Catba, DC
Kurz vor zehn geht es los: Der Reiseunternehmer, den ich bisher nur telefonisch kennen gelernt habe, holt mich persönlich mit dem Auto im Hotel ab. Inzwischen hat sich die Reihenfolge der Tour-Aktivitäten geändert: Wandern durch den »Dschungel« auf Catba heute, morgen dann das Traumschiff. Draußen regnet es so viel wie noch nie auf der gesamten Tour. Der Tour-Manager kauft eigens für mich eine Regenjacke – im Preis selbstverständlich inbegriffen. Die Umstände hindern ihn nicht, zuversichtlich zu verkünden: Auf der Insel (Luftlinie 3 km entfernt) gibt es laut Wetterbericht heute keinen Regen. Mit einer Gruppe von Koreanern, also Südkoreanern, geht es an Bord eines Schiffs, das man sich so ähnlich vorstellen muss wie eine vergrößerte Version des Bootes, mit dem Bud immer rausgefahren ist zu seinem Freund Flipper. Freunde finde auch ich rasch auf dem rasend auf die grünen Archipel zurasenden Schnellbootes: Die Touristen aus Seoul, unter ihnen Kim Gjong-Su alias Andrew, der ganz passabel Englisch spricht, sind begeistert zu erfahren, dass ich im Norden ihrer Heimathalbinsel tätig war und rausgeflogen bin, was sie natürlich nicht sonderlich überrascht. Den Damen, die mit an Bord sind, rutscht bei rauer See und steifer Seebrise das Herz spürbar in Richtung Meeresspiegel. Das Foto, das mir Andrew später schicken wird, zeigt eine zwischen Panik und Verbiesterung hin- und herpendelnde Koreanerin im Arm ihres Mannes und einen Didus mit schief sitzender Regenjackenkapuze, alle mit knalloranger Rettungsweste (wärmt gut) bekleidet, vor nass-grauem Hintergrund mit grünen Einsprengseln.
Als wir nach etwa zehn, fünfzehn Minuten auf der Insel angekommen sind, trennen sich unsere Wege. Ein Chauffeur kutschiert mich ins Innere der Insel, wo man nur in Begleitung eines einheimischen Führers über einen kleinen Pfad weiterwandern darf. Mein Führer erzählt in gebrochenem Englisch, er sei ein Veteran der stolzen vietnamesischen Armee, habe aber, wohlgemerkt, nicht im Krieg gegen die Amerikaner, sondern im etwas weniger prominenten Krieg gegen die Chinesen gekämpft. Dann habe er sich auf Catba, wo er offenbar irgendwo eine Hütte hat, im landwirtschaftlichen Sektor versucht, ehe dann aber klar geworden sei, so verstehe ich es, dass als Touri-Führer wesentlich ergiebigere Einkünfte zu erzielen sind. Es geht tatsächlich durch Urwald, erkennbar an den vielen Lianen und Schlingpflanzen im Immergrün. Das Auf und Ab meistert mein Führer, als wäre er mal eben auf dem Weg zum Einkaufen im Laden um die Ecke. Weit und breit übrigens keine Touristen, lediglich ein gelegentlich im Grün auftauchender Mülleimer in Nachbarschaft eines Wegweisers am Wegesrand sowie eine verwahrloste Hütte künden von größeren Touristenscharen. Für mich natürlich prima, dass die heute alle woanders sind. Nicht so prima ist allerdings, dass sich, wie soll ich sagen, jäh meine Verdauung bemerkbar macht. Zugegeben: Ich habe auch heute wieder recht üppig gefrühstückt und man soll ja eigentlich lieber kleine Portionen über den Tag verteilt … Ihr wisst schon … Am so genannten Froschteich, einem Tümpel mitten im Urwald, aus dem kahle Baumstümpfe emporragen, legen wir eine Pause ein. Noch geht es. Aber schon eine halbe Stunde später beginne ich schwer zu atmen. Inzwischen habe ich meine Regenjacke an meinen Führer abgegeben: Mir ist warm geworden. Es regnet hier im Regenwald auch gar nicht, obwohl die Gelegenheit gerade heute günstig wäre. Ich versuche mich mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen von dem wahren Problem abzulenken. Es sind nur noch drei Kilometer, bis wir die Wanderstrecke hinter uns haben (insgesamt ca. 14 km). Ich spreche eingedenk eines geflügelten Kanzlerinnen-Wortes zu mir selbst: »Wir schaffen das!« Mein Führer geht langsamer - er denkt, ich hätte Probleme mit der Kondition. Doch meine Probleme sitzen (liegen, stauen sich?) anderswo. Schließlich wird mir klar: Das wird nichts mehr – ich muss jetzt auf jeden Fall und unter allen Umständen ein so genanntes DC finden (»dry closet«), sonst gibt es ein Malheur im Urwald! Ich weise meinen Führer diskret darauf hin und er geht dann schon mal vor. Ich habe Glück: Ich finde einen so schön geformen Gesteinsbrocken, dass ich mich da an einer abschüssigen Stelle richtig raufsetzen kann … und es ist fast so schön wie auf einem WC. Als Klopapier müssen großformatige Blätter herhalten, aber davon gibt es ja im Urwald reichlich. Außerdem habe ich noch ein Erfrischungstuch im Gepäck und auch Wasser dabei. Ich bin unglaublich erleichtert, als es endlich weitergeht, und atme auch nicht mehr schwer. Eine halbe Stunde später erreichen wir die ersten lichteren Stellen, der Weg wird breiter und schließlich landen wir in »Viet Hai Village«, einer Ansammlung von Hütten an einer schmalen Straße, die links und rechts Reisfelder säumen. Auf dieser nähere ich mich unserer Mittagspause. Zwei Briten aus Manchester, offensichtlich Vater und Sohn, die wohl eine ähnliche Tour gebucht haben, sind gerade mit dem Essen fertig und versuchen sich irgendwie warm zu halten. Dabei haben sie wenigstens noch richtige Jacken. Das Restaurant, nur das Vordach einer Hütte, ist natürlich eher rustikal gehalten. Es gibt auch kein Menü, sondern es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Man kann ja jenseits der Zivilisation keinen Luxus erwarten, auch nicht für 2.100 Yuan. Sicher habe ich das Geld gerade dafür bezahlt, dass ich hier unverfälschte kulturelle Impressionen auf mich wirken lassen kann. Eine ältere Dame serviert vier Teller. Alles schmeckt gut und ich lasse kaum etwas übrig, aber ich habe keine Ahnung mehr, was das war. Irgendwas mit Erdnüssen. Reis gab's auch. Die Flasche Wasser tausche ich gegen eine Dose Cola. Es gibt sogar ein WC. Schade, dass es nun nur noch einer Art Endreinigung dienen kann. Aber man muss es nehmen, wie's kommt! So eine Inselwanderung ist schließlich kein Wunschkonzert!