Entscheidung in Bangkok
Und nun also Bangkok, die Hauptstadt. Bangkok, wirklich? Ist das wirklich Bangkok, wo unser Bus am frühen Morgen hält, an einer großen Fernbusstation im Niemandsland? Bald wird klar: Um wirklich nach Bangkok zu gelangen, liegt noch ein gewaltiges Stück Weges vor mir. Nachforschungen ergeben, dass der Bus mit der Nummer 511 irgendwie richtig sein muss. Zwei Rucksacktouristinnen, vermutlich Russinnen, entscheiden sich für einen anderen Bus. Wo werden die wohl landen? 511 wird erst mal gereinigt und ist noch völlig leer. Es ist eben noch früh am Morgen. Nach einer halben Stunde schließlich fährt der Bus 511 mit mir und ein paar anderen Zerstreuten an Bord ab. Ich bin erst mal beruhigt. Es geht weiter. Die Schaffnerin besteht allerdings schon nach ca. zehn Minuten Fahrt darauf, mich aussteigen zu lassen. Sie gestikuliert. Was sie zu erklären versucht, bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Irgendwie muss es von hier weitergehen. Nur wie? Ich befinde mich am Rande einer Schnellstraße mit hochgelegter Trasse für noch eine Schnellstraße und mein Gefühl ist: Ich bin so wenig am Ziel wie ein Reisender, den man in Kaltenkirchen ausgesetzt hat und der eigentlich nach Hamburg möchte. Mein Gefühl trügt mich nicht, wie sich zeigen wird.
Da entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift »Railway Station«. Hier soll es einen Bahnhof geben? Das kann ich aber nicht glauben. Ich biege in eine Seitenstraße ein, die durch ein vergleichsweise adrettes Mittelstandswohngebiet führt. Am Ende, ca. einen Kilometer entfernt, der sich wegen meines Gepäcks aber deutlich länger anfühlt, könnte etwas stehen wie ein Bahnhof. Doch das geräumige Haus, das in einer Kurve liegt, entpuppt sich als Schimäre. Ich muss den beschwerlichen Weg zurück antreten. Eine andere Straße geht halb links von der Schnellstraße ab. Könnte ja auch sein, dass sich das Schild, das einen Bahnhof verheißt, darauf bezieht. Also gehe ich nun, während die Sonne immer höher steigt, die Ratchapruk-Straße entlang. Hier sieht es nicht mehr nach Mittelstand aus. Die Ratchapruk-Straße ist eine Allee, die ein Graben säumt, in dem überall Müll herumliegt. Straßenköter mit struppigem Fell wühlen darin nach Essbarem. Links immer wieder auch mal freies Feld, rechts Baracken oder Werkstätten, in denen Technik-Ramsch verkauft wird. Einladend wirkt das alles nicht. Nach einer halben Stunde Fußmarsch stößt die Schmuddelstraße wieder auf eine große Hauptverkehrsader. Vermutlich bin ich im Kreis gegangen. Das wäre jedenfalls typisch. Doch dann sehe ich linker Hand auf der anderen Seite ein ganz neues, pastellfarbenes Gebäude, das überhaupt nicht in die Landschaft passen will, und das ist der Bahnhof Tailing Chan Junction. Eine saubere Schalterhalle erwartet mich, dahinter eine freundliche junge Dame, die mir gleich einen ganzen Fahrplan, den der Linie Süd, aushändigt. Tja, und was soll ich sagen? Ich habe ziemliches Glück: Der Zug nach Bangkok der planmäßig um 8.28 Uhr abgefahren wäre, hat eine Stunde Verspätung, wie mir die Dame am Verkaufsschalter mitteilt, und, ja, ich kann für vierzig Baht eine Fahrkarte erwerben. Der darauf folgende Zug nach Bangkok hält hier übrigens um 18.10 Uhr. Wie bei einem deutschen Bahnhof gibt es eine Unterführung – die Rolltreppe von Thyssen-Krupp geht allerdings noch nicht –, daneben sogar ein nagelneues WC, wo ich erst mal Zähne putzen und Morgentoilette machen gehe. Da man die Unterführung zwar begehen, aber noch nicht benutzen kann, trete ich, von zwei Uniformierten angeleitet, durch eine Schiebetür an Gleis 1. Der Zug, in den ich steige, will nicht so recht zu dem schicken Bahnhof passen und kann vor hundert Jahren auch nicht sehr viel anders ausgesehen haben. Offene Fenster, graue Sitzpolster geben dem Ganzen den Charme von 2. Klasse im Kaiserreich. Wir passieren die Bahnhöfe Thon Buri, Bang Bamru, Bang Sue Junction, Sam Sen – hier sieht es schon sehr nach Stadt aus –, halten jeweils ziemlich lange und erreichen endlich nach ca. einer Stunde den Hauptbahnhof von Bangkok. Der passt nun tatsächlich sehr gut zu dem Zug. Ein bisschen erinnert fühle ich mich auch an den Moskauer Bahnhof, von dem aus die Züge nach China und Ostsibirien starten. Nun muss ich eine Entscheidung treffen. Wie lange soll ich mich in Bangkok aufhalten? Ich will meinen Zeitplan nicht gefährden und kaufe eine Fahrkarte für morgen früh nach Chiangmai, Fahrpreis 641 Baht, Abfahrt 8.30 Uhr, Ankunft (geplant) 20.30 Uhr – einmal durch das halbe Land. Ich schaue mir bei der Information den hinter dem Schalter aufgeklebten Stadtplan so lange an, bis ich mich grob orientieren kann und dann wird es doch wieder eine ziemlich lange Wanderung, vorbei an lautem Verkehr und still in der Mittagssonne glänzenden Buddha-Tempeln mit goldenen Giebeln, die in der Stadtmitte etwa ein Drittel aller Bauwerke ausmachen. Jedenfalls ist das mein Eindruck. Es dauert in Anbetracht meines schweren Gepäcks quälend lange, bis ich endlich die Touristenecke nordwestlich vom Bahnhof gefunden habe, und dann noch einmal quälend lange, bis ich eine freie Unterkunft gefunden habe. Ich lande schließlich in einem klimatisierten 8-Bett-Zimmer im »Hello-Hostel«. Dort gibt es wieder drei Deutsche, die in Fujian studieren, also auch in China beheimatet sind, und auf deren Reiseroute noch Kambodscha und Vietnam liegen. Da ich nur einen Nachmittag in Bangkok habe, mache ich mich nun auf zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten: zur alten Festung Phra Sumeru am Fluss Chao Praya und zum legendären Großen Kaiserpalast, wo Soldaten mit schroffem Befehlston dafür sorgen, dass man die kaiserliche Sperrzone nicht betritt. Leider ist hier nach vier Uhr bereits alles Sperrzone; ich sehe daher nur die drei berühmten Kuppeln und schaue hier und da mal durch den Zaun. Überhaupt - das habe ich noch gar nicht erwähnt - die Kaiserverehrung in diesem Land ist unfasslich. Der steht auf riesigen Plakaten überall im Land herum. So oft sieht man Mao in China nicht! Weiter geht es zur pittoresken Pagode von Wat Arun am anderen Flussufer. Als ich für die Fähre über den Fluss anstehe, erblicke ich eine Postkarte, deren Motiv mich nicht mehr loslässt und dem ich fortan verfallen bin wie Don Quixote seinen Windmühlen: ein Foto vom Fischmarkt auf Booten, das sich mir einst in dem Bruno-Brazil-Abenteuer Entscheidung in Bangkok eingeprägt hat. Ich lasse Wat Arun also links liegen, steige nicht für 50 Baht hinauf, sondern bestaune nur kurz die immer gleiche Miniatur-Darstellung eines Buddhas, die sich spiralförmig als Endlos-Mosaik um das ganze Bauwerk windet und ihm so sein besonderes Aussehen gibt.
Ich folge dem Fluss in der Hoffnung, den Bootsmarkt ausfindig zu machen. Aber es ist ein Kampf gegen die Uhr, den ich verliere. Am Ende verliere ich sogar noch mehr, nämlich die Orientierung. Ich habe die Memorial-Brücke überquert, musste unter dem Denkmal kurz ausruhen, woraufhin mich ein Unifomierter gleich wieder gerügt hat, weil das sich hier nicht schickt auf den heiligen Steinen des Denkmals, und finde mich wieder in einem engen Gassenbasar von Bangkok-Chinatown, wo gerade die Stände abgebaut werden. Überall liegt Eis im Rinnsal, stinkt es nach Fisch (ich also immer der Nase nach) oder faulen Früchte. Ich kehre um, als es dämmert, muss auf einer Verkehrsinsel nach dem Weg fragen, was ganz schön anstrengend ist, denn Thailänder, die des Englischen nicht mächtig sind, wenden sich meist brüsk ab, wenn man sie anspricht. Chinesisch geht auch nicht. Am Ende kann ich mit Hilfe des Stadtplans, den ich im »Hello-Hostal« bekommen habe, aber doch den Weg Richtung Bahnhof finden. Da musste ich sowieso noch hin, um nämlich den Weg zum »Hello-Hostel« zeitlich zu vermessen, damit ich morgen rechtzeitig aufstehe und pünktlich am Bahnhof bin. Ich passiere den beleuchteten Goldenen Berg, auf dem - was sonst? - eine goldene Tempelkuppel angestrahlt wird und der Nacht Glanz verleiht und komme schließlich auf etwas mehr als 45 Minuten Fußmarsch. Später in der Nacht durchschreite ich das lärmende Touristenviertel, esse gebratene Nudeln (am Nebentisch mal wieder Russinnen) und bin froh, als ich dem lärmenden Gedränge wieder entronnen bin, was, da nachts bekanntlich alle Straßen grau sind, gar nicht mal so einfach war.