Flaschenöffner
Ich treffe Jiaojun, das Mädchen von Michaels Weihnachtsparty, vor dem Ausgang 1 der U-Bahnstation Lujiazui und wäre, obwohl ich mich zu Fuß vom Hotel hierher auf den Weg gemacht habe, sogar fast pünktlich gewesen. Nur leider kommt man unter Tage nicht von Ausgang 2 zu Ausgang 1 und ich muss wieder raus und oben herum. Jiaojun steht schon draußen und sieht mich gleich. Ihre Idee, den Orientalperlturm (Schanghais modernes Wahrzeichen) zu erklimmen, per 180-Yuan teurem Fahrstuhl, kontere ich mit dem Alternativ-Vorschlag, es anderswo (viel billiger) zu versuchen. An der Kasse hat sich Jiaojun auch schön im Hintergrund gehalten. So kann ich nun berichten, wie immens wenig man für das teure, teure Geld geboten bekommt. Da habe ich doch eine "viel bessere Idee": Wir fahren mit dem Fahrstuhl in die "Sky lounge" des der Form halber auch "Flaschenöffner" genannten Schanghaier Weltfinanzzentrums. Hierbei handelt es sich mit 492 Metern immerhin um das vierthöchste Gebäude der Welt und es ist vom dreißig Meter niedrigeren Perlturm nur fünf Fußminuten entfernt. Wenn das keine überzeugenden Argumente sind!
Obwohl wir dort vom 51. Stockwerk aus ebenfalls eine kolossale Sicht auf ganz Schanghai haben (nebenan ragt wie ein aufgeplatztes Organ der metallene Kern des nächsten Giganten empor, der 600 Meter hoch werden soll), kommt mir Jiaojun immer noch ein bisschen verstimmt vor, wie ein kleines Mädchen, dem die Mama einen Lutscher verweigert hat. Dann kommt auch noch ein böser Onkel und teilt ihr (nicht mir) mit, hier solle man sich nicht aufhalten. Dabei ist die "Sky lounge" bis auf eine einzelne Dame an einem Pult mit dem Schriftzug irgendeines Finanzkonzerns menschenleer. Wen können wir hier schon stören? Jiaojun nickt trotzdem artig und wir steigen wieder in den Fahrstuhl. Ich wollte ja eigentlich noch rauf bis in den 77. Stock, aber man muss auch mal fünf gerade sein lassen können.

Jiaojuns Stimmung hellt sich erst beim Essen wieder so richtig auf. In Gino's Pizzeria darf sie so viel bestellen, wie sie will. Man ahnt es schon: Am Ende bekomme ich doch wieder das meiste, weil ja diese jungen Dinger einfach nie Appetit haben. Schon nach dem Salat mahlen die Mühlen langsamer. Ich esse ca. 1,7 Pizzen und 1,5 Salate. Zwischen den Gängen äußert Jiaojun verdächtig viel Interesse an meinen Vermögensverhältnissen und meinem Einkommen, aber das nur so nebenbei. "Oh, das ist aber teuer geworden", tut sie scheinheilig, als Ginos Kellner die Rechnung präsentiert. "Kein Problem", erwidere ich, "viel billiger als mit dem Fahrstuhl rauf zum Perlturm!" In der Tat, so gesehen, habe ich immens gespart! Dann frage ich, ob wir mit der U-Bahn fahren oder zu Fuß zum Kino wandern sollen. Das befindet sich an einem Ort, den die Chinesen großspurig "Times Square" genannt haben. Zu Fuß sei nach dem vielen Essen gut, meint sie, stöhnt dann aber schon nach den ersten dreihundert Metern. "Das kann nicht sein", sage ich. "Du bist aus Hunan. Von dort kommen die härtesten Mädchen!" Danach keine Klagen mehr.
Hongzhen hat via Internet im Kino am "Times Square" zwei Plätze reserviert. Als ich ihre Code-Nummer eingebe, kommt nur eine Karte heraus. Nanu? Ich gebe den Code noch einmal ein. Ein Opi macht uns dann darauf aufmerksam, dass da wohl noch eine Eintrittskarte im Röhrchen steckt - tatsächlich! Mit zwei Mobilfunk-Telefonaten während des Films sind wir in Anbetracht des kleinen Kinosaals vermutlich im Schnitt. Dafür unterhält sich das Ehepaar aus der Mao-Ära neben mir öfter mal in Zimmerlautstärke. Jiaojun erweist sich nun doch endlich als hartes Hunan-Mädel und hält auch bei den brutalen Kriegsszenen wacker durch. Und ich glaube, sie weint am Schluss nicht mal. Das ist ja allerhand! In "Die Blumen des Krieges" geht es um einen hedonistischen Amerikaner, der während des japanischen Völkermords an der Bevölkerung von Nanjing 1937 zur Tarnung in die Robe eines Priesters steigt und sich unter dem Eindruck der blutigen Kriegsgräuel vom Saulus zum Paulus wandelt. Außerdem suchen bunt gekleidete Damen, die sich als Kindergärtnerinnen bezeichnen, in der Kathedrale Unterschlupf. Identifikationspotenial für Jiaojun, die selbst als Erzieherin arbeitet.
Auf dem U-Bahnsteig verabschiede ich mich von meiner jungen Begleiterin, die in die andere Richtung fährt. Für mich ist der Tag damit aber noch lange nicht zu Ende. Denn an der Station Nanjinger Straße treffe ich mich mit meinem Kollegen Ralf, lande mit ihm erst in einem schummerigen Café, wo die heiße Schokolade lauwarm und wässrig ist, aber trotzdem 30 Yuan kostet. Der Grund liegt auf der Hand: Man hat auf der Terrasse einen famosen Blick auf die illuminierte Skyline von Pudong (einschließlich Perlturm und Flaschenöffner). Ralfs Anekdoten aus seinem Privatleben (eine chinesische Lebensabschnittsgefährtin mit bipolarer affektiver Störung, dem Syndrom, über das ich dank der lose mit mir befreundeten Autorin Danyu auch einiges zu berichten weiß) kommentiere ich, soweit im Schummerlicht möglich, fortlaufend mit Zitaten aus der akutellen SPIEGEL-Titelgeschichte "Liebe lieber unvollkommen", der weitgehend bestätigt, was Christen sowieso seit jeher predigen: "Echte Freundschaft schmiedet Paare viel fester zusammen als die Herzklopfdramatik der sogenannten großen Liebe. [...] Die ewigen Beziehungsdebatten führen in der Regel zu nichts, jedenfalls zu nichts Gutem. Sex ist überbewertet" und komme meist viel zu früh im Kennenlernprozess. Als wir gehen, blickt ein Deutscher von seinem tragbaren Computer auf und wünscht uns noch einen schönen Abend. Er gibt uns damit zu verstehen, dass wir ihn mit unserem reichlich privaten Gespräch blendend unterhalten haben. "Hier muss man aufpassen, was man sagt", meint Ralf vorm Fahrstuhl, "überall Deutsche!"
Ralf hat Hunger. In dem nebenan gelegenen Schnellrestaurant treffen wir drei deutsche Jungs und eine Österreicherin auf Wanderschaft. Alle sprechen kein Chinesisch. Aber der Wunsch der Österreicherin nach einem flambierten Eis, bekanntlich keine Spezialität in chinesischen Schnellrestaurants, lässt sich auch mit mir als Übersetzungshilfe, nicht erfüllen. Ralf hat einen Riesenbottich vor sich stehen und isst davon auch nicht mehr als Jiaojun von ihrer Pizza. Dafür erwirbt er dann aber im nächsten Supermarkt noch rasch ein Snickers für den kleinen Hunger danach. Wir lassen den Abend in einer Jazzbar ausklingen, in der Ralf Stammgast ist. Hier scheint vor siebzig Jahren die Zeit stehen geblieben zu sein. Oben auf der Empore, erzählt Ralf, hat Köhler eines seiner letzten Getränke im Amt des Bundespräsidenten zu sich genommen. Ralf hat sich sowohl mit der russischen Mitbetreiberin als auch mit der Kubanerin, die in der Jazz-Band spielt (die allerdings montags, also heute, von einer weniger mitreißenden Truppe vertreten wird), gut bekannt gemacht. Hier kostet die heiße Schokolade 55 Yuan, ist tatsächlich heiß und auch nicht wässrig. Gegen Mitternacht geht's nach Haus.
Das Stadtviertel Pudong, das sich anschickt, so eine Art Manhattan von Schanghai zu werden, ist durch fünf Tunnel und nicht eine Brücke mit dem so genannten Bund, dem Zentrum des alten Schanghai, verbunden; der einzige Tunnel für Fußgänger ist natürlich um diese Uhrzeit geschlossen. Er ist auch mehr so etwas wie ein Erlebnispark. Welcher gehirnamputierte Stadtplaner sich das wieder ausgedacht hat, muss ein Rätsel bleiben. Ich ärgere mich, dass ich für fast 30 Yuan ein Taxi nehmen muss und dann in dem Tunnel, durch den es fährt, auch noch Stau wegen Bauarbeiten herrscht.