Ostern
Zum verspäteten Frühstück hat die Jura-Dozentin Rebecka ihre deutschen Kollegen, den Geowissenschaftler Wünnemann (wer ist das?) und mich also, eingeladen. Selbst gebackenes Brot und selbst gebackener Eierlikörkuchen munden vorzüglich. Irgendwas mit Ei muss es ja geben (der Alkohol ist natürlich im Ofen verdunstet)! Zum Abschied steckt uns Rebecka sogar noch dicke Proviantköcher zu. Eine ganze Woche werde ich von Brot und Kuchen zehren!
Günstigerweise gibt es einen englischsprachigen GoDi am Nachmittag um halb vier. Da habe ich mich heute also fast zeitgleich mit den zeitversetzten Deutschen in die Kirche begeben, allerdings bei fünfzehn bis zwanzig Grad mehr auf dem Thermometer, denn es herrscht blauer Himmel über Nanjing! Ich treffe Alex Peng, der aber nicht schießt - keine Angst! - und bedanke mich bei Emilie alias Li Yuan für die Mitteilung der GoDi-Anfangszeit per SMS. Am Ausgang treffe ich den argentinischen Kollegen Carlos samt Familie.
Honni soit qui mal y pense!
Ein schönes Prüfungsthema habe ich ausgesucht: Die Kandidaten sollen Sinn oder Unsinn einer unabhängigen Justiz anhand des Hitlerputsches von 1923 und seiner Folgen erörtern. Dazu gibt's einen Text, in dem Hitler mit "H." ersetzt wurde. Wir wollen es mal nicht zu leicht machen. Gestern haben meine Kolleginnen und ich bereits die sechs Kandidaten in einer mündlichen Prüfung gequält. Heute nun muss die Chefin, während ich im Unterricht "Krabat" zeige, mal kurz mit mir reden. Eigentlich ist sie im Rahmen von offizieller Seite anberaumter Inspektionen im Unterricht, über die sich gestern, da sie darüber im Gegensatz zu mir nicht informiert war, schon meine französische Kollegin Lorraine beschwert hat, aber nun gibt es bei einer Filmvorführung ja nicht viel zu inspizieren. Anderes liegt ihr auch spürbar mehr am Herzen: Ich werde auf die Korrektur der von mir verantworteten Prüfung zur Zulassung zum Magisterstudium vorbereitet, denn - honni soit qui mal y pense - natürlich sind da ja einige Kandidaten, zwei junge Damen, ein Herr, von unserer Uni dabei. Die sollen natürlich protegiert werden, das heißt, sollen natürlich nicht protegiert werden, weil das ja nicht gestattet ist, aber es wäre doch schön, wenn die eine Studentin, deren Vater offenbar zu den großzügigen Förderern der Universität gehört, wie die Uni-Leitung meiner Chefin mitzuteilen sich verpflichtet sah, ganz gut abschneiden würde. Und die Studentin aus dem Jahrgang 06, die in der mündlichen Prüfung ja nicht gerade brilliert hat, ist als Lehrkraft an der der Uni angeschlossenen Mittelschule beschäftigt, da wäre es natürlich von Vorteil, um nicht zu sagen wünschenswert wenn... Und daher zähle man auf meine Kooperation. Die Chefin bittet mich, später, nach getaner Arbeit, zu einer Art Lagebesprechung noch mal bei ihr im Büro vorbeizuschauen. Das sei sehr wichtig.
Zu den Korrekturen werde ich mit anderen Prüfern nachmittags in einen Raum geschickt und darf hier nun völlig autonom die Prüfungen auswerten. Die sechs Prüfungsbögen tragen keine Namen. Aber: Ich kenne natürlich die Handschriften der drei Studenten von unserer Uni, da ich sie alle früher im Unterricht hatte. Deswegen zählt man ja so auf mich! Werde ich also nun zum Handlanger in einem abgekarteten Spiel?!?
Ich erscheine am späten Nachmittag wie verabredet zum Rapport: Die Studentin Zhao (die mit dem großzügigen Vater) hat leider als einzige nicht erkannt, wer "H." ist - alles zusammengenommen das schwächste Ergebnis. Das weitere Vorgehen sieht nun wie folgt aus: Da ein Student von einer anderen Uni (= mir unbekannte Handschrift) nur einen Prozentpunkt besser ist als Zhao können nun die gestern lediglich auf ein Papier gekritzelten Noten der mündlichen Prüfung ein bisschen an die Notwendigkeiten "angepasst" werden, da man nun weiß, um wie viele Prozentpunkte Zhaos mündliche Prüfung besser ausfallen muss als die des anderen Wackelkandidaten.
Am Ende aber ist das Schicksal mit allen Prüflingen gnädig. Durch einen in einer anderen Abteilung frei gewordenen Magisterstudienplatz können nun alle sechs Kandidaten zugelassen werden. (Es hätte ohnehin nur einer aussortiert werden müssen.) Anders formuliert: Den ganzen Prüfzirkus hätte man sich auch sparen können!
Hitzewelle
Und auf einmal steigt das Thermometer hier auf irre dreißig Grad! Ich sause auf meinem Dianpingche in die benachbarte Gemeinde Qixia, wo ich mich vor neun Monaten unter erschwerten Bedingungen bei der Polizeidienststelle anmelden musste. Qixia lässt unweigerlich an "Asterix und die Trabantenstadt" denken. Auf dem Weg dorthin fährt man an hohläugigen Betongiganten vorbei, wird von Baustaub bedeckt, den der Wind ununterbrochen mit sich führt und landet schließlich in Straßenzügen, die begrenzt werden von gleichförmigen parallel geschalteten Hochhausfassaden mit spitzem Giebel, unter dem sich ihre Seelen erfolgreich zu verkriechen scheinten. Am Einkaufszentrum kaufe ich ein und klettere dann auf den kleinen Hügel dahinter. Dort sitze ich in einem kleinen Pavillon. Die ganze Zeit starrt mir ein etwa elfjähriges Mädchen aufs Buch. Am Ende sitzt sie so dicht bei mir, dass es nur noch wenige Sekunden dauern kann, bis sie auf meinem Schoß sitzt. Dabei hat das Buch gar keine Bilder! Nachdem sie endlich, nach etwa einer halben Stunde, ihre Neugier in die erste Frage gekleidet hat, ruft mich die Chefin mit einem Auftrag an: Prüfung für Magisterkandidaten erstellen. So nebenbei erwähnt sie auch noch ein Jobangebot an der Universität Suzhou. Das kommt für mich eigentlich jetzt gar nicht in Betracht, aber ich könne mir die Uni ja gleichwohl mal anschauen, sage ich. Schließlich muss das kleine Mädchen heim und ich schwinge mich auch auf mein Dianpingche, das mich jedoch in wenigen Tagen im Stich lassen und danach erst mal mit Plattfuß im Keller verschwinden wird. Und die Hitzewelle wird einem kühlen Tiefdruckgebiet weichen.
Muslimische Nudeln
Auf dem Weg zur Bank treffe ich meinen französischen Kollegen Alain. Wir entscheiden uns in einem muslimischen Restaurant muslimische Nudeln essen zu gehen. Erst dann hole ich mir meine Bankkarte zurück. Es hakt erst ein wenig, aber dann erkenne ich meine Nummer irgendwo auf einer langen Liste - wie viele Karten ziehen denn diese Dinger pro Wochenende ein? Erschreckend! Schließlich habe ich die Karte wieder in der Hand. Um die ATM-Maschine mache ich diesmal lieber einen weiten Bogen.
Du, die Karte ist weg!
Ich will mit meiner deutschen Bankkarte etwas Geld von meinem deutschen Konto abheben, weil das Geld nach der langen Reise langsam knapp wird. Schwupp, da ist die Karte weg. Während ich vollkommen entnervt mit der ATM-Maschine rede, erbarmt sich die Dame am Nachbar-ATM-Gerät und ruft den Notruf an. Der kann mir aber nur mitteilen, dass ich mich bis zum morgigen Montag gedulden müsse. Die junge Dame ist inzwischen von meinem Geschick so erschüttert, dass sie mir einen Hundert-Yuan-Schein hinhält. Aber da sie morgen nicht mehr in der Stadt ist, muss ich das Angebot leider ablehnen. Ich kann ihr ja das Geld nicht zurückzahlen. Mit dem Geld im Portmonee komme ich auch noch bis nach Hause. Ich habe nur so dramatisiert, damit sich was tut. Aber auch in China arbeiten die Banken nur, wenn sie selbst was davon haben.