Reisziel: Mond
Am frühen Morgen also tatsächlich der Weckruf. Meine Sachen sind immer noch nicht alle richtig trocken. Rasch packe ich zusammen. Der Henkel meiner Tragetasche hat sich in seine faserigen Einzelbestandteile aufgelöst und sieht jetzt aus wie das Toupet einer blonden Muppet-Puppe. Ich nehme sie untern Arm, schultere den Rucksack und bin pünktlich um kurz vor halb acht zur Abfahrt des Minibusses am Hangar an der Tran Phu Nha Trang Nr. 86. Der Bus (Fahrpreis: 65.000 Dong) verlässt die Bucht von Nha Trang über gut ausgebaute Straßen, ein letzter Blick zurück auf die grünen Hänge am Meer. Mein Flug geht um zwanzig vor zehn. Etwa eine Stunde vorher finde ich mich am Vietjet-Schalter eines modernen Flughafens im öden Niemandsland wieder und habe kein Gepäck aufzugeben. Als ich am Schalter stehe, sehe ich, dass sich ein Bindfaden um meine Fußgelenke gewickelt hat. Ich stelle fest, dass es sich um Fasern vom Henkel meiner Tragetasche handelt, die einige Meter vom Schalter entfernt auf dem Boden liegt. Offensichtlich besteht der Henkel meiner Tragetasche aus so vielen Einzelfasern, dass sie, einzeln aneinander gelegt bis zurück zum Strand von Nha Trang reichen würden. Besorgte Passagiere weisen mich darauf hin, dass ich stolpern könnte. Als ich im Wartesaal der Abflughalle sitze, stelle ich fest, dass sich einzelne blonde Fasern bereits auf meiner Kleidung verteilt haben. Im Flugzeug hängen Fasern aus dem Schließfach oberhalb der Sitze. So weiß ich wenigstens, wo meine Tasche abgeblieben ist. In Hanoi finde ich rasch die Bushaltestelle. Ich erinnere mich vom Tag der Ankunft noch an die Linie 17, die vom Bahnhof in die Innenstadt führt. Ich esse etwas Obst aus dem Nha Tranger Supermarkt, an einem Apfel hängt eine Faser meiner Tragetasche. Die Fahrt dauert doch länger als die zuvor in Erfahrung gebrachten 20 Minuten, nämlich fast eine Stunde. Als ich die ersten Gebäude sehe, die mir bekannt vorkommen, steige ich aus. Die Hauptstadt ist voll auf Frühlingsfest eingestellt. Überall fahren Zweiräder die berühmten Mandarinenbäumchen herum, die auch in Südchina als Symbol für den Frühling in dieser Jahreszeit Hochkonjunktur haben. Festlich geschmückt sind ganze Straßenzüge, einige sogar gesperrt. Ich brauche eine Weile, um mich zu orientieren. Auf dem Stadtplan finde ich längst nicht jedes kleine Gässchen in diesem verwinkelten Altstadtbereich. Schließlich finde ich mein altes Hotel, das »Cyclo-Hotel«, in dem ich meine erste Nacht in Vietnam nach der Ankunft verbracht habe. Ich habe ja schließlich eine Mission: meine Kaution zurückverlangen für den Schlüssel, den Reisegenosse Hu verbummelt hat. Aber mein Entsetzen ist groß, als ich erfahre, dass mein langer Weg zurück völlig sinnlos war: Hu hat den Schlüssel viel zu spät zurückgebracht (er war ja in Saigon) und ein neues Schloss musste eingebaut werden. Mithin kann mir mein Geld nicht erstattet werden, erläutern die Damen zerknirscht. Das Schloss war ja viel teurer! Aber, argumentiere ich, das alles war doch nicht meine Schuld! Hu hat leider jegliche Verantwortung und finanzielle Kompensationsleistung abgelehnt. Ich bin einigermaßen empört und muss den Rezeptionsdamen zustimmen, als sie Hus Verhalten als »typically Chinese« bezeichnen.
Im Hotel habe ich immerhin erfahren, wie man mit dem Bus an die Grenze kommt, denn am Bahnhof habe ich ermittelt, dass es auch nach China keine Zugfahrkarten mehr gibt. Hu hatte mich per E-Mail aber schon informiert, dass eine Reise im Bus ohnehin empfehlenswerter sei, da man so wenigstens etwas von der Landschaft sehe. Ich fahre also zur Busstation Luong Yen und erkundige mich nach Preisen. Auf der anderen Seite der Schnellstraße gibt es eine Reihe von Billighotels und ich miete mich günstig in einem kühlen, fensterlosen Raum mit Dusche und TV ein. Ist ja nur für eine Nacht. Danach begebe ich mich, vom Gepäck befreit, noch einmal an den Hoan-Kiem-See und umwandere ihn einmal, schaue mir das Gebäude des Volkskomitees im Osten und die Ba-Da-Pagode im Westen an, wo irgendeines historischen Ereignisses gedacht wird, das mit einem Schwert zu tun hat. Und um 18 Uhr gehe ich in eine Aufführung des »Vietnam National Tuong Theatre«. In nicht mal einer Stunde werden Ausschnitte klassischer folkloristischer Stücke gezeigt, mit dem üblichen Klong-klong und den hohen Jaulstimmen maskierter und geschminkter Schauspieler. Ein Schauspieler spielt einen alten Opa und dessen junge Frau gleichzeitig und in einer Figur – bemerkenswert. Zwei junge Schnösel baggern die junge Frau an, weil sie finden, dass der Alte zu alt für sie sei. Das ist, grob zusammengefasst, die Handlung des ersten Stücks. Für die jeden Montag und Donnerstag stattfindende Darbietung auf einer kleinen Bühne vor dem Theatersaal haben sich etwa zwanzig vorwiegend ausländische Zuschauer eingefunden. Das ganze Vergnügen kostet auch nur 150.000 Dong. Kultur pur.
Und dann geschieht das Unglaubliche: Ich erwerbe ein Souvenir in einem Laden für handwerkliche Produkte, Touri-Tinnef, Bild-Reproduktionen etc. Was ist passiert? Wie konnte es so weit mit mir kommen? Hat sich derlei in meiner Biografie überhaupt schon mal zugetragen? Die Antwort ist ganz einfach: Ich bin in dem Laden auf Reproduktionen von Tim-und-Struppi-Titelbildern zum An-die-Wand-Hängen gestoßen und Hans-Jo. wird vor Neid erblassen, wenn ich ihm eines Tages mein A3-Bild von »Reiseziel: Mond« zeigen kann. Es gibt neben »Rackham«, »Tim im Kongo«, »Der blaue Lotos« und »Schritte auf dem Mond« sogar ein Cover von »Tim in Vietnam«, ein im Hergé-Stil nachgebildetes Cover, das es so in Wirklichkeit natürlich nie gegeben hat. Ich entscheide mich aber lieber für ein Original... und darf mich endlich mal fühlen wie ein echter auf allen möglichen Kitsch reinfallender Tourist.