Punkte-Poker
Strategisch unklug ist es so kurz hinter doofen Fußballspielen eine Prüfung anzusetzen. Ich sitze mit drei Kolleginnen in der mündlichen Prüfungssitzung zum Erlangen des B.A.-Grades. Student Hao (80 Fehlerpunkte auf 400 Wörter) wollte eigentlich was über Goethe und Schiller machen, hat sich als Militärstudent aber vor wenigen Wochen mal eben für die Bundeswehrreform entschieden. Dabei predige ich seit acht Monaten: »Legt euer Thema frühzeitig fest!« Später machen sich die Kollegen nicht die Mühe, mich nach meiner Meinung zu fragen und ich soll 85 % unterschreiben. Gleichzeitig wird die bienenfleißige Zhu mit 75 % abgefertigt. Da platzt mir, schlecht gelaunt, wie ich schon seit Tagen bin, der Kragen. »Da müsst ihr jemand anders suchen, der euch das unterschreibt«, grantele ich. »Der braucht drei Minuten für einen Satz – für mich bestenfalls 60 %.« Er habe sich aber Mühe gegeben, die Arbeit sei wirklich gut, verteidigt die Betreuerin ihr Urteil von 88 %. Haos B.A.-Arbeit habe ich natürlich nicht gelesen. Am Ende habe ich die werten Kolleginnen auf 80 runtergehandelt, die Note für Zhu auf 78 gestemmt. Bei Gaipl nannten wir das früher »Punkte-Poker«.
War natürlich auch nicht hilfreich, dass Hao mir vor einem halben Jahr eine E-Mail geschickt und darin meine China-kritischen Zeitungstexte (»Chinas Olympia-Show ist vorbei«, »Bombastisches Blendwerk«) gerügt hat. Zitat: »Das kann uns gar nicht motivieren.« Sage ich mir heute auch: Drei Minuten für einen verständlichen deutschen Satz – das kann mich gar nicht motivieren. Schon gar nicht in Wochen wie dieser.