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Samstag, 03. März 2012

Chip
Von didus, 23:59

Eines Tages, es war letztes Jahr im November, glaube ich, nahm er in einem der kleinen Restaurants an der Guangzhou Lu, wo ich regelmäßig Xiaolongbao esse, wie selbstverständlich den Platz mir gegenüber ein: Chip. Das war der Name, mit dem sich der etwa sechzigjährige, weißhaarige Amerikaner mit den auffällig schlechten Manieren mir vorstellte. Während er sich zu meinem Verdruss eine Zigarette nach der anderen ansteckte, sprach er von seinem traditionsreichen Englisch-Treff: Jeden Sonnabend zwischen 19 und 21.30 Uhr, bei jedem Wetter werde unter freiem Himmel Englisch gesprochen. Jeder könne kommen, auch ich. Früher sei er ja auch mal Lehrer an meiner Universität gewesen, aber dann ... hat die Zusammenarbeit irgendwie geendet, Hintergründe erläuterte Chip nicht. Vielleicht lag es ja daran, dass er, wie er auch mir an jenem Tag nachhaltig demonstrierte, mit Vorliebe das von mir gehasste F-Wort im Munde führt.
Eines aber ist klar: Chip ist immer noch da, schlägt sich mit Unterricht mal hier, mal dort durch, ringt jedes Jahr aufs Neue um das Visum, doch er ist und bleibt die Zentralfigur des vor Jahren von ihm initiierten Englisch-Treffs im Gulou-Park. Dorthin nehmen mich heute Jiaojun und Xiaomei mit, die heute Nachmittag bei mir zu Besuch sind, weil Jiaojun für eine Französisch-Prüfung etwas Nachhilfe benötigt, und die im Gegensatz zu mir schon häufiger Teilnehmer von "Chip's English Corner" waren. Heute habe ich Gelegenheit zu prüfen, ob Chips großspurige Behauptung "bei jedem Wetter" übertrieben war oder nicht, denn als wir aufbrechen, regnet es. Als wir ankommen, liegt der kleine Park im Dunkeln, aber die Menge aufgespannter Regenschirme macht auf den ersten Blick klar, dass Chip nicht zu viel versprochen hat.
Und das ist dann wieder etwas, das nur in China funktioniert: Menschen, zumeist junge Leute, die sich an einem Ort zusammenfinden und das Ziel des Ganzen ist lediglich, miteinander auf Englisch ins Gespräch kommen. Während Jiaojun und ihre Freundin im Getümmel der schätzungsweise fünfzig Leute untertauchen, merke ich, nachdem ich mit einem Studenten ins Gespräch gekommen bin, wie sich um mich unmerklich ein Halbkreis bildet. Auch das ist nämlich typisch: Die Chinesen neigen dazu, Individualität zugunsten eines größeren Ganzen aufzugeben. Und dessen Zentralgestirne bilden bei solchen Gelegenheiten naturgemäß die Ausländer, denn von denen kann man ja Englisch lernen. Leute wie ich, die dann in den Genuss des so genannten Clooney-Effektes kommen: maximale Aufmerksamkeit, die man selbst kaum versteht. Ich nutze die Gunst der Stunde und brandmarke die furchtbare Lärm- und Verkehrsbelastung, namentlich durch Taxifahrer, in dieser Stadt. Und dann treffe ich Laura Ingalls! Eigentlich nennt sie sich ja nur Laura, die vierzehnjährige Schülerin mit dem beeindruckenden Englisch, hinter der sich unauffällig ihre ehrgeizige Mutter versteckt, sodass ich sie erst später wahrnehme. Doch auf meinen spontanen Einwurf: "Laura Ingalls!" reagiert sie ausgesprochen positiv, denn sie hat sämtliche Bände von "Unsere kleine Farm" gelesen, womit wir natürlich ein unerschöpfliches Gesprächsthema haben. Schließlich habe ich fast jede Folge der gleichnamigen Fernsehserie gesehen.
Chip, der sich gar nicht richtig an mich erinnern konnte, sich aber trotzdem über mein Erscheinen gefreut hat, zieht unterdessen wieder eine Fluppe nach der anderen durch seine Lungen und macht Witze über kaufbare Küsse, bei denen die Studentinnen ihren Preis nennen müssen. Die neugierigen Mädchen hängen an seinen Lippen, ich meine: sprichwörtlich. Denn natürlich ist alles nur Spaß. Als ich mich von Chip verabschiede, steht gleichzeitig Laura hinter ihm, um auf Wiedersehen zu sagen, wagt es aber natürlich nicht, Chips Redefluss zu unterbrechen. "Hey, Chip", sage ich, "Laura says bye!" Der raubeinige Alte hätte als "special guest star" in einer Folge von "Unsere kleine Farm" sicher auch keine schlechte Figur gemacht, etwa in jener wunderbaren Episode, in der ein älterer Mann mit bewegter Vergangenheit durch die Begegnungen mit den Bewohnern von Walnut Grove moralisch geläutert wird. Die Rolle spielte damals Johnny Cash.

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