Von Viet Hai nach Catba-Stadt
Die Engländer sind mit'm Radl da und machen sich wieder auf den Weg. Mein Führer und ich folgen zu Fuß. Leider beginnt es wieder zu nieseln. Trotzdem: Der Spaziergang durch das Tal von Viet Hai, der uns zwischen hohen Felsmassiven hindurch an die Küste der Insel Catba führen wird, ist ein Fest fürs Auge: Im Vordergrund die winterlichen Reisfelder, dahinter die grünen Karst-Riesen, da verweilt das Auge auch gern mal länger. In einem schmalen Tunnel treffen wir die Briten wieder, die vom Rad gestiegen sind und sich nun mit langen Stöcken oder Gerten duellieren. Wenig später stoßen wir auf einem hölzernen Anleger auf eine größere Gruppe von Ausländern, die mit mir gemeinsam ein Ausflugsboot besteigen; auch die Briten sind wieder dabei. Trotz der Kälte verlasse ich das windgeschützte Unterdeck über eine Treppe nach oben. Dort befinden sich bereits die Engländer: Für den fälligen Schnappschuss macht sich Sohnemann oben frei und legt sich auf einen Liegestuhl auf dem Oberdeck – die perfekte Illusion vom heißen Tropenurlaub. Kaum zu glauben, dass das derselbe Mensch ist, den in Viet Hai noch so furchtbar fröstelte. Doch auch ich stelle fest, dass man im Liegestuhl weniger Angriffsfläche für den kühlen Wind bietet und so schippern wir durch das malerische Insel-Archipel. (Wer einen Eindruck bekommen möchte, kann sich durch einen Mausklick hier ein paar Fotos anschauen. Wir werden nach ca. 30 Minuten in Catba-Stadt abgesetzt, wo mich mein Fahrer mit Gepäck bereits erwartet. Wir fahren kurze fünf Minuten auf die andere Seite der Inselspitze. Hier erwartet mich mein Hotel. Das heißt zwar »Catba Dream«, hat aber mit dem Hotel, von dem ich geträumt habe, so rein gar nichts gemeinsam. Es erweist sich als lausiges Zwei-Sterne-Hotel – aber immerhin mit Meerblick –, in dem ich für die Benutzung der Klimaanlage noch zwölf Dollar extra zahlen soll! Bei mir brennt die Lunte. Der Manager wird seitens der Rezeption kontaktiert und die Klimaanlage wird eingeschaltet. Warm wird es in der billigen Bude trotzdem nicht. Schon jetzt ist mir klar, dass ich ein wandelndes Pulverfass bin. Ich gehe ins Bett und schaue "The Amazing Spiderman".
Ich muss dann aber doch noch mal raus - man will doch was sehen von dem Ort hier - und wandere in der Dunkelheit den Hafen entlang, an dem überall kleine Dschunken im Schlummer liegen, werde von Hunden angekläfft und stoße auf mein Vier-Sterne-Hotel, in dem gewiss noch Zimmer frei gewesen wären. Schließlich kehre ich um und spaziere noch auf eine Landungsbrücke oder einen Fähranleger oder einen Pier oder wie man das nennt und plötzlich entdecke ich in einer Pfütze am Boden: einen Hundert-Dollar-Schein. Nein, denke ich, das kann nicht sein! Bin ich etwa heute ein Glückspilz? Und da noch einer und da: ein ganzes Bündel im Regen aufgeweichter Scheine. So aufgeweicht sind die Scheine, dass sie so schnell einreißen wie Toilettenpapier. Scheint ja keine so solide Währung zu sein. Ich nehme trotzdem ein paar Scheine mit. Mal sehen, wie die trocken aussehen. Am Ende landen die Scheine bei mir im WC-Mülleimer. Nur einen behalte ich, nur leicht eingerissen, gereinigt und getrocknet – als Andenken.