Beijing Forum
Da wir mit unserer Tagung Teil des internationalen geisteswissenschaftlichen Symposions "Beijing Forum - The Harmony of Civilisations and Prosperity for All" sind, verbringen wir den Vomittag in großen Ballsaal eines Fünf-Sterne-Hotels, der nahezu die Dimensionen eines Fußballfeldes hat. Ban Ki-moon ist leider nicht persönlich erschienen, als UNO-Generalsekretär hat man ja ab und zu auch noch andere Dinge zu erledigen; sein Grußwort flimmert als Video-Botschaft über die Leinwand. Dafür sprechen Gelehrte aus Oxford und von der Columbia-Universität. Und Abdul Kalam, bis 2007 Präsident von Indien (wie bei uns ist der Präsident nicht der politische Entscheidungsträger), stellt in seinem Vortrag "Livable Planet Earth" innerhalb von dreißig Minuten vor, wie man sämtliche Probleme der Welt lösen kann: Bevölkerungswachstum, Wasser- und Energiemangel, Analphabetismus. Leider sitze ich so weit hinten, dass ich seine bunten Schaubilder kaum entziffern kann, und sein schwerzüngiges Indo-Englisch verstehe ich sowieso nicht. Egal - irgendwie wird er die Welt schon retten. Auch der bei der Kurie in Ungnade gefallene Theologie-Professor Hans Küng spricht kein lupenreines Englisch. Man hört den Schweizer Akzent deutlich heraus, aber ich verstehe ihn, also seine Worte, mühelos. Allerdings sitze ich seit der Pause auch etwas weiter vorne. Auch Küng, Leser seiner populärwissenschaftlichen Theologie-Bücher wissen das längst, hat eine Art Weltformel parat, die das sin-o-meter jetzt exklusiv für seine Leser zusammenfasst: Es gibt eine globale Ethik. Diese sagt ja zur Pluralität unterschiedlicher Kulturen mit unterschiedlichen Wurzeln (wie z.B. der alten konfuzianischen Ethik, die im modernen China wieder wichtiger wird). Küng hofft, dass eine globale Ethik dazu beitragen kann, dass es Fortschritte im Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Konzepten gibt. Dies ist eine Basis für die Entwicklung moderner Zivilisationen sowie eine Basis für wachsendes Vertrauen. "Only on this ethical basis harmony and prosperity for all in this world can be pursued!", schließt Küng seinen Vortrag. Der katholische Theologie-Professor bringt das Kunststück fertig, während seiner gesamten Redezeit Gott und Jesus nicht ein einziges Mal vorkommen zu lassen, denn zu seinem Konzept einer Universal-Ethik passt das Bekenntnis zum Christentum eigentlich gar nicht.
Am Nachmittag werden wir dann zurückkutschiert zum Tagungszentrum an der Universität Peking.