Ente
Die Abreise beginnt kurios: Ein schriller Paradiesvogel, eine nicht mehr ganz junge, etwas füllige Dame, offenbar eine Ausländerin (jedenfalls ist sie in ihrer Aufmachung nicht mehr als Chinesin zu erkennen), steigt in den Bus, in dem ich auf dem Weg zum Bahnhof bin. Sie trägt ein grünes Folklore-Kleid, aber welche Folklore das sein soll, erschließt sich mir nicht, ist stark geschminkt und - singt! Singt da im Bus vor sich hin, scheint für eine Arie zu proben. Und - das ist eben China - verstörte Blicke erntet sie so gut wie keine.
Ich bin auf dem Weg nach Peking. Das ist mit dem Schnellzug nur eine halbe Stunde von Tianjin entfernt. Dort lotst mich Ex-YUST-Studentin Liu Chao aus der U-Bahnstation, indem sie sagt: "Immer geradeaus!" Also gehe ich immer geradeaus. Aber nach fünfzehn Minuten ist da immer noch keine Liu Chao aufgetaucht und was ich ihr per Mobilfunk beschreibe, weist mit dem, was ich sehen müsste, wenig bis gar keine Ähnlichkeit auf. Also zurück auf Los, ziehe keine 4000 Mark ein und versuche zu ergründen, wie das weibliche Gehirn funktioniert. Schließlich, am Rande von Marktbuden, Menschenauflauf und einer roten Reklamebühne, finde ich sie. "Ja, mein Fehler", räumt sie ein. Ich hätte an der U-Bahnstation einen Rechtsschwenk marsch! vollziehen und DANN geradeaus weitermarschieren müssen. Ziel der ganzen Gefechtsübung ist ein Pekingenten-Restaurant. "Papa hat gesagt, wenn dein Lehrer diesmal dich besuchen kommt, MUSST du ihn zu Pekingente einladen." Tja, dieser Logik kann auch ich mich nicht entziehen. Als Gastgeschenk überreiche ich Spezialitäten aus Tianjin, die Studentin Cai besorgt hat, und ich reise ja eigentlich gern mit wenig Gepäck bzw. Gebäck. Doch ich habe mich verkalkuliert: Liu Chao revanchiert sich prompt mit kiloweise Tüten mit Keksen und Kuchen. Etwa drei Stunden lang vertilgen wir Pekingente und Beilagen und auch ein bisschen "Schmadderkuchen" (eine intern-familiäre Bezeichnung für diese Art von Konditorware). Liu Chao ist nämlich neugieriger als ich, wie denn das von ihr erworbene Produkt auf den menschlichen Gaumen wirkt. Und ich muss sagen: Die Ente rangiert deutlich vor dem Kuchen, denn die ist wirklich köstlich. Fazit: selten so lecker gespeist.
Morgen brauche ich den ganzen Tag nichts mehr zu essen, kündige ich zum Abschied an - am U-Bahngleis trennen sich unsere Wege, wer weiß, für wie lange - und wer mich kennt, weiß, dass das nicht nur so eine Redensart ist.