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Sonntag, 16. September 2012

Auf Vortragsreise - Episode 5
Von didus, 23:59

Nach dem gemeinsamen englisch-koreanischen Gottesdienst schaffe ich es dann endlich auch, Dana zu erwischen, mit dem ich mich gestern schon zum Essen in der Mensa verabredet habe. Er findet, dass der Präsident meine Gegenwart bisher nicht angemessen gewürdigt hat, und weist ihn in der Mensa, wo er sich eigentlich um wichtigere Gäste zu kümmern hat, auf mich hin. Der Präsident schüttelt mir die Hand, behauptet, sich selbstverständlich an mich zu erinnern, und fragt, wie ich denn zum Flughafen käme. Prompt habe ich einen Chauffeur. Das macht er gerne mal, wenn der Chauffeur nichts zu tun hat. Und so erwartet uns also die schwarze Präsidentenlimousine am Eingang zur Mensa. Das passt mir gut, denn tatsächlich ist die Heizung, zwanzig Kilogramm schwer, unterdessen aufgetaucht. Ich entschädige die außer Dienst gestellte Verwalterin mit einer Ablöse in Naturalien: Sie bekommt den Kosmetik-Koffer (siehe Eintrag Freitag). Dana ist nicht davon zu überzeugen, dass die Plastiktasche, in der sich vorher eine gefaltete Matratze befand, für den Transport der Heizung genügt und nötigt mich, einen seiner alten Koffer zu nehmen. Der wird dann am Flughafen, wo uns der Chauffeur zuverlässig absetzt, auch noch mit Packstreifen umwickelt. Und Dana und ich genehmigen uns ob des unverhofften Zeitgewinns noch ein Getränk im Flughafen-"Loteria".
Am Flughafen lerne ich noch einen Chinesen kennt, der unterwegs nach Yantai ist und erklärt, meine Ex-Studentin Chun Mei zu kennen, wahrscheinlich aber doch eher oberflächlich. In Yantai, wo es eine planmäßige Zwischenlandung gibt, ist der Flughafen zugleich Militärflughafen. Die nach Schanghai Weiterreisenden werden aus dem Flugzeug geholt und wir fahren vorbei an lauter Hangaren mit Militärmaschinen. Am Flugsteig ist Fotografieren verboten. Also, nicht weitererzählen: In Yantai stehen strategisch wichtige Düsenjets!
In Schanghai beginnt dann das große Schleppen: Ich muss mit der Heizung in Danas Schrankkoffer vom Flughafen zum Bahnhof. Es geht durch etliche Hallen. Ausnahmsweise genehmige ich mir so ein Rolldingens. Trotzdem ächze ich ganz schön. Ich bekomme nur noch ein Erste-Klasse-Fahrkarte nach Nanjing. Zum Glück bin ich auf Dienstreise und bekomme den achtzig Prozent teureren Fahrpreis erstattet. Vom Bahnhof geht es in die U-Bahn und am Ziel muss ich dann noch einen Kilometer mit der Heizung bis in meine neue Wohnung zurücklegen. Ich entscheide entnervt, das Ding aus dem Koffer zu holen und die Rollen anzuschrauben. Denn zum Tragen habe ich wirklich keine Lust mehr. Das Unterfangen geht gut, bis ich kurz vorm Ziel bin. Da fällt eine Scheibe von der Rolle und eine Mutter setzt sich auch ab. Ich finde sie im Dunkeln nicht mehr wieder. Die Heizung wird also die letzten 200 Meter plus vier Stockwerke nach oben getragen. Sie wird mich im Winter sicher für die Strapazen des Transports entschädigen. Sie ist moralisch in der Pflicht.

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