Auf Vortragsreise - Episode 2
Am Morgen muss ich schon um 7 Uhr auf der Matte stehen. In der Hotel-Lobby treffe ich Guoweis Kollegen von der Dongbeishida, an dessen Medienschule/Abt. Journalistik ich einen Gastvortrag zum deutschen Film halten darf. Der Frau, die das Auto fährt, werde ich nicht vorgestellt, aber ich vermute, es ist die werte Gattin des jungen Kollegen. Beim Auszug aus "Das Leben der Anderen" erwischen wir die falsche Tonspur, dann flimmert auch noch kurz die Szene mit der Prostituierten über den Schirm, die ich gerade nicht zeigen wollte (zum Glück nur Standbild). Die Geburt von Oskar Matzerath ("Die Blechtrommel") verläuft dann schon etwas reibungsloser. Natürlich schaffe ich das Pensum nicht, das ich mir vorgenommen habe. Nach "Lola rennt" ist Schluss und ich muss, nachdem ich zehn Minuten überzogen habe, sanft ausgebremst werden. Ich raffe ein bisschen, verschenke Broschüren zum Studium in Deutschland und werde dann von dem freundlichem Medien-Kollegen wieder in Guoweis Obhut übergeben.
In dem von dem Ex-YUST-Studenten hervorragend organisierten Sonder-Unterricht für Mitarbeiter von FAW-VW, dem chinesischen Joint-Venture mit Volkswagen, werde ich auf eigenen Wunsch umgehend zum Gegenstand eines Quiz ("Wer errät, wer dieser Mann ist?"), was bei Lesern, die mich aus JFS-Zeiten kennen, sicher höchst positive Assoziationen auslösen wird ("Quiz mit Didi!"). Ich freue mich aber noch viel mehr, als Guowei, damals ein eher mittelmäßiger Student, meine strengen Noten noch einmal hervorhebt und dazu den Merksatz an die Tafel schreibt: "Kein Fleiss, kein Preis!"
In der Mittagspause lerne ich in der Mensa Guoweis deutsche Kolleginnen kennen, darunter eine emeritierte Professorin aus Würzburg, die sich noch nicht alt genug fürs Altenteil fühlt. Auch zwei jüngere Kolleginnen sind Teil der Mannschaft. Nach einer ausgedehnten Mittagspause, für die mir an der Fremdsprachenhochschule, die übrigens wie aus dem Ei gepellt wirkt und einiges an Wohlstand verrät, ein eigenes Zimmer mit Bett zugewiesen wird, kommt es dann zum zweiten Vortrag, den ich zeitlich wesentlich souveräner meistere, denn das Thema ist überschaubarer: Herta Müller und ihr Werk. Mit meiner Lektüre von Der Fuchs war damals schon der Jäger bin ich allerdings seit Beginn der Vortragsreise nicht wesentlich vorangekommen.
Nach dem Foto-Termin geht es dann mit den beiden jüngeren Kolleginnen, eine von der Bosch-Stiftung, eine als frisch gebackene freie Lektorin für ein Jahr nach Changchun gekommen, noch mal zum Schlemmen (es gibt Goubarou, eine Spezialität des Nordens, die ich in Yanji lieben lernte); anschließend bringen mich alle drei gemeinsam zum Bahnhof, der derzeit nur eine Art Wartehangar ist, da der offizielle Bahnhof wie fast alles in China Baustelle ist. Während ich warte, spricht mich ein Chinese auf den deutschen Schriftzug auf meiner Stofftasche an. Er hat nämlich mal in Deutschland studiert. Ich weise ihn gleich auf das Alumni-Portal des Akademischen Austauschdienstes hin.
Leider ist es im Zug viel zu warm und ich. Kann. Nicht. Schlafen. (So schreibt man das ja wohl heute!?!)
