Bummelzug nach Chiangmai
Nun habe ich also den Weg genau vermessen, weiß genau, wie ich gehen muss und wie lange ich dafür brauche – und nun kann, wer das noch nicht hinter sich hat, ein total fatales Verhaltensmuster von mir kennen lernen: Ich muss einfach immer etwas Neues, notfalls Riskantes ausprobieren, anstatt auf Nummer sicher zu gehen. Gestern habe ich nämlich an der großen Kreuzung zwischen Loha Prasat, Phrakan und Goldenem Berg unterhalb der weißen Kanalbrücke gesehen, dass es auch Motorboote über den Kanal gibt und da ja der Bahnhof an so einem Kanal liegt und ich noch über 45 Minuten Zeit habe, stelle ich mich also um 8.40 Uhr ans Ufer, wo auch eine Art Boot-Busplan hängt. Und dann kommt so ein langes Boot, legt an und ich frage den Steuermann nach dem Bahnhof. Erst fährt das Boot in die Gegenrichtung, dann heißt er mich plötzlich doch einsteigen. Inzwischen sind die hölzernen Sitzbänke auch gut gefüllt mit lauter Einheimischen. Allerdings sind es nun auch nur noch dreißig Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Ich werde noch nervöser, als mir meine junge Sitznachbarin schon an der nächsten Bus-, äh, Bootshaltestelle zu verstehen gibt, dass ich hier jetzt aussteigen müsse. Aber wo bin ich hier gelandet? Auf jeden Fall nicht am Bahnhof! Es ist ein bisschen wie mit Bus Nr. 511 gestern. Nur dass ich jetzt nicht den ganzen Tag habe, um den Weg zu finden.
In dieser Lage erweist sich es nun als Glücksfall, dass ich am Vorabend den Weg so akribisch ausgekundschaftet habe. Ich erkenne das hohe Royal-Prince-Hotel wieder und kann mich rasch orientieren. Nach etwa fünf Minuten bin ich auf Höhe des Bobae-Markts am Kanal, dem ich nur noch in Richtung Süden zu folgen habe. Ich erreiche den Bahnhof um 8.25 Uhr. Aber der Zug wird erst noch mit einem Wasserschlauch abgespritzt und fährt mit zwanzigminütiger Verspätung ab. Auch dieser Zug verströmt kolonialen Charme. Aber es ist doch ein Unterschied zu früher zu erkennen: Der Zug ist klimatisiert und was sogar noch besser ist: Die Passagiere werden verpflegt wie bei einer Flugreise. Es beginnt mit einer Maissuppe. Das soll wohl darüber hinwegtrösten, dass wir die 756-Kilometer-Tour mit der gleichen Spitzengeschwindigkeit angetreten haben, wie die AKN zwischen Wiemersdorf und Großenaspe erreicht. Wir passieren Ayutthaya, Lop-Buri, Nakhon Sawan, Bung Phra, Nakhon Lamphang, Sila At, Lam-Phun und andere Orte mit schön klingenden Namen und Bahnhöfen, die bei uns anstandslos als Freilichtmuseum durchgehen würden. Lop-Buri, die legendäre Affenstadt, an der schon am Bahnhof eine große, goldene Affenskulptur deutlich macht, wer hier das Kommando übernommen hat, ist allerdings nicht zu übertreffen: Die ganze Stadt ist von Makaken besiedelt. Sie machen sich auf den Straßen und Wegen breit wie Straßenhunde (die man hier nicht sieht). Auf einer Tempel-Anlage, die aussieht wie Dresden 1945, sieht man Hunderte Affen.

Flache Reis- und Maisfelder prägen im Süden und in der Mitte das Landschaftsbild. Was im Vergleich zu China auffällt, sind die dünne Besiedlung, die geringe Industrialisierung und das Gefühl, dass die Landwirtschaft nicht so erbarmungslos verzweckt ist wie beim bevölkerungsreichen Nachbarn; dafür sieht man mehr typisch amerikanische Pick-ups. Dann geht es durch den Hochland-Dschungel, der Zug wird langsamer als die AKN und man fühlt sich versetzt in »In achtzig Tage um die Welt«, genauer gesagt, an die Stelle, wo Phileas Fogg irgendwo in Indien mit dem Zug im Dschungel stecken bleibt. Das passiert uns nämlich auch, und zwar kurz vor dem Ziel, allerdings ohne Fremdeinwirkung. Die Nacht ist bereits vorgedrungen und wir stehen fast zwei Stunden an der Bahnstation Maet Hoelen oder so, was für mich ein bisschen klingt wie »mitten in der Hölle«. Allerdings ist es draußen eher kühl. Mehr als Busch, Schienen und die Holzhütte des Bahnwärters ist nicht auszumachen. Die Lok schaffe die Steigung nicht, lautet die Information. Wie genau das Problem behoben wird (muss jemand per Moped irgendwo ein Ersatzteil besorgen?), erschließt sich mir nicht, aber es geht schließlich weiter.
Nachdem wir gegen halb elf Chiangmai erreicht haben, lasse ich alle Taxi- und Tuctuc-Fahrer, die sich wie üblich Moskitos gleich auf die Reisenden stürzen, auf dem Bahnhofsvorplatz stehen, an dessen Rand eine alte Dampflok steht, bei deren Anblick man sich wundert, dass sie schon außer Dienst gestellt wurde. Fest in den Blick genommen habe ich dafür den »Seven-Eleven«-Laden gegenüber, wo ich mir gewohnheitsgemäß einen selbst gebastelten Burger für 20 Baht und die notorische Mili-Schokomilch kaufe. Denn ein Abendessen gab es nach 18 Uhr im Bummelzug nicht mehr. Nur so gestärkt kann ich mich auf den Weg in die Innenstadt von Chiangmai machen, wo es erstaunlicherweise geregnet hat und die Straßen noch nass sind. Diesmal lande ich nach einem nicht ganz so langen Marsch wie in Bangkok gestern im »Hi-Hostel«, das mit 500 Baht pro Nacht aber auch viel teurer ist als sein Namensvetter in Bangkok.