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Samstag, 09. April 2016

Im Paradies der Tulipane
Von didus, 23:09

Wenn man abends nach einem vielseitigen Tag, der als Teil einer bunten und gut gelaunten Reisetruppe ausländischer Lehrer vormittags zum Reservat einer unter Naturschutz stehenden Hirsch-Spezies und nach einem üppigen Mittagsmahl zu einem hektargroßen holländischen Tulpenparadies mitten in China geführt hat, um zehn im Badezimmer eines 5-Sterne-Hotels in der Badewanne liegt und durch die vollverglaste Front auf den in der Suite laufenden Fernseher blickend der eigenen Lieblings-Fußballmannschaft dabei zusieht, wie sie durch einen 1:3-Auswärtssieg gegen VfB Stuttgart einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vierten Meisterschaft in Folge nimmt, und wenn man all dies mit keinem müden Kreuzer zu entgelten hat, sondern sich als Gast der chinesischen Provinzregierung fühlen darf, als wäre man ein ultrawichtiger Geschäftsmann, den es milde zu stimmen gilt, dann kann man im Leben nicht alles falsch gemacht haben. Nicht alles, aber manches schon, denn nach dem Tulpenparadies war natürlich wer derjenige, der mal wieder die ganze Reisetruppe zunächst in Ungeduld und dann in Unruhe versetzte, weil er den vereinbarten Treffpunkt nicht rechtzeitig finden konnte? Drei Mal darf der geneigte sin-o-meter-Leser raten. Aber natürlich trifft mich wie immer in solchen Fällen überhaupt keine Schuld. Denn natürlich hatte ich von den Tulpen schon nach einer halben der insgesamt zwei Stunden zur freien Verfügung schon wieder genug und habe es mir am Rand des kleinen Flüsschens am Parkrand gemütlich gemacht, mich danach allein auf den Weg zum Treffpunkt begeben, war nur zweieinhalb Minuten zu spät, traf kein bekanntes Gesicht an und musste mich folglich allein auf die Suche nach dem Bus machen, hierbei entdeckend, dass es linker Hand und rechter Hand einer völlig verstopften Anfahrtsstraße zum Tulpenparadies je ein riesiges Busareal gab. Zwanzig Minuten Herumgeirre sind da, eingedenk des erbarmungslosen Murphy-Gesetzes, dass man in derlei Situationen erst mal den falschen Parkplatz wählt, schnell passiert. Zugegeben: Ich hätte auch mal auf die Anzeige meines auf Stumm geschalteten Telefons blicken und dabei drei vergebliche Anrufe der Reiseleitung registrieren können, die deswegen jetzt erst mal ziemlich genervt auf mein betont lässig-argloses Erscheinen reagiert, aber wie gesagt: Man kann vielleicht nicht alles falsch gemacht haben, aber doch hin und wieder ...

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Montag, 08. Februar 2016

Das Schweigen der Böller
Von didus, 00:46

Das ist der Schock des Jahres. Ich habe mir vorgenommen, wie einst im Jahre 2011 bis etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht Filme zu schauen, um dann live und in Farbe dem großen Frühlingsfest beizuwohnen. Doch als nach elf immer noch keine Knaller zu hören sind, werde ich langsam misstrauisch. Und als ich dann kurz vor Mitternacht zu meinem Nachtspaziergang aufbreche, durch eine gespenstisch ruhige Stadt, wird klar: Dies wird das ruhigste und dunkelste Frühlingsfest, das ich je in China miterlebt habe. Die Regierung hat Feuerwerke strengstens untersagt aus Gründen der Luftverschmutzung, der Lärmbelästigung und den anderen Gründen, die man sich in diesem Zusammenhang ausmalen kann. Ich gehe zum Xinjiekou-Platz, so eine Art »Times Square« von Nanjing, wo eigentlich immer was los ist. Heute nur gähnende Leere. Ich gehe runter zur U-Bahn und das Aufregendste, was ich in dieser Nacht erlebe, sind die vielen Obdachlosen, die hier überall am Rand der Gänge und in den Ecken lagern. Ist ja schön warm hier. Ich gehe nach Hause und sehe den unterbrochenen Film zu Ende. Immerhin eines habe ich heute gefunden: ein Thema für den Aufsatzunterricht im nächsten Semester. »Schreibe eine Erörterung zum Thema: Soll man Feuerwerke zum chinesischen Neujahrsfest wieder erlauben?« Dazu hat garantiert jeder eine Meinung.

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Dienstag, 02. Februar 2016

Aumim & Oil
Von didus, 23:58

Die Busfahrt nach Nanning ist dann eine überraschend unterhaltsame Angelegenheit. Hinter mir sitzt eine Vietnamesin, die weder Kosten noch Mühen gescheut hat, ihr heiß ersehntes China-Visum zu erhalten. Nun will sie möglichst oft nach China reisen. Ihr Englisch ist überdurchschnittlich gut. Rechts hinter mir sind zwei Thailänderinnen, die, wie ich später erfahre, Aumim und Oil heißen und auf der Rückreise in ihren Studienort, das malerische Guilin, sind. Auf den beiden Plätzen links von mir hat ein chinesisches Pärchen Platz genommen, ebenfalls des Englischen sehr gut mächtig. Vor mir sitzt eine chinesische Studentin, die bereits in dem Elektromobil an der Grenze vor mir saß. Sie hat es noch nicht bemerkt, aber lange, blonde Haarbüschel von meiner über ihr in der Ablage depnoierten kaputten Stofftasche, drohen sich in ihren langen, schwarzen Haaren zu verfangen. Ich rücke die Tasche zurecht, um sie vor peinlichen Faserimmissionen zu bewahren und erfahre, dass sie aus Tongling stammt, wo ich – welche Überraschung – auch schon mal Zwischenstation gemacht habe, auf meinem Weg zum Jiuhuashan. Darüber unterhalten wir uns kurz und ich erfahre, dass sie, wie mein Reisegefährte von der Hinreise, in Harbin studiert, nun aber aus Anlass des Frühlingsfestes auf dem Weg zu ihren Eltern in Tongling ist. Die Thailänderinnen teilen großzügig ihre mitgebrachten Leckereien mit den umliegenden Fahrgästen. Ich erfahre, dass sie aus Chiangmai stammen,wo ich – welche Überraschung – auch schon mal war. Die beiden Chinesen auf der Rückbank, ein solide gebauter und ein eher schmächtiger, sind von den jungen Damen um sie herum sichtlich angetan und können gar nicht mehr aufhören zu reden, vor allem der Solide. Gegen Mitternacht erreichen wir Nanning und tun uns zusammen, um erst mal gemeinsam Fahrkarten zu erwerben. Ich mutiere zu einer Art Reiseleiter, da ich mich in Nanning bereits bestens auskenne. Der schmächtige Chinese findet rasch ein Hotel. Die Studentin aus Tongling will zum Busbahnhof. Und die Vietnamesin mit dem China-Visum telefoniert mit einem Bekannten und verabschiedet sich an der nächsten Ampel von uns. Wie immer haben wir natürlich längst alle Adressen ausgetauscht und wie immer wird die nie jemand nutzen. Ich lotse Aumim und Oil zum Fahrkartenverkaufsbereich am Bahnhof. Der solide Chinese schließt sich uns an. Wir alle bangen wegen des nahen Frühlingsfestes um unsere Fahrkarten. Ich bekomme nur wieder den 24-Stunden-Bummelzug K1192, das Pendant zu dem, den ich schon auf der Hinreise hatte (K1191). Aber das hat auch einen Vorteil: Ich erspare mir den Weg zum Schnellzug-Bahnhof Nanning, der meilenweit entfernt vor der Stadt liegt, und ich komme in Nanjing im Zentrum an und nicht am Südbahnhof Nanjing-Nan, der meilenweit außerhalb vor der Stadt liegt. Und ich kann ausschlafen. Die Thailänderinnen frohlocken. Sie haben ihre Wunschfahrkarten bekommen und werden schon in Guilin sein, wenn ich mich – morgen um zehn vor vier – gerade auf die Reise begeben haben werde. Da ich auch weiß, wo es billige Unterkünfte gibt, folgen sie mir ins selbe Hotel. Und in der Tat: konkurrenzlos günstig. Ich teile mir ein Zimmer mit dem Soliden von der Rückbank und muss daher diesmal sogar nur die Hälfte zahlen, umgerechnet 15 Mark. Seit 2004 habe ich nicht mehr so billig übernachtet. Die Kaution übernehme ich, da ich morgen ja der letzte sein werde, der geht. Es dauert etwas, bis ich die Hin- und Herrechnerei mit dem Bezahlen begriffen habe, aber der Solide ist zweifellos solide und vertrauenswürdig. Aumim und Oil gefällt unser Zimmer besser und wir sind natürlich echte Gentlemen und tauschen mit ihnen. Dann gehen wir gemeinsam zum Mitternachtsbuffet in das erstaunlicherweise noch geöffnete chinesische Restaurant an der Straße vor dem Hochhaus, in dem sich das Hotel befindet, und lassen den Tag ausklingen.

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Louis und der verschwundene Rucksack
Von didus, 20:15

Als ich an diesem Morgen in dem kühlen Hotelzimmer zum dritten Mal auf meine Armbanduhr schaue, wird mir klar, dass sich der abgefallene Sekundenzeiger zwischen die anderen beiden geschoben haben muss. Denn so lange halb sechs sein kann es einfach nicht! Ich schalte das Fernsehen ein und stelle fest,dass es schon halb zehn ist. Nun aber schnell zum Busbahnhof, ehe noch die gesamte Tagesplanung koppheister schießt. Beim Einstieg in den Bus nennt man mir erst mal einen zu hohen Preis (ich hatte mich ja gestern informiert), weswegen ich der umtriebigen Anschnackerin in die Schalterhalle enteile. Die junge Dame mit dem falschen Preis eilt mir prompt nach und so bezahle ich also jetzt doch die standesgemäßen 120.000 Dong und darf einsteigen. An einem Verkaufsstand kaufe ich noch ein paar frisch gekochte Eier für unterwegs. Ja, die Reise mit dem Bus lohnt sich. Die grünen Hänge jenseits der Fahrbahn wirken z.T. wie eine ins Binnenland verfrachtete Halong-Bucht. Als wir uns Dongdang nähern, überschlagen sich die Ereignisse, denn die Stadt ist der Zielort des Busses. Darum werde ich, der ich ja nach China will, umverfrachtet. Und nun geschieht ein folgenreicher Fehler: Der gelbe Rucksack, der bisher unter dem Beifahrersitz gelagert wurde, wird für mich rausgeholt. Alles wird in den nächsten Minibus gepackt, der direkt an die Grenze fährt, und ich unterlasse es, den gelben Rucksack an mich zu nehmen. Neben mir auf dem Sitz befindet sich lediglich die Stofftasche mit dem ausgefransten Henkel (auf meiner Jacke finden sich mittlerweile auch schon blonde Fusseln) sowie Buch und Lebensmitteln. Schon sitze ich im nächsten Transportmittel. Nach einer knappen halben Stunde fährt es auf den riesigen Park- und Wendeplatz des Grenzkontrollpostens Huo Nghi, der vor dem Hintergrund grüner Hänge daliegt und einer ganzen Reihe von Minibussen Obdach gewährt. An einem kleinen Kiosk im hinteren Teil des Geländes werde ich rausgeschmissen. Man zeigt mir noch, wo ich die Fahrkarte für Nanning erwerben kann. Und weg sind sie. Ich begebe mich mit der Tasche mit den bloden Henkel-Fransen in die Schalterhalle. Dort sitzt eine Frau, die Chinesisch spricht und mir für 300.000 Dong die Fahrkarte nach Nanning verkauft. Doch plötzlich wird mir klar, dass niemand mir, anders als beim vormaligen Boxenstopp bei Dongdang, den gelben Rucksack nachgetragen hat. Vietnamesen sind offenbar doch nicht so nachtragend, wie viele im Westen denken. Und ich bin jetzt der Angeschmierte. Ich stürme aus der Schalterhalle und verstöre alle am Kiosk mit meinen aufgeregten englischen Sätzen, mit denen ich mich nach dem Verbleib meines Rucksacks erkundige bzw. des Kraftfahrzeugs für Personentransport, das sich hier gerade noch befand. Binnen weniger Minuten mutiere ich zum Amok laufenden Nervenbündel à la Louis de Funès. Einziger Unterschied: Statt »Bretter, Bretter, Bretter« rufe ich »Bag, bag, bag« (klingt aber für Vietnamesen vermutlich ähnlich). Ich weiß mir wirklich keinen anderen Rat als den wilden Mann zu markieren, wandere zunächst mal die anderen, weiter vorne unter kleinen Vordächern geparkten Fahrzeuge ab und rufe allen, die es nicht hören wollen und auch nicht verstehen können, zu: »Where is my bag?« Hernach stolziere ich, wüste Äußerungen der Selbstkritik ausstoßend, auf dem leeren Parkplatz hin und her, zertrümmere einen Ziegelstein, der herrenlos auf den Fliesen vor dem Schalterhäuschen herumlag, indem ich ihn wiederholt mit aller Kraft auf den Asphalt des Parkplatzes schleudere, und wirke auf die Öffentlichkeit in etwa so beruhigend wie ein Afghane der in Kabul auf einem belebten Markt mit einer auffällig dicken Weste herumsteht. Ich überschlage, was ich womöglich verloren habe: ein kaputtes Kindle-Gerät, sämtliche Kleidung, die ich nicht am Leib trage, ein altes Kartenspiel, den Rucksack selbst. Pass, Geld, Tim-und-Struppi-Bild, meine aktuelle Clemens-Setz-Lektüre – alles in der Stofftasche mit dem ausfransenden Henkel oder in der Hosentasche meiner Post-Hose. Eigentlich habe ich hier ein bisschen viel Theater gemacht in Anbetracht der Tatsache, dass alle echten Wertgegenstände gar nicht im Rucksack sind. Wie dem auch sei, der Erfolg lässt nicht auf sich warten. Eine junge Dame von einem der Läden oder Verkaufsstände, des Englischen mächtig, eilt herbei und erkundigt sich nach den Unbilden, die mich zum Irrsinn zu treiben scheinen. Auch ein besorgter Bediensteter aus dem Verkaufsbereich weiter vorne, ein rundlicher, kompakt wirkender Mann, bietet auf Englisch Hilfe an. Man bringt mich zu so etwas wie einer Minibus-Zentrale, die sich neben dem Schalter für die Fahrkarten nach Nanning befindet. Dort schildere ich meinen Fall. Man fragt mich nach Auto-Kennzeichen, Telefonnummern und Namen. Ich kann nur mitteilen, von wo ich komme und wo ich umgestiegen bin. Man verspricht mir, dass man herausfinden werde, wer mich fuhr. Und wenig später kommt der hilfsbereite rundliche Mann mit der Mitteilung: Man habe in dem Minibus den Irrtum bemerkt, wisse aber nicht, wie man mir den Rucksack zurückbringen könne, da ein erneutes Ansteuern der Grenze nicht vorgesehen ist. Das macht mich doch schon etwas entspannter. Ich habe inzwischen sogar den Nerv, die freundliche junge Dame für ihr gutes Englisch zu loben und sie in ein kurzes Gespräch zu verwickeln. Doch die Zeit arbeitet gegen mich und ich muss mich jetzt entscheiden: Gebe ich die Fahrkarte nach Nanning zurück, die ich bereits erworben habe? Die Verkäuferin macht nämlich gleich den Laden dicht und die letzten Fahrkarten werden für den Bus um halb fünf verkauft. Was aber, wenn der Rucksack später auftaucht? Soll ich wegen des Rucksacks noch eine Nacht in Vietnam verbringen, die womöglich teurer ist als der gesamte Rucksack mit Inhalt? Eines ist allerdings klar: Wenn ich jetzt mit der Fahrkarte über die Grenze gehe, kann ich ihn nie zurückbekommen. Dieses Nie wirkt auf mich so fatal und folgenschwer, dass ich mir kurz vor Toreschluss die Fahrkarte erstatten lasse. Fünfzehn Minuten später kommt jemand mit einem gelben Gegenstand auf mich zu. Der hilfsbereite Mann vom Fahrdienst-Stand erklärt, dieser Fahrer sei so freundlich gewesen, den Rucksack von seinem säumigen Kollegen zu übernehmen und herzubringen. Ich bedanke mich herzlich und habe inzwischen erfahren, dass man immer noch auf der chinesischen Seite eine Fahrkarte nach Nanning erwerben kann. Ich schließe mich nun einem Tross von Reisenden an, die zu den Grenzkontrollposten gefahren werden. Dann geht es zu Fuß durch den Zoll. Als ich auf der chinesischen Seite herauskomme, werde ich gleich abgefangen, und zwar, klar, von den Fahrkartenverkäufern auf der chinesischen Seite. Glücklicherweise nehmen sie sogar meine letzten 300.000 Dong an, sodass ich also auf denen nicht sitzen bleibe. Allerdings, so gibt man mir zu verstehen, muss ich noch ein bisschen warten, bis der Bus voll ist. Man lädt mich ein, auf dem freien Stuhl in dem kleinen Kabuff Platz zu nehmen. Drei Leute hocken hier auf gefühlten drei Quadratmetern aufeinander: eine junge Dame, die potentielle Fahrgäste abfängt, und zwei Männer, von denen einer die Listen führt; der andere ist vielleicht ein Fahrer. Die Warterei zieht sich in die Länge, die Sonne geht unter. Ich sage, das dauere aber lange und ich hätte Hunger. Prompt bekomme ich einen chinesischen Doughnut angeboten, später darf ich noch von einer ananasgelben Frucht probieren, die ich gar nicht kenne und die schmeckt wie eine Mischung aus Apfel und Mango. Immer wieder werden Reisende von der Anschnackerin angeschnackt, aber keiner will eine Fahrkarte. Als es schon fast dunkel und ziemlich kalt geworden ist, kommt doch noch eine ordentliche Horde. Es geht also endlich los. Ein elektrisches Parkmobil fährt mich und die zuletzt angerückten Touristen durch ein großes Steinportal hindurch zu dem Bus, der nur wenige Hundert Meter entfernt gewartet hat.

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Montag, 01. Februar 2016

Reisziel: Mond
Von didus, 19:04

Am frühen Morgen also tatsächlich der Weckruf. Meine Sachen sind immer noch nicht alle richtig trocken. Rasch packe ich zusammen. Der Henkel meiner Tragetasche hat sich in seine faserigen Einzelbestandteile aufgelöst und sieht jetzt aus wie das Toupet einer blonden Muppet-Puppe. Ich nehme sie untern Arm, schultere den Rucksack und bin pünktlich um kurz vor halb acht zur Abfahrt des Minibusses am Hangar an der Tran Phu Nha Trang Nr. 86. Der Bus (Fahrpreis: 65.000 Dong) verlässt die Bucht von Nha Trang über gut ausgebaute Straßen, ein letzter Blick zurück auf die grünen Hänge am Meer. Mein Flug geht um zwanzig vor zehn. Etwa eine Stunde vorher finde ich mich am Vietjet-Schalter eines modernen Flughafens im öden Niemandsland wieder und habe kein Gepäck aufzugeben. Als ich am Schalter stehe, sehe ich, dass sich ein Bindfaden um meine Fußgelenke gewickelt hat. Ich stelle fest, dass es sich um Fasern vom Henkel meiner Tragetasche handelt, die einige Meter vom Schalter entfernt auf dem Boden liegt. Offensichtlich besteht der Henkel meiner Tragetasche aus so vielen Einzelfasern, dass sie, einzeln aneinander gelegt bis zurück zum Strand von Nha Trang reichen würden. Besorgte Passagiere weisen mich darauf hin, dass ich stolpern könnte. Als ich im Wartesaal der Abflughalle sitze, stelle ich fest, dass sich einzelne blonde Fasern bereits auf meiner Kleidung verteilt haben. Im Flugzeug hängen Fasern aus dem Schließfach oberhalb der Sitze. So weiß ich wenigstens, wo meine Tasche abgeblieben ist. In Hanoi finde ich rasch die Bushaltestelle. Ich erinnere mich vom Tag der Ankunft noch an die Linie 17, die vom Bahnhof in die Innenstadt führt. Ich esse etwas Obst aus dem Nha Tranger Supermarkt, an einem Apfel hängt eine Faser meiner Tragetasche. Die Fahrt dauert doch länger als die zuvor in Erfahrung gebrachten 20 Minuten, nämlich fast eine Stunde. Als ich die ersten Gebäude sehe, die mir bekannt vorkommen, steige ich aus. Die Hauptstadt ist voll auf Frühlingsfest eingestellt. Überall fahren Zweiräder die berühmten Mandarinenbäumchen herum, die auch in Südchina als Symbol für den Frühling in dieser Jahreszeit Hochkonjunktur haben. Festlich geschmückt sind ganze Straßenzüge, einige sogar gesperrt. Ich brauche eine Weile, um mich zu orientieren. Auf dem Stadtplan finde ich längst nicht jedes kleine Gässchen in diesem verwinkelten Altstadtbereich. Schließlich finde ich mein altes Hotel, das »Cyclo-Hotel«, in dem ich meine erste Nacht in Vietnam nach der Ankunft verbracht habe. Ich habe ja schließlich eine Mission: meine Kaution zurückverlangen für den Schlüssel, den Reisegenosse Hu verbummelt hat. Aber mein Entsetzen ist groß, als ich erfahre, dass mein langer Weg zurück völlig sinnlos war: Hu hat den Schlüssel viel zu spät zurückgebracht (er war ja in Saigon) und ein neues Schloss musste eingebaut werden. Mithin kann mir mein Geld nicht erstattet werden, erläutern die Damen zerknirscht. Das Schloss war ja viel teurer! Aber, argumentiere ich, das alles war doch nicht meine Schuld! Hu hat leider jegliche Verantwortung und finanzielle Kompensationsleistung abgelehnt. Ich bin einigermaßen empört und muss den Rezeptionsdamen zustimmen, als sie Hus Verhalten als »typically Chinese« bezeichnen. Im Hotel habe ich immerhin erfahren, wie man mit dem Bus an die Grenze kommt, denn am Bahnhof habe ich ermittelt, dass es auch nach China keine Zugfahrkarten mehr gibt. Hu hatte mich per E-Mail aber schon informiert, dass eine Reise im Bus ohnehin empfehlenswerter sei, da man so wenigstens etwas von der Landschaft sehe. Ich fahre also zur Busstation Luong Yen und erkundige mich nach Preisen. Auf der anderen Seite der Schnellstraße gibt es eine Reihe von Billighotels und ich miete mich günstig in einem kühlen, fensterlosen Raum mit Dusche und TV ein. Ist ja nur für eine Nacht. Danach begebe ich mich, vom Gepäck befreit, noch einmal an den Hoan-Kiem-See und umwandere ihn einmal, schaue mir das Gebäude des Volkskomitees im Osten und die Ba-Da-Pagode im Westen an, wo irgendeines historischen Ereignisses gedacht wird, das mit einem Schwert zu tun hat. Und um 18 Uhr gehe ich in eine Aufführung des »Vietnam National Tuong Theatre«. In nicht mal einer Stunde werden Ausschnitte klassischer folkloristischer Stücke gezeigt, mit dem üblichen Klong-klong und den hohen Jaulstimmen maskierter und geschminkter Schauspieler. Ein Schauspieler spielt einen alten Opa und dessen junge Frau gleichzeitig und in einer Figur – bemerkenswert. Zwei junge Schnösel baggern die junge Frau an, weil sie finden, dass der Alte zu alt für sie sei. Das ist, grob zusammengefasst, die Handlung des ersten Stücks. Für die jeden Montag und Donnerstag stattfindende Darbietung auf einer kleinen Bühne vor dem Theatersaal haben sich etwa zwanzig vorwiegend ausländische Zuschauer eingefunden. Das ganze Vergnügen kostet auch nur 150.000 Dong. Kultur pur. Und dann geschieht das Unglaubliche: Ich erwerbe ein Souvenir in einem Laden für handwerkliche Produkte, Touri-Tinnef, Bild-Reproduktionen etc. Was ist passiert? Wie konnte es so weit mit mir kommen? Hat sich derlei in meiner Biografie überhaupt schon mal zugetragen? Die Antwort ist ganz einfach: Ich bin in dem Laden auf Reproduktionen von Tim-und-Struppi-Titelbildern zum An-die-Wand-Hängen gestoßen und Hans-Jo. wird vor Neid erblassen, wenn ich ihm eines Tages mein A3-Bild von »Reiseziel: Mond« zeigen kann. Es gibt neben »Rackham«, »Tim im Kongo«, »Der blaue Lotos« und »Schritte auf dem Mond« sogar ein Cover von »Tim in Vietnam«, ein im Hergé-Stil nachgebildetes Cover, das es so in Wirklichkeit natürlich nie gegeben hat. Ich entscheide mich aber lieber für ein Original... und darf mich endlich mal fühlen wie ein echter auf allen möglichen Kitsch reinfallender Tourist.

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Sonntag, 31. Januar 2016

Ende der Glückssträhne
Von didus, 21:21

Nachdem in den letzten Tagen das Aufregendste ein Strandspaziergang war, der mich zur Nordseite der Bucht führte, wo ich auf Russen und Chinesen in einem vornehmen Restaurant mit Meerblick traf, gibt es nun endlich wieder: Krisen, Chaos, Katastrophen. Der Gottesdienstbesuch in der katholischen Kirche verläuft noch unproblematisch. Man hat von der kleinen Anhöhe mit der Kirche einen schönen Blick über die Stadt und wenn man bei geöffneter Tür durchs Kirchenschiff schreitet, blickt man genau auf einen weißen Jesus mit ausgebreiteten Armen. Ho Chi Minh würde sich im Grab umdrehen. Verstanden habe ich natürlich nicht viel und das viele Knien ist dem Lutheraner auch eher fremd, aber trotzdem eine schöne interkulturelle Erfahrung. Zum Abendmahl gehe ich nicht. Das darf ich ja als Protestant nicht. Dann der Schock: In weiser Voraussicht und um mir am morgigen Abreisetag unnötigen Stress zu ersparen, möchte ich am Bahnhof schon heute eine Fahrkarte nach Hanoi erwerben, aber: ALLE FAHRKARTEN FÜR DIE GANZE MORGEN BEGINNENDE WOCHE AUSVERKAUFT! Grund ist das chinesische Frühlingsfest morgen in acht Tagen, das ja auch in Vietnam gefeiert wird. Ich bin so geschockt, dass ich die Wasserflasche in meiner kaputten grünen Tasche nicht richtig zudrehe. Das wird Folgen haben... Eine des Englischen mächtige Verkäuferin am Schalter des Bahnhofs gibt mir einen Tipp. Ein paar Häuser weiter befinde sich ein Reisebüro, in dem man Flüge buchen könne. Dort muss ich nun also hin. Der Flug kostet 1,4 Mio. und ich muss in den sauren Apfel beißen. Leider habe ich keinen Pass dabei. Ich hatte ja heute Morgen keine Ahnung, was mir bevorstand. Doch mein unersetzliches KINDLE-Gerät hat, wie mir zur rechten Zeit einfällt, einen Scan des Passes gespeichert. So ein Glück. Aber wie komme ich denn nur zum viele Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Flughafen? Auch da weiß die freundliche Dame Rat: Wer kein Taxi nehmen möchte (hier! ich!), der könne auf einen Shuttle-Bus zurückgreifen. Und die Busstation liegt günstigerweise an der Uferstraße, fünfzehn Minuten Fußmarsch von meinem Hotel entfernt. Glück im Unglück. Ich gehe in den kleinen Park gegenüber vom Bahnhof und nehme nach den schockierenden Ereignissen eine Auszeit. Da sehe ich, dass es aus meiner Tragetasche tropft. Das Wasser ist ausgelaufen, mein KINDLE ganz nass. Ich lege es sofort zum Trocknen in die Sonne. Auch mein Plan, dreckige Wäsche waschen zu lassen in einer der kleinen Klitschen vor dem Hotel, die solche Dienste anbieten, erweist sich als Fehlschlag. Alle sagen mir, dass sie die Wäsche erst morgen fertig haben werden. Ich hätte früher kommen müssen. Ich muss also selbst waschen, haue alles in den Mülleimer, lasse durch den Duschschlauch Wasser einlaufen und wasche wie ein Wilder. Ich verbringe den Rest des Tages am Strand, denn morgen muss ich früh raus. Es ist die letzten Tage nur noch sonnig, sonnig, sonnig. Am Abend gehe ich zur Probe mal zu der Busstation. Ich finde sie nur durch Nachfragen, weil sie am Ende einer schmalen Seitenstraße etwas versteckt liegt. Eine Fahrkarte kann ich noch nicht lösen. Ich könne das morgen früh vor der Abfahrt erledigen, sagen die Herren im Bushangar. Als ich am Abend mein KINDLE einschalte, um zu schauen, was die Spielfilmkanäle im Angebot haben, stelle ich mit Grausen und Entsetzen fest, dass der Bildschirm aussieht wie die Windschutzscheibe eines Autos, in das jemand eine Spitzhacke hineingerammt hat. Ein echter Tiefschlag. Ein- und Ausschalten erweisen sich als vergeblich. Ich sehe nur noch Scherben auf schwarzem Grund. Dabei ist das Glas unversehrt. Der Befund ist so traurig wie wahr: Mein KINDLE ist hinüber. Und meine viertägige pannenfreie Zeit endet mit einem echten Paukenschlag. Nach meiner Rückkehr vom Strand ist die Wäsche nicht die Bohne getrocknet - zu hohe Luftfeuchtigkeit, kein Wunder, dass in den Klitschen keiner versprechen konnte, dass das heute noch fertig wird. Dabei hatte ich sie extra auf den Balkon (mit Meerblick!) gehängt! Ich entleihe an der Rezeption einen Föhn und föhne meine Unterhose, um morgen wenigstens die Grundausstattung trocken tragen zu können. Ich bitte außerdem um einen Weckanruf, denn zu den vielen Dingen, die das KINDLE unersetzlich machen, gehört auch die Weckfunktion.

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Samstag, 30. Januar 2016

Triumph
Von didus, 20:17

Ich habe vorher mithilfe meines Kindle-Geräts ermittelt, wann heute ungefähr nach vietnamesischer Zeit das Finale im Damen-Einzel der Australian Open beginnt und beende den Strandtag heute daher etwas früher, so gegen halb fünf. Was keiner geglaubt hätte: Serena Williams verliert gegen eine deutsche Tennisspielerin, die nicht Steffi Graf ist. Und ich bin dank der Auswahl von ca. 100 TV-Kanälen in meinem Hotel live dabei. Das ist eindeutig der Höhepunkt des Tages!

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Donnerstag, 28. Januar 2016

Lachende Kuh
Von didus, 21:07

Wenn ich beschließe, die Rumreiserei zugunsten eines 0-8-15-Badeurlaubs zu beenden, ist das für den geneigten sin-o-meter-Leser natürlich schlecht: Nun passiert ja nichts mehr. Es gibt gerade mal noch eine Nervenkrise, als ich beim Einkaufen Plastikmesser zum Brotschmieren (es gibt französische Baguettes, die Kolonialzeit lässt grüßen) kaufen möchte. Die sind leider aus dem Beutel gefallen und einzeln mitnichten käuflich zu erwerben. Eine Verkäuferin kommt mit der ganzen Tüte an. Aber was soll ich mit 50 Plastikmessern?!? Ich bestehe darauf, das, was da im Supermarkt rumliegt, auch kaufen zu können und mache mal wieder ein typisches Riesentheater. Schließlich lasse ich erbost meine Stofftasche mit Gegenständen im Wert von mehreren Hunderttausend Dong einfach an der Kasse stehen. Ich gehe erst mal spazieren. Leider finde ich den Laden mit den süßen Teigtaschen nicht mehr, die so verlockend aussahen. Als ich zurückkehre, steht meine Tasche an einer nicht benutzten Kasse. Ich gebe den »Lachende Kuh«-Schmierkäse zurück (womit soll ich den ohne Plastikmesser schmieren?) und bezahle den Rest. Die von mir allein gelassene Tasche mit der Aufschrift »Universität Wuhan« ist offenkundig sauer auf mich und ein Tragegriff reißt ab. Tut mir leid, mehr gibt's nicht: Das war das spektakulärste Ereignis meiner vier Strandtage. Ach ja, es hat mal wieder geregnet. Wieder nur fünfzehn Minuten, dann war's wieder schön. In meinem 1000-Seiten-Schmöker »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« komme ich gut vorwärts.

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Mittwoch, 27. Januar 2016

Was lange währt, wird endlich gut.
Von didus, 20:37

Morgens halb zehn in Vietnam: Ich steige aus dem Zug und was passiert: Es ist warm! Ich bin schätzungsweise 1000 Kilometer von Hanoi entfernt und sonniges Sommerwetter empfängt mich. Ich marschiere mächtig motiviert drauflos, finde einen Supermarkt und ein Kino, eine Pizzeria und ein Schnellrestaurant, und das alles in einem Gebäude! Vom fünften Stock des Gebäudes aus versuche ich mich zu orientieren. In der Ferne gibt es eine grüne Felseninsel. Da hinten, mutmaße ich, muss das lang ersehnte Meer sein. Ich nähere mich einem zentralen Platz mit viel Kreisverkehr, und rechter Hand erhebt sich eine große (katholische) Kirche – und das mitten im kommunistischen Vietnam! Auf der Suche nach einem Hotel treffe ich Marco Reus. Er ziert die Außenwand eines Frisörsalons. Wer eine Frisur wie Reus möchte, muss da hin. Ich wittere das Meer, kann es aber nicht finden. Die grünen Hänge im Hintergrund, da müsste doch... Dann habe ich eine Idee: einfach in Richtung der Hochhäuser gehen, die verdächtig nach Touristenhotels aussehen. Und die stehen doch gewiss am Strand! Und so ist es auch. Nach einer kleinen Inspektion der Umgebung finde ich ein kleines Hotel in zweiter Reihe, das dennoch Meerblick bietet, denn ich kann es von der belebten Uferstraße aus sehen. Es heißt »Monaco«-Hotel und kostet pro Nacht 400.000 Dong. Das kann ich mir gerade noch leisten. Hier will ich bleiben! Der Rest des Tages ist rasch erzählt: Buch, Handtuch, Wasserpulle und Badelatschen schnappen und ab an den Strand. Der liegt hinter der schon genannten sehr belebten Uferstraße und ist für mich in weniger als fünf Minuten zu erreichen. Ich befinde mich in einer Bucht, vor der sich einige Inseln erheben. Die größte von ihnen ist durch eine Seilbahn mit dem Festland verbunden. Auf einem Hang von sattem Grün prangen hollywoodeske Buchstaben und ergeben den Schriftzug »Paradise Island«. Riesige Wellen türmen sich auf und reißen mich förmlich um, als ich endlich das ersehnte Bad im Meer nehme. Als es zu nieseln beginnt, während ich erschöpft auf meinem Badetuch liege, denke ich: Nein! Das kann nicht wahr sein. Und damit liege ich völlig richtig. Es ist ein Sturm im Wasserglas. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei. Am Abend kann ich mir aus drei englischsprachigen Spielfilm-Kanälen die besten Filme auswählen. Ich bin am Ziel aller Urlaubsträume.

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Dienstag, 26. Januar 2016

Der lange weg nach Hue
Von didus, 23:30

Das kennen wir ja jetzt schon: Plötzlich hält der Bus. Jemand zeigt mir die vage Richtung, in die ich mich jetzt bewegen muss. Und ich darf aussteigen. Obwohl ich eine Fahrkarte nach Hue erworben habe, denken die Betreiber dieses kleinen Bus-Unternehmens gar nicht daran, mich vor Ort abzusetzen, sondern ich darf ein Moped-Taxi nehmen. Da es noch früh am Tage ist, entscheide ich mich für einen Fußmarsch. 13 Kilometer, das ist ja nicht mehr als einmal Großenaspe - Neumünster. Soll mir davor grauen? Und so beginnt dieser Tag wieder mal mit einem dieser typisch Didusschen Gewaltmärsche, der mir vermutlich wieder Kommentare eintragen wird wie: »Mit dir Urlaub machen zu müssen ist im Grunde nur eine moderate Form von Arbeitslager.« Der eigentliche Schock ist aber: Es ist immer noch nicht warm in Vietnam und es nieselt auch schon wieder, feucht-kühles Wetter. Links und rechts der Fahrbahn erstreckt sich eine grüne Ebene, rechter Hand (Blickrichtung Süden) sieht man vereinzelt kleine Gehöfte (LPGs?) oder weiße Landhäuser mit vom Regen geschwärzten Fassaden. Außerdem verlaufen dort die Bahnschienen, sodass ich sicher sein kann, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Während des am Ende doch fast dreistündigen Fußmarsches bekomme ich ein Dutzend eindeutiger Angebote durch die Inhaber sowohl zweirädriger als auch vierrädriger Kraftfahrzeuge, aber ich lehne dankend oder mit Verweis auf meine militärische Ausbildung (»Don't worry, I am German military. I can make it.«) ab. Das ändert natürlich nichts daran, dass mein Magen allmählich durchhängt (mein Proviant bestand zuletzt nur noch aus »Ritz«-Kräckern, Äpfeln, Kuchen sowie einem Ei, das ich schon seit Nanning mit mir rumschleppe) und mir auch die schaukelige Nacht noch in den Knochen steckt. Die kleine Bahnstation, bei der ich nachschaue, ob zeitnah vielleicht so etwas wie ein Nahverkehrszug vorbeikommen könnte, verschafft mir keine Erleichterung: Der nächste Zug kommt abends gegen sechs. Endlich kommt das Stadtgebiet in Sicht. Dann überquere ich eine Brücke über den Song Huong (Parfümfluss), im Norden ist so etwas wie eine Stadtmauer zu sehen. Offenbar befindet sich dort das Areal der alten Stadtbefestigungsbauten, denn Hue ist die alte Hauptstadt des untergegangenen Kaiserreiches, das sich in Form von Bauwerken erhalten hat, die imperialen Glanz verströmen würden, wenn hier nicht alles im trüben Winterregen verschwinden würde. Ich folge der Hauptstraße und finde den Bahnhof. Dort kann ich erst mal – gebührenfrei! – meine Morgentoilette erledigen. So fühlt man sich doch schon viel besser. Ich spreche eine Gruppe von Touristen an, die in der Wartehalle sitzen und wahrscheinlich auf den Zug nach Hanoi warten, und erfahre so, was es hier so zu sehen gibt und wie man da hinkommt. Angesichts des Wetters beschließe ich, noch am Abend dieses Tages weiter nach Süden zu reisen, nach Nha Trang. Mein Kindle verheißt dort sommerliche Temperaturen. Ich erwerbe eine Fahrkarte für 492.000 Dong, Abfahrt 19.55 Uhr, Ankunft am nächsten Morgen. Da ich mein Gepäck nirgends los werden kann und nach den 13 Kilometern Morgenmarsch gar nicht mehr so erpicht auf weitere Wandertouren bin, marschiere ich eher aufs Geratewohl in Richtung der Zitadelle, Zentrum der alten Kaiserstadt. Ich begutachte ein paar Kanonen und die Tore. Es regnet jetzt stärker. Ich habe keine Lust, mir die Zitadelle und die »Verbotene Stadt« anzuschauen. Das große Gelände ist doch eher was zum Flanieren im Sommer. Ich sehe mir den Flaggenturm am einstigen Haupteingang an. Plötzlich ruft mir jemand zu, der mich zu kennen scheint. Hä? Das holländische Pärchen aus dem Zug nach Hanoi, in der Regenschutzkleidung kaum wiederzuerkennen, spaziert gerade an der Mauer der Zitadelle in die andere Richtung. Das Mädchen hat mich erkannt. Wir tauschen uns kurz aus, wünschen gute Reise denn noch. Ich begebe mich vom Flaggenturm zum Wachturm des Tuong-Tu-Eingangstors, der wegen Bauarbeiten nicht abgesperrt ist. Innen gibt es eine Treppe wie in einer Pagode und von oben habe ich einen regengeschützten Blick auf den kleinen Kanal, der die Zitadelle umgibt, die Brücke mit den Knattermopeds darauf und das Stadtgebiet jenseits des Song Huong. Gegen fünf gehe ich über die Trang-Tien-Brücke wieder auf die andere Seite des Flusses. In einer Pizzeria bestelle ich Reis und Pizza (gleich zwei Gerichte auf einmal, kommt nicht jeden Tag vor!) und kann mich aufwärmen. Auf dem Kindle vergewissere ich mich, nachdem ich Stenzi eine Geburtstags-E-Mail geschickt habe, noch einmal, wie das Wetter in Nha Trang ist. Ein Wetterbericht verheißt Sonne, der andere Wolken und Regen. Ich stelle mich innerlich darauf ein, noch weiter bis nach Mui Ne reisen zu müssen, einen Badeort, für den alle Wetterberichte übereinstimmend Sonne vermelden. Dann spaziere ich samt Gepäck zurück zum Bahnhof. Den Rest des Tages verbringe ich mit dem aktuellen Schmöker »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« auf dem Bett meines Schlafwagen-Abteils.

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Montag, 25. Januar 2016

Hausboot
Von didus, 23:59

Wo ich gestern fast reich geworden wäre, also auf dem Anleger, steige ich in ein kleines Tuckerboot, das noch nicht so ganz dem »Traumschiff« entspricht, das ich mir vorstelle, aber ich darf auch nach wenigen Minuten umsteigen und nun habe ich tatsächlich eine kleine Dschunke für mich allein! Nur der Käpt'n, dessen Englisch so klingt, als würde er in einer eingeschalteten Waschmaschine stecken und nur mit dem Kopf aus der sich drehenden Trommel gucken, ist außer mir an Bord. Er zeigt mir »Monkey Island«, das immerhin verstehe ich, naja, der Rest erschließt sich von selbst: Natürlich ist die Halong-Bucht ein von der Natur geschriebenes Gedicht. Ich stelle mir vor, zwischen welchen der vielen grünen Felseninseln James Bond auf seiner Verfolgungsjagd herausgeschossen gekommen sein könnte. Nach etwa einer Stunde legen wir in der Nähe einer der vielen grünen Felseninseln, nein nicht am Festland an, sondern an einem Hausboot, das vor der Küste an einem Betonschiff festgemacht ist. Planken führen an zwei Becken vorbei, die nur aus Netzen im Wasser bestehen. In einem von ihnen dreht ein fetter Fisch einsam seine Runden. Dahinter eine schwimmende Hütte, die mit einfachem Mobiliar ausgestattet ist: Der Käpt'n unterhält sich mit dem Ehepaar, das diese schwimmende Fischerhütte zu bewohnen scheint. Ein Tee wird serviert. Ich schnappe mir den SPIEGEL und lege mich neben den Fisch auf eine Planke und da jetzt, zur Mittagszeit, tatsächlich die Sonne durch die Wolken dringt, wird das eine richtig tolle Mittagspause dort mitten auf dem Wasser, umgeben von den grünen Kegeln des Inselarchipels vor Catba. Der Käpt'n betätigt sich inzwischen als Koch. Das wird wieder kein Vier-Sterne-Menü, das ahnt man schon, aber alles schmeckt doch ziemlich gut und ich lasse nichts übrig. Dann ist Siesta. Leider verkrümelt sich die Sonne aber schon wieder. Und ohne die wärmenden Strahlen ist es auf dem Hausboot nicht mehr so gemütlich. Am Betonboot legt ein anderes Touristenschiff an, ein Trupp Franzosen entert das hölzerne Eiland im Meer. Für mich das Kommando, auf das von mir gecharterte Boot zurückzukehren, wo der Käpt'n gerade mit dem Kopf in einem alten Teer-Eimer verschwunden ist und mich aufblickend anlächelt. Er zieht gerade die vietnamesische Variante einer Shisha durch. So deute ich das. Dann macht sich der Tuckerdampfer auf den Weg zurück. Von einer Tageskreuzfahrt durch das Inselidyll kann insofern ja nicht die Rede sein, aber ich habe auch nicht den Eindruck, die besten Ansichten verpasst zu haben. Ich kehre zurück zum Ausgangspunkt der Reise, habe Zeit die malerischen Ecken von Catba-Stadt noch ein wenig abzuwandern. Den Tourmanager bekomme ich freilich nach dem Frühstückstelefonat nicht mehr zu sehen. Aber der Fahrer telefoniert noch mal. Ich habe mal wieder Ansprüche gestellt und möchte in Haiphong an dem Busbahnhof abgesetzt werden, der mich in den warmen Süden bringt. »I booked a premium tour, so I should get some premium service.« Das wird mir auch zugesichert. So eine kleine Wutattacke wirkt wie ein Türöffner. Der junge Mann im Reisebüro, wo ich auf das Hochgeschwindig­keitsboot warte, das um Viertel vor fünf abfahren soll, spricht sehr gut Englisch. Ich frage ihn nach den Wahlen zur neuen Führung des Landes, aber er erwartet wenig Veränderungen im Land. Ich gehe noch etwas am Hafen spazieren und als ich noch 500 Meter entfernt bin von der Landungsbrücke, sehe ich schon das die Hochgeschwindigkeitsfähre eingetroffen ist. Ich bekomme die Fahrkarte ausgehändigt und steige ein. Leider sind die Fenster auf den Plätzen unter Deck ziemlich intransparent, sodass ich lieber einen Stehplatz wähle und durch die Tür schaue. Ich muss zurückdenken an die Fähre von Macao nach Hongkong, in der ich vor ziemlich genau vier Jahren saß. Jetzt heißt es Abschied nehmen von dem grünen Paradies. Tatsächlich erwartet mich in Haiphong ein Taxifahrer mit Namensschild »Mr. Mei« und erstaunt stelle ich fest, dass die Fähre ganz in der Nähe des Busbahnhofs angelegt hat, an dem ich vor zwei Tagen aus Hanoi angekommen bin. Zwei Mal rechts abbiegen und ich wäre da gewesen. Demnach hätte ich diese Tour ja auch einfacher haben können. Aber das soll man alles wissen. Der Busbahnhof für die Reise in die alte Kaiserstadt Hue ist aber, wie ich geahnt habe, woanders, weiter weg. Der Taxifahrer war wirklich im Preis inbegriffen. Ich bin ein bisschen versöhnt. Ich finde einen Bus, der über Nacht fahren wird. In engen Pritschen kann man hier liegen und versuchen, ein Auge zuzukriegen. Lange Zeit bin ich der einzige Fahrgast, später kommt eine Horde gackernder Hühner dazu. So hören sich die Frauen an, die die Liegen neben mir belegen.

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Der Kaffee ist fertig!
Von didus, 09:30

Ich frage mich schon länger, wie das hier eigentlich mit dem Frühstück laufen soll. Das »Catba-Traumhotel« hat ja nicht mal einen Frühstücksraum! Mein Fahrer kommt und lotst mich zwei Häuser weiter in eine gähnend leere Lokalität. Hier – er zeigt mir am Eingang die Speisekarte – könne ich mir ein Frühstück aussuchen. Ich erwarte nun ja aber mal mindestens vier verschiedene Gerichte und wähle Toast mit Ei, Pfannkuchen, einen Orangensaft und dann nachher mal sehn aus. Jedes einzelne Gericht steht auf der Karte mit 40.000 bis 50.000 Dong. Ich ahne schon, dass das Probleme geben wird. Serviert bekomme ich dann eine Scheibe Toastbrot und eine Tasse Kaffee. Da die Lunte ja schon seit gestern brannte, bekomme ich einen Riesen-Wutanfall und fahre die Serviererin an, wer denn hier Kaffee bestellt habe. Ich hätte in meinem ganzen Leben noch keinen Kaffee getrunken! Ich bin kurz davor, die Kaffeetasse umzustülpen und den Tisch zu überschwemmen mit flüssigem, braunem Unheil, erzähle was von meiner 2.100-Yuan-Buchung und wirke alles in allem, schätze ich mal, überhaupt nicht begeistert. Der Fahrer wird verständigt. Er hatte sicher vorsichtshalber schon mal das Weite gesucht. Das konnte ja nicht gut gehen! Die Besitzerin des Restaurants trifft ein und fragt, was geschehen sei. Derweil ruft der Fahrer den Tour-Manager an und reicht mir das Telefon. Ich halte eine 30-sekündige Tirade über die Bescheidenheit des Frühstücks und erwähne am Rande, dass das Hotel auch nicht so der Hit sei, schließe mit einem »Incredible!« und reiche dann das Telefon zurück an den Fahrer, ohne mir eine Replik anzuhören. Ich bin ja hier schließlich auf dem »Traumschiff«, sozusagen. Die Besitzerin des Restaurants nimmt ihre Schwester in Schutz, die Serviererin, da sie doch kaum Englisch verstehe. Blöde Ausrede, denke ich, ich habe doch auf die Fotos in der Speisekarte getippt. Sie sei auch nicht verantwortlich für das Drama hier, versucht sie zu erklären, das hätten die Tour-Organisatoren zu verantworten, die erst teure Touren verkauften und dann so was wie hier gerade veranstalteten... War mir schon klar. Jedenfalls läuft jetzt hier der Laden. Ich bekomme neben wiederholten Entschuldigungen einen Toast nach dem anderen geliefert und die Pfannkuchen und den Orangensaft. Dann bin ich satt und der nächste Ausflug kann beginnen.

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Sonntag, 24. Januar 2016

Von Viet Hai nach Catba-Stadt
Von didus, 23:35

Die Engländer sind mit'm Radl da und machen sich wieder auf den Weg. Mein Führer und ich folgen zu Fuß. Leider beginnt es wieder zu nieseln. Trotzdem: Der Spaziergang durch das Tal von Viet Hai, der uns zwischen hohen Felsmassiven hindurch an die Küste der Insel Catba führen wird, ist ein Fest fürs Auge: Im Vordergrund die winterlichen Reisfelder, dahinter die grünen Karst-Riesen, da verweilt das Auge auch gern mal länger. In einem schmalen Tunnel treffen wir die Briten wieder, die vom Rad gestiegen sind und sich nun mit langen Stöcken oder Gerten duellieren. Wenig später stoßen wir auf einem hölzernen Anleger auf eine größere Gruppe von Ausländern, die mit mir gemeinsam ein Ausflugsboot besteigen; auch die Briten sind wieder dabei. Trotz der Kälte verlasse ich das windgeschützte Unterdeck über eine Treppe nach oben. Dort befinden sich bereits die Engländer: Für den fälligen Schnappschuss macht sich Sohnemann oben frei und legt sich auf einen Liegestuhl auf dem Oberdeck – die perfekte Illusion vom heißen Tropenurlaub. Kaum zu glauben, dass das derselbe Mensch ist, den in Viet Hai noch so furchtbar fröstelte. Doch auch ich stelle fest, dass man im Liegestuhl weniger Angriffsfläche für den kühlen Wind bietet und so schippern wir durch das malerische Insel-Archipel. (Wer einen Eindruck bekommen möchte, kann sich durch einen Mausklick hier ein paar Fotos anschauen. Wir werden nach ca. 30 Minuten in Catba-Stadt abgesetzt, wo mich mein Fahrer mit Gepäck bereits erwartet. Wir fahren kurze fünf Minuten auf die andere Seite der Inselspitze. Hier erwartet mich mein Hotel. Das heißt zwar »Catba Dream«, hat aber mit dem Hotel, von dem ich geträumt habe, so rein gar nichts gemeinsam. Es erweist sich als lausiges Zwei-Sterne-Hotel – aber immerhin mit Meerblick –, in dem ich für die Benutzung der Klimaanlage noch zwölf Dollar extra zahlen soll! Bei mir brennt die Lunte. Der Manager wird seitens der Rezeption kontaktiert und die Klimaanlage wird eingeschaltet. Warm wird es in der billigen Bude trotzdem nicht. Schon jetzt ist mir klar, dass ich ein wandelndes Pulverfass bin. Ich gehe ins Bett und schaue "The Amazing Spiderman". Ich muss dann aber doch noch mal raus - man will doch was sehen von dem Ort hier - und wandere in der Dunkelheit den Hafen entlang, an dem überall kleine Dschunken im Schlummer liegen, werde von Hunden angekläfft und stoße auf mein Vier-Sterne-Hotel, in dem gewiss noch Zimmer frei gewesen wären. Schließlich kehre ich um und spaziere noch auf eine Landungsbrücke oder einen Fähranleger oder einen Pier oder wie man das nennt und plötzlich entdecke ich in einer Pfütze am Boden: einen Hundert-Dollar-Schein. Nein, denke ich, das kann nicht sein! Bin ich etwa heute ein Glückspilz? Und da noch einer und da: ein ganzes Bündel im Regen aufgeweichter Scheine. So aufgeweicht sind die Scheine, dass sie so schnell einreißen wie Toilettenpapier. Scheint ja keine so solide Währung zu sein. Ich nehme trotzdem ein paar Scheine mit. Mal sehen, wie die trocken aussehen. Am Ende landen die Scheine bei mir im WC-Mülleimer. Nur einen behalte ich, nur leicht eingerissen, gereinigt und getrocknet – als Andenken.

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Catba, DC
Von didus, 14:30

Kurz vor zehn geht es los: Der Reiseunternehmer, den ich bisher nur telefonisch kennen gelernt habe, holt mich persönlich mit dem Auto im Hotel ab. Inzwischen hat sich die Reihenfolge der Tour-Aktivitäten geändert: Wandern durch den »Dschungel« auf Catba heute, morgen dann das Traumschiff. Draußen regnet es so viel wie noch nie auf der gesamten Tour. Der Tour-Manager kauft eigens für mich eine Regenjacke – im Preis selbstverständlich inbegriffen. Die Umstände hindern ihn nicht, zuversichtlich zu verkünden: Auf der Insel (Luftlinie 3 km entfernt) gibt es laut Wetterbericht heute keinen Regen. Mit einer Gruppe von Koreanern, also Südkoreanern, geht es an Bord eines Schiffs, das man sich so ähnlich vorstellen muss wie eine vergrößerte Version des Bootes, mit dem Bud immer rausgefahren ist zu seinem Freund Flipper. Freunde finde auch ich rasch auf dem rasend auf die grünen Archipel zurasenden Schnellbootes: Die Touristen aus Seoul, unter ihnen Kim Gjong-Su alias Andrew, der ganz passabel Englisch spricht, sind begeistert zu erfahren, dass ich im Norden ihrer Heimathalbinsel tätig war und rausgeflogen bin, was sie natürlich nicht sonderlich überrascht. Den Damen, die mit an Bord sind, rutscht bei rauer See und steifer Seebrise das Herz spürbar in Richtung Meeresspiegel. Das Foto, das mir Andrew später schicken wird, zeigt eine zwischen Panik und Verbiesterung hin- und herpendelnde Koreanerin im Arm ihres Mannes und einen Didus mit schief sitzender Regenjackenkapuze, alle mit knalloranger Rettungsweste (wärmt gut) bekleidet, vor nass-grauem Hintergrund mit grünen Einsprengseln. Als wir nach etwa zehn, fünfzehn Minuten auf der Insel angekommen sind, trennen sich unsere Wege. Ein Chauffeur kutschiert mich ins Innere der Insel, wo man nur in Begleitung eines einheimischen Führers über einen kleinen Pfad weiterwandern darf. Mein Führer erzählt in gebrochenem Englisch, er sei ein Veteran der stolzen vietnamesischen Armee, habe aber, wohlgemerkt, nicht im Krieg gegen die Amerikaner, sondern im etwas weniger prominenten Krieg gegen die Chinesen gekämpft. Dann habe er sich auf Catba, wo er offenbar irgendwo eine Hütte hat, im landwirtschaftlichen Sektor versucht, ehe dann aber klar geworden sei, so verstehe ich es, dass als Touri-Führer wesentlich ergiebigere Einkünfte zu erzielen sind. Es geht tatsächlich durch Urwald, erkennbar an den vielen Lianen und Schlingpflanzen im Immergrün. Das Auf und Ab meistert mein Führer, als wäre er mal eben auf dem Weg zum Einkaufen im Laden um die Ecke. Weit und breit übrigens keine Touristen, lediglich ein gelegentlich im Grün auftauchender Mülleimer in Nachbarschaft eines Wegweisers am Wegesrand sowie eine verwahrloste Hütte künden von größeren Touristenscharen. Für mich natürlich prima, dass die heute alle woanders sind. Nicht so prima ist allerdings, dass sich, wie soll ich sagen, jäh meine Verdauung bemerkbar macht. Zugegeben: Ich habe auch heute wieder recht üppig gefrühstückt und man soll ja eigentlich lieber kleine Portionen über den Tag verteilt … Ihr wisst schon … Am so genannten Froschteich, einem Tümpel mitten im Urwald, aus dem kahle Baumstümpfe emporragen, legen wir eine Pause ein. Noch geht es. Aber schon eine halbe Stunde später beginne ich schwer zu atmen. Inzwischen habe ich meine Regenjacke an meinen Führer abgegeben: Mir ist warm geworden. Es regnet hier im Regenwald auch gar nicht, obwohl die Gelegenheit gerade heute günstig wäre. Ich versuche mich mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen von dem wahren Problem abzulenken. Es sind nur noch drei Kilometer, bis wir die Wanderstrecke hinter uns haben (insgesamt ca. 14 km). Ich spreche eingedenk eines geflügelten Kanzlerinnen-Wortes zu mir selbst: »Wir schaffen das!« Mein Führer geht langsamer - er denkt, ich hätte Probleme mit der Kondition. Doch meine Probleme sitzen (liegen, stauen sich?) anderswo. Schließlich wird mir klar: Das wird nichts mehr – ich muss jetzt auf jeden Fall und unter allen Umständen ein so genanntes DC finden (»dry closet«), sonst gibt es ein Malheur im Urwald! Ich weise meinen Führer diskret darauf hin und er geht dann schon mal vor. Ich habe Glück: Ich finde einen so schön geformen Gesteinsbrocken, dass ich mich da an einer abschüssigen Stelle richtig raufsetzen kann … und es ist fast so schön wie auf einem WC. Als Klopapier müssen großformatige Blätter herhalten, aber davon gibt es ja im Urwald reichlich. Außerdem habe ich noch ein Erfrischungstuch im Gepäck und auch Wasser dabei. Ich bin unglaublich erleichtert, als es endlich weitergeht, und atme auch nicht mehr schwer. Eine halbe Stunde später erreichen wir die ersten lichteren Stellen, der Weg wird breiter und schließlich landen wir in »Viet Hai Village«, einer Ansammlung von Hütten an einer schmalen Straße, die links und rechts Reisfelder säumen. Auf dieser nähere ich mich unserer Mittagspause. Zwei Briten aus Manchester, offensichtlich Vater und Sohn, die wohl eine ähnliche Tour gebucht haben, sind gerade mit dem Essen fertig und versuchen sich irgendwie warm zu halten. Dabei haben sie wenigstens noch richtige Jacken. Das Restaurant, nur das Vordach einer Hütte, ist natürlich eher rustikal gehalten. Es gibt auch kein Menü, sondern es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Man kann ja jenseits der Zivilisation keinen Luxus erwarten, auch nicht für 2.100 Yuan. Sicher habe ich das Geld gerade dafür bezahlt, dass ich hier unverfälschte kulturelle Impressionen auf mich wirken lassen kann. Eine ältere Dame serviert vier Teller. Alles schmeckt gut und ich lasse kaum etwas übrig, aber ich habe keine Ahnung mehr, was das war. Irgendwas mit Erdnüssen. Reis gab's auch. Die Flasche Wasser tausche ich gegen eine Dose Cola. Es gibt sogar ein WC. Schade, dass es nun nur noch einer Art Endreinigung dienen kann. Aber man muss es nehmen, wie's kommt! So eine Inselwanderung ist schließlich kein Wunschkonzert!

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Samstag, 23. Januar 2016

Die Halong-Bucht
Von didus, 23:55

Ich sitze fast allein in dem großen Frühstückssaal des Princess-Hotels und esse, als ob es die nächsten zehn Tage nichts mehr geben würde. Wenn man eine Million zahlt, müssen ein paar Kalorien für den nächsten Tag inbegriffen sein, sage ich mir. Es ist lausig kalt in dem Raum. Und das liegt nicht an einer eventuellen Klimaanlage. Es ist einfach kalt in Nordvietnam. Ich wandere zurück zum Busbahnhof. Die Strecke kenne ich ja nun. Auf dem Weg komme ich an einer Kfz-Werkstatt vorbei und werde, obwohl ich auf der anderen Straßenseite unterwegs bin fast umgeblasen von der Musik, die lauter durchs Tor nach draußen schallt als bei manchem Tanzschuppen. Mit dem Bus lasse ich schließlich Haiphong hinter mir. Wie immer geht es erst mal nur im Schritttempo voran, solange der Bus nicht voll ist. Könnten ja noch Leute mitwollen. Schließlich erreichen wir die Stadtgrenze – es geht voran. Von einer Hochbrücke aus sehe ich noch mal die vielen bunten Quader auf grünem Grund. So sehen die Häuser von weitem aus. Von der Küstenstraße aus, der wir folgen, sieht man schon bald die ersten grünen, parabelförmigen Hügel, so genannte Karstberge, die hier die Küstenlandschaft prägen und die der Grund dafür sind, dass ich heute diese Richtung eingeschlagen habe. Die Halong-Bucht (bekannt aus James Bond – Der Morgen stirbt nie zeichnet sich durch eine Reihe von Insel-Archipeln aus Karstgestein aus, manche bestehen nur aus einem aus dem Meer ragenden grau-grünen Hügel. Plötzlich hält der Bus und ich muss raus. Wir befinden uns vor einer langen Brücke und nichts, absolut nichts sieht hier nach Urlaubsgebiet aus. Der Mann, der von den Passagieren die Fahrtkosten kassiert hat, also eine Art Schaffner, weist auf einen Mann draußen auf der Straße, einen Mann mit Moped. An den könne ich mich wenden. Und tschüß! Ich denke natürlich nicht im Traum daran, für 50.000 Dong (damit kann ich zehn Mal mit dem Bus quer durch Hanoi) bei diesem zweirädrigen Taxi aufzusteigen. Ich sage meinerseits tschüß und überquere resoluten Schrittes die Schnellstraße Richtung Ausfahrt. Da geht es irgendwie bergab und da werde ich schon was finden. Innerlich zittere ich zwar vor einer ähnlichen Odyssee wie gestern in Haiphong, aber kaum bin ich unter der Brücke hindurch, stehe ich am Wasser und noch mal fünf Minuten Fußweg weiter kommen die ersten Hotels. Und – was ich ja in Haiphong auch völlig vergeblich gesucht habe – ein Reisebüro. Leider geschlossen. Wochenende. So richtig belebt kommt mir dieser Küstenort auch nicht vor und wegen der vielen Schiffe sieht das jetzt auch nicht soooo malerisch aus, dass man gleich einen Luftsprung machen möchte. Ich nehme das nächste Hotel, einen hohen Betonklotz; diesmal nur 600.000 pro Nacht. Die Lobby wirkt so, als wäre ich der einzige Gast. Ich erkundige mich nach dem Reisebüro und erfahre: Ja, das gehöre gewissermaßen zu dem Hotel. Der Rezeptionist könne für mich da mal einen Kontakt herstellen, sagt er. Ich bestelle eine Tour auf die berühmte Catba-Insel (mit Original-Urwaldgebiet) mit Wandern am ersten und Bootstour durch die um Catba herumliegenden Archipel am zweiten Tag. 2.100 chinesische Yuan, das kommt mir ja 'n bisschen teuer vor, aber ich entsinne mich der vielen Stimmen, die meine Biografie durchdringen wie Löcher einen Käse mit Sätzen wie: »Im Urlaub muss man sich mal was gönnen.« Oder: »Spar nicht am falschen Ende.« Es soll tatsächlich Menschen geben, die mich für einen Knauserhannes halten, was ja ü-ber-haupt nicht wahr ist! Der Beweis: Ich sage zu und zahle auch gleich 800 chinesische Yuan an. Vor Augen habe ich eine Übernachtung im 5-Sterne-Hotel, eine Art Traumschiff, das mich durch die Bucht schippert, mehrmenüige Speisegelage, kurzum: paradiesische Zustände, und im Ohr noch einmal eine dieser Stimmen: »Das wird bestimmt ganz toll!« Vorwegnehmen kann ich auf jeden Fall schon mal, dass diese Zwei-Tagestour in der Endbilanz exakt ein Drittel meiner gesamten Reiseausgaben verschlungen haben wird. Ja, so erzeugt man Fallhöhe, denn ob ich richtig lag oder nicht, das wird sich ja in diesem Blogeintrag heute nicht mehr erweisen. Klicke dich also auch morgen wieder durch zum sin-o-meter! Moment, Moment, ich muss ja noch rasch schildern, dass ich noch eine kleine Wanderung die Küste entlang mache und dabei entdecke, dass das hier doch ein kleiner, wenn auch verschlafener Touri-Ort ist. Ich hätte einfach weitermarschieren müssen, dann wäre ich auf Pizzerien, kleinere Gasthäuser für Rucksacktouristen, weitere Hotels und Restaurants gestoßen. Leider fehlt meinem Spaziergang der Meerblick. Die Küste ist komplett hinter Blechwänden verschwunden. Offenbar wird eine neue Promenade gebaut, jetzt in der Winter-Saison, wo es (außer mir) keine Touristen gibt, die das stören könnte.

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Freitag, 22. Januar 2016

Du, der Schlüssel ist weg!
Von didus, 23:49

Nachdem Jianweis vietnamesische Freundin gestern Abend schon auf meine Anwesenheit verzichten musste, muss heute natürlich alles anders werden. Wir wollen so gegen zehn gemeinsam essen gehen, aber das dauert und dauert, bis sie mit ihrem Moped im Cyclo-Gasthaus auftaucht, also gehe ich erst mal Pfannkuchen im »Gecko« eine Straße weiter essen – eine kluge Entscheidung, denn als sie endlich da ist, ist der Vormittag schon fast rum. Diesmal nehmen wir ein Taxi und mir wird rasch klar, dass der von mir geäußerte Wunsch, in der Nähe unserer Unterkunft zu essen, sich nicht erfüllen wird. Die Vietnamesin hatte Jianwei versprochen, ihn in ein ganz spezielles Restaurant mit vietnamesischen Spezialitäten zu führen, aber wir landen in einem 0-8-15-Laden, essen eine total normale Nudelsuppe mit dem von mir universell verabscheuten Koreander, den die hier überall draufhauen und reinschmeißen. Einzig der Blick vom ersten Stock auf die enge Straße vermittelt einen Hauch von Atmosphäre. Wie immer bin ich der Einzige, der seine Suppe ganz ausgelöffelt hat. Tja, und dann wird es auch schon Zeit, das Hotelzimmer zu räumen. Wir fahren also mit dem Taxi zurück, wider meine Prinzipien beteilige ich mich auch am Fahrpreis. Gemeinsam packen Jianwei und ich Sachen. Wir machen noch ein Foto gemeinsam mit der Vietnamesin auf dem Balkon und dann gehen die beiden schon mal vor. Denn Jianwei ist auf dem Weg zum Flughafen. Er möchte nach Saigon fliegen. Die Flugpreise seien in Vietnam niedriger als in China, hat er ermittelt. Ich lasse mir noch etwas Zeit, sehe die beiden noch von oben durch den Korridor schlendern und nur etwas zehn Minuten später bin auch ich reisefertig. Als ich den Schlüssel abgeben will, dann die bittere Erkenntnis: Den hat Jianwei mitgenommen und auch nicht überprüft, ob die Aussage, den Schlüssel hätte ich und ich käme ja auch gleich, der Wahrheit entspricht. Ich spurte in die Gasse und die Nachbargasse, aber in dem Gewusel habe ich keine Chance Jianwei noch aufzutreiben, auch wenn er vielleicht noch ganz in der Nähe ist. Ich beschließe, Jianwei auf dem Kindle eine E-Mail zu schreiben, die er aber bestimmt erst viel später liest. Ich tippe ein: »Eilig: Schlüssel«, aber die Damen von der Rezeption bitten mich dennoch mit 50.000 Dong zur Kasse. Ich bekomme zwar eine Quittung und sobald der Schlüssel wieder da sei, werde man mich ausbezahlen, versichert man mir. Aber es ist klar: Wenn etwas so dumm läuft, ist der Tag für mich ruiniert. Die Damen erklären mir noch den Weg zur Bushaltestelle und empfehlen mir Bus Nummer 2 zum zentralen Busbahnhof. Aber in dem sitze ich eine geschlagene Stunde, der fährt und fährt und fährt – einmal quer durch sämtliche Stadtviertel von Hanoi, so kommt es mir vor. Ich sehe hässliche Hochhäuser und breite Straßen, aber keine Perspektive für meine Abreise aus Hanoi. Aussteigen geht auch nicht – ich wäre ja dann mitten in der Walachei an einem unbekannten Ort in einer unbekannten Stadt. Ich fahre also bis zu Endstation Yen Nghia. Und dort befindet sich tatsächlich ein Busbahnhof, aber ein ganz anderer als der, den ich eigentlich ansteuern wollte. Ich nehme das als Wink des Schicksals und buche eine Fahrkarte in die Hafenstadt Haiphong, die ganz in der Nähe der legendären Halong-Bucht liegt. Als ich dort ankomme, regnet es und dunkel ist es auch schon. Ich muss eigentlich auf Klo, aber das Klo wird von einer merkwürdigen Alten bewacht, die sogar fürs Pinkeln Geld verlangt. Das sieht für mich nach brutaler Ausnutzung einer persönlich schwierigen Lage aus. Da mache ich nicht mit! Das in der Nähe der Busstation liegende Hotel verschmähe ich. Es erscheint mir zu einfach, da gleich abzusteigen. Und außerdem will ich doch was sehen von der Stadt. Es beginnt eine endlose Wanderung durch die WC- und hotelärmste Stadt, die ich in meinem Leben je bereist habe. Zugegeben, es könnte auch daran liegen, dass ich gar nicht weiß, wie Hotel auf Vietnamesisch heißt. Ich folge verwaisten Bahn- oder Straßenbahnschienen und lande nach einer gefühlten Ewigkeit an einem belebten Platz mit Straßenverkauf und am nächtlichen Himmel erblicke ich die Leuchtbuchstaben von drei Hotels. Das am billigsten aussehende ist belegt, das nebenan war gar keines und nach einem weiteren Kilometer Fußweg nehme ich dann von zwei Vier-Sterne-Hotels das etwas weniger aristorkratisch aussehende. Der Laden heißt Princess Hotel (www.princesshotelhaiphong.vn) und ist in die Geschichte meines Lebens eingegangen als das erste Hotel, für das ich fast eine Million hingeblättert habe. Dafür ist das Klo aber auch wirklich schön.

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Donnerstag, 21. Januar 2016

Auf nach Hanoi!
Von didus, 23:50

Ich habe es geschafft. Nach einer Nacht in Nanning habe ich eine »Buchfahrkarte« nebst »Bettkarte« und »Streckenfahrschein« der »Eisenbahnen der VRC«, »Gesamtbetrag 215 Yuan« ergattert. Das steht da tatsächlich in deutscher Sprache drauf – eine Erfahrung, die ich bereits im Mai letzten Jahres beim Erwerb einer Fahrkarte in Pjöngjang gemacht habe – die sozialistische Internationale macht's möglich. Ich sitze in einem Schlafwagen-Abteil mit Hu Jianwei (nicht verwandt mit Hu Jintao), der in Harbin studiert, und einem Chinesen, der mit seiner vietnamesischen Frau zum Frühlingsfest nach Vietnam fährt. Nebenan im Nachbarabteil liegt ein holländisches Pärchen auf den Liegen. Sie wollen noch bis nach Australien und haben alle Ersparnisse zusammengekratzt, um ein ein paar Monate unterwegs sein zu können. Bei der Grenzkontrolle in Dongdang werden wir alle aus dem Waggon gebeten und begeben uns in das Bahnhofsgebäude. Die Vietnamesin aus dem Abteil spricht zwar Chinesisch, aber sie kann genau wie ich nicht lesen und Englisch auch nicht. Ich helfe ihr also beim Ausfüllen der Ausreisekarte. Ein paar andere Ausländer lerne ich auch noch kennen. In den 1.-Klasse-Abteilen befinden sich fast nur Ausländer. Ich habe kein Visum, aber das wird nicht beanstandet, denn Deutsche können für ein Jahr probeweise visumsfrei für 15 Tage nach Vietnam einreisen. Zwei Mal müssen wir aus dem Waggon, denn nach dem Grenzübertritt sind die Vietnamesen an der Reihe. Insgesamt sind es doch fast vier Stunden, die wir so aufgehalten werden. Um 5.30 Uhr (4.30 Uhr chinesischer Zeit) sind wir in Hanoi, Bahnhof Gia Lam. Es ist finster und wir strömen aus dem Bahnhofsgebäude in eine schmale Gasse, die so gar nicht zu einem Hauptbahnhof passen will. Es handelt sich auch gar nicht um den Hauptbahnhof. Während die Holländer und auch die meisten anderen sich aufs Geratewohl ins Dunkel begeben, entscheiden Jianwei und ich erst mal abzuwarten. Wir hatten schon im Zug beschlossen, dass wir uns ja in Hanoi ein Hotelzimmer teilen könnten. Mir passt es ganz gut, dass ich in dieser fremden Stadt nicht völlig auf mich gestellt bin. Es wird schließlich hell und ein sehr langer Tag beginnt. Die beiden Chinesinnen, die ebenfalls mit uns im Zug gewesen sein müssen, sind irgendwie besser informiert als wir, zeigen uns den Busbahnhof und wissen schon, welchen Bus man in Richtung Innenstadt nehmen muss. Sie haben offensichtlich auch Geld. Und weg sind sie! Wir dagegen müssen darauf warten, dass die Banken öffnen, nur um festzustellen, dass die keine chinesischen Yuan annehmen. Immerhin haben wir eine belebte Hauptstraße gefunden. Doch die Suche nach Devisen wird zum Drama! Und dazu ständig dieser kühle Nieselregen bei Höchstemperaturen von 15 Grad! Mitsamt unserem Gepäck klappern wir eine Bank nach der anderen ab und überall gibt es dieselbe Ansage: keine Yuan. Jianwei sagt den Satz des Tages: »Should I have prepared better for this trip?« Dabei ist er doch fein raus, denn er hat auch Dollar dabei und muss nur warten, bis die Banken öffnen. Schließlich lasse ich ihn, der etwa 400 Prozent meiner Gepäckmenge mit sich herumschleppt, alleine auf die Öffnung einer Bank warten, die ihm den Tausch von US-Dollar in Aussicht gestellt hat. Er darf sich da auch schon mal reinsetzen, der Kassierer komme gleich, heißt es. Ich irre derweil weiter durch die kühle Stadt – ohne Erfolg. Ich treffe Jianwei am vereinbarten Ort wieder. Er ist jetzt Dong-Millionär. Ich dagegen habe immer noch kein Geld. Die Suche geht weiter und für Jianwei gilt die alte Devise: mitgehangen, mitgefangen, weil ich ohne Geld nicht mal einen Bus bezahlen kann. Überall will man meine Yian nicht. Verzweifelt steige ich um auf Postbank-Karte. Ein ATM-Automat weist das unerlässliche PLUS-Zeichen auf, Geld spuckt er trotzdem nicht aus: Karte nicht lesbar! Der Logik entsprechend versuche ich es nun an einem Automaten, der erkennbar kein PLUS-Emblem aufweist: Endlich spuckt die Kiste einheimische Dong aus! Und lacht: 200.000, das möge sich ja nach viel Geld anhören, aber das seien umgerechnet gerade mal 7 US-Dollar. Er ist auch nur kurzzeitig erleichtert, das mein Geldproblem vorerst gelöst ist, denn er hat unterdessen ganz andere Sorgen: Wo bekommt er eine preisgünstige SIM-Karte für sein Telefon samt mobilem Internet? Ohne funktionierendes Mobiltelefon ist ein Chinese, wie jeder weiß, nur ein halber Mensch. Und ohne vernünftiges Frühstück auch. Sein Magen hängt auf halb sieben. Es ist auch schon halb neun. Irgendwo am Straßenrand genehmigen wir uns eine Nudelsuppe. Wir nehmen einen Bus, den uns die Chinesinnen empfohlen haben, Nummer 21, aber haben natürlich die falsche Straßenseite gewählt und sind zwei Stationen später wieder am zentralen Busbahnhof unweit des Bahnhofs Gia Lam, dem Ausgangspunkt unserer heutigen Expedition. Wir werden gleich noch mal zur Kasse gebeten, noch mal 7000 Dong. Auf Verhandlungen lässt sich der Kontrolleur gar nicht erst ein, als wir zu verstehen geben, doch gerade erst eingestiegen zu sein. Im Bus sackt Jianwei völlig in sich zusammen – Müdigkeitsattacke. Ich übernehme das Kommando. Hier, sage ich sinngemäß, sieht das recht lebendig aus, lassma aussteigen! Tatsächlich war die lärmende Hautpstraße, wo wir nach Banken fahndeten, weit vom touristisch besiedelten Altstadtviertel entfernt, das wir nun endlich erobern. Jianwei ist wieder ganz da, findet einen Laden mit günstiger SIM-Karte und lotst uns nun geschickt durch die engen Gassen, die sich durch entsetzliche Mengen von lärmenden und stinkenden Krafträdern auszeichnen, als wollte man mit Gewalt jedes Klischee einer fernöstlichen Großstadt bestätigen. Außer Krafträdern, die uns am liebsten alle umnieten würden, treffen wir auch immer mehr Touristen. Russen weisen uns die Richtung zu einer Herberge. Ein »Hostal«, nicht teuer, nehmen wir dann doch nicht: Der Schlafraum verfügt nicht über Fenster und die Geruchskulisse wirkt auf Jianwei irritierend. Wir treffen ein chinesisches Pärchen und lassen uns ein paar Tipps geben. Jianweis Telefon weist auf Googlemaps noch jede Menge weiterer Gasthöfe aus. Schließlich nehmen wir das Old Quarter Cyclo Hotel, denn die beiden Damen am Empfang sprechen sehr gut Englisch, oben im vierten Stock haben wir eine tolle Aussicht und geteilt durch zwei sind 400.000 Dong ja auch erschwinglich. Auch das Geldtauschen ist nun kein Problem mehr. Hier auf der Touristenmeile tauscht fast jedes Gasthaus Devisen. So beliebt scheint die einheimische Währung nicht zu sein, auch eine Parallele zum sozialistischen Nordkorea... Wir hauen uns eine Stunde aufs Ohr – so erholsam und lang war die Nacht im Zug ja nicht – und dann gehen wir getrennt auf Tour. Ich will einfach etwas durch die Gegend flanieren und Jianwei hat eine Verabredung mit einer Bekannten. Ich wandere bis zum Militärmuseum mit Rückständen des Vietnam-Kriegs, auch einigen erbeuteten Flugzeugen und Panzern der US-Truppen und bestaune die allgegenwärtige Hurra-Beflaggung zum gegenwärtig stattfindenden 12. Parteitag. Dann wandere ich wieder Richtung Zentrum. Ich finde eine Kirche, wo sich viele Kinder und Jugendliche tummeln. Abends bin ich am Hoan-Kiem-See und werde, kaum dass ich auf einer Parkbank Platz genommen habe, von zwei reizenden Studentinnen angesprochen, die an mir ihr Englisch ausprobieren wollen. Wenig später findet uns Jianwei, dann taucht noch ein vietnamesischer Student auf, der sehr gut Englisch spricht, aber die Mädels hin und wieder mit Indiskretionen verstört, sodass sie etwas ins Hintertreffen geraten. Das Ganze endet in einem der üblichen Fotografier-Exzesse. Jianwei wird schließlich an diesem zentralen Ort in Hanoi abgeholt und steigt bei seiner Bekannten aufs Moped, ich will lieber in der Gegend bleiben und die Mädels verabschieden sich in verschiedene Richtungen, nicht ohne alle E-Mail-Adressen aufgeschrieben zu haben.

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Mittwoch, 04. Dezember 2013

Doch echt!
Von didus, 02:04

Nun weihnachtet es schon sehr und ich muss eines noch nachschieben, eine Pointe zu der Sache mit der "Blüte" (siehe Eintrag "Die Blüte"): Der Schein war doch echt! Das erwies der Versuch nach der Rückkehr nach Nanjing, den in Qinghai zur Blüte deklarierten Hunderter an einer ATM-Maschine einzuzahlen. Dort wird Falschgeld sofort erkannt. Aber die Maschine hat den 100-Yuan-Schein anstandslos genommen. Ein Glück, dass ich ihn nicht in Xining verbrannt habe!

Weihnachten steht vor der Tür, aber neue sin-o-meter-Einträge können das Fest nicht mehr versüßen. Mir bleibt nur der Hinweis auf KARL & Konsorten und den sie präsentierenden Jack Flex, die gemeinsam gewissermaßen die Nachfolge der hier dokumentierten Abenteuer antreten und ebenfalls nichts unversucht lassen, den geschätzten Leser mit erheiternd und spannend vorgetragenen Erlebnissen zu unterhalten. Die erste Episode führt das Detektiv-Trio nach Südfrankreich.
Und damit gebe ich ab nach Marseille. KARL & Co., übernehmen Sie!

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Samstag, 19. Oktober 2013

Auf den Schwingen...
Von didus, 06:56

Lange mussten sin-o-meter-Leser warten, aber nun schreibt er wieder - Gott sei Dank! In den nächsten Tagen werden treue sin-o-meter-Leser erfahren, wie die Reise durchs wilde Qinghai zu Ende ging (siehe unten). Doch er schreibt nicht nur wieder, er publiziert auch, denn:
ENDLICH IST ER DA, der Band mit Kurzgeschichten bzw. Novellen aus China, die deutsch-chinesische Sprachtandems ins Deutsche übersetzt haben, ergänzt um phänomenale Beiträge von Dr. Didus, damit das Ganze auch was hermacht! Wegen der geringen Auflage nicht ganz billig, aber ohne jeden Zweifel unbedingt lesenwert! Mein persönlicher Favorit ist "Flieg, Taube, flieg", eine Geschichte, die hier im sin-o-meter bereits Vorpremiere hatte...

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Freitag, 12. Juli 2013

Hühnchen aus der Tupperdose
Von didus, 23:59

Ich habe die Hoffnung schon aufgegeben. Eine Stunde sitze ich bei McDonald’s am Pekinger West-Bahnhof, wo ich mit Ex-Studentin Liu Chao verabredet bin. Da stürmt plötzlich ein Mann in den mittleren Jahren auf mich zu und klopft mir kräftig auf die Schulter und brüllt: "Ni hao"! Ich brauche ein paar Sekunden der allgemeinen Verwirrung, um in dem Herrn Liu Chaos werten Herrn Papa zu erkennen, der mit ihr und der Mama eine Stunde vor dem Westbahnhof herumgeirrt ist – auf der Suche nach mir. Wie immer ist das überhaupt nicht meine Schuld. So ein Telefon wird eben irgendwann abgestellt, wenn man nicht auflädt. Und dass Liu Chao mich bei Kentucky Fried Chicken gesucht hat, weil sie McDonald’s nicht gesehen hat und ich vorher per E-Mail geschrieben habe, wenn es keinen McDonald’s gebe, dann bei KFC, das konnte ja nun keiner vorausahnen. Denn McDonald’s liegt von KFC nur zirka hundert Meter entfernt. Nun aber Liu Chaos großer Auftritt: Sie zieht aus einem großen, braunen Umschlag einen Bescheid der Universität Passau hervor, aus dem unmissverständlich zu entnehmen ist, dass sie an selbiger Uni zum Magisterstudium im von ihr gewählten Fach zugelassen worden ist. Obwohl das totaler Blödsinn ist, werde ich mit dieser Zulassung in engen Zusammenhang gebracht (ich hatte ein Gutachten geschrieben), im nächsten Restaurant zu einem Kaltgetränk meiner Wahl eingeladen, mit Proviant für mehrere Tage und Kuchen für eine Woche ausgestattet, zur U-Bahnstation geleitet und in der U-Bahn begleitet, damit ich rechtzeitig am Pekinger Südbahnhof eintreffe. In dessen flughafengleicher Halle gibt es dann noch ein mehrteiliges Schnappschuss-Festival, ehe ich mich in Flugsteig, äh, Ausgang 8 verabschiede, hinter dem der Express-Zug G 203 nach Nanjing sicher nicht lange auf mich wartet. Im Zug verwickelt mich ein Geschäftsmann in ein langwieriges Gespräch. Für die Tupperdose mit Hühnchen und Kartoffeln brauche ich etwa eine Stunde.

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Donnerstag, 11. Juli 2013

Von Dunkelheit umnachtet
Von didus, 23:59

Um 17 Uhr fährt mein Bus ab. In Lanzhou komme ich erst halb neun, also nach Einbruch der Dunkelheit an, was mir die Orientierung erheblich erschwert. Und um zwanzig nach neun geht ja schon mein Zug. Verirren darf ich mich jetzt hier nicht lange! Eigentlich soll der Bahnhof ja auch ganz in der Nähe des Busbahnhofs sein, aber es sind dann doch ein paar Straßenzüge Fußmarsch. Am Ende finde ich aber doch ans Ziel und quetsche diesmal auch keine Kinder ein.

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Mittwoch, 10. Juli 2013

Mediokrer Talblick
Von didus, 23:59

An meinem letzten Tag in Xining kraxele ich auf den Nordhang. Dort gibt es mehrere kleinere Tempelanlagen. Ich folge der über die Hänge führenden Straße, stelle aber rasch fest, dass der Gipfel wegen der vielen Serpentinen nicht zu erreichen ist, und begnüge mich mit einem mediokren Talblick. Erst beim Abstieg stoße ich auf den spektakulären Beishan Si (Nordberg-Tempel) mit seinen in den Felsen gebauten und mit Grotten verbundenen Gängen und Hallen – allerdings alles morsches Gebälk, das nicht betreten werden kann. Da kommen Indiana-Jones-Gefühle auf! Alles befindet sich in einem Frühstadium der noch zu Touristenzwecken zu vollendenden Renovierung, weshalb mich zwei Köter und hernach deren Besitzer am weiteren Fortgang der Besichtigungstour hindern.

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Dienstag, 09. Juli 2013

Ochsentour für die Katz'
Von didus, 23:59

Ich bin müde von der Gewalt-Tagestour nach Tongren und begnüge mich mit einem spätnachmittäglichen Stadtbummel, der vom so genannten Westtor (Ximen) in den Park unterhalb der Kunlun-Brücke und auf den kleinen Nanshan-Hügel im Süden der Stadt führt, auf dem eine weitläufige Parkanlage errichtet wurde. In Gipfelnähe liegt ein kleiner Buddha-Tempel. Den betrete ich auf höfliche Nachfrage bei der dort lebenden Verwalter-Familie. Das Ganze ist so halb privat. Eine chinesische Touri-Horde zieht nach, aber der Bereich ist noch Baustelle und wir dürfen nicht ins Allerheiligste. Wir dürfen dann auch mal ruhig wieder gehen... Der Versuch einen Wachhund zu erschrecken, indem ich wild auf das Gitter zugelaufen komme und dabei schreie, misslingt. Ganz schön hart gesottene Töle! Meine Hände schmerzen vom Aufprall am Gitter.
Bei Einbruch der Dämmerung erreiche ich noch einen Tempel am Fuße des Hügels. Ist aber nix los hier.
Zuvor habe ich mich auf den beschwerlichen Weg zum Bahnhof gemacht. Ärgerlich, denn der Bahnhof von Xining liegt eigentlich schön zentral gegenüber vom Busbahnhof, wo ich vorgestern angekommen bin, von diesem nur durch eine Brücke über den Fluss getrennt. Aber der etatmäßige Hauptbahnhof ist - wie sollte es anders sein? - mal wieder eine gigantische Baustelle und nötigt mich, mit dem Bus an den entlegenen Ostbahnhof zu fahren, ca. 40 Minuten entfernt. Dort finde ich die provisorische Verkaufshalle auch nur nach mehrmaligem Nachfragen. Und dann gibt es noch nicht mal eine passende Fahrkarte. Ich entscheide mich für den Bus und hätte mir die Ochsentour hierher auch komplett sparen können.

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Montag, 08. Juli 2013

Tongren
Von didus, 23:59

Ich mache mich um 10.20 Uhr mit dem Bus auf den Weg nach Tongren, einem malerisch in einem Flusstal gelegenen Ort, auf den hohe, grüne Berghänge hinabblicken. Tongren ist ein Musterbeispiel für die friedliche Koexistenz der Religionen, denn es gibt ein muslimisches Viertel und ein buddhistisches Viertel, an welches sich das Longwu-Kloster anschließt, dessen älteste Gebäude bis 1301 zurückreichen. In dem Jahr gründete Rongwo Lama Sandan Renchen den Orden, dessen heilige Hallen man heute noch bestaunen kann. Nicht ganz so alt, nämlich gerade ein paar Jahre, ist die Dumu-Statue, Abbild einer Göttin der Güte, die am Eingang zur Tempelanlage in der Mitte des großen Vorplatzes steht und vor dem sich eine junge Frau unaufhörlich niederwirft, die damit auch noch nicht fertig ist, als ich den Platz, der übrigens ein herrliches Panorama über das ganze Tal bietet, wieder verlasse. Augenfällig sind die überall an den Außenwänden befestigten roten Brummkreisel-Säulen, die man aus irgendeinem Grund zum Drehen bringen muss, was auch viele der gläubigen Buddhisten, vorwiegend alte Frauen, fleißig tun. Man sieht also auch hier wieder, was bei der westlichen Verehrung für fernöstliche Religionen gern übersehen wird: das angestrengte Streben nach einer Leistung, die die Gottheit gnädig stimmen möge – Buddhismus und Islam gleichen sich hier in ihrem animistischen Ursprung.
Nicht ohne Überraschung stelle ich fest, dass Fotos des Dalai-Lama in gleich mehreren der Tempelhallen vor dem Buddha stehen, was insofern überrascht, als der Dalai-Lama in China als Volksfeind Nummer eins gilt. Was hätte Helmut Schmidt wohl gesagt, wenn man Ende der siebziger Jahre Fotos von Christian Klar in deutschen Kirchen angebracht hätte? Es gibt am Longwu-Koster zwar auch einen Schalter, wo Eintrittskarten zu erwerben sind, aber ich komme aus einer anderen Richtung, da geht das so. Ein mir entgegenkommender Mönch in roter Kutte stellt klar, dass man die Eintrittskarte auch nur für die Besichtigung der Innenräume benötige. Ich klettere stattdessen den Hang empor, in den Longwu Si hineingebaut ist, und genieße ein noch weiteres Panorama über das dunstige grüne Tal (ich befinde mich offenbar in einer der regenreichsten Regionen der Provinz Qinghai), dann geht es durch die muslimische Unterstadt am Fluss zurück. Ich überquere einmal die große Hängebrücke unweit der Busstation, in der ich mich kurz vor 17 Uhr zur Rückfahrt nach Xining einfinde.

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Sonntag, 07. Juli 2013

Blüte
Von didus, 23:59

Schon um 10.20 Uhr geht es weiter, vom gründen Oasenstreifen wieder hinaus in die Wüste, die bald grüner und grüner, wieder zur Grassteppe wird. Schließlich wird, diesmal nördlich gelegen, wieder der Qinghai-See erkennbar. Man sieht die typisch tibetischen Verzierungen an den oberen Rändern der ein- oder zweigeschossigen Bauwerke. Am südöstlichen Zipfel des Sees hat sich sogar so etwas wie ein kleine Feriensiedlung samt Ausflugdampfer entwickelt. Ist aber noch ausbaufähig. Insgesamt ist am Südufer des Sees wesentlich mehr los als im Norden. Böse Überraschung: Als der Bus abends in Xining ankommt, stelle ich ernüchtert fest, dass auch hier die Bau- und Renovierungswut vor keiner für mich noch so ungünstigen Situation zurückschreckt: Der Bahnhof, an dem ich direkt nach der Ankunft die Fahrkarte nach Lanzhou zu ergattern hoffte (denn er befindet sich direkt gegenüber vom Busbahnhof auf der anderne Fluss-Seite), ist eine einzige große Baustelle. Aber es gibt ja noch den West-Bahnhof, nur vierzig Busminuten entfernt! Verbittert mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt und lasse die Fahrkarte sausen.
Xining entpuppt sich dann als stark muslimisch geprägte Stadt mit zwei großen Moscheen in der Stadtmitte. Die Frauen, zumeist vom Volk der Hui, pflegen ihre ganz eigene Form der Verschleierung, eine in der Regel schwarze Haube, die zwar das Gesicht frei lässt, aber Hals und Nacken komplett bedeckt. In einer muslimischen Herberge in einer Seitengasse vor der großen Moschee finde ich meine neue Bleibe. Doch von den 200 Yuan, die ich hinblättere, wird nur ein Schein akzeptiert. Das sei Falschgeld, informiert mich die junge Rezeptionistin. Wo ich das denn herhabe. Ich erinnere mich: Beim Verlassen des Hotels in Dulan hatte man mich beim Erstatten der achtzig Yuan Kaution um zwanzig Yuan Wechselgeld gebeten – und mir einen falschen Hunderter untergejubelt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. In meiner Ratlosigkeit will ich den Schein erst verbrennen. Ich träume von einem Al-Capone-Auftritt mit einem Geldschein als Zigarrenanzünder, aber dazu fehlt die Zigarre. Und Feuer gibt es bei all den frommen Mohammedanern an der Rezeption auch nicht. Und irgendwie, meint die junge Rezeptionistin, könne man das Falschgeld doch sicher noch... Ich erkläre: Wie könne ich, nachdem ich doch jetzt wisse, das das Falschgeld sei, jetzt diesen Schein noch benutzen? Aha, stellt sie fest, ein Christ! Trotzdem bleibt der Schein an gesonderter Stelle im Portmonee. Ich werde ihn wohl als Souvenir mit nach Hause nehmen. Trotzdem bin ich als Opfer dieser blütenreinen Falschgeldaktion nicht besser gelaunt als Djokovic nach dem verlorenen Finale von Wimbledon.

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Samstag, 06. Juli 2013

Spiel, Satz und...
Von didus, 23:59

Am Morgen warnt mich die Rezeptionistin noch, dass die Fahrkarten nach Xining früh ausverkauft sein könnten, aber ich verstehe das als Hinweis, dass man mich möglichst rasch los sein möchte. Dann schaue ich aber tatsächlich in die Röhre: keine Fahrkarten mehr. Ich mache aus der Not in der Tugend, ziehe in ein anderes Hotel und wandere auf den nächsten Berggipfel. Unterwegs passiere ich eine LKW- und PKW-Schlange am Ortseinang. Da geht nichts mehr. Eine Kontrolle wegen des Überfalls nationalistischer Uiguren auf eine Polizeistation in der Nachbarprovinz Xinjiang, über die das Fernsehen gerade berichtet hat (mit einem reumütigen und geständigen Attentäter vor laufender Kamera, der wahrscheinlich Schläge und Folter hinter sich hat)? Auch ich werde schließlich an der Landstraße von der Polizei angehalten. Mein Pass liege im Hotel und ich sei auf einem Spaziergang, gebe ich bereitwillig Auskunft; ob Spazierengehen in China nicht erlaubt sei. Doch, doch, sei erlaubt, lässt man mich ziehen. Ich erklimme einen kleinen Hügel, genieße eine Aussicht auf karge, ockerfarbene oder braunrote Felsmassive, sieht aus wie eine Landschaft aus den Mars-Chroniken. Bei Einbruch der Dunkelheit kehre ich an Rapsfeldern und einem Neubaugebiet ins Hotel zurück. Ich habe eine Verabredung mit dem Fernseher: Wimbledon-Finale mit Sabine Lisicki. Doch vorher: Und täglich grüßt das Murmeltier. Ein Herr hält einen kleinen Zettel hoch und lässt mich in englischer Sprache lesen: Tut uns leid, Sie können hier nicht wohnen. Wir dürfen das nicht. Sie können ins Sowieso-Hotel gehen. Ich will aber definitiv nicht ins Sowieso-Hotel, ich will jetzt erst mal Tennis gucken. Während des erschreckend kurzen ersten Satzes kommt eine junge Bedienstete vorbei und verlangt meinen Pass. Kurz bevor Lisicki die ersten Matchbälle abwehrt, kommt der Pass zurück, den man fotokopieren ließ, und, ja, ich könne jetzt hier bleiben. Der zweite Satz endet 4:6 aus Sicht von Lisicki. Aber immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf.

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Freitag, 05. Juli 2013

Herzlich unwillkommen
Von didus, 23:59

Um 16 Uhr nehme ich für 84 Yuan den Bus nach Dulan (fünf Stunden). Aber auch in Dulan will man mich nicht haben. Der kleine Ort in der Steppe, den ein Flusslauf zur fruchtbaren Oasenstadt mit blühenden Raps- und Getreidefeldern mitten im Juli gemacht hat, liegt auf halber Strecke zwischen Golmud und Huangyuan und ist mir einen zweitägigen Aufenthalt in der Einöde wert, allerdings eher unfreiwillig, denn am nächsten Tag wird es keine Fahrkarten für Xining mehr geben, die Hauptstadt der Provinz Qinghai. Doch der Reihe nach: Ich komme mir vor wie bei "Und täglich grüßt das Murmeltier". Denn es wiederholt sich immer die gleiche Geschichte: Ich bin bereits eingezogen, die Dame am Empfang hat es mit dem Pass nicht so genau genommen, denn eigentlich dürfe man ja keine Ausländer... naja. Ich kehre an die Rezeption zurück und will eigentlich nur was zum Thema Internetverbindung wissen, da taucht der mutmaßliche Ehemann der Rezeptionistin mit Kleinkind auf dem Arm auf und plötzlich ist nicht mehr von Internet die Rede, sondern davon, dass ich hier gar nicht wohnen dürfe. Ich begreife diesen abrupten Themawechsel erst gar nicht. Sie habe es mir ja vorhin gesagt, erklärt sie. Ich verspüre ein Aufwallen von Aufstandsgeist in mir und vor allem nicht die geringste Lust auf eine weitere Reise ans Ende der Nacht. Deshalb teile ich schroff mit, dass das nicht mein Problem sei, ich hätte mit der Dame am Empfang einen Vertrag geschlossen und damit basta. Damit bin ich weg. Tatsächlich wagen sie es anschließend nicht mehr, mich rauszuwerfen.

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Arabisch für Anfänger
Von didus, 16:15

Ich habe vor der Weiterreise nach Dulan noch etwas Zeit und schaue mir die große Moschee im Norden der Stadt an. Aus dem Fenster einer Koranschule für Mädchen dringt ein monotoner Chorgesang. Auf den Tischen liegen Hefte mit arabischen Schriftzeichen. Ich schaue vom Bürgersteig hinein und lenke die kleinen Grundschülerinnen ab, denen die Lehrerin gerade einen arabischen Gesang beizubringen versucht. Danach durchquere ich den Kunlun-Park in der Stadtmitte, dessen Hauptattraktion eine Plattform mit Blick auf die Fußgängerzone und die bräunlich-ockerfarbenen Berge im Süden sowie ein künstlicher Felsen sind, in den unten Musikbars und andere Läden eingelassen sind und der an einen künstlichen Teich grenzt. Außerdem trifft man auch hier immer wieder auf Orte, wo wer seine Notdurft verrichtet hat. An dieser Stelle ein Aufruf: Mehr öffentliche Toiletten für Golmud!

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Donnerstag, 04. Juli 2013

Der große RTL-Zivilcouragetest
Von didus, 23:59

An dem Imbiss, an dem ich mir immer die typisch muslimische Teigtasche abhole und wo es auch einen Eisladen gibt, bei dem man für umgerechnet 75 Pfennig noch so viel Eis bekommt, wie es sich gehört (er haut mir den Becher richtig voll!), gibt es plötzlich einen Fall ehelicher Gewalt: Ein Mann zerrt seine Frau an den Haaren aufs Familienmoped, dann schlägt er ihr ins Gesicht, sie geht zu Boden, er tritt sie. Und während ich noch überlege, ob man da tatenlos zusehen soll, zeigt sie sich schließlich, heftig aus der Nase blutend, gefügig und braust mit ihm und dem gemeinsamen Kind auf dem Moped davon. Trotzdem dürfte ich beim großen RTL-Zivilcourage-Test mit versteckter Kamera wohl durchgefallen sein. Immerhin habe ich eine gute Ausrede: Als ich mich das letzte Mal in diesem Land im Recht wähnte, landete ich als Angeklagter auf einer Polizeistation. Ein anderer tatenloser Zuschauer guckt sich die Blutspuren an, die die junge Frau dort, wo eben noch das Moped stand, hinterlassen hat, und ich muss noch lange an den entsetzten Blick des vier- oder fünfjährigen Knirpses denken, der bestürzt mit ansehen musste, wie der Papa die Mama blutig schlägt.

Da der Taxifahrer mehr als 500 Yuan für die Tour auf den Kunlun-Pass verlangt, streiche ich diesen Programmpunkt. Der Charter-LKW, der vor dem Hotel am Bahnhof eine ganze Horde westlicher Touristen ausspuckt, die vermutlich gerade Tibet durchquert haben, riecht nach dem exotischen Höhenabenteuer, das mir leider verwehrt bleibt, weil ich ja ohne Extra-Lizenz nicht nach Lhasa darf.

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Mittwoch, 03. Juli 2013

Abgeschoben
Von didus, 23:59

Tja, eben hab ich noch stolz von meiner schön billigen Unterkunft berichtet, da kommt die kalte Dusche: Chef und Chefin sind inzwischen eingetroffen und eröffnen mir in dürren Worten, dass sie gar nicht die Lizenz hätten, Ausländer bei sich aufzunehmen. Ich muss wieder raus. Sie sei heute erkältet und habe sich vertreten lassen und die Vertretung sei nicht so gut unterrichtet, was gehe und was nicht. Man biete mir aber an, mich im Auto zu einem anderen Hotel zu bringen. Die Reise ans Ende der Nacht beginnt: Ich lehne reihenweise zu teure Unterkünfte ab oder aber die anvisierten Unterkünfte haben ebenfalls nicht die Lizenz zum Ausländerbeherbergen. Ich lästere: Wie sei das eigentlich zu verstehen, die Provinz Qinghai mit seinen Sehenswürdigkeiten begrüßt seine ausländischen Gäste (habe ich auf einem Plakat an der Fernbusstation gelesen)? Am Ende nehme ich das Heft in die Hand, beordere die Chefin an den Bahnhof, finde eine Ort mit sechzig Yuan pro Nacht (der sich mangels Komfort gar nicht als Hotel verstanden lassen will) und sage tschüs. Das Auto braust mit einer Fahrerin, die froh ist, mich los geworden zu sein, davon.

Sie sind übrigens Besucher Nr. 

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