir auch, wie ich mal wieder auf vage Vermutung hin in einen Bus steigen konnte, der womöglich gar nicht ans Ziel führt. Tatsächlich fährt er an einem der schwangeren Auster von Berlin nicht unähnlichen Gebäude vorbei, das nach Messehalle aussieht. Ich steige aus und schreite bei sengender Sonne über den Zebrastreifen einer mehrspurigen Hauptstraße. Doch die schwangere Auster entpuppt sich als leere Muschelschale. Weit und breit nichts los. Keine Autos, keine Menschen. An den Wänden bröckelt schon überall die weiße Farbe ab. Dann war es wohl doch das andere Messegelände weiter nördlich.
Dem Ostufer des Xuanwu-Sees folgend nähere ich mich dem International Exhibition Center, doch auch hier ist alles wie ausgestorben. Immerhin werden aber erste Spuren der Bildungsmesse erkennbar. Ich muss nur noch mal 500 Meter um das ganze Gebäude herumwandern, ehe ich am Südeingang des Geländes auf herandrängende Menschen stoße und schließlich erst auf Dr. Hai mit meiner besten Studentin an seiner Seite hinterm Stand und schließlich auch Wu Jing und ihre Kollegin in dem Ausstellungsgetümmel finde. Nebenan steht das Goethe-Institut, bestückt mit meiner Studentin Eva, die ein Praktikum dort macht. Wir sind hier quasi ganz unter uns. Vermisst hat mich bisher niemand. Und zur Belohnung für meine Verspätung wird mir erst mal ein Mittagessen serviert.
Eine Rose für die Konsulin
Heute Abend nimmt mich in der Lobby eines vornehmen Hotels neben dem Zifeng-Turm die adrett gekleidete Wu Jing in Empfang. Sie ist die chinesische Mitarbeiterin meines Kollegen aus Schanghai, der hauptsächlich für Hochschul-Marketing zuständig ist. Mit Wu Jing werde ich die nächsten beiden Tage auf der Jiangsu Education Expo 2010 auf dem Gelände des Nanjing International Exhibition Center einen Stand betreuen und auf die Vorzüge eines Studiums in Deutschland hinweisen. Es handelt sich um die erste Bildungsmesse der Provinz Jiangsu und die künftigen Aussteller werden hofiert wie Könige. Es gibt heue im Hotel erst mal ein Festmenü, das ich an der Seite der Schanghaier Kollegin einnehme, und später erhalte ich auch noch ein Nagelscheren-und-schleif-Set samt Etui. Neben uns am Tisch sitzt noch Dr. Hai Sun, der China-Repräsentant für Zusammenarbeit zwischen China und Baden-Württemberg in Wissenschaft, Forschung und Kunst. Dr. Hai schockt mich erst mal mit der Mitteilung, das, was mir da gerade Leckeres serviert werde, sei Hund. Nur ein Witz.
Nach dem Schlemmermenü wird mal wieder fleißig reihum zugeprostet. Überhaupt wird die zunächst recht steif von einer Reihe von Schlipsträgern begonnene Feier immer heiterer. Die britische Konsulin erhält vom Hauptorganisator, dem hohen Beamten vom Jiangsuer Ministerium für Bildungsbelange, während ihrer launigen Rede eine Rose von der Dekoration am Rednerpult zugesteckt. Und das Ganze ähnelt zum Ausklang schon mehr einer Kabarettveranstaltung als einem Empfang von wichtigen Repräsentanten des Bildungswesens. Gemeinsam mit Wu Jing und dem lustigen Sino-Württemberger Dr. Hai verlasse ich das muntere Menü.
Das Nanjinger Folklore-Musikorchester gibt sich die Ehre

Am Mittwoch beim Bankett wurden wir aus Anlass des chinesischen Lehrertages (immer Anfang September) zu einem Konzert des Folklore-Musikorchesters der Universität Nanjing eingeladen. Es findet statt im Uni-Auditorium. Die aparten Musikerinnen, gerade von einer Europa-Tournee zurück, hat Alain mit seiner Digitalkamera im Bild festgehalten. Guzheng singt das Solo "Reise nach Lhasa", die Zither spielt das Stück "Urlaub", um nur zwei Höhepunkte zu nennen. Nicht im Bild: der fünf- bis sechsjährige Knirps, der ständig den Mittelgang runterrennt und trotz mehrfacher Ermahnung vor der Bühne Tänzchen aufführt und Mätzchen macht. Einzelkind.
Du, die Wanne ist voll!
Ich weiß, ich soll nicht immer so viel kalauern, aber ich denke, einer geht noch: Heute war erst das Maß voll und dann die Wanne. Und das ging so: Eigentlich sollte ja heute die große Nachprüfung stattfinden – für alle im letzten Semester durchgefallenen Studenten. Ich habe extra einen Raum reservieren lassen, doch dann macht es BUMM, denn ich knalle die Tür hinter mir zu. Die nicht gerade übereifrigen Studenten haben mir gerade anvertraut, dass sie meine E-Mail mit dem Text, der Grundlage der Prüfung ist, nicht erhalten hätten, weil sie heute keine E-Mails abgerufen hätten. "Lesen Sie nie E-Mails? Keiner?", feuere ich den Einsilbigen mehrfach entnervt entgegen und ziehe die erbarmungslose Schlussfolgerung: "Sie können nach Hause gehen. Ohne Text keine Prüfung. Kurs wiederholen." Dann der schon genannte Türknall. Zugegeben, die zwölf Seiten "Spiegel"-Reportage, die innerhalb von 3 Stunden von den vier Kandidaten zu lesen waren, waren schon eine Zumutung, die die armen Studenten zu Recht in schiere Verzweiflung stürzte. Aber das war auch so geplant: Wer vorher die Leistung nicht erbringt, muss leiden.
Die Vize-Institutsleiterin eilt mir ins Büro hinterher, um erfolgreich zu vermitteln. Große Kompromisslösung: Wir verschieben die Prüfung auf morgen, gleiche Zeit. Heute wird die Prüfung für einen anderen Kurs geschrieben. "Entschuuldigung, Entschuuldigung, Herr Meh'ens", stammelt der saumselige Liu wiederholt, der mir vor Monaten eine E-Mail geschrieben hat mit der Erläuterung, er habe eigentlich Chemie studieren wollen und Deutsch liege ihm folglich nicht so. Ich schüttele nur mit dem Kopf, innerlich gebrochen wie einst mein Englischlehrer, wenn jemand seine Hausaufgaben ganz schlecht erledigt hatte.
Da also langes Prüfungsüberwachen entfällt, bin ich rechtzeitig zu Hause zum zweiten wichtigen Termin heute: zur Taufe. Nicht zu meiner Taufe natürlich, sondern zu der eines jungen Mannes namens Bin. Er wagt heute den großen Sprung nach vorn, den in das Himmelreich, und meine Badewanne lag einfach strategisch günstig in der Nähe. Es hat ja nicht jeder so eine Wanne. Ich bin privilegiert. Quasi. Mein Tennispartner Peter hat das vermittelt. Er hat vorher schon ein halbes Dutzend mal angerufen und den Termin zweimal verschoben. Aber heute lotst er die ganze Delegation erfolgreich in meine bescheidenen vier Wände. Ein junger Amerikaner namens Andy spricht ein paar Einleitungsworte, während sechs oder sieben junge Chinesen im Kreis auf dem Boden meines Wohnzimmers sitzen und schwitzen. Nur einer, dem wird gleich eine willkommene Abkühlung zuteil werden. Ich lasse schon mal Wasser ein. Dreimal renne ich rein und raus, um zu sehen, ob die Wanne schon voll ist. Dann ist die Wanne voll und ich gebe das Startkommando. Bin zieht sich im Badezimmer um und dann treten wir in mein Bad wie in den Altarraum einer Kathedrale. Ganz in Weiß gleitet Bin hinab in die kühlen Fluten meiner Wanne, weil Andy, der junge Laien-Pastor, ihn untergegluckert hat. Als Bin nicht mehr tropft, singen wir noch in kleiner Runde "Amazing Grace, how sweet the sound that saved a wretch like me!" und tauschen ein paar Bibelverse aus. Danach wird für Bin gebetet – alles ganz spontan. Wenig später verabschiedet sich der Trupp. Das Wasser werde ich dann mal über Nacht stehen lassen und morgen früh zweitverwerten. Es ist ja morgens immer so heiß in meiner Wohnung. Da kühlt man sich gerne noch mal vorm Unterricht ab. Man mag ja auch nichts verschwenden. Ich hoffe, das ist theologisch einwandfrei. Ich denke, das ist so ähnlich wie mit dem Abendmahlswein. Davon bleibt auch immer was übrig und das schüttet man dann ja auch nicht einfach weg.
Am falschen Tisch
Beim diesjährigen Empfangsbankett für die ausländischen Lehrkräfte freue ich mich bereits auf ein paar anregende Gespräche am Tisch mit den deutschen oder amerikanischen Kollegen, ich sitze auch schon neben meiner Kollegin Chen. Da kommt Sophie vom für uns zuständigen Büro und lässt ausrichten, dass ich am nobel geschmückten Ehrentisch neben dem Vizepräsidenten der Uni Platz nehmen soll. Immerhin bin ich im dritten Jahr hier, also ein Altgedienter! Das ist mir erst mal gar nicht recht. Da kenne ich doch keinen und muss einen auf Brav machen! Gegenüber am VIP-Tisch sitzt meine Ex-Kollegin aus Guangzhou mit ihrem erwachsenen Sohn in Schlepptau. Sie ist jetzt Leiterin des hiesigen Büros der Uni Göttingen, unserer Partner-Universität. Neben mir sitzt ein Japaner. Er ist schon zehn Jahre hier und spricht auch nur ein rudimentäres Chinesisch. Eigentlich ist er Zeitungskorrespondent und anscheinend nur nebenbei an der Uni. Oder auch umgekehrt. Außerdem gesellt sich, ganz unbedarft, der Französisch-Lehrer Alain dazu, der gedacht hat: Na, da sitzen ein paar Ausländer, da passe ich gut rein. Er stammt aus der Nähe von Calais und ist erst ein halbes Jahr hier. Alain erzählt mir, dass Woody Allen die Szenen, die die Präsidenten-Gattin im neuesten Film des Meisterregisseurs gespielt hat, alle mit einer anderen Darstellerin noch mal gedreht hat, worüber er sich diebisch freut und ich freue mich, mal wieder etwas Französisch sprechen zu können. Am Ende ist auch noch Zeit für einen Ausflug an die anderen Tische, denn die Deutschen sitzen sowieso immer am längsten da. Ein Amerikaner - wie hieß er noch gleich? - will sogar noch anderswo einen heben gehen. Leider habe ich morgen in aller Frühe Unterricht und somit eine gute Ausrede!
Ätzend!
Im Andy-Morgan-Abenteuer "Teuflischer Anschlag" (deutsche Erstveröffentlichung 1978 in ZACK) kapern einige Unholde die Cormoran, um von Bord aus eine Säurekapsel in einen Swimming-pool zu schießen und damit einen verhassten Bonzen zu erledigen. Ganz so teuflisch war der Anschlag nicht, dem ich heute zum Opfer fiel, aber der Reihe nach...
Im Gottesdienst in St. Paul's sind heute gleich drei Deutsche dabei. Einer heißt Karsten und ist gleich weg. Mit Heide und (Name vergessen) unterhalte ich mich noch eine Weile. Die fünfzehnjährige Heide ist für ein Jahr Gastschülerin auf einem Nanjinger Gymnasium. (Name vergessen) macht eine dreiwöchige Tour durch China und war gerade in den Karstbergen von Yangshuo unterwegs. Für den Nachmittag habe ich mich mit Xiao Li (sin-o-meter berichtete) und deren Freundin fürs Kino verabredet. Auf dem Weg dorthin passiert etwas Seltsames: Ich bin auf dem Bürgersteig unterwegs und ein Motorroller fährt dicht an mir vorbei. Im selben Moment spritzt etwas gegen mein Bein, als wäre der Roller durch ein Pfütze gedüst. Nur ist da gar keine Pfütze. Sind zufällig im selben Moment ein paar Tropfen von einer Klimaanlage auf mich gefallen? Nein, ich stehe viel zu weit entfernt von den Fassaden. Oder hat jemand in einem Flugzeug über mir die Klo-Luke geöffnet? Unwahrscheinlich. Naja, trocknet in der Sonne, sage ich mir, aber plötzlich beginnt es auf der Haut zu brennen, eine Stelle auf meinem Unterschenkel rötet sich, etwas Haut ist weggeätzt: ein Säure-Anschlag wie einst bei Andy Morgan! Ob die Batterie des Motorrollers undicht war und er genau in dem Moment, als er auf meiner Höhe war, über eine Unebenheit gefahren ist und so etwas rausspritzen konnte? Ganz wird das bizarre Rätsel wohl nie geklärt werden können. Ich weiche zu Haus meine rechte Socke ein und dusche meinen Unterschenkel ab.

Es ist Xiao Lis zwanzigster Geburtstag und sie bekommt von mir eine Tüte Katjes-Joghurt-Gums (Aldi-Variante) als deutsche Spezialität geschenkt. Nach langem Überlegen und Schlangestehen entscheiden wir und für Sylvester Stallones "Expendables", weil Xiao Li "Shrek" Teil 4 schon gesehen hat. Der Film gefällt mir sichtlich besser als Xiao Li und ihrer besten Freundin. Anschließend bringe ich ihnen in einem Spiele-Restaurant UNO bei. Xiao Li landet auf dem dritten Platz. Beim Fotografieren kann sie sich anschließend ihre gute Laune wiederholen, die auch deswegen ein bisschen weggeätzt worden ist, weil noch keiner von der Familie angerufen hat. Vom Säure-Anschlag merke ich unterdessen nichts mehr.

Gehe auf Los und ziehe 8000 Mark ein!
Cathy lacht sich erst mal halb tot, als ich ihr das Abenteuer mit Tante Lu erzähle, das mir immer noch nachhängt. Wir treffen uns zum Sprachkurs in meiner Bibliothek (wegen der Klimaanlage in erster Linie). Und sie kriegt sich gar nicht wieder ein. Natürlich bin ich für sie mal wieder selbst schuld. "Why did you give her your address?" - "I thought I did not describe well!" Außerdem sagt sie mir auf den Kopf zu, dass, wenn Tante Lu jünger und schöner gewesen wäre, ich wohl kaum so viel an ihr auszusetzen gehabt hätte, das beweise ja meine Toleranz gegenüber "Drama Queen", die bekanntlich auch nicht gerade ein Nerven-Tonikum war. Tja, was soll man gegen so bestechende Logik einwenden? Und meine unbarmherzige Sprachpartnerin macht mir auch wenig Hoffnung, dass Tante Lu sich so leicht abschütteln lassen wird. Leider wird sie Recht behalten.
Doch vorher gibt es noch was Angenehmes: Das Kollegium kommt abends um sechs direkt vor meiner Haustür zum Essen zusammen. Anlass sind zwei deutsche Gäste: eine Hochschulvertreterin aus Göttingen und die junge deutsche Autorin Svealena Kutschke, die mit der alljährlichen Kurzzeitdozentur bei uns in die Fußstapfen von Nora Bossong (sin-o-meter berichtete vom 11.9. bis 1.10.2009) tritt und wieder ein paar Unterrichtsstunden übernehmen wird. So gut wie mit Nora werde ich mich mit Svealena aber nicht verstehen. Die junge Künstlerin, der jeder sofort ansehen kann, dass ihre Lieblingsfarbe schwarz ist, bringt es fertig, noch vor dem Essen, dessen Entree schon auf dem Tisch steht, zwei Fluppen durchzuziehen, und lässt dann die versammelte Runde an ihrer momentan größten körperlich-seelischen Not Anteil nehmen: Wie kann ich hier in China meinen Cappuccino kriegen? Frau Kong empfiehlt ein Grüntee-Surrogat. Na, denn Prost! Ich kriege eine Joghurt-Milch.
Die Vizechefin des Fachbereichs hat mir dann noch eine regelrechte Skandalmeldung zu vermitteln, die auch nur zwischen Tür und Angel reinpasst in diesen netten Abend. Sie möchte es mir möglichst schonend beibringen und lässt den Kollegen Chang das Drama enthüllen, dass alle Studenten des zweiten Jahrgangs von der Glücksfee geküsst wurden: Die Tante vom Prüfungsamt, die die Noten in den Computer eingibt, hat die Ergebnisse der mündlichen Prüfung (rechte Spalte des Zensurenblattes, dessen akribisches Ausfüllen mich am Ende jedes Semesters schier an den Rand des Wahnsinns treibt, weil ich mich so oft verschreibe) als Endnoten (vorletzte Spalte des Zensurenblattes, das mich jedes Mal Schweiß und Tränen kostet) eingetragen. Alle haben bestanden, und zwar mit durchschnittlich zehn Prozentpunkten über dem eigentlich von mir festgelegten Notenwert. Das ist ungefähr so, wie wenn man bei Monopoly direkt auf "Los" kommt, 8000 Mark einstreicht und vorher befürchten musste, auf Schlossallee und Parkstraße in den Ruin getrieben zu werden. Das ganze Leben ist ein Spiel und wir sind nur die Kandidaten! Und ich weiß wenigstens, wofür ich hier wochenlang korrigiert habe! Immerhin spare ich mir zwei Nachprüfungen. Abends in meiner Wohnung klingelt das Telefon so hartnäckig wie einst bei Danyu (die offenbar auch schon mal angerufen hat, ich sehe das an der US-Vorwahl). Das heißt, es klingelt gar nicht! Ich habe in weiser Voraussicht schon mal auf "Stumm" geschaltet, es leuchtet dann nur noch. Da Tante Lu so umsichtig war, mir alle ihre Nummern aufzuschreiben, kann ich gleich alle Zweifel ausräumen. Als das Leuchten vorbei ist, speichere ich die Nummer auch gleich ab, aber keineswegs unter Tante Lus Namen... Immer wenn Tante Lu anruft, wird von heute an auf meiner Anzeige zu lesen sein: "Nicht rangehen ruft an!"
Tante Lu oder: Schlimmer geht's immer! oder: Die Ewigkeit und ein Tag
Ich hab's ja immer gewusst: Das Leben ist eine grausame Satire mit mir in der Hauptrolle! Nein, es reicht nicht aus, dass ich immer noch mit der Zeitumstellung zu kämpfen habe, um elf todmüde ins Bett gehe, um zwei wach werde und bis kurz vor sechs putzmunter im Bett liege und die dunkle Decke anstarre, um neun (!) Uhr morgens werde ich dann auch noch brutalstmöglich aus dem Schlaf gerissen, weil es an der Tür klingelt. Ich denke, die Putzkolonne hat mal wieder den Reinigungstag verlegt, wanke zur Tür und vor mir steht - huhu! - in bester Stimmung: die Tante aus dem Bus (siehe Eintrag von vorgestern)! So schnell kann ich gar nicht gucken, so prompt steht sie in meinem Wohnungsflur. Und dass ich gerade noch geschlafen habe, völlig zerzaustes Haar, lässt sie völlig kalt. Ich frage: Was wolle sie denn hier? Sei sie gerade zum Einkaufen in der Nähe? Sie: Nö, ich wollte dich besuchen! Ich denke: Wie hat die mich bloß gefunden? Ich hatte ihr doch extra besonders unpräzise Angaben über meine Wohnung gemacht. Aber lügen kann ich ja nicht. Na, das wird sich noch ändern heute. Wie komme ich bloß aus dieser Nummer wieder raus? Kann mich nicht mal jemand von diesem Planeten beamen?
Also gut, sage ich mir, testen wir mal, wie viel die Tante (sie heißt übrigens Lu Subo, das habe ich seit zwei Tagen schriftlich) aushält. Kurz entschlossen, ohne Zähne geputzt oder meine Morgentoilette gemacht zu haben, fasele ich irgendwas von Notwendigkeiten und nutze die unerhört frühe Zeit, um fällige Erledigungen zu machen, z.B. im Auslandsamt der Uni vorstellig zu werden, wo ja einige immer noch unter Schock stehen dürften, weil ich mit meinen Lufthansa-Problemen per E-Mail alle in Atem gehalten habe. Aber die Wogen sind bei der langmütigen Miss Sophie rasch geglättet. Ich hoffe insgeheim, Tante Lu hat das endlose Palaver so gelangweilt, dass sie heimlich Reißaus genommen hat, aber Pustekuchen: Sie hat brav draußen vor der Tür gewartet. Huhu! Weiter in der sengenden Hitze des Vormittags zur Abteilung für Computerangelegenheiten. Ich brauche endlich eine erneuerte Internetverbindung (ohne die ich das hier auch kaum schreiben könnte). Ich muss jetzt alles mit der neuen Campus-Karte zahlen, erfahre ich hier, und bis zum 1. September warten, weil man immer 20 Yuan pro Monat zahlt, auch wenn man einen Tag vor dessen Ablauf mit der Internetnutzung beginnt. China wird Deutschland immer ähnlicher! Und Tante Lu hat wieder artig gewartet. Die nächste Angriffswelle auf ihre Strapazierfähigkeit rollt an: Ich muss mal eben einkaufen. Dazu gehe ich natürlich nicht in den Supermarkt um die Ecke, sondern steuere den am weitesten zu Fuß erreichbaren Carrefour nahe der Nanjinger Bibliothek in der Taiping Lu an. Ich gehe zu Fuß zwei Kilometer, Tante Lu schiebt ihren Drahtesel unbeirrt neben mir her. Nur wenn ich Zebrastreifen nutze wie in Deutschland gewohnt, bleibt sie erschrocken zurück und meint, das könne man in China nicht bringen, die Autofahrer seien hier rücksichtslos. Meine spezielle Technik, einfach Löcher in die Luft gucken, kann ich ihr nicht vermitteln, weil meine Sprachkenntnisse das nicht hergeben. Noch ein kurzer Umweg um die Bibliothek herum, wo es wenig Schatten gibt, denn jeder weiß: Chinesinnen fürchten die Sonne wie der Teufel das Weihwasser. Sonne beschädigt nämlich ihren schönheitsidealgemäß strahlend weißen Teint. Doch Frau Lu ist unbeeindruckt. Sie trägt ja auch diesen überdimensionalen Strohhut Marke "Hast du mich gesehen?", während ich unter der Hitze ächze. Ich schleppe sie in den Untergrund, wo sich der Carrefour ausgebreitet hat und willige sofort ein, Tante Lu meine kaputte Uhr zu überlassen, wegen der ich ja auch hier bin. Sie bedeutet mir, mal hinter der nächsten Ecke zu verschwinden, sicher könne sie mir einen viel besseren Preis beim Uhren-Eildienst besorgen, als wenn sich ein dummer Westler (so sagt sie das freilich nicht) da anstellt. Zehn Minuten warte ich hinter der Ecke, während sie mit dem Uhrmacher am Tresen seiner kleinen Boutique verhandelt, und kann nur erraten, was da abgeht. Dann bekomme ich meine funktionstüchtige Uhr ausgehändigt. Die Batterie aus meiner alten, kaputten Uhr konnte zwar wunschbedingt nicht eingebaut werden, die sei zu klein, aber immerhin hat mich Tante Lu damit für den ruinierten Vormittag zumindest ein bisschen entschädigt..
Unten im Supermarkt macht sie aber alles wieder zunichte: Erst mal kommt Tante Lu mit diesem gruseligen Einkaufswagen angewackelt, die benutze ich nie. Aus Prinzip. Trotzdem dackelt sie damit die ganze Zeit hinter mir her und schnappt sich die Sachen aus meinem Korb, legt sie bei sich rein. Ich hole mir die Sachen wieder. Kindergarten! Milchpulver kaufe ich ihrer Meinung nach viel zu viel. Ich sage: Damit komme ich nur sieben Tage aus! Hoffentlich hasst sie mich dafür. Tante Lu ist generell gar nicht so ganz einverstanden mit den Sachen, die ich kaufe, nimmt sie mir resolut wieder weg und ersetzt sie durch ihre Vorschläge. Ich denke nur noch: Hilfe! Was anderes kann ich gar nicht denken. Kompromiss: Ich kaufe gleich zweimal Natriumglutamat und das weiße auch in der von mir bevorzugten Menge. Ich brauche die für Spaghetti, erkläre ich und hoffe, Tante Lu schüttelt sich innerlich vor Ekel. Ich renne noch schnell zur Marmelade und bin vor Tante Lu dort. Sonst hätte sie vermutlich einzuwenden gehabt, dass die gar nicht gesund sei.
Wir sind wieder über Tage und ich denke schon seit Minuten darüber nach, wie ich Tante Lu ganz niederträchtig übers Ohr hauen könnte: Ich nehme einfach Bus Nr. 1 zurück zur Zhujiang Lu und Tante Lu guckt mit ihrem Fahrrad in die Röhre. Aber ich bringe diese doppelte grobe Unsportlichkeit dann doch nicht übers Herz. Auf dem Rückweg will Tante Lu eine meiner Taschen und meine zwei Kiwi-Flaschen in ihren Fahrradkorb legen, was ich mit der Begründung ablehne, ich bräuchte Muskeltraining, dürrer Kerl, der ich bin. Ich benutze also meine zwei mit einer Plastiklasche verbundenen Flaschen Kiwi-Nektar als Hanteln und - du ahnst es nicht! - zack! reißt mir die Lasche ab und die Flaschen purzeln wie Kegel auf den Boden. Siehste, sagt Tante Lu mit ihrem überlegenen Blick, das hätte ich dir gleich sagen können. Beide Flaschen landen in Tante Lus Fahrradkorb. Allmählich dämmert mir, dass ich auch mit dem Rückweg zu Fuß nur eines erreiche: dass ich selbst völlig fertig bin. Die Taschen hängen an meinen Armen wie zwei Kartoffelsäcke à 1 Zentner, ich schwitze wie ein Schwein am Spieß und Tante Lu lächelt. Ich überlege: Tante Lu dürfte so etwa fünfzig Jahre alt sein, das heißt, sie hat die Härten der Kulturrevolution, Landverschickung, harte Arbeit erlebt, als sie zehn bis fünfzehn Jahre alt war. Damals ist man auch nicht überall mit Auto hingefahren, sondern geradelt oder zu Fuß gegangen. Fazit: Tante Lu ist hart im Nehmen. Ich muss mir was anderes einfallen lassen.
Die Gelegenheit kommt prompt. Denn in der Changjiang Lu kann Tante Lu ihre Neugier nicht länger bezähmen und fragt, ob ich schon verheiratet sei (sie selbst ist geschieden, wen wundert's!). Ich sage, noch nicht. Aber mir ist vollkommen klar: Wenn ich Tante Lu jetzt was erzähle vom überzeugten Single-Dasein und so, also, das geht gar nicht. In China glaubt einem so was keiner. Da ist Verheiratetsein so wichtig wie eine Nase im Gesicht haben und genausogut könnte ich Tante Lu einen Gutschein über zwanzig Rendezvous zum Tee ausstellen (Erbarmung!). Ich muss Tante Lu also ein Märchen auftischen von einer bildschönen Dreißigjährigen, meiner großen und einzigen Liebe. Es gebe da nur noch ein paar berufliche Dinge, die uns trennten, sie in Deutschland, ich hier, aber 2011 oder 2012 - "Gott weiß, wann" - sei auf jeden Fall Hochzeit. Spätestens. (Selbst heiraten kann nicht schlimmer sein als drei Stunden mit Tante Lu!) Ich erfinde noch ein paar schwärmerische Details und kann sofort sehen, dass das die volle Breitseite war: Tante Lus Kinnlade klappt runter wie der Deckel einer Tiefkühltruhe im Gefrierwarengroßhandel. Diese Wirkung ist auch für mich erschreckend, denn ich wage kaum mir vorzustellen, dass Tante Lu tatsächlich, also... Lassen wir das.
Tante Lu findet schließlich doch noch die Sprache wieder. Als wir endlich wieder an meinem Wohnheim stehen, sage ich den Satz, den ich mir die letzten fünfzehn Minuten zurechtgelegt habe: "Tja, ich fürchte, ich muss dich jetzt verabschieden. Ich muss jetzt duschen und danach zur Arbeit!" Duschen ist das Codewort für die seit drei Stunden (gefühlt: drei Tage) schmerzlich vermisste Intimität. Ich hoffe, Tante Lu erkennt das. Tut sie, lässt sich aber nicht davon abhalten, mir noch die beiden Flaschen Kiwi-Nektar raufzutragen. Dann ist aber auch gut. Sie kriegt noch eine Visitenkarte von 2003, wo meine Yanjier Adresse und - übergeklebt - die Telefonnummer des Büros unseres Nanjinger Instituts draufstehen, wo ich mich so gut wie nie aufhalte. Dann kann ich die Tür hinter Tante Lu schließen. Hoffentlich für immer.
Mensch, Mensch, Mensch! Und ich dachte, die anstrengende Autorin, von der hier im sin-o-meter auch schon die Rede war, sei die GAN, die größte anzunehmende Nervensäge. Jetzt weiß ich: Schlimmer geht's immer!
Du bist nicht allein!
Du bist nicht allein! Als hätte es dafür im Reich der Mitte noch eines Beweises bedurft, verwickelte mich gestern im Bus vom Flughafen Nanjing zur nächsten U-Bahnstation meine ca. 50 Jahre alte Sitznachbarin sogleich in ein Gespräch. Dabei habe ich durch betont starkes und auch nach Beginn der einseitigen Unterhaltung kaum nachlassendes Vertieftsein in den aktuellen SPIEGEL eigentlich weniger als gar keine Signale ausgesendet, die besagen: "He, ältere Dame dort neben mir im Bus, sprich mich gelangweilten Ausländer doch mal an, ich werde dir bestimmt während dieser Busfahrt perfekt die Zeit vertreiben!" Wie desinteressiert muss man eigentlich noch gucken, damit man in Ruhe gelassen wird?! Nun, es wird sich schlicht und einfach um eine dieser interkulturellen Habitusdifferenzen handeln: Die Zeit eines allein Reisenden, namentlich eines allein reisenden Ausländers, ist hierzulande so eine Art ewiges Freiwild. Am Ende muss ich dann, das gebietet die interkulturelle Höflichkeit, noch meine Telefonnummer rausrücken und mir die der Dame in die Plastiktüte stecken. Sie wohne nämlich ganz in der Nähe von mir, Buslinie 11, und ich solle doch jetzt mal mit ihr regelmäßig Englisch üben. Mir gelingt gerade noch der subtile Hinweis, dass ich erst mal meinen Unterrichtsplan studieren müsse und man unter der Telefonnummer vorerst auch niemanden erreichen könne. Das Telefon muss ich nämlich erst wieder freischalten lassen. Auch aus dem weltweiten Netz bin ich mal wieder ausgesperrt, weil ich fast zwei Monate nicht daheim war, und eigentlich wollte ich heute Vormittag im Büro auch nur rasch den hier für alle verfügbaren Computer zum E-Mail-Abruf nutzen, platze aber mitten hinein in die Semestervorbesprechung des Kollegiums, auf die ich gestern von der Vize-Chefin hingewiesen worden bin - per E-Mail.
Der F 6 L 812 S
Heute macht sich Großenaspe kollektiv auf ins kleinere Nachbardorf Heidmühlen, wo zum fünften Mal das legendäre Dreschfest und zugleich das Jubiläum der Heidmühler Dreschvereinigung stattfinden, natürlich zum Auftakt mit einem komplett plattdeutsch gehaltenen Gottesdienst. Obwohl die Hauptdarsteller, Birte T. geb. B. und ich, uns wenige Minuten vor dem Betreten der Bühne sicher sind, jede Textzeile vergessen zu haben, lachen anschließend alle an den zuvor von Birte markierten Stellen. "Ach, Trine, dat is doch allens Tüdelkram. För uns Mannslüüd, dor gifft dat'n Wettbewerb - för de Treckers. Min schönen Deutz F 6 L 812 S mit Allrad, Transfermatic-Hydraulik und Hydro-Blocklenkung to'n Bispeel, dat is wat!" Hinnerk träumt vom besten Trecker, Trine vom Tortenrekord anlässlich des Dreschfestes, das sich mit angrenzendem Parkplatz über zwei große Wiesen erstreckt. An die Trecker- und Landmaschinenausstellung hängt sich ein Flohmarkt an, wo ich die Novelle "Die schwarze Spinne" ergattere - mitsamt Stempel der NSDAP-Verwundetenversorgung und einer Widmung von 1943!
Wie ich vorgestern per Telefon erfuhr, ist nun auch mit meinem Rückflug offenbar alles in Ordnung - nachdem ich per E-Mail in Nanjing schon alles und jeden verrückt gemacht hatte. Gott ist groß und wir sind klein!
Zwei Minuten

Ich hätte in China bleiben sollen. Erst verschlunzen die meinen Rückflug und ich kann sehen, wo ich bleibe, dann verliere ich einen Prozess gegen die Comdirect-Bank, weil die einfach Wertpapiere für mich gekauft haben, obwohl sie das Geld von dem von mir angegebenen Konto nicht einziehen konnten und ich das im Gegensatz zur Richterin ("Herr Mertens, die Sitzung ist geschlossen!") und dem Anwalt der Bank ("unsägliche Ausführungen des Klägers") nicht für sinnvoll zu erachten vermochte. (Ich war in China und konnte das von der Bank vorgeschossene Geld nicht zurückzahlen, weil ich ja von dem Vorgang nichts wusste. Dann haben die einfach mein Depot geplündert, bis sie so viel Geld hatten, wie sie brauchten, und das mitten in der Finanzkrise zu den schlechten Kursen!) Wie sagte doch mein Kumpel Ede, Pastor im Mühlheimer Verband, bei dem ich bis einige Tage zu Besuch war: Zinsgeschäfte sind sowieso unbiblisch. Daran hätte ich mich mal halten sollen. Ede hat mich am Donnerstag zu einem Golfturnier in Lingen mitgeschleppt. Eigentlich sollte ich ja Caddy sein, aber Ede hat den Wagen dann doch lieber selbst gezogen. Sicher ist sicher. Ich bekam trotzdem ein Mars und eine Apfelschorle für den 6-Stunden-Tag. Dafür musste ich für den organisierenden Golf-Pastor Karsten G. (extra aus dem fernen Schwabenländle angereist) Fotos schießen, obwohl man mit so einer teuren Kamera ja an sich noch mehr Schaden anrichten kann. Mehr zu den christlichen Golfern, die dieses - übrigens von Ede gewonnene - christliche Golfturnier aus der Taufe gehoben haben, gibt es hier. Motto: Mehr Christen auf den heiligen Rasen!

Ansonsten gilt, so meine Erkenntnis vom satten Grün, für Golfer dasselbe wie für Fußballer:
1. Am wichtigsten ist auf'm Platz.
2. Auf'm Platz werden Christen wieder zu Menschen.
Zur Abwechslung hatte ich dann bei der Abreise heute Vormittag auch mal Glück: Die Sachen, die ich bei Ede auf'm Balkon zum Trocknen aufgehängt und nicht wieder ins Gepäck getan hatte, fielen mir sieben Minuten vor Abfahrt des Zuges wieder ein. Kann ich das noch schaffen? Nur wenn ich Carl Lewis und Ben Johnson in Personaluntion bin. Ich versuche es trotzdem, pfeffere meinen grünen Rucksack in die Ecke des Wartehäuschens, pese vom Bahnhof Brake zurück zum Hause Schulz, hechte mit spärlichen Erklärungen atemlos zurück in den ersten Stock mit dem aparten Gästezimmer, finde meine Wäsche und lasse meine besorgten Gastgeber mit den Worten: "Ist sowieso schon zu spät. Nehme ich eben den nächsten!" schulterzuckend zurück, düse so schnell, wie ich gekommen bin, wieder ab, sehe im Laufschritt einen Zug über die Eisenbahnbrücke vor mir rasen, der aber so schnell ist, dass es nicht meiner sein kann, und erreiche tatsächlich noch den Zug nach Herford, der mit zwei Minuten Verspätung einrollt. In Herford erreiche ich mit schlafwandlerischer Sicherheit den Anschlusszug. Als mich Martin, ein pensionierter Lehrer und werter Kollege aus gemeinsamen Yanjier Tagen, am Bahnhof in Empfang nimmt, finde ich nur lobende Worte für die Bahn, die ja heute kaum Verspätung hat - so was!
Sicherheitsrisiko
Am Flughafen treffe ich schon wieder die Familie von Michael und Linda (siehe Eintrag vom 3. Juli) - so ein Zufall! Als ich am Abend nach elf Stunden Flug in Frankfurt lande, gerate ich in gewaltige Schwierigkeiten. Mit einer letzten, ziemlich umfangreichen Skandalgeschichte verabschiedet sich das sin-o-meter in die Sommerpause. Sicherheitsgurte anlegen: Es knallt noch mal richtig!
Ich gestehe es: Ich bin ein Querulant. Also, es gibt da ja diese Sicherheitsüberprüfungen an jedem Flughafen. Da stehen so graue Kästen, in die muss man alles reintun. Ich habe es etwas eilig. In dreißig Minuten geht ja schon mein Flug. Ich habe mich schweren Herzens entschieden, diesen Flug von Frankfurt nach Hamburg planmäßig anzutreten. Mein eigentlicher Plan war ja, diesen Flug sausen zu lassen und von Frankfurt aus die Konferenz des Akademischen Austauschdienstes in Bonn aufzusuchen, zu der ich auch angemeldet bin. Aber ich sehe keine andere Möglichkeit: Ich muss jetzt doch nach Hamburg fliegen, weil ich die PIN meiner Postbank-Karte vergessen habe und meine EC-Karte 2009 abgelaufen ist. Ich habe gerade zweimal eine falsche PIN bei der Post am Frankfurter Flughafen eingegeben, beim dritten Fehlversuch ist die Karte gesperrt. Ich überlege hin und her, rufe zu Hause an, aber Mama kann die PIN oben in meinem Zimmer in meiner schwarzen Geldkassette auch nicht finden. Ich habe mich bei Ulrich in Hamburg angemeldet und mit den 3,40 Euro, die ich noch im Portmonee habe, komme ich mit der U-Bahn bis Hamburg-Langenfelde. Doch nun stehe ich vor diesem Sicherheitsfließband und denke, ich kann etwas Zeit sparen, wenn ich die Rentner, die da gerade mühsam ihre Sachen in die Kisten kramen mal schnell überhole und meine beiden Utensilien, wie immer ein Rucksack und eine Plastiktüte, einfach so aufs Band packe. Da schreit die Aufsichtsbeamte Alarm! Das könne ich nicht machen.
- Wieso?
- Weil... das geht nicht.
- Wieso nicht?
- Man muss die grauen Kisten benutzen.
- Wo steht das denn? Zeigen Sie mir bitte die Vorschrift, wo steht, dass man diese Kisten benutzen muss. Es geht doch hier nur darum, dass die Sachen irgendwie da durch gehen.
Meine Sachen sind schon auf der anderen Seite herausgekommen. Ein Bundespolizeibeamter ohne Mütze betritt die Szene.
- Wir sind hier die Vorschrift. Wenn wir sagen, Sie packen die Sachen in die grauen Kisten, dann ist das so.
- Aber das ist doch sinnlos.
- Wissen Sie, wer ich bin?
- Ja, Sie sind ein Vier-Sterne-General, das sieht man ja an der Schulter.
Genervtes Kopfschütteln.
- Da sind Rollen, da bleiben die Sachen eventuell hängen! Sie wollen doch auch nicht, dass was verloren geht!
- Wo sind denn da Rollen? Vor dem Röntgenapparat sind keine und unmittelbar am Ausgang der Röhre sind auch keine. Wie soll da was verloren gehen?
- Das ist ja nur für Ihre Sicherheit.
- Aber da geht ja nichts verloren. Die Sachen sind doch schon durch!
- Sie halten hier den ganzen Laden auf!
- Sie halten den Laden auf! Ich wäre schon längst mit allem durch, wenn Sie nicht dieses Theater mit den grauen Kisten aufführen würden. Wieso liegt mein Telefon da auf der anderen Seite? Müssen Sie noch prüfen, ob da eine Bombe drin ist?
- Was sagen Sie da? Sie haben eine Bombe? Sind Sie wahnsinnig? Sie haben sich soeben selbst zum Sicherheitsrisiko gemacht.
Der offenbar arabischstämmige Beamte Fatchat, ein Schild mit dem Titel "Supervisor" haftet an seiner Brust, macht mich auf den Ernst der Lage aufmerksam.
- Ich habe nur gefragt, ob Sie mein Telefon, das da unerreichbar auf der anderen Seite liegt, noch für eine besondere Untersuchung brauchen. Sie glauben wohl, da ist'ne Bombe drin...
- So ein Wort dürfen Sie hier niemals benutzen. Das ist ein sensibler Bereich.
- Wieso? Ist Bombe ein obszönes Wort? Wir leben hier in einem freien Land, da darf man jedes Wort benutzen, das nicht obszön ist. Wo sind Sie eigentlich geboren?
- Das geht Sie gar nichts an, wo ich geboren bin.
- Ich mein' ja nur, weil Sie von Demokratie offenbar so wenig verstehen.
- Bombe kann man hier nicht benutzen. Damit bringen Sie sich selbst in Verdacht!
- Ich gehe dreimal durch den Piep-Türrahmen. Kein Ton ertönt.
- Schauen Sie mal, wie gefährlich ich bin, es hat nicht einmal gepiept!
Der Vier-Sterne-General schaut sich meine Bordkarte an.
- Wo wollen Sie hin? Nach Hamburg? Sie glauben doch nicht, dass Sie da heute noch hinkommen.
- Das werden wir ja sehen.
- Sie fliegen heute nirgendwo mehr hin. Dafür sorgen wir schon.
- Naja, eigentlich will ich ja auch gar nicht nach Hamburg. Ich habe nur zu wenig Geld...
Demokratie-Experte Fatchat übernimmt jetzt das Ruder:
- Wir müssen Sie jetzt überprüfen. Bitte entleeren Sie Ihren Rucksack.
Ich entleere meinen Rucksack so, dass alle Sachen auf einmal auf dem Untersuchungstisch liegen. Einige Sachen fallen zu Boden.
- Sie wissen aber schon, dass Sie das auch wieder einräumen müssen?
- Das glauben Sie. Das räumen Sie alles schön selbst wieder ein.
Ich räume meinen Krempel, der kaum durchsucht worden ist, wieder ein.
- Ihren Pass behalten wir erst mal hier.
- Ja, ich gehe schon mal vor zum Flugsteig.
Am Flugsteig, ca. 15 Minuten später:
- Kommen Sie mal bitte? Wir teilen Ihnen jetzt mit: Die Lufthansa hat Ihre Bordkarte eingezogen, weil Sie als Sicherheitsrisiko eingestuft wurden. Sie werden jetzt von uns aus dem Sicherheitsbereich entfernt. Wenn Sie Widerstand leisten, werden wir Sie gewaltsam aus dem Sicherheitsbereich entfernen.
- Ja, dann will ich aber auch Handschellen, ich meine, als Sicherheitsrisiko! Hallo, ich bin ein Sicherheitsrisiko. Wenn ich ein Sicherheitsrisiko bin, wieso bekomme ich dann keine Handschellen? Hallo, ich bin gefährlich!
Der Vier-Sterne-General und sein übergewichtiger Kollege geleiten mich zum Ausgang.
- Wenn ich ein Sicherheitsrisiko bin, dann sind Sie eine Beleidigung für die Bundesrepublik Deutschland.
- Passen Sie auf, was Sie sagen.
- Passen Sie auf, was Sie sagen. Ich finde, dass Sie sich hier total unangemessen verhalten.
Der Vier-Sterne-General schubst mich, als ich auf dem Weg zum Ausgang kurz stehen bleibe, ich beschwere mich über die ruppige Behandlung und kündige eine Dienstaufsichtsbeschwerde an. Doch die Herren verweigern es, mir ihre Namen mitzuteilen.
- Gehen Sie weiter.
- Ach? Kommt sonst gleich der Knüppel aus dem Sack?
Ich deute auf den schwarzen Knüppel, der links am Gürtel baumelt. Nochmaliges Schubsen.
- So eine unsouveräne Problembehandlung, wie Sie sie hier an den Tag legen, habe ich auch noch nicht erlebt. Haben Sie nie was von Deeskalationsmechanismen gehört?
- Wir bringen Sie jetzt zur Tür und dann ist gut.
Die Herren geleiten mich wie versprochen zur Tür.
- So, ab wo jetzt? Ach, ab hier bin ich jetzt kein Sicherheitsrisiko mehr?
- Genau, ab da. Da oben ist die Regress-Abteilung. Da können Sie Ihren Flug umbuchen.
- Vielen Dank.
Und dort erfahre ich nun, dass ich meinen Flug gar nicht unterbrechen durfte und folglich auch mein Rückflug gestrichen ist. Das ist ja irgendwie noch ganz gut, dass ich das erfahre. Denn den Flug nach Hamburg wollte ich ja ursprünglich überhaupt nicht antreten. Wäre ich nicht zum Sicherheitsrisiko geworden, hätte ich das gar nicht erfahren.
Da ich kein Geld habe, übernachte ich auf dem Flughafen und muss dabei einmal umziehen, weil ein herrenloses Gepäckstück ebenfalls zum Sicherheitsrisiko wurde. Kommissar Rex ist auch im Einsatz. Am nächsten Morgen mache ich noch mal Stress bei der Postfiliale. Am Ende springen 20 Cent dabei heraus, die mir der ratlose Schalterbeamte aushändigt, weil er mir helfen will meine Zugfahrt zum Frankfurter Hauptbahnhof zu finanzieren. Das Geld reicht trotzdem nicht. Er hätte mir vierzig geben müssen. Die Fahrkarte kostet 3,80 Euro. Erst Sicherheitsrisiko, dann Schwarzfahrer! Auf dem Postamt am Hauptbahnhof sorge ich schon wieder für Stress und Schlangen.
- Es muss doch möglich sein, dass ein deutscher Kontoinhaber, der sich ausweisen kann, an sein eigenes Geld kommt!
- Wir können Ihnen nur sagen, was in diesem Fall vorgesehen ist.
- So eine PIN wird doch alle Nase lang vergessen!
Beantragung einer neuen PIN, Auflösung des Kontos, es gibt viele Wege nach Rom, aber alles dauert zwei bis drei Tage. Ich stehe also auf der Straße. Vor mir liegt der Kontoauflösungsantrag. Eine neue PIN habe ich abgelehnt: "Ich will den schlechten Service der Postbank nicht auch noch mit 8 Euro unterstützen!" Ich frage mehr aus der Verlegenheit heraus:
- Gestern habe ich die Geheimzahl zweimal falsch eingegeben. Wie viele Versuche habe ich jetzt noch?
- Pro Kalendertag drei Versuche. Sie haben also drei.
- Dann will ich noch mal auf gut Glück versuchen.
Viel Hoffnung habe ich aber nicht. Schon gestern geisterte eine Zahl durch mein Kleinhirn, eigentlich zwei Zahlen, sieben und acht. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ich daraus die richtige Kombination zusammenstelle? Sekunden später kann ich meine Euphorie nur mühsam im Zaum halten, die Leute hinter mir in der Schlange gucken schon und ich komme mir vor wie ein Zirkusclown, als ich ausrufe: "Das gibt’s ja nicht! Hat funktioniert!"
Ich reise mit dem nächsten Zug nach Bonn ab.
Das Abschiedsgeschenk

Zum Abschied lade ich die Schriftstellerin Danyu noch mal zum Essen ein. Sie hat sich gerade per E-Mail wieder mit ihrer Internet-Bekanntschaft Chris, einem Engländer in Frankreich, versöhnt und ist jetzt einigermaßen zuversichtlich, dass sie ihn bald heiraten kann. So schafft sie es auch, diesmal beim Abschied nicht in Tränen auszubrechen, als ich sie kurz nach zehn ins Taxi setze. Denn sie fliegt am 2. August zum Studium nach Chicago. Für mich bedeutet das vor allem, dass ich künftig wieder so viele SMS bekommen werde, wie es einigermaßen normal ist. Ich habe ihr schon die Willow-Creek-Gemeinde ans Herz gelegt und musste mich dabei gegen einen Chicagoer Freund von ihr zur Wehr setzen, der ihr die Gemeinde als Vertreterin eines Wohlstandschristentums auszureden versucht hat. Damit war ich natürlich gar nicht einverstanden.
Ach ja, zum Abschied bekommen habe ich - sie nun wieder! - einen halben Jade-Armreif (zerbrochen) und ein chinesisches Duft-Dingens zum Aufhängen oder Herumtragen. Soll gegen Mücken helfen. Und: Ich muss versprechen, nichts davon weiterzuverschenken. Hintergrund dieser Forderung: Peinlicherweise habe ich Danyu soeben ein Lesezeichen angeboten, als sie mich ihrerseits um ein Souvenir von mir gebeten hat. Da fiel mir ein Lesezeichen aus Blech ein, das schon eine halbe Ewigkeit unbenutzt bei mir im Regal herumliegt. Danyu ist von dem Geschenk sichtlich wenig begeistert, denn: "I gave that to you!", empört sie sich. Das Teil habe ich wohl vor einem Jahr oder so von ihr selbst bekommen. Ich mime die Unschuld vom Lande: Wirklich, das sei von ihr?!? "Of course!", versichert sie und reißt sich schließlich zwei Schlüsselanhänger von mir unter den Nagel. Nun, ihr aktuelles Geschenk werde ich wohl auf jeden Fall behalten müssen. Oder will hier im sin-o-meter vielleicht einer 'n halben Jade-Armreif?
Im Massaker-Museum
Mit Xiao Li (siehe Eintrag vom 27.4.) und einer Mitstudentin habe ich mich heute fürs Museum zum Gedächtnis an die japanischen Kriegsverbrechen 1937 verabredet. Das Museum befindet sich direkt an einer Station der neuen U-Bahnlinie 2 und obwohl Xiaochen kurzfristig noch ein paar Bücher für die Ferien ausleihen und ich daher extra noch mal die Bibliothek für sie öffnen musste, bin ich nur 15 Minuten zu spät. Die Gedächtnisstätte erinnert in ihrer Machart an die entsprechende in Berlin (mit den umstrittenen Stelen). Symbolisch liegen Steine in Gebeinfarben um einige verdorrte Bäume herum. Dieser Gedächtnisplatz wird gesäumt von verschiedenen Hallen, in denen die Ausgrabungen der Massengräber nachgestellt sind. Man schaut also von einer Reling hinab auf verschiedene Schichten einer Ausgrabungsstätte mit einer Reihe von freigelegten Knochen, darunter das Skelett eines Dreijährigen mit eingschlagenem Schädel oder das einer Frau mit Machetenverletzungen im Beckenbereich. Die Ausgrabungen fanden erst nach der Mao-Ära statt. In seiner jetzigen, zeitgemäßen Form wurde das Museum 2007 neu eröffnet. In einem Dokumentationszentrum sind die einzelnen Massaker durch Fotos bezeugt. Besonders nachhaltig im Gedächtnis bleibt das Foto eines chinesischen Bauern, dessen abgeschlagener Kopf einem Kontrollpunkt Nachdruck verleihen sollte. Als besonderen Witz haben die Japaner dem Toten noch einen Zigarettenstummel zwischen die Lippen geschoben. 300.000 Chinesen fielen dem grausamen Genozid zum Opfer. Auch John Rabe, der "gute Deutsche von Nanjing", dem im Jahr 2008 ein Film gewidmet war, hat im Dokumentationszentrum an prominenter Stelle seinen festen Platz. Draußen steht ein riesenhaftes Monument mit einer Frau in Weiß, die weiße Tauben fliegen lässt.
Xiao Li verzichtet heute komplett aufs Fotografiern, denn das sei ja hier kein Touristenvergnügen. Stimmt. Ich gebe den Mädels trotzdem noch eine Runde Viennetta-Eis aus, dann geht es wieder nach Hause, wo ich mich immer noch über meine leere Gasflasche ärgere. Erst im Mai gekauft, ist das Ding schon leer. Normalerweise reicht eine Flasche bei mir ein Jahr. Die haben mich verschaukelt!
Michaels Memoiren
Heute bin ich mal dran mit Einladen: Michael, der gute Engländer von Nanjing (siehe Fotos Jahresrückblick am 15.1.), der ständig zu Partys einlud, als er noch nicht mit seiner dritten Frau vermählt war, trifft sich mit mir in seinem Lieblingsrestaurant Houcaller's nahe der Einkaufsmeile um den Konfuziustempel, wo er Stammkunde ist. Ich war vor etwa zwei Wochen schon mal mit Xiao Li in dem Viertel und habe Houcaller's dabei per Zufall entdeckt. Gestern habe ich das auf einem kurzen Ausflug noch mal verifiziert und heute traue ich mir zu Houcaller's im Alleingang zu finden, wofür ich aber früh aufstehen muss. Michael sitzt schon da, als ich das Restaurant um elf Uhr betrete. Ich sage: "Nachdem ich England im Fußball geschlagen habe, muss ich mal die Zeche zahlen!" Damit lenke ich geschickt von dem Drama gegen Spanien ab, das mich letzte Nacht jede Menge Nerven und Schlaf und uns bekanntlich die WM-Krone gekostet hat.
Also Themawechsel. Michael bringt mich auch rasch auf andere Gedanken. Dass er früher ein stinkreicher Kuchenfabrikant war, der mit exklusiven Fruchtkuchen für British Railways ein Vermögen gemacht hat, in Las Vegas mit Liberace und Sammy Davis Jr. auf Du und Du war und dort auch öfter mal mit den Jungs im Cesar's Palace Party gemacht hat, war mir in der Form bisher jetzt nicht so klar. Auch nicht, dass er seine erste Frau und eine Tochter um ein Haar bei einem dramatischen Autounfall verloren hätte. "There was not a bone left that was not broken!" Und dann der Absturz in den Achtzigern: British Railways hat aus irgendeinem Grunde monatelang Rechnungen nicht bezahlt, das Geschäft lief schlecht. Michael musste Konkurs anmelden. Er und seine Frau hafteten als Privatunternehmer komplett allein für alles und damit war die Party aus und die Immobilien alle weg.
Auch im Moment ist es gerade turbulent in Michaels Leben: Seine zweite Frau, die er erst vor ein paar Jahren hier in Nanjing ehelichte, liebe ihn nach der Scheidung vor einem Jahr immer noch, erklärt Michael, während die dritte, die gerade nach einer depressiven Attacke in Behandlung war, darüber natürlich "not amused" ist.
Einige Tage nach diesem Treffen wird mir Michael eine E-Mail schreiben und berichten, seine dritte Frau sei spurlos verschwunden und ihre Familie leider keine große Hilfe bei der Suche. Da kann man nur sagen: Es lebe das Single-Dasein!
Ningun perdona para Maradona! oder: WM an der Mauer Teil II
Nach dem Sprachtraining in meiner Bibliothek, während welchem meine Trainerin Cathy (im Foto ganz links) zunächst das Geschenk von Gedenia bewundert und dann mein typisch deutsches Verhalten rügt ("Drei Punkte muss man doch irgendwo noch auftreiben können!"), mir aber immerhin versichert, dass man als Lehrer in der Volksrepublik China Geschenke unter hundert Mark noch annehmen kann, verschlägt es uns ins Swede & Kraut. Wir überbrücken damit die Zeit bis zum WM-Viertelfinale. Insgeheim hoffe ich, dass das Spiel auch hier übertragen wird, damit ich es nachher nicht so weit nach Hause habe, aber Fehlanzeige. Dafür begegnen wir Michael und Linda samt Töchterchen "Jenny" (3. von links), einem chinesischen Ehepaar, das sich gerade von deutschen Freunden verabschiedet, die es heimwärts zieht. Michael (nicht der Engländer), den ich von einer Grillparty meines Klassenkameraden Karl kenne, bittet uns prompt, uns dazuzusetzen. Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Um kurz vor neun machen wir uns dann auf zum Secco.

Diesmal gibt es keine englischen Tröten, dafür einige blau-weiße Fahnen. Aber es hat sich dann für Argentinien bald ausgefahnt. Schwarz-Rot-Gold dominiert ohnehin das Bild hier vor der Großleinwand, denn ein chinesischer Deutschland-Anhänger verteilt Gratis-Fahnen, die auf einen Strohhalm gezogen sind, und Cathy, die jedesmal verzückt aufjuchzt, wenn "ihr Löw" auf der Bildfläche erscheint, hat es sogar fertig gebracht, sich auf dem Damenklo umzuziehen. Sie trägt jetzt ein T-Shirt in Schwarz-Rot-Gold! Ob sie bei einer Pingpong-WM auch Rot mit gelben Sternen trägt, die Frage verkneife ich mir. Eine Magisterstudentin habe ich getroffen, die beim Spiel gegen England nicht da war. Ansonsten ist alles so ähnlich wie am 27. Juni. Glück natürlich auch, dass dieses Viertelfinalspiel gegen Argentinien um 16 Uhr Ortszeit angepfiffen wurde. Das ist dann hier 22 Uhr. Den Heimweg trete ich mit "Lionel" an, einem Bekannten von Cathy, Jane und Lilly, der Deutschland fleißig mit angefeuert hat. Obwohl ich in feuchter Nachthitze zwei Kilometer zu Fuß zurückgelegt und also Zeit gehabt habe mich innerlich zu sammeln, liege ich noch bis drei Uhr nachts wach und habe kein bisschen Mitleid mit Maradona.

Ein schweres Geschenk
Gedenia, so nennt sich in ihrer E-Mail-Adresse eine Studentin, die gewiss viele Begabungen hat, aber Deutsch gehört mit Sicherheit nicht dazu. Deshalb hat sie mich schon vor ein paar Wochen in der Sprechstunde aufgesucht mit der Bitte, ihr zu "helfen". Heute, da sie zu einer Wiederholungsprüfung in meiner Bibliothek erscheint, ist sie sogar noch deutlicher: "Können Sie meine Prüfung ein bisschen besser machen?" Antwort: "Nein!" Da bin ich ganz deutsch-direkt. Zwei Stunden später gibt sie ab und überreicht mir ein Geschenk, eine schwere Kiste. "Für meine Bemühungen", kommentiert Gedenia etwas verschämt lächelnd die studentische Sonderzuwendung und merkt eher beiläufig an, dass die Prüfung schwer war und ein paar unerwartete Fragen enthielt. Dann geht sie und ich öffne eine rote Sesam-öffne-dich-Schatulle. Du ahnst es nicht: In der roten Stoffkiste befindet sich ein traditionell chinesischer Jade-Stempel mit meinem chinesischen Namen und roter Stempelfarbe, ein sündhaft teures Geschenk, umgerechnet fünfzig bis hundert Mark. Ein schweres Geschenk, denn wenig später muss ich schweren Herzens feststellen, dass Gedenia auch bei bestem Willen (den ich ja immer habe) nur auf 57 Prozent kommt. Durchgefallen. Ich bedanke mich also per E-Mail für das Geschenk und eröffne Gedenia, dass sie die Prüfung noch mal schreiben muss.
Prüfung
Mit der neuen U-Bahn-Linie bin ich zum Außencampus Xianlin gefahren, um Prüfungen abzunehmen. So konnte ich zwanzig Minuten später aufstehen. In dem heißen Saal surren die Ventilatoren. Ich kann mich auf meinen SPIEGEL-Artikel nur mit Mühe konzentrieren und lege mich in der Mittagspause im Lehrerwartesaal erst mal eine halbe Stunde hin. War doch bisschen wenig Schlaf gestern. Nachmittags bei der mündlichen Prüfung ("Spielen Sie Lessings Ringparabel nach!") geht es dann schon wieder.
WM an der Mauer
Man kann es als einen deutschen Biergarten in China bezeichnen, das kleine Stück Rasen zwischen dem bereits im Eintrag am 9. Juni erwähnten deutschen Bar-Restaurant "Secco" und der Stadtmauer, in deren unmittelbarer Nähe sich die Kneipe befindet. Und genau hier, also zwischen Bar und Mauer, hat die "Secco"-Mannschaft vor einer Reihe von Tischen und Bänken eine Großleinwand aufgespannt, vor die die Deutschen in der Stadt in Scharen gepilgert sind. Zu diesen Scharen gehören neben meiner fußballbegeisterten Kölner Kollegin vom Goethe-Lehrzentrum auch Cathy und ich. Wir haben uns entschieden, dass wir Hitze und Mücken trotzen und uns die Party gegen England nicht entgehen lassen, obwohl ich zunächst mal gar nicht so sicher bin, dass es eine Party gibt. Später gesellen sich auch noch Cathys Freundinnen Jane und Lilly dazu. (Cathy hat mir erklärt, dass Janes chinesischer Name zu männlich klingt; deswegen reden sie sich jetzt immer alle mit ihren englischen Namen an.) Kurz nach dem Anpfiff erobern englische Fußballfreunde kurzzeitig das Terrain, indem sie mit Tröte und Rotkreuz durch die Reihen der Bänke ziehen. Es hat sich dann aber bald ausgetrötet. Denn bekanntlich fallen die deutschen Tore in diesem Spiel wie reife Pflaumen von den Bäumen. Ein besonders begeisterter Chinese skandiert wie im Rausch: "Fünf zu null, fünf zu null!" Beim Stand von 4:1.
Als wir in klebrigen T-Shirts den Heimweg antreten, können wir es immer noch nicht glauben. An Schlaf ist auch weit nach Mitternacht überhaupt nicht zu denken. Und morgen habe ich zwei Prüfungen!
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