Die Prophetie
Heute geht es in den Yuexiu-Park im Norden der Stadt, in dem sich eine Art chinesische Ausgabe des Volksparkstadions befindet und der fressende Ziegenbock, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Die Statue von insgesamt fünf Ziegen erinnert an den mythischen Ursprung Kantons: Fünf gute Geister kamen einst auf fünf fliegenden Ziegen herabgeschwebt und brachten dem Ort Fruchtbarkeit. Die Geister sind dann wieder verschwunden, aber die Ziegen blieben. Vor allem vom Platz mit dem Sun-Yat-sen-Monument, einem Obelisken, der innen hohl, aber dessen Treppen leider gesperrt sind, und vom roten "Turm über dem Meer" (Zhenhailou) aus, der ursprünglich zur alten Stadtmauer, die hier im Park in Teilen restauriert wurde und noch wird, hat man eine famose Sicht auf die Wolkenkratzer, die wie ein Palisadenzaun vor dem Horizont aufragen. Dazwischen irgendwo ist auch die schmale Pagode von Liurong Si zu sehen, die ich als nächsten Zielort anpeile. Nach einem Wettrennen gegen die Zeit durch die schmalen Gassen der Hutongs finde ich sie trotz meiner sehr ungenauen Karte gerade noch zehn Minuten vor Toreschluss (16.50 Uhr). Leider kann man die Pagode auch nicht besteigen und die Jungs vom Tempel wollen mich nach knapp dreißig Minuten auch schon wieder los sein. "Wir schließen!" Im Eilschritt sehe ich mir die Buddhas an. In einem anderen Tempelgebäude sind die Wände ringsum bedeckt mit Zehntausenden von kleinen Zetteln mit Namen und Fotos von Verstorbenen. Hinter einer Tür in der Wand des Tempelareals, die ich öffne, stehe ich plötzlich vor dem Nichts. Auf dem leeren Sandplatz, den hohe Gebäude säumen, wird vermutlich bald ein neues Hochhaus stehen. Letzte Station: die in einem großflächigen Park stehende Sun-Yat-sen-Gedächtnishalle.

Inzwischen bin ich umgezogen in die Kantoner Jugendherberge auf der Insel Shamian; für 60 Yuan die Nacht habe ich ein Bett im Zehnbettzimmer ergattert. Gleich nebenan auf der anderen Straßenseite steht das erste Fünf-Sterne-Hotel Chinas, der "Weiße Schwan". In dem Zimmer sind vor allem Jugendliche untergebracht. Spät in der Nacht muss ich noch mein Gepäck aus dem "7-Tage-Inn" holen. Eine Französin schleicht sich noch nach mir als letzte ins Bett. Als ich am frühen Abend einen älteren Mann durch die Tür treten sah, sprach ich zu mir selbst: Der schnarcht und der hat mit Sicherheit das Bett genau unter mir. Und genau so kommt es auch. Wenn ich Lottozahlen so exakt vorhersagen könnte, wäre ich heute Millionär.