Lehrstuhlangebot an der Universität Suzhou
So lautete die Betreffzeile einer E-Mail, die mich schon vor ein paar Wochen erreicht hat. Ehemalige Studentinnen meines Fachbereichs bauen dort seit vier Jahren eine eigene Deutsch-Abteilung auf und suchen noch kundige Lehrkräfte. Da fährt man doch ma' hin, habe ich mir gesagt. Generell verbinde ich ja meinen Geburtstag gern mit netten kleinen Ausflügen in die Region zwischen Shanghai und Nanjing und bin mithin heute bereits zum dritten Mal an einem 15. Mai in der Stadt, die auch als Venedig des Ostens bezeichnet wird. Dabei habe ich eigentlich gar keine Zeit, denn morgen Nachmittag finden die Magisterprüfungen statt und ich sollte eigentlich die Zeit mit der Lektüre der Magisterarbeiten von Ruilu, Wenxin, Lijie und Siqiao verbringen...
Gestern Abend haben mich zwei Studenten - einer mit rosa T-Shirt als Erkennungszeichen - am Bahnhof abgeholt und mich in das komfortable Uni-Hotel chauffieren lassen. Dort werde ich nun heute um neun Uhr abgeholt von der Institutsleiterin und ihrer augenscheinlich wichtigsten Lehrerin, die sich Anna Liu nennt und rotblond gefärbte Haare hat. Im etwas unaufgeräumten Büro auf dem vor über hundert Jahren von amerikanischen Missionaren errichteten Bilderbuchcampus halten wir ein Schwätzchen. Natürlich kennen beide meine Nanjinger Kollegen. Und im Vergleich mit diesen werden die eigenen Grenzen umso klarer erkennbar: Die Abteilung ist ganz neu, es gibt keine promovierten Lehrkräfte und in diesem Semester erstmals Absolventen. Die bisher beschäftigten deutschen Fachkräfte waren nicht erfahren genug und auch keine Germanisten. Es ist zehn Uhr. Die Chefin muss zum Unterricht. Anna führt mich herum und ich lerne den wunderbar altmodischen Campus von "Soochow University" kennen, durch den der Wind der Geschichte weht. Einzig der Jura-Fachbereich hat den Traditionscampus um einen modernen Klotz erweitert. Sogar eine Kirche gibt es gleich nebenan, in die ich einen Blick werfen darf. Anna scheint sogar reichlich interessiert am christlichen Glauben zu sein. Oder hat man sich vorher über mich erkundigt und weiß, was mir wichtig ist? Ich werde in ein Restaurant mit Spezialitäten aus der Provinz Sichuan eingeladen, bedanke mich herzlich für den informativen Rundgang und verspreche, dass man von mir hören wird. Schon vorher hatte ich allerdings klar gemacht, dass ich zunächst die großzügigen Angebote des Akademischen Austauschdienstes anlässlich der Rückkehr nach Deutschland in Anspruch zu nehmen gedenke. Wenn das Institut für deutsche Sprache allerdings 2014 immer noch auf diesem malerischen Campus beheimatet sein sollte...

Den Rest des Tages verbringe ich flanierend. Das geplante Treffen mit Ma Jiaojun, die leider nicht aus Schanghai anreisen konnte, ist ausgefallen. Ich wandere also nun noch einmal die vielen Kanäle entlang, sehe bei den unerlässlichen Foto-Shootings zu, zu denen das Ambiente von Suzhou immer wieder einlädt, und werde schließlich vom Regen überrascht. Zum Abendessen gönne ich mir eine Pizza bei "Papa John's". Der fast perfekte Tag klingt aus mit einem Blick von einer der vielen Brücken auf den nachtschwarzen Kanal. Oder anders ausgedrückt: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.