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Sonntag, 05. Februar 2012

Lebensretter mit Zeitzündung
Von didus, 14:30

Ja, ein einziges Fahrrad mit nur einem Sattel hat er auch, das soll nun das meine sein - für ein bis zwei Stunden. Leihgebühr: 10 Yuan pro Stunde. Hinblättern muss ich freilich eine Kaution von 200 Yuan. Der Sattel ist viel zu niedrig. Ich sehe mal wieder aus wie der sprichwörtliche "Affe auf'm Schleifstein", der Hintern tut auch weh, ehe ich die Promenade verlassen habe, aber egal! Ich radele am Meer entlang, bei milden 18 Grad, was will man mehr mitten im tiefsten Winter? Ich fahre bis zum Wahrzeichen von Zhuhai, einer Meerjungfrau auf einem Felsen im Meer, etwa zehn Kilometer vom Ausgangsort der Radtour entfernt. In der Nähe pflanze ich mich auf einen Felsen, womit ich das Liebespärchen auf dem Nachbarfelsen umgehend vertreibe, das wohl lieber ungestört geblieben wäre. Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Ein Passant staunt mich von der Promenade aus an: Wie sei ich denn da raufgekommen? Und ich solle mal aufpassen, dass das Fahrrad, das unten unabgeschlossen am Felsen lehnt, nicht gestohlen werde. Ich werde nervös. Die Zeit drängt und ich mache mich auf den Rückweg.
In fünfzig Minuten muss ich das Fahrrad zurückgeben, Zeit für einen Zwischenhalt. Ich schaue einem Fischer bei der Arbeit zu, der an einem Promenadenerker ein riesiges Fischernetz mit Hebelfunktion hebt und senkt. Aber es ist Mittagszeit. Er sagt: Pause! und bittet um Platz, damit er die ganze Apparatur herausholen kann. Ein winziger Fisch zappelt in der Mitte des Netzes, wird in die Luft geschleudert und fällt wieder ins Netz zurück. Soll das die Ausbeute sein, mit der der Fischer in die Mittagspause gehen kann? Das Netz, dem Bambuslatten an den Seiten Struktur geben, kippt in die Senkrechte, ehe er es über die Mauer ziehen kann. Da fällt der Fisch über Bord, aber - o grausiges Unglück! - der Winzling landet auf einem Mauervorsprung. Der Fischer würdigt sein Opfer keines Blickes. Will er den denn nu' nicht einsammeln? Kann er ihn nicht wieder ins Meer werfen, wenn er ihn schon nicht will? Der Fisch schnappt inzwischen nur noch kraftlos. Kann nicht verstehen, wo das Wasser geblieben ist. Pustet durch die Backen wie ein Marathonläufer im Endspurt. Ist vielleicht auch sein Endspurt. Nein! Nachdem ich lange genug tatenlos zugesehen habe, schnippe ich den kleinen Kerl, der mich an die Hauptfigur des dänischen Zeichentrickfilms Hilfe, ich bin ein Fisch erinnert, zurück in die Fluten. Aber ob das noch rechtzeitig war? Wie lange hält so ein Fischhirn ohne vernünftige Sauerstoffversorgung durch? Mit sorgenvollen Gedanken an einen irreparabel hirngeschädigten, womöglich gar komatösen Fisch, der so auf sich gestellt mit dem Leben unter Wasser gar nicht mehr zurechtkommt und eigentlich Pflegestufe IV bräuchte, radele ich weiter.
Ich komme an einen Strandabschnitt. Der Sand ist nicht fein und weiß wie in Alcudia und auch nicht so sauber, sondern rostbraun und streckenweise mit Unrat verunstaltet. Dafür finde ich unter zwei Banyan-Bäumen eine Sitzbank und kann noch zehn Minuten Pause machen. Das Meer rauscht, der Horizont schimmert in Blaugrau. "Verweile doch, du bist so schön", sprach ich zum Augenblick. Da kackt mir ein Vogel auf die Stirn. Ich denke: Irgendwo da oben sitzt einer, der klopft sich gerade auf die Schenkel, einer, der es einfach nicht lassen kann, jedem Moment meines Lebens einen satirischen Anstrich zu verpassen. Dann kommt auch noch ein Bettler vorbei. "Verweile doch, du bist so schön, sprach ich zum Augenblick. Nein, sagte der, muss leider gehn, solang' die Uhr noch tickt." Ich habe gerade seinem Bettel-Kollegen an einer anderen Stelle des Strandes was reingeworfen. Die Reserven sind aufgebraucht. Meine Geduld auch. Ich trete wieder ins Pedal, wechsele, damit es schneller geht, vom holprigen Fahrradweg auf die breite Straße, sause über den Asphalt, ordne mich vor einem herannahenden Wagen links ein und kehre schließlich zum Fahrradverleih zurück, wo mir der Schnösel von gestern offenbart, ich sei zwei Stunden und zehn Minuten unterwegs gewesen. Die versuchen's doch immer wieder! Er sieht rasch ein, dass ich eine Uhr habe, ich zahle zwanzig Yuan für zwei Stunden.

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