Wo, bitte, geht's denn hier zur deutschen Schule?
Ja, gut, sicherlich, es war ein bisschen blauäugig, sich auf eine vage Google-Markierung zu verlassen. Am Anfang sieht dennoch alles ganz positiv aus: Ich bin unterwegs auf jener Landstraße stadtauswärts, von der laut Google irgendwann eine Straße namens Soi Nong Sala abgehen soll, die zu der berühmten deutschen Schule führt. Erfolgreich habe ich bereits Thanon Somphot gekreuzt und an einer Schule bin ich auch schon vorbeigefahren; ich nehme das als gutes Zeichen. Ich finde aber dort, wo ich Thanon Somphot vermute, nur ein Krankenhaus, fahre weiter Richtung Yang Noeng, bis ich den Eindruck gewinne, zu weit gefahren zu sein. Ich fahre also zurück, finde das Krankenhaus nicht mehr, weil ich vorher rechts abgebogen bin. Jenseits der Bahnlinie und des Expressways 11 erwarten mich jedoch nur öde Weiler und verlassene Liegenschaften. Dort schauen mich auf meinem Drahtesel die Leute an wie ein Gespenst, wenn ich es wage, auf Englisch nach dem Weg zu fragen. Denn obwohl ich inzwischen Saraphi erreicht habe, den eigentlichen Sitz der deutschen Schule, obwohl ich sogar schon den Bahnhof hinter mir gelassen habe: Ich finde die Schule nicht, nicht mal ein Hinweisschild. Ich also zurück. Aber was ist der Weg denn auf einmal so lang? Das muss an meinem Hintern liegen, der nach zwanzig Kilometern einfach nicht mehr auf dem Sattel sitzen kann!
"O.k., gestern, da hast du dich ja noch achtbar aus der Affäre gezogen, aber das heute ist doch ein Totalreinfall. Auf dich ist einfach kein Verlass", halte ich Gott in einer meiner Frustattacken vor, als ich schon wieder auf dem Rückweg bin. Denn eines ist doch wohl klar: dass ich im Moment nicht den Hauch eines Hinweises habe, wie ich hier in der Fremde diese ver-, also, diese deutsche Schule finden soll. Mehr aus Bockigkeit denn mit dem Gefühl echter Hoffnung (schließlich ist es schon halb zwölf und ich hatte mich für den Vormittag, ca. 11 Uhr, angekündigt) fahre ich auf das Gelände der Polizeistation von Saraphi ("Die Polizei, dein Freund und ... " - ihr wisst schon). Zum Glück beginnt die Siesta erst um eins. Ich treffe tatsächlich Beamte, die ich fragen kann. Denen lese ich nun also die genaue Anschrift vor: "83/1 Ban Bua Krok Nua." Saraphi, wird mir langsam klar, ist nur der Oberbezirk. Ich müsse nach Krok Nua. Dazu solle ich (abweichend von dem, was Googlemaps mir weisgemacht hat) an der Kreuzung in ein bis zwei Kilometern Entfernung links ab.
Vor mir liegt eine gewaltige Durststrecke. Die Sonne knallt auf der einsamen, staubflirrenden Landstraße mit öden Feldern links und rechts so auf mein Haupt, dass ich schon längst mit Tüte auf'm Kopf fahre (schöner Gruß an Annett). Aber die Durststrecke will nicht enden. Sieht also, als wäre ich aber jetzt in Ban Bua (Ban heißt anscheinend so viel wie "Dorf") angekommen - rechts ab. Aber wo ist Krok Nua? Ich komme an einer Beerdigungsprozession vorbei (Moped-Tuctuc mit Sarg); der aufrecht stehende Sarg sieht aus wie ein Stilmix aus Standuhr und Mini-Tempel, die Tote hat man als Computer-Ausdruck oben unterm Giebel aufgehängt. Soll das heißen, ich soll meine Pläne, die deutsche Schule zu finden, endgültig begraben? Ich muss ja auch mal an den Rückweg denken ... au, (Gesäß-) Backe!
Reisende soll man nicht aufhalten, also weiter. Schließlich erreiche ich Krok Nua. Aber das ist noch nicht das richtige Krok Nua. Es gibt, verrät mir ein alter Mann auf einer Bank im Schatten, wohl noch ein anderes. Man muss sich das so ähnlich vorstellen wie bei uns mit Groß- und Kleinkummerfeld oder Klein-Kummerfeld und Kleinkummerfeld (Bahnhof), die Entfernungen sind übrigens auch ähnlich. Ich komme aus dem ruralen Irrgarten heraus und finde mich auf einer Hauptverkehrsstraße wieder. Wo bin ich denn hier gelandet? Ich muss die kleinere Hälfte von Krok Nua verpasst haben. Also zurück. Tja, und dann ist da plötzlich das Schild der christlichen deutschen Schule ("CDSC"). Wie in Trance radle ich die staubige Sandpiste entlang, fahre, als hätte man mich frisch aufgetankt. Und dann bin ich da.
Doch obwohl ich per E-Mail angekündigt war, fällt das Empfangskomitee aus. Es hat mich ganz offensichtlich niemand erwartet. Die Nüchternheit des Empfangs, irgendwie typisch deutsch, kühl, sachlich, geschäftsmäßig, kontrastiert auffällig mit dem Empfang gestern in der von Amerikanern geprägten Gemeinde. Ich darf den vorab vereinbarten Rundgang alleine machen, bekomme aber immerhin ein Ansteckschildchen mit der Aufschrift "Visitor", damit ich keine Kinder erschrecke. Die Schule liegt quasi auf freiem Felde, umgeben von Land, das noch landwirtschaftlich genutzt wird; die Zufahrt erinnert an die zu Bissenbrook. Die Ausstattung der Schule ist beachtlich und kann mit der Grundschule Großenaspe mühelos mithalten. Sogar eine Sporthalle gibt es für die knapp achtzig Schüler. Glück für mich, dass das Mittagessen hier erst um eins stattfindet. Ich muss mich aber auch im Mensabereich alleine zurechtfinden und wähle für vierzig Baht das Thai-Essen anstelle des deutschen (Schweinebraten mit Rotkohl). Alle, Lehrer und Schüler, sitzen draußen unter einem Schatten spendenden Dach. Doch ich bleibe ein Fremdkörper. Die vermeintlichen Lehrer, zu denen ich mich setze, entpuppen sich als Eltern, die ihre Sprösslinge abholen. Sie mokieren sich darüber, dass die Evolutionslehre hier im Bio-Unterricht neben den Schöpfungsbericht gestellt, gar in Zweifel gezogen wird. Ein bayerischer Auswanderer mit thailändischer Frau, dessen Bub' zu uns an den Tisch kommt, klärt mich darüber auf, dass ich eigentlich nur der Hauptstraße, an die ich eben schon gekommen bin, in Richtung der Brücke über den Fluss und danach dem Fluss zu folgen brauche, um wieder nach Chiangmai zu kommen.
Vorher versuche ich es aber noch mal kurz im Sekretariat. Der Direx, soeben eingetroffen, hat signalisiert, dass er in einem Moment Zeit für mich haben werde. Ich warte also eine Weile im Vorzimmer, aber irgendwie taucht kein Direx mehr auf und das Nächste, was ich höre, ist, dass der Direx in einer Besprechung ist. Was ich hätte sehen wollen, hätte ich ja nun gesehen, teile ich Sekretärin Andrea mit und verabschiede mich, schon ein wenig enttäuscht über den alles in allem spröden Umgang mit dem von weither Angereisten. Der Weg zurück in die Stadt ist dank der Hinweise des freundlichen Bayern vom Mittagstisch wesentlich kürzer, als meine Anreise vermuten ließ.
Mein Hintern ist zwar der Meinung, dass es für heute reicht; ich bin aber anderer Meinung, denn morgen muss ich ja bereits abreisen. Ich fahre also, durch das Mittagessen mit neuen Kräften ausgestattet, auf die andere Seite der Stadt, wandere einen Wasserfall entlang und schaffe es bis Einbruch der Dämmerung sogar noch bis in den Tropen-Urwald, der die Hänge im Westen der Stadt bedeckt. Dort gibt es einen schicken Wasserfall, eigentlich ein eintrittspflichtiges Gebiet, aber offenbar wegen Renovierung derzeit ohne Eintritt. Ist auch nicht viel los, während ich der drei Kilometer langen Straße durch den Dschungel folge. Einmal überholt mich ein Moped. Später leistet mir ein chinesisches Pärchen Gesellschaft, das vor dem malerisch die grün berankten Felsen herabstürzenden Wasserfall für Fotos posiert. In der Dämmerung werfe ich von einem Aussichtspunkt noch einen Blick auf die Stadt im Tal unter mir. Dann finde ich leider im Dunkeln den Weg nicht mehr, mache Pause, esse erst mal auf einem Nachtmarkt gebratene Nudeln, werde von Moskitos gestochen, lande orientierungslos am völlig falschen Ende der Stadt und radle und radle und radle. Wie viele Kilometer das am Ende dieses Tages geworden sind, weiß kein Mensch.