Sugar Lan
Heute kommt Sugar Lan. Hört sich an wie eine Figur aus »Lucky Luke«, doch wer an eine Art Calamity Jane oder Ma Dalton denkt, ist auf dem Holzweg. Mata Hari scheidet völlig aus! Sugar hat rötlich gefärbte Haare und spricht gut Englisch. Ob sie sich den englischen Namen selber ausgesucht hat oder ihr Chef Raymond Chang von der Firma Excelrelo ihr den verpasst hat, weil er sie so süß findet, wage ich nicht zu fragen. Sugar Lan also, so nennt sich die englischsprachige Begleitperson des Räumungskommandos, das heute kommt. Geräumt wird meine Wohnung. Das heißt, die ist eigentlich schon geräumt. Und ich habe Sugar bei einem ihrer drei bis vier vorherigen Anrufe auch mitgeteilt, dass alles bestens verpackt sei. Sie müsse die Kisten nur noch abholen und verstauen. »Ten minutes!«, verkünde ich. Doch dann braucht das Umzugskommando unter Sugars Leitung über eine Stunde. Alles wird noch mal neu verpackt. Der Pförtner, dem ich das Kommando angekündigt habe, damit er Sugar und ihre zwei Packer am Eingang des Wohnkomplexes reinlässt, schaut zu und schüttelt mir emotional bewegt die Hand. Er glaubt wohl, in einen der Kartons werde ich gleich noch gepackt. Statt bei 1,07 Kubikmetern wie von mir errechnet bin ich nun bei 1,5 Kubikmetern wie von Raymond berechnet. Alles, was ich so sorgfältig und mit Bedacht in Koffer und Bundeswehr-Seesack gequetscht hatte: für die Katz'. Selbst den Tennisschläger haben sie wieder vom Dianpingche abgeplündert, wo ich ihn mit Klebeband gewissenhaft befestigt hatte. Ich bezahle Sugar Lan trotzdem die vereinbarten 13.998 Yuan und gebe ihr auf dem Bewertungsbogen, den sie auf Raymonds Weisung vom Kunden ausfüllen lassen muss, die Bestnote. Immerhin gibt es für die Verpackungsorgie keinen Aufpreis. Unten wartet der Umzugswagen auf Sugar, weil ich im vierten Stock wohne und sie im Treppenhaus einen Anruf bekommen hat. Ich sehe dem davonbrausenden weißen Wagen nach. Die weißen Wände meiner leeren Wohnung starren mich an.