Lang lebe Liang Qichao!
Als ich fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges immer noch in der U-Bahn stehe, werde ich dann doch langsam nervös, um nicht zu sagen: hektisch. In Deutschland mag so was reichen, um den Zug noch zu erreichen, aber in China,wo man über endlose Gänge, Rolltreppen, eine Gepäckkontrolle, einen riesigen Wartesaal, nochmalige Kontrolle und noch eine Rolltreppe zu den Bahnsteigen gelangt, ist das knapp, zumal ich den Nanjinger Südbahnhof, der in seiner Weitläufigkeit mehr einem Flughafen ähnelt, noch gar nicht so gut kenne. Ich habe bereits innerlich mit der Deutschlehrer-Konferenz in Tianjin im Norden Chinas abgeschlossen, hätte mit meinem kruden Keuchhusten ja auch eine gute Entschuldigung parat, da stehe ich nach einem irren Sprint ("Du schaffst es!") doch noch rechtzeitig auf dem Bahnsteig. Der Zug rollt mit einer Minute Verspätung ein. Ich bin völlig durchgeschwitzt.
Da ich nicht ganz Herr meiner Sinne bin, vertue ich mich hinsichtlich der Ankunft des Zuges um eine Stunde und bin völlig platt, als ich um zwei schon in Tianjin bin. Ich verzichte auf die Hilfe der ehemaligen Nanjinger Studentin Cai, die sich per SMS angeboten hat, mich abzuholen (ich bringe ihr einen Umschlag mit wichtigen Unterlagen mit), finde gleichwohl gar schnell die U-Bahn-Linie, aber leider ist die eine Station vor dem Hauptbahnhof, wo ich aussteigen will, unterbrochen: letzter Bauabschnitt noch nicht fertiggestellt, bitte alle aussteigen! Nach einem halbstündigen Umweg habe ich es dann doch geschafft. Vom Bahnhof melde ich mich per Telefon bei der Konferenzleitung, aber da es so laut ist, verstehe ich nichts und mich auch niemand am anderen Ende der Leitung. Ich werde weitergereicht von Pontius zu Pilauts und meine kategorische und reichlich undiplomatisch vorgetragene Weigerung, ein Taxi zu nehmen, sorgt für zusätzliche Irritationen. Zwei chinesische Studenten scheitern an mir. Schließlich lotst mich Frank, ein deutscher Kollege, Richtung Fluss, er nennt mir den Namen des berühmten Liang Qichao, für den in Tianjin ein Museum errichtet wurde; den solle ich mir merken, dort seien alle gerade. Ich folge also auf dessen Uferpromenade dem Fluss. Unterhalb einer Brücke treffe ich auf eine Gruppe älterer Herren, von denen einige in Badehose, andere nur leicht bekleidet sind und einer ist sogar im Wasser. Von der Treppe aus schaue ich zwar nicht ungläubig (ältere Herren, die bei fünf bis zehn Grad schwimmen gehen, gibt es in China öfter), aber doch neugierig zu und rufe anerkennend: "Lihai!" ("Stark!") Schließlich erblicke ich linker Hand ein nachgebautes Türmchen, das entfernt an Venedig erinnert. Entstellt wie nach einer Runde "Stille Post" werden die Worte "Liang Qichao" so vielen Wachbeamten am Rande des historischen, früheren italienischen Konzessionsgebiets an den Kopf geworfen (den kennt hier wirklich jeder!), bis ich tatsächlich endlich schwer atmend und hustend zu der Besuchergruppe im Museum stoße, am Eingang bereits von zwei Kollegen, denen langweilig war, auf den Eingang verwiesen.
Nach der Führung durch das bewegte Leben des Liang Qichao, einer Galionsfigur der Republikgründung Anfang des Jahrhunderts, bei der ich vor allem durch heftige Hustenanfälle aufgefallen bin (bei der Führung, nicht bei der Republikgründung), ist noch Zeit für die Besichtigung des Viertels in eigener Regie; dabei treffe ich die we(e)rt(h)e YUST-Kollegin Elisabeth und helfe einer weißhaarigen Kollegin, die nächste Pizzeria zu finden. Nach meiner Anreise per pedes kenne ich mich in der früheren italienischen Konzession, die heute so eine Art Freilichtmuseum mit zeitgenössischen gastronomischen Einrichtungen ist, doch um einiges besser aus als der Rest der Truppe. Wenig später sehe ich die Weißhaarige aber wieder allein zwischen den Kolonialstilbauten umherwandern. Nee, sie sei da ganz alleine gewesen, das sei ihr komisch vorgekommen. Kurz bevor der Bus uns um 18 Uhr alle abholt und ins Konferenzzentrum, die Fremdsprachenuniversität Tianjin, bringt, treffe ich im angenehm beheizten Café, das viele Kollegen anzuziehen verstand, auch endlich Frank, der so freundlich war, mich ans Ziel zu lotsen. "Ach, du warst das, aber du bist doch gar kein Ortskundiger hier." - "Nee", räumt er ein, "die Studenten haben das Telefon einfach irgendeinem in die Hand gedrückt, der Deutsch konnte und in der Nähe war, weil sie mit dir nicht zurechtkamen."