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Donnerstag, 21. Januar 2016

Auf nach Hanoi!
Von didus, 23:50

Ich habe es geschafft. Nach einer Nacht in Nanning habe ich eine »Buchfahrkarte« nebst »Bettkarte« und »Streckenfahrschein« der »Eisenbahnen der VRC«, »Gesamtbetrag 215 Yuan« ergattert. Das steht da tatsächlich in deutscher Sprache drauf – eine Erfahrung, die ich bereits im Mai letzten Jahres beim Erwerb einer Fahrkarte in Pjöngjang gemacht habe – die sozialistische Internationale macht's möglich. Ich sitze in einem Schlafwagen-Abteil mit Hu Jianwei (nicht verwandt mit Hu Jintao), der in Harbin studiert, und einem Chinesen, der mit seiner vietnamesischen Frau zum Frühlingsfest nach Vietnam fährt. Nebenan im Nachbarabteil liegt ein holländisches Pärchen auf den Liegen. Sie wollen noch bis nach Australien und haben alle Ersparnisse zusammengekratzt, um ein ein paar Monate unterwegs sein zu können. Bei der Grenzkontrolle in Dongdang werden wir alle aus dem Waggon gebeten und begeben uns in das Bahnhofsgebäude. Die Vietnamesin aus dem Abteil spricht zwar Chinesisch, aber sie kann genau wie ich nicht lesen und Englisch auch nicht. Ich helfe ihr also beim Ausfüllen der Ausreisekarte. Ein paar andere Ausländer lerne ich auch noch kennen. In den 1.-Klasse-Abteilen befinden sich fast nur Ausländer. Ich habe kein Visum, aber das wird nicht beanstandet, denn Deutsche können für ein Jahr probeweise visumsfrei für 15 Tage nach Vietnam einreisen. Zwei Mal müssen wir aus dem Waggon, denn nach dem Grenzübertritt sind die Vietnamesen an der Reihe. Insgesamt sind es doch fast vier Stunden, die wir so aufgehalten werden. Um 5.30 Uhr (4.30 Uhr chinesischer Zeit) sind wir in Hanoi, Bahnhof Gia Lam. Es ist finster und wir strömen aus dem Bahnhofsgebäude in eine schmale Gasse, die so gar nicht zu einem Hauptbahnhof passen will. Es handelt sich auch gar nicht um den Hauptbahnhof. Während die Holländer und auch die meisten anderen sich aufs Geratewohl ins Dunkel begeben, entscheiden Jianwei und ich erst mal abzuwarten. Wir hatten schon im Zug beschlossen, dass wir uns ja in Hanoi ein Hotelzimmer teilen könnten. Mir passt es ganz gut, dass ich in dieser fremden Stadt nicht völlig auf mich gestellt bin. Es wird schließlich hell und ein sehr langer Tag beginnt. Die beiden Chinesinnen, die ebenfalls mit uns im Zug gewesen sein müssen, sind irgendwie besser informiert als wir, zeigen uns den Busbahnhof und wissen schon, welchen Bus man in Richtung Innenstadt nehmen muss. Sie haben offensichtlich auch Geld. Und weg sind sie! Wir dagegen müssen darauf warten, dass die Banken öffnen, nur um festzustellen, dass die keine chinesischen Yuan annehmen. Immerhin haben wir eine belebte Hauptstraße gefunden. Doch die Suche nach Devisen wird zum Drama! Und dazu ständig dieser kühle Nieselregen bei Höchstemperaturen von 15 Grad! Mitsamt unserem Gepäck klappern wir eine Bank nach der anderen ab und überall gibt es dieselbe Ansage: keine Yuan. Jianwei sagt den Satz des Tages: »Should I have prepared better for this trip?« Dabei ist er doch fein raus, denn er hat auch Dollar dabei und muss nur warten, bis die Banken öffnen. Schließlich lasse ich ihn, der etwa 400 Prozent meiner Gepäckmenge mit sich herumschleppt, alleine auf die Öffnung einer Bank warten, die ihm den Tausch von US-Dollar in Aussicht gestellt hat. Er darf sich da auch schon mal reinsetzen, der Kassierer komme gleich, heißt es. Ich irre derweil weiter durch die kühle Stadt – ohne Erfolg. Ich treffe Jianwei am vereinbarten Ort wieder. Er ist jetzt Dong-Millionär. Ich dagegen habe immer noch kein Geld. Die Suche geht weiter und für Jianwei gilt die alte Devise: mitgehangen, mitgefangen, weil ich ohne Geld nicht mal einen Bus bezahlen kann. Überall will man meine Yian nicht. Verzweifelt steige ich um auf Postbank-Karte. Ein ATM-Automat weist das unerlässliche PLUS-Zeichen auf, Geld spuckt er trotzdem nicht aus: Karte nicht lesbar! Der Logik entsprechend versuche ich es nun an einem Automaten, der erkennbar kein PLUS-Emblem aufweist: Endlich spuckt die Kiste einheimische Dong aus! Und lacht: 200.000, das möge sich ja nach viel Geld anhören, aber das seien umgerechnet gerade mal 7 US-Dollar. Er ist auch nur kurzzeitig erleichtert, das mein Geldproblem vorerst gelöst ist, denn er hat unterdessen ganz andere Sorgen: Wo bekommt er eine preisgünstige SIM-Karte für sein Telefon samt mobilem Internet? Ohne funktionierendes Mobiltelefon ist ein Chinese, wie jeder weiß, nur ein halber Mensch. Und ohne vernünftiges Frühstück auch. Sein Magen hängt auf halb sieben. Es ist auch schon halb neun. Irgendwo am Straßenrand genehmigen wir uns eine Nudelsuppe. Wir nehmen einen Bus, den uns die Chinesinnen empfohlen haben, Nummer 21, aber haben natürlich die falsche Straßenseite gewählt und sind zwei Stationen später wieder am zentralen Busbahnhof unweit des Bahnhofs Gia Lam, dem Ausgangspunkt unserer heutigen Expedition. Wir werden gleich noch mal zur Kasse gebeten, noch mal 7000 Dong. Auf Verhandlungen lässt sich der Kontrolleur gar nicht erst ein, als wir zu verstehen geben, doch gerade erst eingestiegen zu sein. Im Bus sackt Jianwei völlig in sich zusammen – Müdigkeitsattacke. Ich übernehme das Kommando. Hier, sage ich sinngemäß, sieht das recht lebendig aus, lassma aussteigen! Tatsächlich war die lärmende Hautpstraße, wo wir nach Banken fahndeten, weit vom touristisch besiedelten Altstadtviertel entfernt, das wir nun endlich erobern. Jianwei ist wieder ganz da, findet einen Laden mit günstiger SIM-Karte und lotst uns nun geschickt durch die engen Gassen, die sich durch entsetzliche Mengen von lärmenden und stinkenden Krafträdern auszeichnen, als wollte man mit Gewalt jedes Klischee einer fernöstlichen Großstadt bestätigen. Außer Krafträdern, die uns am liebsten alle umnieten würden, treffen wir auch immer mehr Touristen. Russen weisen uns die Richtung zu einer Herberge. Ein »Hostal«, nicht teuer, nehmen wir dann doch nicht: Der Schlafraum verfügt nicht über Fenster und die Geruchskulisse wirkt auf Jianwei irritierend. Wir treffen ein chinesisches Pärchen und lassen uns ein paar Tipps geben. Jianweis Telefon weist auf Googlemaps noch jede Menge weiterer Gasthöfe aus. Schließlich nehmen wir das Old Quarter Cyclo Hotel, denn die beiden Damen am Empfang sprechen sehr gut Englisch, oben im vierten Stock haben wir eine tolle Aussicht und geteilt durch zwei sind 400.000 Dong ja auch erschwinglich. Auch das Geldtauschen ist nun kein Problem mehr. Hier auf der Touristenmeile tauscht fast jedes Gasthaus Devisen. So beliebt scheint die einheimische Währung nicht zu sein, auch eine Parallele zum sozialistischen Nordkorea... Wir hauen uns eine Stunde aufs Ohr – so erholsam und lang war die Nacht im Zug ja nicht – und dann gehen wir getrennt auf Tour. Ich will einfach etwas durch die Gegend flanieren und Jianwei hat eine Verabredung mit einer Bekannten. Ich wandere bis zum Militärmuseum mit Rückständen des Vietnam-Kriegs, auch einigen erbeuteten Flugzeugen und Panzern der US-Truppen und bestaune die allgegenwärtige Hurra-Beflaggung zum gegenwärtig stattfindenden 12. Parteitag. Dann wandere ich wieder Richtung Zentrum. Ich finde eine Kirche, wo sich viele Kinder und Jugendliche tummeln. Abends bin ich am Hoan-Kiem-See und werde, kaum dass ich auf einer Parkbank Platz genommen habe, von zwei reizenden Studentinnen angesprochen, die an mir ihr Englisch ausprobieren wollen. Wenig später findet uns Jianwei, dann taucht noch ein vietnamesischer Student auf, der sehr gut Englisch spricht, aber die Mädels hin und wieder mit Indiskretionen verstört, sodass sie etwas ins Hintertreffen geraten. Das Ganze endet in einem der üblichen Fotografier-Exzesse. Jianwei wird schließlich an diesem zentralen Ort in Hanoi abgeholt und steigt bei seiner Bekannten aufs Moped, ich will lieber in der Gegend bleiben und die Mädels verabschieden sich in verschiedene Richtungen, nicht ohne alle E-Mail-Adressen aufgeschrieben zu haben.

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