Blüte
Schon um 10.20 Uhr geht es weiter, vom gründen Oasenstreifen wieder hinaus in die Wüste, die bald grüner und grüner, wieder zur Grassteppe wird. Schließlich wird, diesmal nördlich gelegen, wieder der Qinghai-See erkennbar. Man sieht die typisch tibetischen Verzierungen an den oberen Rändern der ein- oder zweigeschossigen Bauwerke. Am südöstlichen Zipfel des Sees hat sich sogar so etwas wie ein kleine Feriensiedlung samt Ausflugdampfer entwickelt. Ist aber noch ausbaufähig. Insgesamt ist am Südufer des Sees wesentlich mehr los als im Norden. Böse Überraschung: Als der Bus abends in Xining ankommt, stelle ich ernüchtert fest, dass auch hier die Bau- und Renovierungswut vor keiner für mich noch so ungünstigen Situation zurückschreckt: Der Bahnhof, an dem ich direkt nach der Ankunft die Fahrkarte nach Lanzhou zu ergattern hoffte (denn er befindet sich direkt gegenüber vom Busbahnhof auf der anderne Fluss-Seite), ist eine einzige große Baustelle. Aber es gibt ja noch den West-Bahnhof, nur vierzig Busminuten entfernt! Verbittert mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt und lasse die Fahrkarte sausen.
Xining entpuppt sich dann als stark muslimisch geprägte Stadt mit zwei großen Moscheen in der Stadtmitte. Die Frauen, zumeist vom Volk der Hui, pflegen ihre ganz eigene Form der Verschleierung, eine in der Regel schwarze Haube, die zwar das Gesicht frei lässt, aber Hals und Nacken komplett bedeckt. In einer muslimischen Herberge in einer Seitengasse vor der großen Moschee finde ich meine neue Bleibe. Doch von den 200 Yuan, die ich hinblättere, wird nur ein Schein akzeptiert. Das sei Falschgeld, informiert mich die junge Rezeptionistin. Wo ich das denn herhabe. Ich erinnere mich: Beim Verlassen des Hotels in Dulan hatte man mich beim Erstatten der achtzig Yuan Kaution um zwanzig Yuan Wechselgeld gebeten – und mir einen falschen Hunderter untergejubelt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. In meiner Ratlosigkeit will ich den Schein erst verbrennen. Ich träume von einem Al-Capone-Auftritt mit einem Geldschein als Zigarrenanzünder, aber dazu fehlt die Zigarre. Und Feuer gibt es bei all den frommen Mohammedanern an der Rezeption auch nicht. Und irgendwie, meint die junge Rezeptionistin, könne man das Falschgeld doch sicher noch... Ich erkläre: Wie könne ich, nachdem ich doch jetzt wisse, das das Falschgeld sei, jetzt diesen Schein noch benutzen? Aha, stellt sie fest, ein Christ! Trotzdem bleibt der Schein an gesonderter Stelle im Portmonee. Ich werde ihn wohl als Souvenir mit nach Hause nehmen. Trotzdem bin ich als Opfer dieser blütenreinen Falschgeldaktion nicht besser gelaunt als Djokovic nach dem verlorenen Finale von Wimbledon.