Die Halong-Bucht
Ich sitze fast allein in dem großen Frühstückssaal des Princess-Hotels und esse, als ob es die nächsten zehn Tage nichts mehr geben würde. Wenn man eine Million zahlt, müssen ein paar Kalorien für den nächsten Tag inbegriffen sein, sage ich mir. Es ist lausig kalt in dem Raum. Und das liegt nicht an einer eventuellen Klimaanlage. Es ist einfach kalt in Nordvietnam.
Ich wandere zurück zum Busbahnhof. Die Strecke kenne ich ja nun. Auf dem Weg komme ich an einer Kfz-Werkstatt vorbei und werde, obwohl ich auf der anderen Straßenseite unterwegs bin fast umgeblasen von der Musik, die lauter durchs Tor nach draußen schallt als bei manchem Tanzschuppen. Mit dem Bus lasse ich schließlich Haiphong hinter mir. Wie immer geht es erst mal nur im Schritttempo voran, solange der Bus nicht voll ist. Könnten ja noch Leute mitwollen. Schließlich erreichen wir die Stadtgrenze – es geht voran. Von einer Hochbrücke aus sehe ich noch mal die vielen bunten Quader auf grünem Grund. So sehen die Häuser von weitem aus. Von der Küstenstraße aus, der wir folgen, sieht man schon bald die ersten grünen, parabelförmigen Hügel, so genannte Karstberge, die hier die Küstenlandschaft prägen und die der Grund dafür sind, dass ich heute diese Richtung eingeschlagen habe. Die Halong-Bucht (bekannt aus James Bond – Der Morgen stirbt nie zeichnet sich durch eine Reihe von Insel-Archipeln aus Karstgestein aus, manche bestehen nur aus einem aus dem Meer ragenden grau-grünen Hügel. Plötzlich hält der Bus und ich muss raus. Wir befinden uns vor einer langen Brücke und nichts, absolut nichts sieht hier nach Urlaubsgebiet aus. Der Mann, der von den Passagieren die Fahrtkosten kassiert hat, also eine Art Schaffner, weist auf einen Mann draußen auf der Straße, einen Mann mit Moped. An den könne ich mich wenden. Und tschüß! Ich denke natürlich nicht im Traum daran, für 50.000 Dong (damit kann ich zehn Mal mit dem Bus quer durch Hanoi) bei diesem zweirädrigen Taxi aufzusteigen. Ich sage meinerseits tschüß und überquere resoluten Schrittes die Schnellstraße Richtung Ausfahrt. Da geht es irgendwie bergab und da werde ich schon was finden. Innerlich zittere ich zwar vor einer ähnlichen Odyssee wie gestern in Haiphong, aber kaum bin ich unter der Brücke hindurch, stehe ich am Wasser und noch mal fünf Minuten Fußweg weiter kommen die ersten Hotels. Und – was ich ja in Haiphong auch völlig vergeblich gesucht habe – ein Reisebüro. Leider geschlossen. Wochenende. So richtig belebt kommt mir dieser Küstenort auch nicht vor und wegen der vielen Schiffe sieht das jetzt auch nicht soooo malerisch aus, dass man gleich einen Luftsprung machen möchte. Ich nehme das nächste Hotel, einen hohen Betonklotz; diesmal nur 600.000 pro Nacht. Die Lobby wirkt so, als wäre ich der einzige Gast. Ich erkundige mich nach dem Reisebüro und erfahre: Ja, das gehöre gewissermaßen zu dem Hotel. Der Rezeptionist könne für mich da mal einen Kontakt herstellen, sagt er. Ich bestelle eine Tour auf die berühmte Catba-Insel (mit Original-Urwaldgebiet) mit Wandern am ersten und Bootstour durch die um Catba herumliegenden Archipel am zweiten Tag. 2.100 chinesische Yuan, das kommt mir ja 'n bisschen teuer vor, aber ich entsinne mich der vielen Stimmen, die meine Biografie durchdringen wie Löcher einen Käse mit Sätzen wie: »Im Urlaub muss man sich mal was gönnen.« Oder: »Spar nicht am falschen Ende.« Es soll tatsächlich Menschen geben, die mich für einen Knauserhannes halten, was ja ü-ber-haupt nicht wahr ist! Der Beweis: Ich sage zu und zahle auch gleich 800 chinesische Yuan an. Vor Augen habe ich eine Übernachtung im 5-Sterne-Hotel, eine Art Traumschiff, das mich durch die Bucht schippert, mehrmenüige Speisegelage, kurzum: paradiesische Zustände, und im Ohr noch einmal eine dieser Stimmen: »Das wird bestimmt ganz toll!« Vorwegnehmen kann ich auf jeden Fall schon mal, dass diese Zwei-Tagestour in der Endbilanz exakt ein Drittel meiner gesamten Reiseausgaben verschlungen haben wird. Ja, so erzeugt man Fallhöhe, denn ob ich richtig lag oder nicht, das wird sich ja in diesem Blogeintrag heute nicht mehr erweisen. Klicke dich also auch morgen wieder durch zum sin-o-meter!
Moment, Moment, ich muss ja noch rasch schildern, dass ich noch eine kleine Wanderung die Küste entlang mache und dabei entdecke, dass das hier doch ein kleiner, wenn auch verschlafener Touri-Ort ist. Ich hätte einfach weitermarschieren müssen, dann wäre ich auf Pizzerien, kleinere Gasthäuser für Rucksacktouristen, weitere Hotels und Restaurants gestoßen. Leider fehlt meinem Spaziergang der Meerblick. Die Küste ist komplett hinter Blechwänden verschwunden. Offenbar wird eine neue Promenade gebaut, jetzt in der Winter-Saison, wo es (außer mir) keine Touristen gibt, die das stören könnte.