"Wir werden Sie vermissen!"
Als der wackere General Turner das Flugzeug besteigt und in den Himmel über Berlin entschwindet, um seiner bisherigen Wirkungsstätte, die er entscheidend geprägt hat,vielleicht für immer den Rücken zu kehren, werden mir auf einmal die ungeplanten Parallelen zu meinem eigenen Geschick bewusst. Und als es schon zwölf Uhr ist, also Unterrichtsende, als der Abspann des Zweiteilers »Die Luftbrücke« läuft, den ich in der heutigen Doppelstunde im Rahmen allgemeiner Landeskunde vorgeführt habe, sage ich: »Abschied nicht nur von General Turner, sondern auch von mir. Und zum Abschied gibt es jetzt noch ein Geschenk!« Dann verteile ich an alle Studenten qualitätsgeprüfte Akademischer-Austauschdienst-Kulis für die bevorstehende Prüfungszeit (»Nur echt mit diesen Buchstaben!«). Klassensprecherin Ding Lan assistiert mir und Dong Jing, das Mädchen mit der weißen Brille, kann sich nicht verkneifen die Verteilaktion zu kommentieren mit den Worten: »Wir werden Sie vermissen!« Mit meinen Noten kann das aber jetzt nicht zusammenhängen. »Ja«, sage ich, »natürlich!« Auch die Nr. 5 der Bestenliste, Yuanqiong sagt im Hinausgehen den sympathischen Satz. Und ich: »Sie können mich ja in Deutschland besuchen. Ich muss jetzt zum Bus!« Als ich vor dem Klassenzimmer auf den ungeordneten Haufen aus Hairong, Yuqiu und einigen anderen treffe und ihnen im Weggehen viel Glück für die Prüfung wünsche, macht Hairong ein Gesicht, als wäre ich ein GI auf dem Weg in den Vietnamkrieg, der seiner Verlobten zuraunt, sie solle mal schön tapfer sein, er sei es ja schließlich auch. Und wenn morgen Yuqiu in die Bibliothek kommen wird, um ein paar Bücher abzugeben, wird sie einen von Hairong selbst geschnitzten Stempel und von sich selbst eine vereinfachte Ausgabe von »Der Traum der roten Kammer« überreichen. Rodscher Wietecker würde sagen: »Abschied ist ein scharfes Schwert!«