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Freitag, 08. Februar 2013

Der lange Weg nach Mohan
Von didus, 23:59

Zwischen Oudomxai und Luang Namtha gibt es eine T-Kreuzung, geradeaus geht es nach China und links nach Luang Namtha. Dorthin ist mein Bus unterwegs, nicht aber ich, denn in Luang Namtha war ich bereits 2011. Ich steige also an dieser Stelle aus. Zwanzig Kilometer sind es noch bis zum chinesischen Grenzort Mohan. Angeblich sollen hier ja ab und zu Busse nach China durchkommen. Aus der Gegenrichtung ist mehr los. Das zeigt die Schlange von Autos, die alle demonstrativ mit chinesischen Flaggen bestückt sind und bis zum Horizont die Straße von Mohan blockieren. Was ist hier denn los?, denke ich. Die Antwort ist klar: Mit dieser kleinen Zollinspektion, die für die bisher so gut gelaunten Urlauber völlig überraschend zu kommen scheint, bessern sich korrupte Zollbeamte an diesem Nadelöhr zu den laotischen Ferienparadiesen ihr Gehalt auf. Eine Frau verhandelt minutenlang mit den beiden jovial wirkenden Uniformierten in deren Zollhäuschen, vor dem ich wie Falschgeld herumstehe und warte, bis ich nach einer Auskunft fragen kann. Doch die Zöllner würdigen mich keines Blickes, sie haben das Yuan-Zeichen im Auge. Entnervt sehe ich die mutmaßliche chinesische Reiseleiterin nach Entrichtung der Sonderabgabe aus dem Häuschen kommen. Eine Reihe Autos kann durch. Danach wird eine chinesische Familie zur Kasse gebeten. Betont arglos steigt das Pärchen aus, die Kinder bleiben zurück. Auch hier nützt die Unschuldsmiene, das Rätselraten, was denn hier nicht stimmen könne, nichts: Zahlemann und Söhne! Als ich in einer Abkassierpause an der Tür des Zöllnerhäuschens auf Englisch nach einem eventuellen Bus frage, werde ich barsch abgewiesen. Die Jungs wollen mich nicht mal mit'm Gesäß anschauen, so fixiert sind die widerwärtigen Abzocker auf die schnelle Penunze. Im Grunde ist mir längst klar, wie das hier heute enden muss: mit einem neuerlichen Gewaltmarsch. Es ist fünf Uhr. In zwei Stunden müsste ich an der Grenze sein. Auf geht's! Pack ma's no'ma!
Im Schatten der Berge sehe ich rechts ein kleines Gehöft, Wasserbüffel haben sich in einem Wasserloch am Rand der Weide für eine Ganzkörper-Schlammtherapie entschieden. Wenig später komme ich an einer Siedung vorbei, in der alles mit der Herstellung von Reisigbesen beschäftigt ist. Am Rand der Gegenspur der Fahrbahn, auf der ich unterwegs bin (zweifellos einer der besten Straßen in ganz Laos), liegen bereits Dutzende, Hunderte von fertigen Besen aufgereiht: Großindustrie in Laos.
Ich habe Glück: Als ich fünf Kilometer zurückgelegt habe und die Sonne bereits hinter den Bergzügen verschwunden ist, überholt mich eine Truppe von drei jugendlichen Mopedfahrern. Einer von ihnen hält an. Er spricht recht ordentlich Englisch und bietet mir an, dass sein Freund mich hinten drauf mitnehmen könne. Die Grenze sei allerdings schon geschlossen, rüber nach China könne ich heute nicht mehr. Ich ziere mich erst ein wenig aufzusteigen; als der Wortführer mir aber mehrfach versichert, dass das wirklich kein Problem sei und auch sein Freund dazu nickt, willige ich ein und mache zehn Kilometer im Sauseschritt. Ich merke jedoch bald, dass das Ziel des jungen Mannes noch ein gutes Stück diesseits der Grenze liegt. Er fährt trotzdem noch etwas weiter, ehe er mich schließlich absteigen lässt. Er weist mit dem Finger nach Norden. Dort sei China. Das sei kein Problem für mich, verdeutliche ich, die paar Kilometerchen (es sind fünf) schaffe ich schon. Der Rucksack, der in dem Trubel von Houay Xai oben aufgeplatzt ist, kneift zwar reichlich und Brösels alte Lederjacke muss mal wieder als Trageseil herhalten, aber irgendwie wird es gehen. Ich stelle fest, dass mein seit der Landung in Thailand totes chinesisches Mobiltelefon inzwischen wieder Empfang hat, und schicke sofort eine SMS an Huilin (wer ist das?), um mitzuteilen, dass ich auf dem Weg sei. Ich bin eingeladen, ein paar Tage nach dem Neujahrsfest mit ihr und ihren Eltern in Chengdu zu verbringen. Die Antwort: "Ich bin jetzt gar nicht in Chengdu."
Nach Einbruch der Dunkelheit erreiche ich schließlich die Grenze, muss aber zugeben, dass mir das letzte Stück doch ganz schön lang vorkam. Als sei es das Natürlichste von der Welt, jetzt  noch nach China zu spazieren, beantrage ich an der weitgehend verwaisten Grenze den berüchtigten Ausreisestempel, doch alle gespielte Arglosigkeit und Unbedarftheit ("Wieso? Hier ist doch offen!") nützt nichts: Ich komme heute nicht rüber, bekomme mal wieder nicht den gewünschten Stempel, muss wieder zurück. Dort gebe es Hotels. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich ohne Visum möglicherweise viel schneller nach China gelangt wäre, durch den Busch oberhalb der Grenzanlagen...
Obwohl wir noch in Laos sind, ist hier alles in chinesischer Hand. Auch im Supermarkt, der noch offen ist, bevorzugt man Yuan. Dort lotst man mich weiter zum Hotel-Tyconn der Gegend, der mich auch prompt auf seinem Moped mit zu seinen Besitzungen nimmt, Betonkolosse, die an einem Hang in den Dschungel hineingefräst wurden. Für günstige 60 Yuan (die ich aber noch in Kip bezahle, um das letzte Geld loszuwerden) lande ich in einem frisch fertiggestellten und noch weitgehend verwaisten Riesenkomplex in einem Hoteltrakt, den außer mir nur noch der Besitzer zu bewohnen scheint, zwei Stockwerke über mir. Im Fernsehen gibt es fast nur noch chinesische Programme, im Bad herrscht Unordnung - Waschpulver in einem Papierbecher neben dem Waschbecken. Zahnpasta und Zahnbürste hole ich mir draußen vom sinnlos in der Gegend herumstehenden Wagen. Mir ist kalt. Vorbei ist es mit den tropischen Nachttemperaturen. Im Supermarkt kaufe ich Chips und Kekse. Wieder im Zimmer frage mich, was man mit so einem leeren Betonmonster im Niemandsland will. Wenn man sich allerdings vorstellt, wie so eine chinesische Urlaubskolonne, wie ich ihr vor ein paar Stunden begegnete, nach fünf Uhr hier an der Grenze ankommt und alle eine Übernachtung benötigen, dann ahnt man, wie sich der Hotelkomplex doch noch als gute Kapitalanlage erweisen könnte.

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