Der Stieleis-Attentäter
Das ist auch wieder so eine typisch chinesische Unart, die manchem Deutschen einen gehörigen Kulturschock verschaffen könnte: Für Treppenhäuser fühlt sich nicht nur niemand zuständig, die Stufen starren vor Dreck und Staub; neuerdings treibt hier sogar ein Stieleis-Attentäter, der vermutlich sogar noch minderjährig ist, sein Unwesen. Vor ein paar Wochen auf der Treppe zum ersten Stock meines Wohnkomplexes das erste geschmolzenen Vanilleeis, schön zerlaufen, in der Mitte der Holzstiel, als wollte er wie einst Mose das Meer teilen, die Schokosplitter wie kleine schwarze Schiffchen im Ozean der Eissuppe treibend. Und nun ist auf dem Treppenabsatz zum dritten Stock noch ein zweiter Eissee, wie ein Zwilling des ersten, hinzugekommen, damit sich der kleine Eissee auf der Treppe unten mal ja nicht allein fühlt. Und da ja Chinesen nie auf den Boden schauen (weshalb ich in Bus und U-Bahn auch ständig angerempelt werde, wenn ich mit übergeschlagenem Bein auf meinem Platz sitze), ist auch noch prompt ein Nachbar in die Eissuppe reingetreten und hat die Eissuppe schön auf den Stufen verteilt. Inzwischen ist der Eissee im ersten Stock zwar weitgehend ausgetrocknet - man kennt ja das Problem der Trockenheit in China, der Eissee teilt gewissermaßen in nuce das Schicksal seines großen Bruders, des Gelben Flusses - und fristet ein Dasein als dunkelgelbe, klebrig-feuchte Masse, aber er hält sich wacker! "Halt durch, tapferer, kleiner Eissee", ist man fast geneigt ihm zuzurufen, "und lass dich nur nicht wegwischen!"