Nanjing-Guangzhou
Die erste Etappe meiner Rundreise durch Kanton (Guangzhou), Macao und Hongkong ist ein Debakel, eine Qual von 28 Stunden Dauer. Denn ich war so leichtsinnig, eine Fahrkarte zu erwerben, die mir einen Sitzplatz (die beliebten Schlafwagenplätze sind natürlich zur Hauptreisezeit gnadenlos ausverkauft) am Gang einräumt - in einem sagenhaft überfüllten Zug, in dem sich ständig Leute, Aussteiger, Einsteiger, Leute, die auf Klo müssen oder denen langweilig ist, an mir vorbeizuschieben haben, weil direkt neben meinem Sitz immer irgendwer einen Stehplatz einnimmt. Ich werde also pro Stunde ca. 27 Mal angerempelt. Selbst wenn man in so einem vollen Waggon schlafen könnte, ist klar: Ich schaff' das bestimmt nicht! Abgesehen davon befinde ich mich regelmäßig auf dem Weg zum Waggoneingangsbereich, um die Raucher zu vertreiben. Die Luft ist ja so schon schlecht genug (Fenster können nicht geöffnet werden). Die Mitreisenden, die meine Beharrlichkeit amüsiert (in China ist ja so direkte Kritik am Verhalten eines Menschen verpönt), vertreiben mir einigermaßen die Zeit. Ein kleines Mädchen kleidet das Unfassbare in Worte: "Deine Augen sind blau."
Die Nacht ist eine Qual, der Zug hat dann auch noch eine Dreiviertelstunde Verspätung. Völlig übermüdet komme ich am Hauptbahnhof von Kanton an. Ich finde unweit der U-Bahnstation Haizhu-Platz ein "7 Days Inn", in dem ich aber auch weniger als sieben Tage wohnen darf, nämlich nur zwei. Mit einem Spaziergang entlang des Perlflusses, dem Kanton seine Karriere als Warenumschlagsplatz verdankt, beende ich den Tag.