Zhufu nimen!
Die Disputation der Bachelor-Studenten ist wieder ein einziges Kettensägenmassaker, vor allem der Papierkrieg danach, bei dem Papierbögen wild durcheinanderwirbeln. Jeder aus dem Kollegium saugt sich im Minutentakt irgendwelche Gutachten aus dem Finger. Die Bewertung der beiden Arbeiten, die ich betreut habe, geht im Papiermassaker unter. Die Noten hat man ohne mich auch schon ganz gut festgelegt. Dass sich bei der überarbeiteten Fassung Frau Li viel mehr Mühe gegeben hat als Frau Lan wird in diesem Leben leider keine Würdigung mehr erfahren... Hektik und Eile hängen auch damit zusammen, dass alle Lehrkräfte für 18 Uhr zum Abendessen mit den Absolventen bestellt sind, auch die vier, deren Nachprüfungen nach versägter Abschlussprüfung ich noch gar nicht in Augenschein genommen habe.
Wir steigen bei Frau Wang in den nagelneuen Mercedes - ihr Mann verdient wohl gut -, doch da Professor Kong aus ökologischen Gründen keine Klimaanlage eingeschaltet haben möchte, bin ich schweißnass, als wir endlich am Ziel sind - trotz offenen Fensters. Abteilungsleiterin Yin hält nach dem Essen eine kurze Rede, aus der ich mit meinem Rumpfchinesisch nur "Zhufu nimen!" ("Glückwunsch euch allen!") heraushöre. Da das chinesische Wort "zhufu" auch mit "Segen" übersetzt werden kann, fühle ich mich spontan zu ein paar Noten aus "Du bist würdig" inspiriert, die ich nur so vor mich hin brabbele, was die neben mir sitzende Chefin jedoch sogleich zum Anlass für die Ankündigung nimmt, ich wolle das jetzt mit allen singen. Mir ist sofort klar, dass ich aus der Nummer jetzt nicht mehr herauskomme, und hebe also an: "Zhu-fu ni-men, zhu-fu ni-men, zhu-fu ni-men da-jia!" nach der Melodie: "Du bist würd-dig, du bist wür-dig, du bist wür-dig, o Gott!" Das klingt so unwiderstehlich nach Ohrwurm, dass sofort alle mitsingen. Und so schallt es nun durch den Raum: "Zhufu nimen, zhufu nimen, zhufu nimen dajia!"
Dann der dramatischste Moment des heutigen Tages: Hauptfigur ist ausgerechnet Wu, der Student der alle anderen an Körpergröße überragt. Eigentlich soll Wu nur ein paar Grüße von der in Deutschland weilenden Professorin Chen bestellen, die seine B.A.-Arbeit betreut hat, doch was als launige Ansprache gedacht war, wandelt sich plötzlich, da Wu vom Begriff der Endgültigkeit dieses letzten Studientages brutal ereilt wird wie die sprichwörtliche deutsche Eiche von dem Blitz, der sie fällt, zu einem Kampf mit den Tränen. Wu verliert. Stille tritt ein. Nur die kurze Bewegung von Studentin Huang, die mit Papiertaschentüchern zur Stelle ist, ist zu vernehmen. Schließlich geht die Rede weiter. Und als Wu wieder auf seinem Platz sitzt, da passt nichts besser als ein kräftiges: "Zhufu nimen..." Noch Tage später werde ich diese neu kreierte Abschlusshymne auf dem Gang des Sprachlehrgebäudes erklingen hören.