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Donnerstag, 12. Januar 2012

Student Li
Von didus, 23:59

Student Li steht da wie ein begossener Pudel. Student Li wurde vor etwa zwei Stunden von mir am Telefon böse angeraunzt. Mitten in einem Satz, den er sprechen wollte, legte ich auf. Student Li hat in seiner Abschlussprüfung 0 Prozent bekommen. Und das kam so:
Als ich den Kurs, an dem Student Li - als er noch einen Schnauzbart trug, erinnerte er entfernt an Jensi Eckert - teilnahm, im jetzt abgelaufenen Semester eröffnete, wies ich hin auf die Tücken von Texten, die man einfach aus dem Internet kopiert und dann als seinen eigenen Text ausgibt. Ich erklärte Guttenberg, Guttenplag und den Begriff Plagiatsjäger. Ich sagte: "Ein Plagiatsjäger, das bin ich." Ich erklärte, wie man ein Plagiat jagt und wie einfach es ist, die Beute zu erlegen. Ich berichtete von meinem Kumpel Arne Heller, der nur ein paar Anführungszeichen vergessen hat, der sogar mit Fußnoten auf alle Quellen verwies und trotzdem auf eine schwarze Liste für Plagiatsfälle gesetzt wurde. Ich erklärte während des Semesters noch viele andere wichtige Details zum Thema wissenschaftliches Arbeiten. Student Li fehlte allerdings meist im Unterricht. Das Semester endete. Die Studenten gaben ihre Abschlussprüfungen ab. Dann las ich die Arbeit von Student Li.
Student Li hat ein Jahr an einer deutschen Hochschule verbracht. Er hat vor vier Tagen an einer Zulassungsprüfung für das Magisterstudium teilgenommen. Diese Prüfung wählt die begabteren Studenten aus, damit sie zu höheren akademischen Weihen gelangen können. Für diese Prüfung wurde Student Li von höherer Seite das Recht eingeräumt, seine Abschlussprüfung, eine vierseitige Einleitung in die noch zu verfassende Bachelorarbeit, zehn Tage später als alle anderen Kursteilnehmer abzugeben, alle, die nicht an einer solchen Zulassungsprüfung teilnehmen. Student Li legte seine Einleitung in mein Fach. Ich las sie. Ich machte Jagd auf die Stellen, die in so hervorragendem Deutsch daherkamen, dass sie nicht von Student Li sein konnten. Die Google-Suchmaschine wies drei Internetquellen aus, in denen dieselben Sätze  vorkamen, die Student Li in etwa fünfzig Prozent seines Textes verwendet hatte. Das meiste hatte eine Frau namens Ursula Lehr geschrieben, deren Aufsatz im Internet veröffentlicht wurde. Ursula Lehr war in den Jahren 1989 und 1990 Bundesfamilienministerin. Ich markierte die Stellen, die aus dem Text von Frau Lehr stammten, mit dickem blauem Filzschreiber. Unter die Arbeit schrieb ich die Adressen der drei Internetseiten, auf denen ich die von Student Li zitierten, aber nicht als solche kenntlich gemachten Textabschnitte gefunden hatte. Daneben schrieb ich "Plagiat! 0 %". Ich trug die Null in den Notenbogen ein und legte den Bogen in das Fach der für die Noten zuständigen Professorin, der Vizeleiteirn der Deutsch-Abteilung.
Am nächsten Tag, also heute, hatte ich vormittags acht Anrufe in Abwesenheit. Nachmittags ging ich ins Büro. Die Vizeleiterin fragte mich, ob mir die Folgen klar seien, die diese Bewertung für den Studenten Li habe. Er könne mit einer Prüfungsnote 0 nicht in die Nachprüfung, er könne im Sommer sein Studium nicht abschließen. Ich sagte: "Plagiat ist Null. Was soll ich sonst sagen?" Sie telefonierte mit der Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reichte den Hörer an mich weiter. Die Institutsleiterin sagte zu mir: "In Ordnung! Wir machen daraus einen Fall, der für Aufsehen sorgt und an dem alle Studenten erkennen können, das so was nicht geht. Davon können alle lernen."
Es ist drei Uhr. Student Li betritt das Büro. Wie er wirkt, habe ich eingangs schon beschrieben. Student Li sucht nach Worten. Er habe gedacht, ein Plagiat, das sei etwas anderes. Ich sage: Wenn er nicht begriffen habe, was ein Plagiat sei, dann zeige das ja auch nur, dass er das Kursziel nicht erreicht hat. Als Student Li hereingekommen ist, hat die Vizeleiterin des Instituts den Raum verlassen. Student Li fragt, was er machen müsse, damit er eine bessere Note bekommen könne. Nichts, erwidere ich, die Noten seien schon geschrieben, heute letzter Tag. Student Li bleibt vor dem Bürotisch stehen und wiederholt Sätze, Fragen, die ich schon beantwortet habe. Ich sage (sinngemäß): "Man muss Fehler vorher vermeiden und nicht hinterher glatt zu bügeln versuchen." Die Vizeleiterin kommt zurück. Am Telefon noch einmal die Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reicht mir das Telefon. "Wir können das nicht machen", sagt die Institutsleiterin. "Das macht zu viel Ärger. Die Uni-Leitung will solche Probleme nicht. Kannst du ihm statt null Prozent ein Prozent geben? Das ist dann auch ein Zeichen, dass die Bewertung ganz schlecht ist, aber er kann noch in die Nachprüfung." Ich denke an die Studentin Wang, die vor zwei Jahren ein unsägliches Papier abgegeben hat, das man auch mit 0 hätte bewerten müssen. Eigentlich war sie noch schlechter als Student Li. Aber schon damals war ja klar, dass Durchfallen seitens der Universität nicht erwünscht ist. Ich blicke auf den Studenten Li, der aussieht wie ein Geprügelter der Kulturrevolution. Ich sage: "1 ist auch o.k."

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