Die Nacht des Grauens
So'ne blöde Idee habe ich auch noch nicht gehabt: Wegen des dämlichsten, beknacktesten und vor allem sinnlosesten Fußballspiels meiner gesamten bisherigen Lebensgeschichte fahre ich nach Schanghai, um dem ^°#+* Spiel mit meinen daselbst ansässigen Kollegen Ralf und Thomas in einer ^°#+* Sportsbar zuzuschauen. Ich treffe gegen 23 Uhr im regnerischen Schanghai ein, wir treffen uns in einer Jazz-Bar unweit vom Waitan, wo ich mit Verweis auf Ralf, der mit Thomas und einem deutschen Gastprofessor sowie zwei Damen aus Deutschland schon auf mich wartet, das Eintrittsgeld spare. Der Leadsänger ist cool und kahl wie Seal und holt das Letzte aus seiner E-Klampfe raus; der Trommler scheint ein Jamaika-Direktimport zu sein und irgendwo zwischen Bob Marley, Guru und Voodoo anzusiedeln. Gegen Mitternacht erreicht die Stimmung den Siedepunkt: Eine drahtige Chinesin schnappt sich einen der grauen Sakkoträger vom Tisch vor uns, die aussehen wie Peter Hartz und der VW-Vorstand auf Lustreise, und tanzt mit ihm den Hula-Hoop! Da man das nicht mehr toppen kann, bläst Thomas zum Aufbruch in die Sportsbar. Und das heißt: Alle Frauen gehn nach Haus! Dafür müssen wir unterwegs, vom Taxi an irgendeinem toten Eck rausgelassen, an einer Horde von zudringlichen Rotlichtdamen vorbei. Ich bin von Ralf vorgewarnt und spurte mal schnell vor. Es ist wie bei Monopoli, wenn man auf das Los-Feld kommen will und erst mal die Schlossallee hinter sich bringen muss, die gefährliches fremdes Terrain ist. Bloß: Wir kommen nicht auf Los und sacken 4000 Rubel ein, sondern in eine total verqualmte und von einer Band in alptraumhafte Klänge getauchte Kneipe. Zwar flimmern auf allen Etagen Flimmerkisten, aber wir finden keinen freien Platz mehr. Ich melde mich freiwillig als Geheimagent Didus Banks und pese wieder an den ominösen Damen vorbei. Tatsächlich ermittle ich im Malone's, dem Zielort der Spitzeltour, einen freien Platz mit Blick auf den Bildschirm. Nur ist hier die Live-Musik noch bestialischer, die Luft noch schlechter und die Bedienung, wie sich zeigen soll, noch unfreundlicher. Trotzdem funke ich eine SMS, dass hier die Lage, fußballtechnisch betrachtet, günstiger sei. Der Gastprofessor wird eine freundliche Chinesin nicht mehr los, mit der er im Erdgeschoss beim Eintreten ins Gespräch gekommen ist, als er mit Ralf unten hängen blieb; der zwinkert mir zu und weiß natürlich, dass das eine so genannte Halbweltdame ist. Derweil fiebern Thomas und ich dem Anpfiff entgegen. Die Band hält endlich die Klappe. "Der ist noch nicht drin!" von Thomas wird zum denkwürdigen Satz dieser Nacht. Der Rest ist ^°#+*. Vor der Verlängerung muss ich wegen akuter Erstickungsgefahr mal kurz vor die Tür; es wird bereits hell und regnet Bindfäden. Sprachlos schleppen wir uns nach dem letzten ^°#+* Elfmeter, der uns gezeigt hat, von wie vielen Feinden wir umgeben sind, vor die Tür. Ich verabschiede mich, sehe die Jungs, die kein Taxi bekommen haben, aber auf dem U-Bahnsteig wieder. Hier ereignet sich eine gespenstische Szene: Eine entweder verwirrte oder lebensmüde Frau wandelt über das U-Bahngleis an den ersten Fahrgästen oben auf dem Bahnsteig vorbei. Ich sage zu den Jungs: "Was macht die denn da? Da müsste doch jetzt eigentlich gleich die erste U-Bahn kommen." Die Frau verschwindet im Tunnel, kommt aber wenig später, von zwei Begleitern gestützt, wieder zurück. Am Kopf hat sie eine klaffende Wunde. Die Begleiter helfen ihr auf den Bahnsteig. "Die ist bestimmt Bayern-Fan und wollte sich vor'n Zug schmeißen", kommentiere ich die grotesk anmutende Szene, "total angemessene Reaktion!" Findet natürlich keiner witzig. Sollte auch kein Witz sein. Wenige Minuten später rollt die erste U-Bahn an.
Ich fahre vom futuristischen neuen Hongqiao-Bahnhof mit D 3056 um 7.06 Uhr zurück, lege mich zu Hause um halb zehn ins Bett und versäume die große Uni-Feier zum 110. Geburtstag auf dem Campus in Xianlin. Diese Feier ist nämlich genauso sinnlos wie der ganze Rest des Lebens. Als ich völlig zerschlagen gegen zwei Uhr aufstehe, ist die Welt grau, das Leben schwer wie Blei und der Rest auch nicht so einfach.