Louis und der verschwundene Rucksack
Als ich an diesem Morgen in dem kühlen Hotelzimmer zum dritten Mal auf meine Armbanduhr schaue, wird mir klar, dass sich der abgefallene Sekundenzeiger zwischen die anderen beiden geschoben haben muss. Denn so lange halb sechs sein kann es einfach nicht! Ich schalte das Fernsehen ein und stelle fest,dass es schon halb zehn ist. Nun aber schnell zum Busbahnhof, ehe noch die gesamte Tagesplanung koppheister schießt. Beim Einstieg in den Bus nennt man mir erst mal einen zu hohen Preis (ich hatte mich ja gestern informiert), weswegen ich der umtriebigen Anschnackerin in die Schalterhalle enteile. Die junge Dame mit dem falschen Preis eilt mir prompt nach und so bezahle ich also jetzt doch die standesgemäßen 120.000 Dong und darf einsteigen. An einem Verkaufsstand kaufe ich noch ein paar frisch gekochte Eier für unterwegs.
Ja, die Reise mit dem Bus lohnt sich. Die grünen Hänge jenseits der Fahrbahn wirken z.T. wie eine ins Binnenland verfrachtete Halong-Bucht. Als wir uns Dongdang nähern, überschlagen sich die Ereignisse, denn die Stadt ist der Zielort des Busses. Darum werde ich, der ich ja nach China will, umverfrachtet. Und nun geschieht ein folgenreicher Fehler: Der gelbe Rucksack, der bisher unter dem Beifahrersitz gelagert wurde, wird für mich rausgeholt. Alles wird in den nächsten Minibus gepackt, der direkt an die Grenze fährt, und ich unterlasse es, den gelben Rucksack an mich zu nehmen. Neben mir auf dem Sitz befindet sich lediglich die Stofftasche mit dem ausgefransten Henkel (auf meiner Jacke finden sich mittlerweile auch schon blonde Fusseln) sowie Buch und Lebensmitteln. Schon sitze ich im nächsten Transportmittel. Nach einer knappen halben Stunde fährt es auf den riesigen Park- und Wendeplatz des Grenzkontrollpostens Huo Nghi, der vor dem Hintergrund grüner Hänge daliegt und einer ganzen Reihe von Minibussen Obdach gewährt. An einem kleinen Kiosk im hinteren Teil des Geländes werde ich rausgeschmissen. Man zeigt mir noch, wo ich die Fahrkarte für Nanning erwerben kann. Und weg sind sie. Ich begebe mich mit der Tasche mit den bloden Henkel-Fransen in die Schalterhalle. Dort sitzt eine Frau, die Chinesisch spricht und mir für 300.000 Dong die Fahrkarte nach Nanning verkauft. Doch plötzlich wird mir klar, dass niemand mir, anders als beim vormaligen Boxenstopp bei Dongdang, den gelben Rucksack nachgetragen hat. Vietnamesen sind offenbar doch nicht so nachtragend, wie viele im Westen denken. Und ich bin jetzt der Angeschmierte. Ich stürme aus der Schalterhalle und verstöre alle am Kiosk mit meinen aufgeregten englischen Sätzen, mit denen ich mich nach dem Verbleib meines Rucksacks erkundige bzw. des Kraftfahrzeugs für Personentransport, das sich hier gerade noch befand. Binnen weniger Minuten mutiere ich zum Amok laufenden Nervenbündel à la Louis de Funès. Einziger Unterschied: Statt »Bretter, Bretter, Bretter« rufe ich »Bag, bag, bag« (klingt aber für Vietnamesen vermutlich ähnlich). Ich weiß mir wirklich keinen anderen Rat als den wilden Mann zu markieren, wandere zunächst mal die anderen, weiter vorne unter kleinen Vordächern geparkten Fahrzeuge ab und rufe allen, die es nicht hören wollen und auch nicht verstehen können, zu: »Where is my bag?« Hernach stolziere ich, wüste Äußerungen der Selbstkritik ausstoßend, auf dem leeren Parkplatz hin und her, zertrümmere einen Ziegelstein, der herrenlos auf den Fliesen vor dem Schalterhäuschen herumlag, indem ich ihn wiederholt mit aller Kraft auf den Asphalt des Parkplatzes schleudere, und wirke auf die Öffentlichkeit in etwa so beruhigend wie ein Afghane der in Kabul auf einem belebten Markt mit einer auffällig dicken Weste herumsteht. Ich überschlage, was ich womöglich verloren habe: ein kaputtes Kindle-Gerät, sämtliche Kleidung, die ich nicht am Leib trage, ein altes Kartenspiel, den Rucksack selbst. Pass, Geld, Tim-und-Struppi-Bild, meine aktuelle Clemens-Setz-Lektüre – alles in der Stofftasche mit dem ausfransenden Henkel oder in der Hosentasche meiner Post-Hose. Eigentlich habe ich hier ein bisschen viel Theater gemacht in Anbetracht der Tatsache, dass alle echten Wertgegenstände gar nicht im Rucksack sind. Wie dem auch sei, der Erfolg lässt nicht auf sich warten. Eine junge Dame von einem der Läden oder Verkaufsstände, des Englischen mächtig, eilt herbei und erkundigt sich nach den Unbilden, die mich zum Irrsinn zu treiben scheinen. Auch ein besorgter Bediensteter aus dem Verkaufsbereich weiter vorne, ein rundlicher, kompakt wirkender Mann, bietet auf Englisch Hilfe an. Man bringt mich zu so etwas wie einer Minibus-Zentrale, die sich neben dem Schalter für die Fahrkarten nach Nanning befindet. Dort schildere ich meinen Fall. Man fragt mich nach Auto-Kennzeichen, Telefonnummern und Namen. Ich kann nur mitteilen, von wo ich komme und wo ich umgestiegen bin. Man verspricht mir, dass man herausfinden werde, wer mich fuhr. Und wenig später kommt der hilfsbereite rundliche Mann mit der Mitteilung: Man habe in dem Minibus den Irrtum bemerkt, wisse aber nicht, wie man mir den Rucksack zurückbringen könne, da ein erneutes Ansteuern der Grenze nicht vorgesehen ist. Das macht mich doch schon etwas entspannter. Ich habe inzwischen sogar den Nerv, die freundliche junge Dame für ihr gutes Englisch zu loben und sie in ein kurzes Gespräch zu verwickeln. Doch die Zeit arbeitet gegen mich und ich muss mich jetzt entscheiden: Gebe ich die Fahrkarte nach Nanning zurück, die ich bereits erworben habe? Die Verkäuferin macht nämlich gleich den Laden dicht und die letzten Fahrkarten werden für den Bus um halb fünf verkauft. Was aber, wenn der Rucksack später auftaucht? Soll ich wegen des Rucksacks noch eine Nacht in Vietnam verbringen, die womöglich teurer ist als der gesamte Rucksack mit Inhalt? Eines ist allerdings klar: Wenn ich jetzt mit der Fahrkarte über die Grenze gehe, kann ich ihn nie zurückbekommen. Dieses Nie wirkt auf mich so fatal und folgenschwer, dass ich mir kurz vor Toreschluss die Fahrkarte erstatten lasse. Fünfzehn Minuten später kommt jemand mit einem gelben Gegenstand auf mich zu. Der hilfsbereite Mann vom Fahrdienst-Stand erklärt, dieser Fahrer sei so freundlich gewesen, den Rucksack von seinem säumigen Kollegen zu übernehmen und herzubringen. Ich bedanke mich herzlich und habe inzwischen erfahren, dass man immer noch auf der chinesischen Seite eine Fahrkarte nach Nanning erwerben kann. Ich schließe mich nun einem Tross von Reisenden an, die zu den Grenzkontrollposten gefahren werden. Dann geht es zu Fuß durch den Zoll. Als ich auf der chinesischen Seite herauskomme, werde ich gleich abgefangen, und zwar, klar, von den Fahrkartenverkäufern auf der chinesischen Seite. Glücklicherweise nehmen sie sogar meine letzten 300.000 Dong an, sodass ich also auf denen nicht sitzen bleibe. Allerdings, so gibt man mir zu verstehen, muss ich noch ein bisschen warten, bis der Bus voll ist. Man lädt mich ein, auf dem freien Stuhl in dem kleinen Kabuff Platz zu nehmen. Drei Leute hocken hier auf gefühlten drei Quadratmetern aufeinander: eine junge Dame, die potentielle Fahrgäste abfängt, und zwei Männer, von denen einer die Listen führt; der andere ist vielleicht ein Fahrer. Die Warterei zieht sich in die Länge, die Sonne geht unter. Ich sage, das dauere aber lange und ich hätte Hunger. Prompt bekomme ich einen chinesischen Doughnut angeboten, später darf ich noch von einer ananasgelben Frucht probieren, die ich gar nicht kenne und die schmeckt wie eine Mischung aus Apfel und Mango. Immer wieder werden Reisende von der Anschnackerin angeschnackt, aber keiner will eine Fahrkarte. Als es schon fast dunkel und ziemlich kalt geworden ist, kommt doch noch eine ordentliche Horde. Es geht also endlich los. Ein elektrisches Parkmobil fährt mich und die zuletzt angerückten Touristen durch ein großes Steinportal hindurch zu dem Bus, der nur wenige Hundert Meter entfernt gewartet hat.