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Au!
So schnell kann es gehen. Eben sitze ich noch mit dem frisch zum vierten Mal vermählten Engländer Michael in dessen Lieblingsrestaurant "Houcaller's" am Konfuzius-Tempel und lasse mir erzählen, wie er sich zwischen einer Nymphomanin aus Schanghai und einer etwas spröderen Neureichen aus Tianjin zu entscheiden hatte, am Ende dann aber eine ganz andere Frau, eine Anwältin, heiraten musste, weil er beiden Damen ganz offenherzig von der jeweils anderen zu berichten sich unterstand. "Bahamas - I would have gone to the Bahamas", höre ich ihn der reichen Mittvierzigerin aus Tianjin nachweinen, die ihn zu sich eingeladen hatte, "I always wanted to go there!" Ich höre mir ruhig an, wie er auch mit der dritten chinesischen Ehefrau nach wenigen Wochen Ehe nicht mehr ganz glücklich ist, von der dritten schwärmt und von der zweiten einen Anruf bekommt ("Hello, love!"), eben noch also ist meine Welt in Ordnung und vor allem weit weniger turbulent als Michaels, da merke ich plötzlich: Du, die Plombe ist weg! Hätte vielleicht doch lieber das Steak "ganz durch" wählen sollen. Michael empfiehlt mir die "Dental Clinic" in Gulou. Auch Alain, französischer Kollege mit Zahnproblemen, den ich gleich anrufe, kann zu der Klinik raten. Also mache ich dort gleich einen Termin und man eröffnet mir: "So was wird in China gezogen."
Und so finde ich mich heute, einen Tag später, auf dem Folterstuhl des Zahnklempners der "Dental Clinic" Gulou wieder, muss ein bisschen an "In der Tierklinik" aus der Muppets-Show denken, als der junge chinesische Doc, der zum Glück Englisch spricht ("Don't worry!") und sogar ein Jahr in Heidelberg studiert hat ("Da haben wir so was unter Vollnarkose gemacht!"), mir erst zwei Spritzen in den Unterkiefer jagt, die sich anfühlen, also würden sie irgendwo auf dem anderen Ende meines Lebens wieder austreten, und bereits das erste Blut fließen lassen, und dann so lange mit einer Art Hammer auf meinen linken Weisheitszahn einschlägt, bis der blutig und kaputt aus mir herausgezogen wird, er mir die drei Trümmerteile aushändigt und mich auffordert heute nur noch Obst zu essen. Ich kann aber gar nichts essen, nur Blut spucken. Ich wandele wie ein Geist über den alten Campus, gebe einsilbig beim Schneider in der Qingdao Lu eine Hose in Reparatur. Dann muss ich mal aufs Klo. Inzwischen lässt die Wirkung der beiden dicken Bertas nach und im Klo wird mir plötzlich ganz - Martin würde sagen - "küselig". Die Knie werden weich und ich muss mich jetzt ma' bisschen zusammennehmen, denn sonst lieg' ich hier gleich flach auf'm Klo-Boden der Mensa und irgendein Chinese sammelt mich auf und weiß gar nicht, was er dazu sagen soll. Mit dieser Peinlichkeit vor Augen ist es dann auch nicht mehr schwer, alle sechs Sinne beisammenzuhalten, indem ich mich aufs Waschbecken stütze und ruhig ein- und ausatme. Doch ganz gut, dass meine Tennis-Verabredung mit Vincent heute nicht zustande gekommen ist. Da wäre ich wohl heute nicht in Topform gewesen.
In der U-Bahnstation treffe ich die Studentin Chang, die, seit sie in Schanghai zum Magisterstudium zugelassen ist, notorisch gut gelaunt ist. Neben ihr Zhu Yan, die ebenfalls in Schanghai studieren wird. Chang ruft laut "Hey!" und wedelt mit den Händen, weil ich sie nicht wahrzunehmen scheine. Ich spucke den ganzen Tag Blut, hole mir gegen fünf Uhr vom San-Zentrum der Uni Schmerzmittel, die ich dann aber wegen eines kritischen SPIEGEL-Berichts über Ibuprofen doch nicht nehme. Später schreibe ich Chang eine E-Mail und behaupte: "Habe Sie und Zhu Yan natürlich gesehen, konnte nur nicht reden wegen Zahnoperation." Changs Antwort: "Das war gar nicht Zhu Yan."
Alles ein bisschen viel gerade
Als ich mich nach hinten umdrehe, fällt mir eine schicke Person ins Auge - starker roter Lippenstift -, die ich erst gar nicht als Jiakun erkenne, eben wegen Lippenstift und so. Ja, es ist sehr erfreulich: Seit sie mit mir kein Deutsch mehr lernt, geht sie wenigstens regelmäßig in den englischsprachigen Gottesdienst von St. Paul's. Sie hat mich natürlich, obwohl sie so tut, als ob nicht, auch längst gesehen und bleibt nach Abschluss des GoDi noch demonstrativ an ihrem Platz sitzen. Ich gehe also zu ihr und frage, warum sie denn nicht auf die an sie abgegangene Kurznachricht per Mobiltelefon geantwortet habe. Weiß ich doch vom gemeinsamen Lernen, dass sie sich um jede dieser Kurznachrichten schert, als würde ihr Leben von der zügigen Zurkenntnisnahme des Inhalts abhängen. Ja, entschuldigt sie sich, es tue ihr Leid, alles ein bisschen viel gerade. Die Wahrheit ist, dass sie mit ihrem englischen Freund - ja, sie hat es endlich geschafft! - zu einer anderen Veranstaltung des Jazz-Festivals gegangen ist, die offenbar sogar noch besser war als der gar nicht böse Ferrari. Dann treffe ich Peter, der bekanntlich mit mir und Jiakun schon mal gemeinsam Tennis gespielt hat. Ich rede eine Weile mit Peter, während Jiakun telefoniert. Und als ich mich hernach wieder zu Jiakun umwende, merke ich, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Sie sitzt völlig apathisch immer noch am selben Fleck. Und dann sehe ich, dass ihr Tränen die Wangen runtergelaufen sind. Sie hat nämlich gerade erfahren: Ihre Oma ist gestorben. "Hm, das ist traurig", sage ich und erweise mich damit wohl als typischer spröder Norddeutscher. "War sie krank?" Ja, es sei nicht überraschend gekommen, aber trotzdem ... Wir gehen schließlich noch gemeinsam zur U-Bahn und sie erzählt: Sie hat in der kommenden Woche ein Bewerbungsgespräch, mit dem sie endlich ihre ungeliebte Stelle an der Uni abschütteln könnte, der Engländer wird sie "niemals" heiraten und ist auch gar nicht fromm. Und dann die Sache mit der Oma. "Es ist zu viel!", sagt sie. "Und jetzt kommt auch noch die Beerdigung dazu." Und bittet mich, für sie zu beten. Ganz neue Töne. Denn sonst hat Jiakun immer nach Argumenten gesucht, wieso man von Gott nichts erwarten könne.
Böser Ferrari
Der "böse Ferrari" ist in Wahrheit nicht böse und er ist auch kein Auto, womit dieser Eintrag nun auch nur noch halb so interessant ist. Es handelt sich vielmehr um den deutschen Gitarristen Claus Boesser-Ferrari, der im Rahmen des Nanjinger Jazz-Festivals an der Internationalen Schule ein Solo-Konzert gibt. Und dank meiner Studentin Wenbin habe ich zwei Freikarten bekommen. Hm, zwei. Ich habe am Donnerstag von Jiakun keine Antwort bekommen, dabei hatte sie mir einst vorgeschwärmt, wie toll sie die Veranstaltungen dieses jährlich stattfindenden Festivals findet, und ich glaube, sie wollte mich auch schon mal mitschleppen. Anfang des Monats hat sich aber Huilin wieder mal bei mir gemeldet, als ich gerade beim Baden im Zixia Hu am Fuß des Berges und sie auf dem Zijin Shan, also auf dem Berg, war. Sie hat schon nach ca. einer Minute zugesagt. Wir treffen uns an der U-Bahnstation Xuezelu. Den Theatersaal kennen wir schon, Hier haben wir nämlich letztes Jahr das Weihnachtskonzert der Schule besucht. Boesser-Ferrari holt, zum Teil mit innovativen und experimentellen Eigenkompositionen inklusive Auf-Holz-Klopfen (und wenn er das Ding auf der Bühne in seine Einzelteile zerlegt hätte, hätte es mich auch nicht gewundert) das Äußerste aus dem Instrument heraus. Einige Studentinnen des zweiten Studienjahrs sind auch erschienen, vermutlich ebenfalls mit Wenbin-Freikarten, sind aber viel zu schüchtern, um mich nach Verklingen der letzten Saite anzusprechen. Das mache ich dann, begrüße auch noch rasch die deutsche Mitorganisatorin Marijanne (mit J) und organisiere nun meinerseits ein Gruppenfoto mit gar nicht bösem Ferrari und fröhlich lächelnden Studentinnen, während sich Huilin, die keine Bilder von sich mag, dezent im Hintergrund hält.
Anschließend - es ist noch warm - kann ich Huilin zu einem Eisbecher bei McDonald's gegenüber überreden.
Über den Dächern von Nanjing
Auch mal was Schönes: Mein Kollege, der Berliner Geophysiker Wünnemann, Träger des höchsten Ordens, den die Volksrepublik Ausländern verleiht, hat die deutschen Kollegen und Kolleginnen (noch eine Deutschlehrerin, eine Juristin mit holländischem Freund, eine Historikerin mit Schwerpunkt chinesische Geschichte und eine Psychologin mit Baby) zum Grillen eingeladen, und zwar auf dem Dach! Da es nachts meist noch nicht kälter als 18 Grad wird, eine großartige Idee: Das Apartmenthaus ist hoch genug, um sich als Könige der Welt zu fühlen, die über der ganzen nächtlich illuminierten Stadt thronen, auch wenn uns hier und da ein paar Wolkenkratzer noch überragen.
Zu Gast beim Panzerknacker
Hat er also doch noch dran gedacht, mein Vermieter, der Mann mit der Panzerknacker-Frisur und -Figur (sin-o-meter berichtete), der bei der Installation des Waschmaschinenschlauchs angekündigt hatte, mich in den Oktoberferien zum Essen einzuladen. War das also doch keine von diesen leeren Höflichkeitshülsen, die Chinesen ja manchmal so von sich geben. Dabei habe ich heute wenig Zeit: Für den späten Nachmittag hat sich Martin, Ex-Kollege aus Yanji, angekündigt. Ich stehe um elf Uhr erst eine Weile am falschen U-Bahn-Ausgang, auf der anderen Seite wartet Fan Dong (das ist nicht etwa ein Name, sondern Chinesisch für "Vermieter") unterdes schon mit dem Moped auf mich, was mir dann irgendwann auch klar wird. Flugs sausen wir durch die Straßen im Westen, also ganz auf dem anderen Ende, der Stadt. Die Wohngegend ist ruhig, der Wohnungskomplex ist durch Schlagbaum und Wächter von der Außenwelt abgeschirmt, für das Moped gibt es einen überdachten Stellplatz. Die Wohnung im achten Stock ist typisch für die wohlhabende Mittelschicht und wider Erwarten kommt mit Fan Dong und seiner Frau, beide um die fünfzig, sogar ein einigermaßen vernünftiges Gespräch in Gang. Ich sehe das Bild der einzigen Tochter an der Wand. Sie ist 27 und lebt in Amerika, wo sie als Teil der chinesischen Synchronschwimm-Nationalmannschaft an einer Art Dauertrainingslager teilnimmt. Bei irgendeinem nationalen oder internationalen Wettbewerb ist sie auch mal Zweite geworden, wie ein Fotoposter dokumentiert. Fotos vom Grand Canyon zeigen, dass die Eltern sie dort drüben auch schon besucht haben. Sie kommt selten nach Hause. Die Flüge sind teuer. Ich ahne, warum Fan Dong sich im Gegensatz zu vielen anderen, die ihre günstig erworbenen Spekulationswohnungen an der Sport-Universität, wo ich jetzt wohne, einfach leer stehen lassen, dazu entschlossen hat, durch Mieteinnahmen seine Kasse aufzubessern. Tatsächlich muss man kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Immobilienblase irgendwann platzen wird, wenn man sich anschaut, wie viel Wohnraum einfach leer steht in Gebäuden, an denen der Zahn der Zeit schon jetzt bedenklich nagt: Wohnraum, den offenbar schon jetzt niemand braucht, während gleichzeitig überall gebaut wird, als gelte es, dadurch sein Leben zu retten.
Ja, das konnte man ahnen: Es gibt natürlich zur Feier des Tages Hummer! Und ich knabbere und nage so lange an der Köstlichkeit herum, bis man die Tafel aufhebt. Inzwischen ist noch ein befreundetes Ehepaar von Herrn und Frau Fan Dong aufgetaucht, das ebenfalls kein Wort Englisch spricht. Ich bleibe aber am Esstisch sitzen, denn es gibt, extra für mich, noch Jiaozi (chinesische Ravioli). Könnte ja sein, dass ich beim großen Hummerpanzermassaker nicht ganz satt geworden bin. Zum Schluss händigt mir Fan Dong auch noch eine großflächige Tasche mit Mondkuchen zum Mondfest (letzten Sonnabend) aus und bringt mich auf dem Rücksitz seines Kraftrads wieder dorthin, wo ich zuvor abgeholt worden bin - nicht ohne zu versprechen, auch den versprochenen Duschvorhang alsbald anzubringen. Ich fühle mich fürstlich behandelt. Dass ich meine Miete schon zweimal pünktlich für drei Monate im Voraus entrichtet habe, kommt bei den beiden offenbar ja richtig gut an!
Nicht so richtig gut an kommt heute dagegen Ex-Kollege Martin, der mehr anwankt als ankommt und gar nicht reden kann, da er sich auf seiner China-Rundreise zum Abschluss seines mehrjährigen Engagements im Reich der Mitte beträchtlich verkühlt hat. Er hat sogar vorab per SMS versucht, das von mir kurzfristig anberaumte Pizza-Essen abzusagen, was ich jedoch zu verhindern wusste, da ich bereits die aus Suzhou angereiste Ma Jiaojun, die außerdem die ebenfalls von Michaels Weihnachtsparty bekannte Heidier mitbringen möchte, ins Babela's bestellt habe. Die Mädels kommen aber eine Stunde später, weil sie beim Einkaufsbummel versackt sind. Martin lässt sich derweil von mir speisen und tränken und unterhalten. Selbst nickt und schüttkoppt er bloß. Als Ma und Heidier eintreffen, sind wir bereits satt, aber wir beginnen die Party dann einfach noch mal neu.
Auf dem Weg aus dem U-Bahnschacht bringt die letzte Treppenstufe den arg Geschwächten fast zu Fall. Bei mir daheim versucht er dann noch ein paar Sachen, die mir durch Nicken und Schüttkoppen bisher nicht begreiflich zu machen waren, durch Zeichnungen und Worte zu verdeutlichen, dann fällt er erschöpft in die Koje (eigenes Gästezimmer!), muss einmal bei der Drama-Luma (sin-o-meter berichtete) nachpumpen und fällt in einen durch Hustenkrämpfe gelegentlich unterbrochenen Schlaf.
Das E-Rad
Seit Montag, dem Nationalfeiertag, an dem auch ich mir zur Feier des Tages mal ein besonderes Geschenk machte, bin ich nun stolzer Besitzer eines "Dianpingche". Übersetzt heißt das so viel wie Stromflaschengefährt. Die "Stromflasche", das ist der bildhafte chinesische Ausdruck für die gewaltige Batterie, die dieses Elektro-Mofa antreibt und mich so zuverlässig an alle wichtigen Orte in meinem neuen, etwas weitläufigen Wohnbezirk bringt, z.B. zurück zum Ort des Erwerbs dieses umgerechnet 400 Mark teuren Zweirads. Es hat nämlich einen beträchtlichen Makel: Die Bremsen gehen nicht. Doch der Onkel, der mir das Ding im Kaufhaus verkauft hat, justiert mit kundiger Miene und geschickter Hand die Bremse und ich muss meinen Kauf nicht bereuen. Auch sonst ist freilich nicht alles so, wie er mir es am Montag angepriesen hat: Die Batterie reicht nicht für 35 Kilometer, sondern für maximal 20. Und die Spitzengeschwindigkeit liegt wohl auch eher bei 25 als bei 30 km/h. Klar, da kann einem die Notwendigkeit einer Bremse schon mal zweifelhaft erscheinen.
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