Ende der Glückssträhne
Nachdem in den letzten Tagen das Aufregendste ein Strandspaziergang war, der mich zur Nordseite der Bucht führte, wo ich auf Russen und Chinesen in einem vornehmen Restaurant mit Meerblick traf, gibt es nun endlich wieder: Krisen, Chaos, Katastrophen. Der Gottesdienstbesuch in der katholischen Kirche verläuft noch unproblematisch. Man hat von der kleinen Anhöhe mit der Kirche einen schönen Blick über die Stadt und wenn man bei geöffneter Tür durchs Kirchenschiff schreitet, blickt man genau auf einen weißen Jesus mit ausgebreiteten Armen. Ho Chi Minh würde sich im Grab umdrehen. Verstanden habe ich natürlich nicht viel und das viele Knien ist dem Lutheraner auch eher fremd, aber trotzdem eine schöne interkulturelle Erfahrung. Zum Abendmahl gehe ich nicht. Das darf ich ja als Protestant nicht.
Dann der Schock: In weiser Voraussicht und um mir am morgigen Abreisetag unnötigen Stress zu ersparen, möchte ich am Bahnhof schon heute eine Fahrkarte nach Hanoi erwerben, aber: ALLE FAHRKARTEN FÜR DIE GANZE MORGEN BEGINNENDE WOCHE AUSVERKAUFT! Grund ist das chinesische Frühlingsfest morgen in acht Tagen, das ja auch in Vietnam gefeiert wird. Ich bin so geschockt, dass ich die Wasserflasche in meiner kaputten grünen Tasche nicht richtig zudrehe. Das wird Folgen haben...
Eine des Englischen mächtige Verkäuferin am Schalter des Bahnhofs gibt mir einen Tipp. Ein paar Häuser weiter befinde sich ein Reisebüro, in dem man Flüge buchen könne. Dort muss ich nun also hin. Der Flug kostet 1,4 Mio. und ich muss in den sauren Apfel beißen. Leider habe ich keinen Pass dabei. Ich hatte ja heute Morgen keine Ahnung, was mir bevorstand. Doch mein unersetzliches KINDLE-Gerät hat, wie mir zur rechten Zeit einfällt, einen Scan des Passes gespeichert. So ein Glück. Aber wie komme ich denn nur zum viele Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Flughafen? Auch da weiß die freundliche Dame Rat: Wer kein Taxi nehmen möchte (hier! ich!), der könne auf einen Shuttle-Bus zurückgreifen. Und die Busstation liegt günstigerweise an der Uferstraße, fünfzehn Minuten Fußmarsch von meinem Hotel entfernt. Glück im Unglück.
Ich gehe in den kleinen Park gegenüber vom Bahnhof und nehme nach den schockierenden Ereignissen eine Auszeit. Da sehe ich, dass es aus meiner Tragetasche tropft. Das Wasser ist ausgelaufen, mein KINDLE ganz nass. Ich lege es sofort zum Trocknen in die Sonne.
Auch mein Plan, dreckige Wäsche waschen zu lassen in einer der kleinen Klitschen vor dem Hotel, die solche Dienste anbieten, erweist sich als Fehlschlag. Alle sagen mir, dass sie die Wäsche erst morgen fertig haben werden. Ich hätte früher kommen müssen. Ich muss also selbst waschen, haue alles in den Mülleimer, lasse durch den Duschschlauch Wasser einlaufen und wasche wie ein Wilder.
Ich verbringe den Rest des Tages am Strand, denn morgen muss ich früh raus. Es ist die letzten Tage nur noch sonnig, sonnig, sonnig. Am Abend gehe ich zur Probe mal zu der Busstation. Ich finde sie nur durch Nachfragen, weil sie am Ende einer schmalen Seitenstraße etwas versteckt liegt. Eine Fahrkarte kann ich noch nicht lösen. Ich könne das morgen früh vor der Abfahrt erledigen, sagen die Herren im Bushangar.
Als ich am Abend mein KINDLE einschalte, um zu schauen, was die Spielfilmkanäle im Angebot haben, stelle ich mit Grausen und Entsetzen fest, dass der Bildschirm aussieht wie die Windschutzscheibe eines Autos, in das jemand eine Spitzhacke hineingerammt hat. Ein echter Tiefschlag. Ein- und Ausschalten erweisen sich als vergeblich. Ich sehe nur noch Scherben auf schwarzem Grund. Dabei ist das Glas unversehrt. Der Befund ist so traurig wie wahr: Mein KINDLE ist hinüber. Und meine viertägige pannenfreie Zeit endet mit einem echten Paukenschlag. Nach meiner Rückkehr vom Strand ist die Wäsche nicht die Bohne getrocknet - zu hohe Luftfeuchtigkeit, kein Wunder, dass in den Klitschen keiner versprechen konnte, dass das heute noch fertig wird. Dabei hatte ich sie extra auf den Balkon (mit Meerblick!) gehängt! Ich entleihe an der Rezeption einen Föhn und föhne meine Unterhose, um morgen wenigstens die Grundausstattung trocken tragen zu können. Ich bitte außerdem um einen Weckanruf, denn zu den vielen Dingen, die das KINDLE unersetzlich machen, gehört auch die Weckfunktion.