Honni soit qui mal y pense!
Ein schönes Prüfungsthema habe ich ausgesucht: Die Kandidaten sollen Sinn oder Unsinn einer unabhängigen Justiz anhand des Hitlerputsches von 1923 und seiner Folgen erörtern. Dazu gibt's einen Text, in dem Hitler mit "H." ersetzt wurde. Wir wollen es mal nicht zu leicht machen. Gestern haben meine Kolleginnen und ich bereits die sechs Kandidaten in einer mündlichen Prüfung gequält. Heute nun muss die Chefin, während ich im Unterricht "Krabat" zeige, mal kurz mit mir reden. Eigentlich ist sie im Rahmen von offizieller Seite anberaumter Inspektionen im Unterricht, über die sich gestern, da sie darüber im Gegensatz zu mir nicht informiert war, schon meine französische Kollegin Lorraine beschwert hat, aber nun gibt es bei einer Filmvorführung ja nicht viel zu inspizieren. Anderes liegt ihr auch spürbar mehr am Herzen: Ich werde auf die Korrektur der von mir verantworteten Prüfung zur Zulassung zum Magisterstudium vorbereitet, denn - honni soit qui mal y pense - natürlich sind da ja einige Kandidaten, zwei junge Damen, ein Herr, von unserer Uni dabei. Die sollen natürlich protegiert werden, das heißt, sollen natürlich nicht protegiert werden, weil das ja nicht gestattet ist, aber es wäre doch schön, wenn die eine Studentin, deren Vater offenbar zu den großzügigen Förderern der Universität gehört, wie die Uni-Leitung meiner Chefin mitzuteilen sich verpflichtet sah, ganz gut abschneiden würde. Und die Studentin aus dem Jahrgang 06, die in der mündlichen Prüfung ja nicht gerade brilliert hat, ist als Lehrkraft an der der Uni angeschlossenen Mittelschule beschäftigt, da wäre es natürlich von Vorteil, um nicht zu sagen wünschenswert wenn... Und daher zähle man auf meine Kooperation. Die Chefin bittet mich, später, nach getaner Arbeit, zu einer Art Lagebesprechung noch mal bei ihr im Büro vorbeizuschauen. Das sei sehr wichtig.
Zu den Korrekturen werde ich mit anderen Prüfern nachmittags in einen Raum geschickt und darf hier nun völlig autonom die Prüfungen auswerten. Die sechs Prüfungsbögen tragen keine Namen. Aber: Ich kenne natürlich die Handschriften der drei Studenten von unserer Uni, da ich sie alle früher im Unterricht hatte. Deswegen zählt man ja so auf mich! Werde ich also nun zum Handlanger in einem abgekarteten Spiel?!?
Ich erscheine am späten Nachmittag wie verabredet zum Rapport: Die Studentin Zhao (die mit dem großzügigen Vater) hat leider als einzige nicht erkannt, wer "H." ist - alles zusammengenommen das schwächste Ergebnis. Das weitere Vorgehen sieht nun wie folgt aus: Da ein Student von einer anderen Uni (= mir unbekannte Handschrift) nur einen Prozentpunkt besser ist als Zhao können nun die gestern lediglich auf ein Papier gekritzelten Noten der mündlichen Prüfung ein bisschen an die Notwendigkeiten "angepasst" werden, da man nun weiß, um wie viele Prozentpunkte Zhaos mündliche Prüfung besser ausfallen muss als die des anderen Wackelkandidaten.
Am Ende aber ist das Schicksal mit allen Prüflingen gnädig. Durch einen in einer anderen Abteilung frei gewordenen Magisterstudienplatz können nun alle sechs Kandidaten zugelassen werden. (Es hätte ohnehin nur einer aussortiert werden müssen.) Anders formuliert: Den ganzen Prüfzirkus hätte man sich auch sparen können!