Victor und Oxana
Rätsel gibt Huilin auf. Sie hatte sich extra im Dezember mit mir getroffen, um ein paar Details meines Aufenthalts in Chengdu bei ihren Eltern zu besprechen, und ich habe mich die letzten Tage eigentlich nur so beeilt, um das knappe Zeitfenster, das sich für diesen Aufenthalt auftut, nicht zu verfehlen. Spätestens am 14. muss ich ja nach Nanjing aufbrechen, weil fünf Tage nach dem Frühlingsfest - dazu bedarf es keiner prophetischen Gabe - chinaweit alle Fahrkarten ausverkauft sein werden. Doch Huilin ist, wie aufmerksame sin-o-meter-Leser längst wissen, gar nicht zu Hause, sondern bei Verwandten im Norden der Provinz Sichuan. Ich brauche eine Weile, bis ich begreife, dass es mit Chengdu nichts wird, weder vor noch nach dem 14. Februar. Das irritiert mich zwar, vereinfacht allerdings auch die Planung für den Rest der Reise. Ich habe also gestern gleich nach der Ankunft im Hotel eine Fahrkarte nach Kunming gekauft und komme dort am Abend um sieben Uhr an. Meine Meinung über Huilin, die mir versichert hatte, dass es in Kunming inzwischen eine U-Bahn gebe, wird nicht besser, als ich am weit außerhalb der Stadt gelegenen Busbahnhof ein riesiges, aber noch nicht eröffnetes Gebäude entdecke. Hier sollen sich wohl künftig U-Bahn und Bus-Reisende die Klinke in die Hand geben. Aber die U-Bahn ist noch nicht fertig! Enttäuscht reihe ich mich in die Horde der Reisenden an einer der vielen Haltestellen für Stadtbusse ein, aber dass die heute nicht ganz im selben Takt wie sonst verkehren, wird rasch klar. Es bleibt Zeit genug, Victor und Oxana aus der Ukraine kennen zu lernen. Das heißt, erst mal lerne ich Victor kennen, der absolut nicht den Eindruck erweckt noch mit jemand anderem unterwegs zu sein. Er erkundigt sich nach Reisemöglichkeiten nach Laos, wo ich ihm natürlich ohne Weiteres weiterhelfen kann. Auch Victor arbeitet in China, verdient aber so wenig, dass er jeden Yuan zweimal umdrehen muss, ehe er ihn ausgibt. Deshalb interessiert ihn auch, wie er am günstigsten weiterreisen kann. Da hat er natürlich genau den Richtigen gefragt!
Erst nachdem wir schon eine halbe Stunde geplaudert haben (es wird dunkel, aber weiterhin kein Bus in Sicht), werde ich auf die junge Frau mit den knallrot gefärbten Haaren an seiner Seite aufmerksam. Oxana, die als Lehrerin auch nicht viel mehr verdient, ist heute etwas einsilbig. Das liegt daran, dass sie gerade ihre monatliche Unpässlichkeit hat, wie Oxana als Vertreterin der Generation Pussy Riot mir ohne Umschweife zu verstehen gibt, als ich später im Bus, der noch mal eine Stunde bis zur Stadtmitte brauchen wird, neben den beiden stehe. Am Bahnhof von Kunming trennen sich unsere Wege. Victor und Oxana ziehen es Unpässlichkeiten aller Art zum Trotz vor, eine billige Herberge aufzusuchen, mich zieht es zum Bahnhof, wo ich sofort eine Fahrkarte nach Nanjing erstehe. Für Dienstag gibt es leider nur noch Erste-Klasse-Karten (Schlafwagen). Für morgen dagegen kann ich noch eine günstige Yingwoche-Fahrkarte (Liegewagen) nach Nanjing bekommen. Und da der Zug inzwischen erst abends um zehn vor sechs abfährt (dafür aber früher in Nanjing ankommt als vor zwei Jahren), habe ich also morgen fast noch einen ganzen Tag im frühlingshaften Kunming. Dem Hotel von 2011 zeige ich die kalte Schulter, weil es dort zwar Frühstück, aber kein WLAN gibt. Gegenüber ist es zum gleichen Preis umgekehrt.