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Donnerstag, 04. Oktober 2012

Zu Gast beim Panzerknacker
Von didus, 23:59

Hat er also doch noch dran gedacht, mein Vermieter, der Mann mit der Panzerknacker-Frisur und -Figur (sin-o-meter berichtete), der bei der Installation des Waschmaschinenschlauchs angekündigt hatte, mich in den Oktoberferien zum Essen einzuladen. War das also doch keine von diesen leeren Höflichkeitshülsen, die Chinesen ja manchmal so von sich geben. Dabei habe ich heute wenig Zeit: Für den späten Nachmittag hat sich Martin, Ex-Kollege aus Yanji, angekündigt. Ich stehe um elf Uhr erst eine Weile am falschen U-Bahn-Ausgang, auf der anderen Seite wartet Fan Dong (das ist nicht etwa ein Name, sondern Chinesisch für "Vermieter") unterdes schon mit dem Moped auf mich, was mir dann irgendwann auch klar wird. Flugs sausen wir durch die Straßen im Westen, also ganz auf dem anderen Ende, der Stadt. Die Wohngegend ist ruhig, der Wohnungskomplex ist durch Schlagbaum und Wächter von der Außenwelt abgeschirmt, für das Moped gibt es einen überdachten Stellplatz. Die Wohnung im achten Stock ist typisch für die wohlhabende Mittelschicht und wider Erwarten kommt mit Fan Dong und seiner Frau, beide um die fünfzig, sogar ein einigermaßen vernünftiges Gespräch in Gang. Ich sehe das Bild der einzigen Tochter an der Wand. Sie ist 27 und lebt in Amerika, wo sie als Teil der chinesischen Synchronschwimm-Nationalmannschaft an einer Art Dauertrainingslager teilnimmt. Bei irgendeinem nationalen oder internationalen Wettbewerb ist sie auch mal Zweite geworden, wie ein Fotoposter dokumentiert. Fotos vom Grand Canyon zeigen, dass die Eltern sie dort drüben auch schon besucht haben. Sie kommt selten nach Hause. Die Flüge sind teuer. Ich ahne, warum Fan Dong sich im Gegensatz zu vielen anderen, die ihre günstig erworbenen Spekulationswohnungen an der Sport-Universität, wo ich jetzt wohne, einfach leer stehen lassen, dazu entschlossen hat, durch Mieteinnahmen seine Kasse aufzubessern. Tatsächlich muss man kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Immobilienblase irgendwann platzen wird, wenn man sich anschaut, wie viel Wohnraum einfach leer steht in Gebäuden, an denen der Zahn der Zeit schon jetzt bedenklich nagt: Wohnraum, den offenbar schon jetzt niemand braucht, während gleichzeitig überall gebaut wird, als gelte es, dadurch sein Leben zu retten.
Ja, das konnte man ahnen: Es gibt natürlich zur Feier des Tages Hummer! Und ich knabbere und nage so lange an der Köstlichkeit herum, bis man die Tafel aufhebt. Inzwischen ist noch ein befreundetes Ehepaar von Herrn und Frau Fan Dong aufgetaucht, das ebenfalls kein Wort Englisch spricht. Ich bleibe aber am Esstisch sitzen, denn es gibt, extra für mich, noch Jiaozi (chinesische Ravioli). Könnte ja sein, dass ich beim großen Hummerpanzermassaker nicht ganz satt geworden bin. Zum Schluss händigt mir Fan Dong auch noch eine großflächige Tasche mit Mondkuchen zum Mondfest (letzten Sonnabend) aus und bringt mich auf dem Rücksitz seines Kraftrads wieder dorthin, wo ich zuvor abgeholt worden bin - nicht ohne zu versprechen, auch den versprochenen Duschvorhang alsbald anzubringen. Ich fühle mich fürstlich behandelt. Dass ich meine Miete schon zweimal pünktlich für drei Monate im Voraus entrichtet habe, kommt bei den beiden offenbar ja richtig gut an!
Nicht so richtig gut an kommt heute dagegen Ex-Kollege Martin, der mehr anwankt als ankommt und gar nicht reden kann, da er sich auf seiner China-Rundreise zum Abschluss seines mehrjährigen Engagements im Reich der Mitte beträchtlich verkühlt hat. Er hat sogar vorab per SMS versucht, das von mir kurzfristig anberaumte Pizza-Essen abzusagen, was ich jedoch zu verhindern wusste, da ich bereits die aus Suzhou angereiste Ma Jiaojun, die außerdem die ebenfalls von Michaels Weihnachtsparty bekannte Heidier mitbringen möchte, ins Babela's bestellt habe. Die Mädels kommen aber eine Stunde später, weil sie beim Einkaufsbummel versackt sind. Martin lässt sich derweil von mir speisen und tränken und unterhalten. Selbst nickt und schüttkoppt er bloß. Als Ma und Heidier eintreffen, sind wir bereits satt, aber wir beginnen die Party dann einfach noch mal neu.
Auf dem Weg aus dem U-Bahnschacht bringt die letzte Treppenstufe den arg Geschwächten fast zu Fall. Bei mir daheim versucht er dann noch ein paar Sachen, die mir durch Nicken und Schüttkoppen bisher nicht begreiflich zu machen waren, durch Zeichnungen und Worte zu verdeutlichen, dann fällt er erschöpft in die Koje (eigenes Gästezimmer!), muss einmal bei der Drama-Luma (sin-o-meter berichtete) nachpumpen und fällt in einen durch Hustenkrämpfe gelegentlich unterbrochenen Schlaf.

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