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Samstag, 21. April 2012

Der Mi-lu-Hirsch
Von didus, 23:59

Der Mi-Lu-Hirsch ist ein seltenes, aber auch stinkendes Exemplar. Davon können wir uns am zweiten Tag unserer V.I.P.-Reise überzeugen. Von unserem V.I.P.-Status überzeugt uns übrigens die Eskorte der Provinzregierung, die unseren beiden Bussen mit eingeschaltetem Warnblinklicht stets voranfährt. Die Jungs da drin sind wahrscheinlich schwer bewaffnet. Nicht auszudenken, wenn uigurische Separatisten zwei Busse mit Ausländern kapern würden: Der Ruf Chinas in der Welt wäre dahin, eigene Raumstation im All hin oder her! Wir werden nach dem Frühstück zunächst an die Küste des Ostchinesischen Meeres geworfen, an den äußersten Schiffsanleger von Dafeng, um genau zu sein: eine Mole im Nirgendwo, durch eine endlos lange Brücke mit dem Festland verbunden. Hier weht uns eine steife Brise um die Ohren. Triste Gewerbeanlagen und keine Menschenseele weit und breit machen den Ort fast schon wieder interessant. Das Motto ist dennoch allseits: schnell wieder rein in'n Bus! Auch´ich, der ich ja praktisch nur mit dem unterwegs bin, was ich Freitag am Leib hatte, fühle mich im Innern des Busses besser aufgehoben und zweifle nunmehr doch an der Suffizienz meines Reisegepäcks. Es geht vom Dafenger Museum für Ozeanografie und Technologie, wo wir durch einen gläsernen Tunnel geschleust werden, jenseits dessen Wänden Fische und Schildkröten sich tummeln, zur Dafenger Hafenplanungsausstellungshalle.
Alles erinnert immer ein bisschen an »Asterix und die Trabantenstadt«. An einer Ecke hat man Häuser im europäischen Stil des 17. oder 18. Jahrhunderts nachgebaut, ein merkwürdiger Stil-Eklektizismus. Soll das Frankreich, Deutschland, Italien sein? Keiner weiß es. Über einem Souvenirladen zeigt eine elektronische Anzeige in wandernden roten Buchstaben: WARMLY WELCOME FOREIGN EXPERTS IN NANJING TO DAFENG (»Willkommen in Nanjing nach Dafeng«- bisschen verwirrend!). Einige animiert das europäischen Eck gleich zum Einkauf im chinesischen Supermarkt. Dabei liegt das »Halbinsel-Hotel« mit unserem Vier-Sterne-Mittags-Buffet (mit europäischem Käsekuchen und Eis!) nur einen Steinwurf entfernt und wartet schon auf uns. Ich wandere ebenfalls etwas in den Kulissen herum. Ein Reiseführer sorgt sich schon, ich könne verlustig gehen. Der Nachmittag steht dann ganz im Zeichen des Hirsches. Die vorgeschaltete Filmvorführung erweist sich als Reinfall. Als der Hirsch-Film zum dritten Mal an derselben Stelle ausgeht, gehen wir raus. Daoches, kleine Elektroautos fahren uns nun mitten hinein in den Mi-lu-Hirsch-Naturpark. Die Viecher leben hier auf engstem Raum, ein bisschen mehr als im Wildpark Eekholt freilich, und knabbern alles an. Und überall riecht es streng nach Mi-lu-Exkrementen, die natürlich auch unter Naturschutz stehen. Beim Mi-lu-Hirsch handelt es sich um eine eigene Spezies, die im Jangtse-Delta heimisch war. Weltweit gibt es heute davon noch 3000 Exemplare, davon ein Drittel im Reservat hier in Dafeng. Ein englischer Herzog aus dem Haus Belfort, im Mi-lu-Bildband steht er als "Hoff Rand", hat das Überleben des Hirsches gesichert, weil er welche in englische Zoos entführte, während hungrige Chinesen dem Hirsch in seiner Heimat den Garaus machten. 1985 und 1987 die große Tat: 37 englische Mi-lu-Hirsche wurden wieder ausgewildert und der Engländer ist nun unter Mi-lu-Anhängern so etwas wie ein Nationalheiliger und hat hier nicht nur einen Stein im Brett, sondern auch eine Büste im Park. Ich muss den ganzen Tag an Struppi aus »Tim und Struppi« denken, weil der im Original »Milou« heißt. Zur Ablenkung spreche ich mit einem der jungen Amerikaner, der lange in Spanien studiert hat, ein bisschen Spanisch.

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