Hühnchen aus der Tupperdose
Ich habe die Hoffnung schon aufgegeben. Eine Stunde sitze ich bei McDonald’s am Pekinger West-Bahnhof, wo ich mit Ex-Studentin Liu Chao verabredet bin. Da stürmt plötzlich ein Mann in den mittleren Jahren auf mich zu und klopft mir kräftig auf die Schulter und brüllt: "Ni hao"! Ich brauche ein paar Sekunden der allgemeinen Verwirrung, um in dem Herrn Liu Chaos werten Herrn Papa zu erkennen, der mit ihr und der Mama eine Stunde vor dem Westbahnhof herumgeirrt ist – auf der Suche nach mir. Wie immer ist das überhaupt nicht meine Schuld. So ein Telefon wird eben irgendwann abgestellt, wenn man nicht auflädt. Und dass Liu Chao mich bei Kentucky Fried Chicken gesucht hat, weil sie McDonald’s nicht gesehen hat und ich vorher per E-Mail geschrieben habe, wenn es keinen McDonald’s gebe, dann bei KFC, das konnte ja nun keiner vorausahnen. Denn McDonald’s liegt von KFC nur zirka hundert Meter entfernt. Nun aber Liu Chaos großer Auftritt: Sie zieht aus einem großen, braunen Umschlag einen Bescheid der Universität Passau hervor, aus dem unmissverständlich zu entnehmen ist, dass sie an selbiger Uni zum Magisterstudium im von ihr gewählten Fach zugelassen worden ist. Obwohl das totaler Blödsinn ist, werde ich mit dieser Zulassung in engen Zusammenhang gebracht (ich hatte ein Gutachten geschrieben), im nächsten Restaurant zu einem Kaltgetränk meiner Wahl eingeladen, mit Proviant für mehrere Tage und Kuchen für eine Woche ausgestattet, zur U-Bahnstation geleitet und in der U-Bahn begleitet, damit ich rechtzeitig am Pekinger Südbahnhof eintreffe. In dessen flughafengleicher Halle gibt es dann noch ein mehrteiliges Schnappschuss-Festival, ehe ich mich in Flugsteig, äh, Ausgang 8 verabschiede, hinter dem der Express-Zug G 203 nach Nanjing sicher nicht lange auf mich wartet. Im Zug verwickelt mich ein Geschäftsmann in ein langwieriges Gespräch. Für die Tupperdose mit Hühnchen und Kartoffeln brauche ich etwa eine Stunde.