Der lange weg nach Hue
Das kennen wir ja jetzt schon: Plötzlich hält der Bus. Jemand zeigt mir die vage Richtung, in die ich mich jetzt bewegen muss. Und ich darf aussteigen. Obwohl ich eine Fahrkarte nach Hue erworben habe, denken die Betreiber dieses kleinen Bus-Unternehmens gar nicht daran, mich vor Ort abzusetzen, sondern ich darf ein Moped-Taxi nehmen. Da es noch früh am Tage ist, entscheide ich mich für einen Fußmarsch. 13 Kilometer, das ist ja nicht mehr als einmal Großenaspe - Neumünster. Soll mir davor grauen? Und so beginnt dieser Tag wieder mal mit einem dieser typisch Didusschen Gewaltmärsche, der mir vermutlich wieder Kommentare eintragen wird wie: »Mit dir Urlaub machen zu müssen ist im Grunde nur eine moderate Form von Arbeitslager.« Der eigentliche Schock ist aber: Es ist immer noch nicht warm in Vietnam und es nieselt auch schon wieder, feucht-kühles Wetter. Links und rechts der Fahrbahn erstreckt sich eine grüne Ebene, rechter Hand (Blickrichtung Süden) sieht man vereinzelt kleine Gehöfte (LPGs?) oder weiße Landhäuser mit vom Regen geschwärzten Fassaden. Außerdem verlaufen dort die Bahnschienen, sodass ich sicher sein kann, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Während des am Ende doch fast dreistündigen Fußmarsches bekomme ich ein Dutzend eindeutiger Angebote durch die Inhaber sowohl zweirädriger als auch vierrädriger Kraftfahrzeuge, aber ich lehne dankend oder mit Verweis auf meine militärische Ausbildung (»Don't worry, I am German military. I can make it.«) ab. Das ändert natürlich nichts daran, dass mein Magen allmählich durchhängt (mein Proviant bestand zuletzt nur noch aus »Ritz«-Kräckern, Äpfeln, Kuchen sowie einem Ei, das ich schon seit Nanning mit mir rumschleppe) und mir auch die schaukelige Nacht noch in den Knochen steckt. Die kleine Bahnstation, bei der ich nachschaue, ob zeitnah vielleicht so etwas wie ein Nahverkehrszug vorbeikommen könnte, verschafft mir keine Erleichterung: Der nächste Zug kommt abends gegen sechs. Endlich kommt das Stadtgebiet in Sicht. Dann überquere ich eine Brücke über den Song Huong (Parfümfluss), im Norden ist so etwas wie eine Stadtmauer zu sehen. Offenbar befindet sich dort das Areal der alten Stadtbefestigungsbauten, denn Hue ist die alte Hauptstadt des untergegangenen Kaiserreiches, das sich in Form von Bauwerken erhalten hat, die imperialen Glanz verströmen würden, wenn hier nicht alles im trüben Winterregen verschwinden würde. Ich folge der Hauptstraße und finde den Bahnhof. Dort kann ich erst mal – gebührenfrei! – meine Morgentoilette erledigen. So fühlt man sich doch schon viel besser. Ich spreche eine Gruppe von Touristen an, die in der Wartehalle sitzen und wahrscheinlich auf den Zug nach Hanoi warten, und erfahre so, was es hier so zu sehen gibt und wie man da hinkommt. Angesichts des Wetters beschließe ich, noch am Abend dieses Tages weiter nach Süden zu reisen, nach Nha Trang. Mein Kindle verheißt dort sommerliche Temperaturen. Ich erwerbe eine Fahrkarte für 492.000 Dong, Abfahrt 19.55 Uhr, Ankunft am nächsten Morgen. Da ich mein Gepäck nirgends los werden kann und nach den 13 Kilometern Morgenmarsch gar nicht mehr so erpicht auf weitere Wandertouren bin, marschiere ich eher aufs Geratewohl in Richtung der Zitadelle, Zentrum der alten Kaiserstadt. Ich begutachte ein paar Kanonen und die Tore. Es regnet jetzt stärker. Ich habe keine Lust, mir die Zitadelle und die »Verbotene Stadt« anzuschauen. Das große Gelände ist doch eher was zum Flanieren im Sommer. Ich sehe mir den Flaggenturm am einstigen Haupteingang an. Plötzlich ruft mir jemand zu, der mich zu kennen scheint. Hä? Das holländische Pärchen aus dem Zug nach Hanoi, in der Regenschutzkleidung kaum wiederzuerkennen, spaziert gerade an der Mauer der Zitadelle in die andere Richtung. Das Mädchen hat mich erkannt. Wir tauschen uns kurz aus, wünschen gute Reise denn noch. Ich begebe mich vom Flaggenturm zum Wachturm des Tuong-Tu-Eingangstors, der wegen Bauarbeiten nicht abgesperrt ist. Innen gibt es eine Treppe wie in einer Pagode und von oben habe ich einen regengeschützten Blick auf den kleinen Kanal, der die Zitadelle umgibt, die Brücke mit den Knattermopeds darauf und das Stadtgebiet jenseits des Song Huong. Gegen fünf gehe ich über die Trang-Tien-Brücke wieder auf die andere Seite des Flusses. In einer Pizzeria bestelle ich Reis und Pizza (gleich zwei Gerichte auf einmal, kommt nicht jeden Tag vor!) und kann mich aufwärmen. Auf dem Kindle vergewissere ich mich, nachdem ich Stenzi eine Geburtstags-E-Mail geschickt habe, noch einmal, wie das Wetter in Nha Trang ist. Ein Wetterbericht verheißt Sonne, der andere Wolken und Regen. Ich stelle mich innerlich darauf ein, noch weiter bis nach Mui Ne reisen zu müssen, einen Badeort, für den alle Wetterberichte übereinstimmend Sonne vermelden. Dann spaziere ich samt Gepäck zurück zum Bahnhof. Den Rest des Tages verbringe ich mit dem aktuellen Schmöker »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« auf dem Bett meines Schlafwagen-Abteils.