Jean-Marie Gustave Le Clézio
Richtig! Es handelt sich um den Literatur-Nobelpreisträger aus dem Jahre 2008, meinem ersten Jahr hier in Nanjing. Monsieur Le Clézio, der 72 Jahre alt ist, aber aussieht wie 58, ist heute zu Gast an unserer Uni und hält einen Vortrag, zu dem ich etwas verspätet erscheine, da ich ja heute Nachmittag Unterricht habe. Der Hörsaal ist voll, aber ich finde noch einen Platz in der drittletzten Reihe. Der Nobelpreisträger, der eine Gastprofessur an unserer Uni antreten soll, antwortet gerade auf Fragen der Studenten. Auf dem Gang am rechten Rand des Hörsaals erblicke ich meinen Kollegen Alain, der mit seiner Profi-Ausrüstung ein paar Schnappschüsse macht. Outzéma, Französin mit italienischen Wurzeln, traut sich nach der Veranstaltung nicht aufs Podest zum Ehrenfoto. Das hat seinen Grund: Die französischen Lehrer werden von ihrem Institut etwas weniger leutselig behandelt als ich von meiner. Unvorstellbar, dass ich bei einem Essen der Abteilung zu Ehren eines deutschen Gastprofessors nicht zum Essen geladen bin. Doch Alain und Outzéma spazieren zwar, ebenso wie ich, mit dem Tross rund um den berühmten Gast zum Nanyuan-Restaurant (Alain macht noch ein paar Fotos), das gegenüber von meinem Wohnheim liegt; es reicht noch für ein kurzes Gespräch, aber vor der Tür des Restaurants gibt’s dann nur noch einen Händedruck. »On n'est pas invité«, lässt Alain vielsagend durchblicken, was der Meister natürlich auch bedauert. Oder ist alles nur ein Missverständnis? Ich wäre wahrscheinlich einfach trotzdem mitgegangen. Ist doch Essen genug da!