Hongkong-Shenzhen
Gekleidet sind hier alle wie in einem Londoner oder New Yorker Geschäftsviertel. Ich irre orientierungslos durch menschenüberlaufene Straßen und muss schwer schleppen, da es so warm ist, dass ich Jacke und Pullover nicht anbehalten kann, und stoße eher zufällig auf die U-Bahnstation Tsim Sha Tsui-Ost. Eine junge Hongkongerin bietet ihre Hilfe an, da ich wohl reichlich verwirrt aussehe, wie ich da so unter Tage vor dem Fahrkartenautomaten stehe. Bin ich aber nicht, nur abgekämpft. Zu meiner Überraschung ist die Fahrkarte nach Lo Wu, dem Grenzübergang nach Shenzhen/China, doch nicht so teuer wie gedacht: 36,50 $. Da kann ich ja direkt noch mal zünftig essen gehen. Doch ich stoße zuvor auf einen Supermarkt, und da ist es um mich geschehen: Ich gebe 50 $ für Mars und Raider aus. Merke: A MARS a day, helps you work, rest and play! So steht's zumindest auf meinem Fünferpack geschrieben. Nun reicht es leider wieder mal nur noch für einen Abstecher zu McDonald's. Doch bevor ich dort einkehre muss ich natürlich noch mal die Aussicht auf die nun in den buntesten und schillerndsten Farben erstrahlenden Giganten am anderen Ufer der Hongkong-Bucht genießen. Mit meiner Raider-Tüte in der Hand - ich weiß, dass die Dinger, die ich mir fortlaufend in den Mund schiebe, eigentlich Twix heißen, aber Twix klingt nun mal nach nix - staune ich das gewaltige Traumschiff an, das sich gemächlich wie eine uralte Operndiva an den bunten Wolkenkratzern vorbeischiebt. Weiter westlich auf der Uferpromenade, wo auch viel mehr los ist, befindet sich die Hongkong-Variante des "Hollywood Walk of Fame", die "Avenue of Stars". Jackie Chan, Michelle Yeoh, Wong Kar-wai und andere Größen des Hongkong-Kinos haben sich hier mit Handabdrücken verewigt, sofern sie Zeit hatten. Wong Kar-wai hatte offenbar keine Zeit. Zu der Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, werden Lichter, wenn mich nicht alles täuscht (oder rede ich mir das ein?) auch drüben in Hongkong ein- und ausgeschaltet - ein gigantisches, gigantomanisches Schauspiel.
Ich rechne hin und her bei McDonald's, aber irgendwie werde ich den letzten Hongkong-Groschen nicht los. Den muss ich wohl mit nach China nehmen, wo ich nach etwa dreißig Minuten mit der Linie "East Rail" eintreffe und meinen vierten Stempel in zwei Tagen in den Pass gedrückt bekomme. Das Passfoto aus dem letzten Jahrtausend finden sie mal wieder verdächtig unähnlich. Das kenne ich schon. Einen Zug nach Nanjing bekomme ich natürlich jetzt, gegen 22 Uhr, nicht mehr, aber für morgen auch nicht. Ich solle morgen um sieben Uhr wiederkommen, meint der letzte verbliebene Schalterbeamte. Das werde ich natürlich nicht schaffen. So kommt mir der windige junge Mann nicht ungelegen, der mich vor dem Bahnhofsgebäude von Shenzhen abfängt und mir einen Bus via Xiamen nach Nanjing in Aussicht stellt. Ich sage: Morgen müsse ich erst mal Ausschau nach Zugfahrkarten halten und dann könne man ja mal weitersehen. Damit nicht unzufrieden schleppt er mich noch zu einer billigen Unterkunft (150 Yuan), in der es natürlich wieder viel zu laut ist. Nachdem ich mich schon zweimal beschwert habe und nachts um eins trotzdem noch jemand mehrfach nacheinander mit der Tür einer der Nachbarzimmer knallt, drehe ich total durch, stehe auf und reiße meine eigene Zimmertür ein halbes Dutzend Mal auf, um sie ebenso laut, wenn nicht lauter, wieder zuzuknallen. Getreu der alten Devise: mit Gewalt, nicht mit Gefühl!