Zhuhai-Macao
Ich hole meine Sachen aus dem Hotel, tausche nach reiflicher Überlegung 372 chinesische Yuan in 450 Hongkong-Dollar um und befinde mich im Nu in Macao. Meine erste Amtshandlung als Macao-Tourist: Erwerb von Bananen und einem Mars in einem Supermarkt, damit ich Kleingeld für den Bus habe. Das mit dem Mars muss ich erklären: In China gibt es ja landesweit nur Snickers, Kitkat und M & M, kein Mars, kein Raider und auch kein Bounty, Milky Way oder Nuts. Von Lion ganz zu schweigen. Der erste Eindruck von Macao: Alles ist irgendwie schäbiger und schimmeliger als jenseits der Pseudo-Grenze. Die chinesische Bauwut hat vor allem im Stadtkern noch nicht so brutal zugeschlagen wie im Rest von China.
Liu Meng, mit der ich heute am Wahrzeichen von Macao verabredet bin, Schlag sechs, hat für mich eine Billig-Absteige ausgesucht, in der sie selbst lieber nicht übernachten möchte. Leider ist nicht nur die Absteige billig, sondern auch die Wegbeschreibung: Ich finde, nachdem ich Bus Nr. 3, der direkt von der Festlandgrenze zu den Fähren nach Hongkong führt, an der richtigen Haltestelle entstiegen bin, alle anderen angegebenen Orte, sogar das Touristenzentrum, wo es einen Gratis-Stadtplan gibt, aber was ich nicht finde, ist die "Sanva Hospedaria". Das liegt ganz einfach daran, wie sich später ergibt, dass die Anreiseskizze an der entscheidenden Stelle spiegelverkehrt ist, sodass man zwangsläufig in die entgegengesetzte Richtung marschiert. So muss ich mir mit meinem leichten Reisegepäck, das nun aber doch zunehmend schwerer auf den Schultern lastet, allein weiter durch die von Touristen überlaufenen Gassen von Alt-Macao meinen Weg bahnen. Die Stadt hat übrigens die Anmutung eines bizarren Bastards mit den Elternteilen Lissabon, Monte Carlo und (als Stiefvater) Chinatown/New York. Vom höchsten Punkt, den Resten der Festung Fortaleza do Monte, hat man einen Blick über die Stadt die auf der Halbinsel wie eingezwängt wirkt zwischen dem Guia-Hügel mit dem Leuchtturm im Westen und der Bucht mit dem Industriehafen im Osten, an deren jenseitigem Ufer schon wieder China ist. Vor der Fassade der ehemaligen Kathedrale Sao Paulo treffe ich schließlich um 18.03 Uhr Liu Meng, die sich zur Hospedaria durchfragt und mich ans Ziel geleitet. Ich hätte das Gasthaus natürlich irgendwann auch allein gefunden. Ich war nur zu müde zum Suchen. Die Hospedaria ist, wie Martin sagen würde, eine Hundehütte. 120 Hongkong-Dollar sind eigentlich noch zu viel für eine Nacht, aber man bezahlt ja hier auch für den kolonialen Charme der Vergangenheit: Die Zimmer sind eigentlich begehbare Holzschränke, alle Zimmer zusammen sind genau genommen nur ein Schrank mit verschiedenen Fächern, deren Trennwände ein Stück zu kurz sind, um es ganz bis an die Schrankdecke zu schaffen. Wenn der Nachbar also schnarcht oder das Licht brennen lässt - beides wird natürlich in dieser Nacht geschehen, sonst dürfte ich es ja nicht sein, der hier nach Ruhe sucht -, ist das so, als ob er bei mir schnarchen und bei mir das Licht brennen würde. Natürlich bekundet Liu Meng, die in einem dreimal so teuren Hotel Obdach gefunden hat, dass sie hier auch problemlos übernachten könnte. Ich begleite sie noch ein Stück in ihre Richtung, essen will sie nichts mehr. Sie ist heute um fünf aufgestanden und will ins Bett. Und für morgen ist sie auch schon verplant: Sie will mit einer Reisebekanntschaft einkaufen gehen – nichts für mich. Ich schicke sie in die Heia und kaufe mir Fleischklöpse mit Soße an einem der billigen Straßenrestaurants, wandere im Osten bis zum Vasco-da-Gama-Platz, schaue kurz im Künstler-Restaurant 1602 in der Lazarus-Straße vorbei, wo Jazz-Musik aus dem Innenraum schallt und betrete schließlich gegen Mitternacht das Grand Lisboa, das kolossale, 261 Meter hohe Luxus-Hochhaus, das die ganze Stadt überragt und dessen obere Stockwerke architektonisch in der Form einer Dahlie gestaltet sind.
Die Eingangshalle umwölbt eine gigantische Glitzerkugel mit etwa hundert Metern Durchmesser. Man merkt gleich: genau der richtige Ort für mich, der ich nach wie vor bekleidet bin mit Postbüx und dem Seemannspulli, den der Sohn meiner ehemaligen Vermieterin schon vor zwölf Jahren nicht mehr tragen wollte. Ich betrete das Casino und schaue eine Weile zu, dann setze ich auf Schwarz, weil Rot mehrmals hintereinander gekommen ist. Ich gewinne. Danach setze ich wieder auf Schwarz. Einsatz verdoppelt, denn wieder kommt Schwarz. Dann will ich auf Rot setzen, aber in letzter Sekunde habe ich eine Eingebung: Es wird wieder Schwarz kommen. Ich disponiere also, kurz bevor die uniformierte Dame ihre "Nichts-geht-mehr"-Beschwörungshandbewegung macht, noch einmal um - und es kommt Rot! Verloren. Natürlich habe ich nur in Gedanken mitgespielt. Es reicht mir völlig, am Rande zuzuschauen, wie neureiche Chinesen sinnlos ihre Chips auf irgendwelche Zahlenkombinationen setzen und alles verspielen. Niemand setzt auf Farben. Mir diagonal gegenüber sitzt ein Mann, der sich eine Fluppe nach der anderen ansteckt. Dass man 600 Pataca Strafe zahlen soll, wenn man gegen das Rauchverbot verstößt, das seit Anfang des Jahres für öffentliche Gebäude und Plätze gilt, interessiert hier niemanden. Der Mann mit den viele Chips ist übrigens auch äußerst leger gekleidet. Daran erkennt man nämlich die wirklich Reichen. Die sind so reich, dass sie's nicht mal mehr zeigen müssen. Bin ich doch in guter Gesellschaft! Ich schaue noch mal bei Black Jack, Poker und Jackpot vorbei. Aber auf die Dauer ist mir die Luft zu schlecht hier. Ich fahre noch mal bisschen Rolltreppe und sehe mir den Spaß von oben an. 800 Spieltische und tausend Spielautomaten offeriert das glamouröse Grand Lisboa im nunmehr fünften Jahr seinen Gästen, im selben Gebäude gibt es darüber hinaus 58 Restaurants und 430 luxuriöse Hotelzimmer. Und ich muss zurück in meine Hospedaria, schleiche mich nachts entnervt in den Gang und schalte von außen das Licht im Nebenzimmer aus.