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Freitag, 30. März 2012

Sibeihou
Von didus, 23:59

Seit den Abendstunden des gestrigen Tages ist Großenaspe zu Besuch in Nanjing. Nach Karl von Bo. nun Julien W., genannt Juli, der in Chengdu Englisch unterrichtet und mit Blick auf das anvisierte Sinologiestudium bereits verblüffende Fortschritte erzielt hat. Ich zeige ihm auf dem Weg zum Fußball mit Ben und seinen Freunden die altehrwürdigen Gebäude der Nachbar-Universität Nanshida. Dann suchen wir gemäß Bens Instruktionen den richtigen Bus. Die Busnummern stimmen nicht und die Station heißt auch nicht Sibeihou, sondern Sanbailu, aber nach einem weiteren Anruf kann die kanadische Sportskanone uns dann doch noch zur rechten Haltestelle lotsen und er holt uns daselbst auch gleich ab. Durch ein mir ganz unbekanntes Wohnviertel geht es zum Sportplatz einer Uni für Telekommunikationswesen. Während ich mit Ben und einigen Chinesen hinter der berühmten Kugel herflitzt, übt sich Juli am Spielfeldrand mit Bens chinesischer Frau und dem sino-kanadischen Töchterchen in Chinesisch.

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Sonntag, 25. März 2012

V.I.P.
Von didus, 23:59

Diese Geschichte hat eine Vorgeschichte: Jiakun hat mir am zweiten Februar eine Mitteilung mit der Frage geschickt, ob ich nicht irgendwann Zeit hätte, die unterbrochenen Sprachlerntreffen fortzusetzen. Sie hatte zu Beginn des letzten Semesters schwindendes Interesse signalisiert. Nun treffen wir uns also wieder, jetzt sonntags. Seit dem 8. Februar, ihrem Geburtstag, rennt sie mit Krücken rum. Weil sie in der Hektik des Aufbruchs zu einer kleinen Feier mit Freundinnen, tja, unglücklich gestürzt ist. Beim Treffen in dem Künstlercafé "Sculpting on Time" trafen wir am 11. März den mit mir gut bekannten Autor Huang Fan, der zu einer Dichterlesung mit französischsprachigen Kanadiern einlud.
Und da sind wir also heute, bei besagter Dichterlesung. Huang Fan war so frei mich als Spezialgast auch prompt auf das Werbeplakat setzen zu lassen, weswegen ich zuvor schon von Leuten auf die Veranstaltung angesprochen wurde, ohne zu wissen, wie die denn wissen können, dass ich da hingehen werde. Zum Glück konnte Jiakun das Rätsel lösen.
"Als V.I.P. habe ich natürlich einen Platz in der ersten Reihe", erkläre ich ihr, die mit ihrer Freundin abgeschlagen auf den hintersten Plätzen zu finden ist. Ich kann ihnen aber natürlich auf Wunsch noch einen Platz neben meiner deutschen Kollegin Ines, einer Historikerin, verschaffen. Auch Janet, die Frau, deren Umzug ich dereinst im August quasi im Alleingang bewältigte, ist unter den Gästen.
Einige Zeit später wird mir Jiakun dann erzählen, sie habe den kanadischen Dichter Danny in eindeutiger Situation mit einer Frau in einem Restaurant gesehen, die offensichtlich nicht seine Frau gewesen sein könne, weil die ja Koreanerin sei. "Da hast du dich bestimmt vertan", sage ich.

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Samstag, 03. März 2012

Chip
Von didus, 23:59

Eines Tages, es war letztes Jahr im November, glaube ich, nahm er in einem der kleinen Restaurants an der Guangzhou Lu, wo ich regelmäßig Xiaolongbao esse, wie selbstverständlich den Platz mir gegenüber ein: Chip. Das war der Name, mit dem sich der etwa sechzigjährige, weißhaarige Amerikaner mit den auffällig schlechten Manieren mir vorstellte. Während er sich zu meinem Verdruss eine Zigarette nach der anderen ansteckte, sprach er von seinem traditionsreichen Englisch-Treff: Jeden Sonnabend zwischen 19 und 21.30 Uhr, bei jedem Wetter werde unter freiem Himmel Englisch gesprochen. Jeder könne kommen, auch ich. Früher sei er ja auch mal Lehrer an meiner Universität gewesen, aber dann ... hat die Zusammenarbeit irgendwie geendet, Hintergründe erläuterte Chip nicht. Vielleicht lag es ja daran, dass er, wie er auch mir an jenem Tag nachhaltig demonstrierte, mit Vorliebe das von mir gehasste F-Wort im Munde führt.
Eines aber ist klar: Chip ist immer noch da, schlägt sich mit Unterricht mal hier, mal dort durch, ringt jedes Jahr aufs Neue um das Visum, doch er ist und bleibt die Zentralfigur des vor Jahren von ihm initiierten Englisch-Treffs im Gulou-Park. Dorthin nehmen mich heute Jiaojun und Xiaomei mit, die heute Nachmittag bei mir zu Besuch sind, weil Jiaojun für eine Französisch-Prüfung etwas Nachhilfe benötigt, und die im Gegensatz zu mir schon häufiger Teilnehmer von "Chip's English Corner" waren. Heute habe ich Gelegenheit zu prüfen, ob Chips großspurige Behauptung "bei jedem Wetter" übertrieben war oder nicht, denn als wir aufbrechen, regnet es. Als wir ankommen, liegt der kleine Park im Dunkeln, aber die Menge aufgespannter Regenschirme macht auf den ersten Blick klar, dass Chip nicht zu viel versprochen hat.
Und das ist dann wieder etwas, das nur in China funktioniert: Menschen, zumeist junge Leute, die sich an einem Ort zusammenfinden und das Ziel des Ganzen ist lediglich, miteinander auf Englisch ins Gespräch kommen. Während Jiaojun und ihre Freundin im Getümmel der schätzungsweise fünfzig Leute untertauchen, merke ich, nachdem ich mit einem Studenten ins Gespräch gekommen bin, wie sich um mich unmerklich ein Halbkreis bildet. Auch das ist nämlich typisch: Die Chinesen neigen dazu, Individualität zugunsten eines größeren Ganzen aufzugeben. Und dessen Zentralgestirne bilden bei solchen Gelegenheiten naturgemäß die Ausländer, denn von denen kann man ja Englisch lernen. Leute wie ich, die dann in den Genuss des so genannten Clooney-Effektes kommen: maximale Aufmerksamkeit, die man selbst kaum versteht. Ich nutze die Gunst der Stunde und brandmarke die furchtbare Lärm- und Verkehrsbelastung, namentlich durch Taxifahrer, in dieser Stadt. Und dann treffe ich Laura Ingalls! Eigentlich nennt sie sich ja nur Laura, die vierzehnjährige Schülerin mit dem beeindruckenden Englisch, hinter der sich unauffällig ihre ehrgeizige Mutter versteckt, sodass ich sie erst später wahrnehme. Doch auf meinen spontanen Einwurf: "Laura Ingalls!" reagiert sie ausgesprochen positiv, denn sie hat sämtliche Bände von "Unsere kleine Farm" gelesen, womit wir natürlich ein unerschöpfliches Gesprächsthema haben. Schließlich habe ich fast jede Folge der gleichnamigen Fernsehserie gesehen.
Chip, der sich gar nicht richtig an mich erinnern konnte, sich aber trotzdem über mein Erscheinen gefreut hat, zieht unterdessen wieder eine Fluppe nach der anderen durch seine Lungen und macht Witze über kaufbare Küsse, bei denen die Studentinnen ihren Preis nennen müssen. Die neugierigen Mädchen hängen an seinen Lippen, ich meine: sprichwörtlich. Denn natürlich ist alles nur Spaß. Als ich mich von Chip verabschiede, steht gleichzeitig Laura hinter ihm, um auf Wiedersehen zu sagen, wagt es aber natürlich nicht, Chips Redefluss zu unterbrechen. "Hey, Chip", sage ich, "Laura says bye!" Der raubeinige Alte hätte als "special guest star" in einer Folge von "Unsere kleine Farm" sicher auch keine schlechte Figur gemacht, etwa in jener wunderbaren Episode, in der ein älterer Mann mit bewegter Vergangenheit durch die Begegnungen mit den Bewohnern von Walnut Grove moralisch geläutert wird. Die Rolle spielte damals Johnny Cash.

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