Männeken Piss!
Nachdem ich meinen Rucksack zur Gepäckaufbewahrung am Bahnhof gebracht habe, treffe ich in einem Straßenrestaurant noch einmal Victor und Oxana. Die verbleibenden Stunden verbringe ich - nach dem gescheiterten Versuch in einem Kunminger Kino "Skyfall" zu sehen (es gibt nur noch "Cloud Atlas") - im völlig überlaufenen Cuihu-Park unweit des Yuantong-Tempels im Nordwesten der Stadt. Man wird heute, am zweiten Tag des Frühlingsfestes, kaum irgendwo einen unbelebten Flecken in der Stadt finden. Tausende Möwen lassen sich an dem "grünen See" füttern und verwandeln den Park in eine Kulisse für Hitchcocks "Vögel". Obwohl hier tatsächlich schon Frühling ist und bei rund zwanzig Grad überall Blumen blühen, wird mir das Gedränge zu anstrengend. Ich verdünnisiere mich in das angrenzende Gebäude, das in Ocker auf der anderen Seite der Cuihu-Straße schillert und mich an eine mexikanische Garnison erinnert. Innen scheint ein Museum zu sein. Im quadratischen Innenhof, den man ohne Eintritt betreten kann, setze ich mich neben einem harkenden Gärtner auf eine Bank. Das ist einer vom alten Schlag: Den Bubi, der es wagt auf der anderen Seite neben dem Eingang auf seinem kleinen Fahrrad über die frisch gefegten Wege zu fahren, brüllt er so laut an, dass es durch den ganzen Innenhof schallt. Dem Kasernenton zufolge muss das hier wirklich eine ehemalige Garnison sein.
Nun kommt die Enttäuschung: Ich hatte mir vorgenommen, wie vor zwei Jahren eine ordentliche Ladung Vaniltrunks mit nach Nanjing zu nehmen, weil es dort nur Schokotrunks gibt. Aber im Carrefour werde ich nicht fündig. Und auch nicht in den anderen Klitschen, die ich auf dem Weg zum Bahnhof abklappere. Am Ende wird es wieder hektisch, weil ich damit zu viel Zeit vertue. Und da ich folglich schlecht gelaunt in den Zug komme, habe ich gleich wieder so einen Mr.-Bean-Auftritt. Ich sehe, dass mal wieder die gesamte Ablage mit Koffern voll gestellt ist. Mit einem nonchalanten Schwung will ich meine Plastiktüte von unten auf einen der Koffer befördern, was mir grandios misslingt. Die Tüte kommt wieder runter. Mandarinen und andere zumeist für den Verzehr gedachte Gegenstände purzeln auf die geschockten Chinesen, die im Gang herumstehen, mit den Händen überm Kopf in Deckung gehen und vermutlich denken: "Diese bekloppten Ausländer!" Aber ich habe mein Pulver noch nicht verschossen: Von den Strapazen ausgetrocknet greife ich zu der herabgefallenen Fanta-Flasche und will einen Schluck nehmen. Ich habe nur leicht am Verschluss gedreht, da spritzt die Fanta schon wie wild geworden heraus und tropft auf den Teppich. Ist schon gut, meint der Schaffner, der vorbeikommt, als er mich mit Papiertaschentüchern hilflos über den Teppich wischen sieht. In China sind die Teppichböden in Schlafwagen noch weit schlimmere Immissionen gewohnt. An meiner Fantaflasche wird sich daher ein paar Reisestunden später das Kleinkind von der Nachbarliege ein Beispiel nehmen und beim Windelwechsel prompt in bester "Kuck mal, wer da spricht"-Manier in hohem Boden auf den Boden pinkeln. Männeken Piss auf Chinesisch! Willkommen im K 156 von Kunming nach Nanjing!