Im Paradies der Tulipane
Wenn man abends nach einem vielseitigen Tag, der als Teil einer bunten und gut gelaunten Reisetruppe ausländischer Lehrer vormittags zum Reservat einer unter Naturschutz stehenden Hirsch-Spezies und nach einem üppigen Mittagsmahl zu einem hektargroßen holländischen Tulpenparadies mitten in China geführt hat, um zehn im Badezimmer eines 5-Sterne-Hotels in der Badewanne liegt und durch die vollverglaste Front auf den in der Suite laufenden Fernseher blickend der eigenen Lieblings-Fußballmannschaft dabei zusieht, wie sie durch einen 1:3-Auswärtssieg gegen VfB Stuttgart einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vierten Meisterschaft in Folge nimmt, und wenn man all dies mit keinem müden Kreuzer zu entgelten hat, sondern sich als Gast der chinesischen Provinzregierung fühlen darf, als wäre man ein ultrawichtiger Geschäftsmann, den es milde zu stimmen gilt, dann kann man im Leben nicht alles falsch gemacht haben.
Nicht alles, aber manches schon, denn nach dem Tulpenparadies war natürlich wer derjenige, der mal wieder die ganze Reisetruppe zunächst in Ungeduld und dann in Unruhe versetzte, weil er den vereinbarten Treffpunkt nicht rechtzeitig finden konnte? Drei Mal darf der geneigte sin-o-meter-Leser raten. Aber natürlich trifft mich wie immer in solchen Fällen überhaupt keine Schuld. Denn natürlich hatte ich von den Tulpen schon nach einer halben der insgesamt zwei Stunden zur freien Verfügung schon wieder genug und habe es mir am Rand des kleinen Flüsschens am Parkrand gemütlich gemacht, mich danach allein auf den Weg zum Treffpunkt begeben, war nur zweieinhalb Minuten zu spät, traf kein bekanntes Gesicht an und musste mich folglich allein auf die Suche nach dem Bus machen, hierbei entdeckend, dass es linker Hand und rechter Hand einer völlig verstopften Anfahrtsstraße zum Tulpenparadies je ein riesiges Busareal gab. Zwanzig Minuten Herumgeirre sind da, eingedenk des erbarmungslosen Murphy-Gesetzes, dass man in derlei Situationen erst mal den falschen Parkplatz wählt, schnell passiert. Zugegeben: Ich hätte auch mal auf die Anzeige meines auf Stumm geschalteten Telefons blicken und dabei drei vergebliche Anrufe der Reiseleitung registrieren können, die deswegen jetzt erst mal ziemlich genervt auf mein betont lässig-argloses Erscheinen reagiert, aber wie gesagt: Man kann vielleicht nicht alles falsch gemacht haben, aber doch hin und wieder ...