Macao-Taipa-Coloane-Hongkong

Vormittags werfe ich einen Blick auf den schmuddeligen Hafen am Westufer, danach wandere ich zu den Grotten im Camoes-Garten, von wo man ebenfalls einen guten Blick über die Stadt hat. Um zwölf treffe ich mich mit Liu Meng und ihrer Reisebekanntschaft auf dem zentralen Senado-Platz. Ich lotse die beiden zu einem stillen Gässchen mit Blick auf die Ruine von Sao Paulo; danach entlasse ich die Damen zu ihrer Einkaufstour. Leider finden Liu Meng und ich auch keinen gemeinsamen Nenner für die Überfahrt nach Hongkong, da sie unbedingt bei Nacht dort ankommen möchte. Also trennen sich hier unsere Wege. Ich nutze den Nachmittag, um den Süden Macaos zu erkunden. Am (künstlichen) See von Nam Van werde ich vom Regen überrascht. Der Stadtplan, der mir nun als Regenschirm dient, habe ich jedoch vorher entnommen, dass man mit Bus Nr. 25 hervorragend die Inselwelt von Taipa und Coloane in Augenschein nehmen kann, die mit Macao durch gleich drei beeindruckende Brücken verbunden sind, die etwa so lang sind wie der Elbtunnel. Im Süden von Taipa haben megalomanische Architekten den berühmtesten Teil von Venedig nachgebaut: als Luxus-Hotelanlage für Betuchte. Name: "The Venetian". Nr. 25 fährt direkt am Markusplatz mit dem berühmten Glockenturm vorbei. Heute nur arbeitslose Gondolieri.

Die Mitte der Doppelinsel ist weitgehend Baustelle. Vielleicht entstehen hier gerade Rom oder Florenz? Ein Golfplatz und eine Kart-Rennbahn sind bereits fertig. Im Süden wird es grüner und hügeliger. Nachdem er einige dünn besiedelte Ort passiert und der Bus sich weitgehend geleert hat er plötzlich in einem öden Strandnest an, in dem gerade eine Ferienkolonie saniert wird und das ansonsten nur aus Gerümpel-Grundstücken und den fünf Kioskbuden gegenüber der Busstation zu bestehen scheint. Endstation. Ich muss also gleich noch mal 6,40 Pataca/Hongkong-Dollar entrichten. Ich gehe ans Meer. Bagger verpassen dem wild anmutenden Strand in dieser malerisch gelegenen Bucht eine Promenade und haben zu diesem Zweck fleißig Sand aufgetürmt. Der Bauwahn macht auch vor diesem entlegenen Ort nicht Halt. Am Strand bekomme ich Gesellschaft von zwei ausgelassen herumtobenden Hunden. Dann geht es mit dem nächsten Bus, der inzwischen eingetroffen ist, zurück. Ich streife noch über den überall ausgeschilderten "protestantischen Friedhof", der ziemlich katholisch anmutet, und werfe einen Blick in den kontrastreich von Hochhäusern gesäumten Lou-Lim-Ieoc-Park. Durch den Erwerb eines Mini-Toblerone versuche ich Münzen für den Bus zu bekommen. Die Verkäuferin, die noch Vasco da Gama persönlich gekannt zu haben scheint, versteht mein Mandarin-Chinesisch offenbar gar nicht. Jedenfalls ist sie nicht freundlicher als ein rostiger Nagel, an dem ein Auge hängen geblieben ist. Hätte ich nicht schon bezahlt, würde ich vermutlich den Toblerone-Riegel liegen lassen und zu Fuß zur Fähre gehen.
Bus Nr. 3 bringt mich zum "Terminal Maritimo" und für 139 Hongkong-Dollar kaufe ich eine Fahrkarte nach Kowloon. Ich hätte auch für 140 nach Hongkong fahren können, aber so werde ich wenigstens meinen letzten Pataca los, den mir zuvor die unwirsche Verkäuferin beim Erwerb meines Mini-Toblerone nicht einzutauschen geneigt war. Ich schaffe sogar noch die Fähre um fünf, die gerade ablegt, als ich an Bord gehe. Wie Kinosessel reihen sich die Sitze in der Großraumkabine des Schiffes. Neben mir sitzen zwei deutsche Mädels mit schwäbischem Akzent. Ich spreche sie nicht an, sondern wechsle auf einen Fensterplatz. Draußen ist starker Wellengang, Inseln fliegen vorbei, die Fähre muss um die 50 km/h drauf haben. Um 17.30 Uhr Ortszeit nähert sich von Steuerbord ein gigantischer grauer Frachter, der mit ähnlich hohem Tempo durch die Wellen fegt. CHINA CARGO prangt in Großbuchstaben auf dem Riesen. Gilt rechts vor links eigentlich auch auf dem Meer? Oder verhalten sich chinesische Schiffskapitäne ähnlich wie chinesische Taxifahrer (Augen zu und durch)? Seit der Sache mit der "Costa Concordia" kann man sich so eine Frage bei zwei Schiffen auf Kollisionskurs schon mal stellen. Plötzlich stoppen die Maschinen. Die Fähre gleitet lautlos übers Meer und macht dabei einen erheblichen Schlenker nach Steuerbord. Der Klügere gibt nach. 25 Minuten später passieren wir in der Abenddämmerung die kolossalen Wolkenkratzer von Hongkong. Kurz darauf legt das Schiff in Kowloon an.