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Das Schweigen der Böller
Das ist der Schock des Jahres. Ich habe mir vorgenommen, wie einst im Jahre 2011 bis etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht Filme zu schauen, um dann live und in Farbe dem großen Frühlingsfest beizuwohnen. Doch als nach elf immer noch keine Knaller zu hören sind, werde ich langsam misstrauisch. Und als ich dann kurz vor Mitternacht zu meinem Nachtspaziergang aufbreche, durch eine gespenstisch ruhige Stadt, wird klar: Dies wird das ruhigste und dunkelste Frühlingsfest, das ich je in China miterlebt habe. Die Regierung hat Feuerwerke strengstens untersagt aus Gründen der Luftverschmutzung, der Lärmbelästigung und den anderen Gründen, die man sich in diesem Zusammenhang ausmalen kann. Ich gehe zum Xinjiekou-Platz, so eine Art »Times Square« von Nanjing, wo eigentlich immer was los ist. Heute nur gähnende Leere. Ich gehe runter zur U-Bahn und das Aufregendste, was ich in dieser Nacht erlebe, sind die vielen Obdachlosen, die hier überall am Rand der Gänge und in den Ecken lagern. Ist ja schön warm hier. Ich gehe nach Hause und sehe den unterbrochenen Film zu Ende.
Immerhin eines habe ich heute gefunden: ein Thema für den Aufsatzunterricht im nächsten Semester. »Schreibe eine Erörterung zum Thema: Soll man Feuerwerke zum chinesischen Neujahrsfest wieder erlauben?« Dazu hat garantiert jeder eine Meinung.
Aumim & Oil
Die Busfahrt nach Nanning ist dann eine überraschend unterhaltsame Angelegenheit. Hinter mir sitzt eine Vietnamesin, die weder Kosten noch Mühen gescheut hat, ihr heiß ersehntes China-Visum zu erhalten. Nun will sie möglichst oft nach China reisen. Ihr Englisch ist überdurchschnittlich gut. Rechts hinter mir sind zwei Thailänderinnen, die, wie ich später erfahre, Aumim und Oil heißen und auf der Rückreise in ihren Studienort, das malerische Guilin, sind. Auf den beiden Plätzen links von mir hat ein chinesisches Pärchen Platz genommen, ebenfalls des Englischen sehr gut mächtig. Vor mir sitzt eine chinesische Studentin, die bereits in dem Elektromobil an der Grenze vor mir saß. Sie hat es noch nicht bemerkt, aber lange, blonde Haarbüschel von meiner über ihr in der Ablage depnoierten kaputten Stofftasche, drohen sich in ihren langen, schwarzen Haaren zu verfangen. Ich rücke die Tasche zurecht, um sie vor peinlichen Faserimmissionen zu bewahren und erfahre, dass sie aus Tongling stammt, wo ich – welche Überraschung – auch schon mal Zwischenstation gemacht habe, auf meinem Weg zum Jiuhuashan. Darüber unterhalten wir uns kurz und ich erfahre, dass sie, wie mein Reisegefährte von der Hinreise, in Harbin studiert, nun aber aus Anlass des Frühlingsfestes auf dem Weg zu ihren Eltern in Tongling ist.
Die Thailänderinnen teilen großzügig ihre mitgebrachten Leckereien mit den umliegenden Fahrgästen. Ich erfahre, dass sie aus Chiangmai stammen,wo ich – welche Überraschung – auch schon mal war. Die beiden Chinesen auf der Rückbank, ein solide gebauter und ein eher schmächtiger, sind von den jungen Damen um sie herum sichtlich angetan und können gar nicht mehr aufhören zu reden, vor allem der Solide.
Gegen Mitternacht erreichen wir Nanning und tun uns zusammen, um erst mal gemeinsam Fahrkarten zu erwerben. Ich mutiere zu einer Art Reiseleiter, da ich mich in Nanning bereits bestens auskenne. Der schmächtige Chinese findet rasch ein Hotel. Die Studentin aus Tongling will zum Busbahnhof. Und die Vietnamesin mit dem China-Visum telefoniert mit einem Bekannten und verabschiedet sich an der nächsten Ampel von uns. Wie immer haben wir natürlich längst alle Adressen ausgetauscht und wie immer wird die nie jemand nutzen. Ich lotse Aumim und Oil zum Fahrkartenverkaufsbereich am Bahnhof. Der solide Chinese schließt sich uns an. Wir alle bangen wegen des nahen Frühlingsfestes um unsere Fahrkarten. Ich bekomme nur wieder den 24-Stunden-Bummelzug K1192, das Pendant zu dem, den ich schon auf der Hinreise hatte (K1191). Aber das hat auch einen Vorteil: Ich erspare mir den Weg zum Schnellzug-Bahnhof Nanning, der meilenweit entfernt vor der Stadt liegt, und ich komme in Nanjing im Zentrum an und nicht am Südbahnhof Nanjing-Nan, der meilenweit außerhalb vor der Stadt liegt. Und ich kann ausschlafen. Die Thailänderinnen frohlocken. Sie haben ihre Wunschfahrkarten bekommen und werden schon in Guilin sein, wenn ich mich – morgen um zehn vor vier – gerade auf die Reise begeben haben werde. Da ich auch weiß, wo es billige Unterkünfte gibt, folgen sie mir ins selbe Hotel. Und in der Tat: konkurrenzlos günstig. Ich teile mir ein Zimmer mit dem Soliden von der Rückbank und muss daher diesmal sogar nur die Hälfte zahlen, umgerechnet 15 Mark. Seit 2004 habe ich nicht mehr so billig übernachtet. Die Kaution übernehme ich, da ich morgen ja der letzte sein werde, der geht. Es dauert etwas, bis ich die Hin- und Herrechnerei mit dem Bezahlen begriffen habe, aber der Solide ist zweifellos solide und vertrauenswürdig. Aumim und Oil gefällt unser Zimmer besser und wir sind natürlich echte Gentlemen und tauschen mit ihnen. Dann gehen wir gemeinsam zum Mitternachtsbuffet in das erstaunlicherweise noch geöffnete chinesische Restaurant an der Straße vor dem Hochhaus, in dem sich das Hotel befindet, und lassen den Tag ausklingen.
Louis und der verschwundene Rucksack
Als ich an diesem Morgen in dem kühlen Hotelzimmer zum dritten Mal auf meine Armbanduhr schaue, wird mir klar, dass sich der abgefallene Sekundenzeiger zwischen die anderen beiden geschoben haben muss. Denn so lange halb sechs sein kann es einfach nicht! Ich schalte das Fernsehen ein und stelle fest,dass es schon halb zehn ist. Nun aber schnell zum Busbahnhof, ehe noch die gesamte Tagesplanung koppheister schießt. Beim Einstieg in den Bus nennt man mir erst mal einen zu hohen Preis (ich hatte mich ja gestern informiert), weswegen ich der umtriebigen Anschnackerin in die Schalterhalle enteile. Die junge Dame mit dem falschen Preis eilt mir prompt nach und so bezahle ich also jetzt doch die standesgemäßen 120.000 Dong und darf einsteigen. An einem Verkaufsstand kaufe ich noch ein paar frisch gekochte Eier für unterwegs.
Ja, die Reise mit dem Bus lohnt sich. Die grünen Hänge jenseits der Fahrbahn wirken z.T. wie eine ins Binnenland verfrachtete Halong-Bucht. Als wir uns Dongdang nähern, überschlagen sich die Ereignisse, denn die Stadt ist der Zielort des Busses. Darum werde ich, der ich ja nach China will, umverfrachtet. Und nun geschieht ein folgenreicher Fehler: Der gelbe Rucksack, der bisher unter dem Beifahrersitz gelagert wurde, wird für mich rausgeholt. Alles wird in den nächsten Minibus gepackt, der direkt an die Grenze fährt, und ich unterlasse es, den gelben Rucksack an mich zu nehmen. Neben mir auf dem Sitz befindet sich lediglich die Stofftasche mit dem ausgefransten Henkel (auf meiner Jacke finden sich mittlerweile auch schon blonde Fusseln) sowie Buch und Lebensmitteln. Schon sitze ich im nächsten Transportmittel. Nach einer knappen halben Stunde fährt es auf den riesigen Park- und Wendeplatz des Grenzkontrollpostens Huo Nghi, der vor dem Hintergrund grüner Hänge daliegt und einer ganzen Reihe von Minibussen Obdach gewährt. An einem kleinen Kiosk im hinteren Teil des Geländes werde ich rausgeschmissen. Man zeigt mir noch, wo ich die Fahrkarte für Nanning erwerben kann. Und weg sind sie. Ich begebe mich mit der Tasche mit den bloden Henkel-Fransen in die Schalterhalle. Dort sitzt eine Frau, die Chinesisch spricht und mir für 300.000 Dong die Fahrkarte nach Nanning verkauft. Doch plötzlich wird mir klar, dass niemand mir, anders als beim vormaligen Boxenstopp bei Dongdang, den gelben Rucksack nachgetragen hat. Vietnamesen sind offenbar doch nicht so nachtragend, wie viele im Westen denken. Und ich bin jetzt der Angeschmierte. Ich stürme aus der Schalterhalle und verstöre alle am Kiosk mit meinen aufgeregten englischen Sätzen, mit denen ich mich nach dem Verbleib meines Rucksacks erkundige bzw. des Kraftfahrzeugs für Personentransport, das sich hier gerade noch befand. Binnen weniger Minuten mutiere ich zum Amok laufenden Nervenbündel à la Louis de Funès. Einziger Unterschied: Statt »Bretter, Bretter, Bretter« rufe ich »Bag, bag, bag« (klingt aber für Vietnamesen vermutlich ähnlich). Ich weiß mir wirklich keinen anderen Rat als den wilden Mann zu markieren, wandere zunächst mal die anderen, weiter vorne unter kleinen Vordächern geparkten Fahrzeuge ab und rufe allen, die es nicht hören wollen und auch nicht verstehen können, zu: »Where is my bag?« Hernach stolziere ich, wüste Äußerungen der Selbstkritik ausstoßend, auf dem leeren Parkplatz hin und her, zertrümmere einen Ziegelstein, der herrenlos auf den Fliesen vor dem Schalterhäuschen herumlag, indem ich ihn wiederholt mit aller Kraft auf den Asphalt des Parkplatzes schleudere, und wirke auf die Öffentlichkeit in etwa so beruhigend wie ein Afghane der in Kabul auf einem belebten Markt mit einer auffällig dicken Weste herumsteht. Ich überschlage, was ich womöglich verloren habe: ein kaputtes Kindle-Gerät, sämtliche Kleidung, die ich nicht am Leib trage, ein altes Kartenspiel, den Rucksack selbst. Pass, Geld, Tim-und-Struppi-Bild, meine aktuelle Clemens-Setz-Lektüre – alles in der Stofftasche mit dem ausfransenden Henkel oder in der Hosentasche meiner Post-Hose. Eigentlich habe ich hier ein bisschen viel Theater gemacht in Anbetracht der Tatsache, dass alle echten Wertgegenstände gar nicht im Rucksack sind. Wie dem auch sei, der Erfolg lässt nicht auf sich warten. Eine junge Dame von einem der Läden oder Verkaufsstände, des Englischen mächtig, eilt herbei und erkundigt sich nach den Unbilden, die mich zum Irrsinn zu treiben scheinen. Auch ein besorgter Bediensteter aus dem Verkaufsbereich weiter vorne, ein rundlicher, kompakt wirkender Mann, bietet auf Englisch Hilfe an. Man bringt mich zu so etwas wie einer Minibus-Zentrale, die sich neben dem Schalter für die Fahrkarten nach Nanning befindet. Dort schildere ich meinen Fall. Man fragt mich nach Auto-Kennzeichen, Telefonnummern und Namen. Ich kann nur mitteilen, von wo ich komme und wo ich umgestiegen bin. Man verspricht mir, dass man herausfinden werde, wer mich fuhr. Und wenig später kommt der hilfsbereite rundliche Mann mit der Mitteilung: Man habe in dem Minibus den Irrtum bemerkt, wisse aber nicht, wie man mir den Rucksack zurückbringen könne, da ein erneutes Ansteuern der Grenze nicht vorgesehen ist. Das macht mich doch schon etwas entspannter. Ich habe inzwischen sogar den Nerv, die freundliche junge Dame für ihr gutes Englisch zu loben und sie in ein kurzes Gespräch zu verwickeln. Doch die Zeit arbeitet gegen mich und ich muss mich jetzt entscheiden: Gebe ich die Fahrkarte nach Nanning zurück, die ich bereits erworben habe? Die Verkäuferin macht nämlich gleich den Laden dicht und die letzten Fahrkarten werden für den Bus um halb fünf verkauft. Was aber, wenn der Rucksack später auftaucht? Soll ich wegen des Rucksacks noch eine Nacht in Vietnam verbringen, die womöglich teurer ist als der gesamte Rucksack mit Inhalt? Eines ist allerdings klar: Wenn ich jetzt mit der Fahrkarte über die Grenze gehe, kann ich ihn nie zurückbekommen. Dieses Nie wirkt auf mich so fatal und folgenschwer, dass ich mir kurz vor Toreschluss die Fahrkarte erstatten lasse. Fünfzehn Minuten später kommt jemand mit einem gelben Gegenstand auf mich zu. Der hilfsbereite Mann vom Fahrdienst-Stand erklärt, dieser Fahrer sei so freundlich gewesen, den Rucksack von seinem säumigen Kollegen zu übernehmen und herzubringen. Ich bedanke mich herzlich und habe inzwischen erfahren, dass man immer noch auf der chinesischen Seite eine Fahrkarte nach Nanning erwerben kann. Ich schließe mich nun einem Tross von Reisenden an, die zu den Grenzkontrollposten gefahren werden. Dann geht es zu Fuß durch den Zoll. Als ich auf der chinesischen Seite herauskomme, werde ich gleich abgefangen, und zwar, klar, von den Fahrkartenverkäufern auf der chinesischen Seite. Glücklicherweise nehmen sie sogar meine letzten 300.000 Dong an, sodass ich also auf denen nicht sitzen bleibe. Allerdings, so gibt man mir zu verstehen, muss ich noch ein bisschen warten, bis der Bus voll ist. Man lädt mich ein, auf dem freien Stuhl in dem kleinen Kabuff Platz zu nehmen. Drei Leute hocken hier auf gefühlten drei Quadratmetern aufeinander: eine junge Dame, die potentielle Fahrgäste abfängt, und zwei Männer, von denen einer die Listen führt; der andere ist vielleicht ein Fahrer. Die Warterei zieht sich in die Länge, die Sonne geht unter. Ich sage, das dauere aber lange und ich hätte Hunger. Prompt bekomme ich einen chinesischen Doughnut angeboten, später darf ich noch von einer ananasgelben Frucht probieren, die ich gar nicht kenne und die schmeckt wie eine Mischung aus Apfel und Mango. Immer wieder werden Reisende von der Anschnackerin angeschnackt, aber keiner will eine Fahrkarte. Als es schon fast dunkel und ziemlich kalt geworden ist, kommt doch noch eine ordentliche Horde. Es geht also endlich los. Ein elektrisches Parkmobil fährt mich und die zuletzt angerückten Touristen durch ein großes Steinportal hindurch zu dem Bus, der nur wenige Hundert Meter entfernt gewartet hat.
Reisziel: Mond
Am frühen Morgen also tatsächlich der Weckruf. Meine Sachen sind immer noch nicht alle richtig trocken. Rasch packe ich zusammen. Der Henkel meiner Tragetasche hat sich in seine faserigen Einzelbestandteile aufgelöst und sieht jetzt aus wie das Toupet einer blonden Muppet-Puppe. Ich nehme sie untern Arm, schultere den Rucksack und bin pünktlich um kurz vor halb acht zur Abfahrt des Minibusses am Hangar an der Tran Phu Nha Trang Nr. 86. Der Bus (Fahrpreis: 65.000 Dong) verlässt die Bucht von Nha Trang über gut ausgebaute Straßen, ein letzter Blick zurück auf die grünen Hänge am Meer. Mein Flug geht um zwanzig vor zehn. Etwa eine Stunde vorher finde ich mich am Vietjet-Schalter eines modernen Flughafens im öden Niemandsland wieder und habe kein Gepäck aufzugeben. Als ich am Schalter stehe, sehe ich, dass sich ein Bindfaden um meine Fußgelenke gewickelt hat. Ich stelle fest, dass es sich um Fasern vom Henkel meiner Tragetasche handelt, die einige Meter vom Schalter entfernt auf dem Boden liegt. Offensichtlich besteht der Henkel meiner Tragetasche aus so vielen Einzelfasern, dass sie, einzeln aneinander gelegt bis zurück zum Strand von Nha Trang reichen würden. Besorgte Passagiere weisen mich darauf hin, dass ich stolpern könnte. Als ich im Wartesaal der Abflughalle sitze, stelle ich fest, dass sich einzelne blonde Fasern bereits auf meiner Kleidung verteilt haben. Im Flugzeug hängen Fasern aus dem Schließfach oberhalb der Sitze. So weiß ich wenigstens, wo meine Tasche abgeblieben ist. In Hanoi finde ich rasch die Bushaltestelle. Ich erinnere mich vom Tag der Ankunft noch an die Linie 17, die vom Bahnhof in die Innenstadt führt. Ich esse etwas Obst aus dem Nha Tranger Supermarkt, an einem Apfel hängt eine Faser meiner Tragetasche. Die Fahrt dauert doch länger als die zuvor in Erfahrung gebrachten 20 Minuten, nämlich fast eine Stunde. Als ich die ersten Gebäude sehe, die mir bekannt vorkommen, steige ich aus. Die Hauptstadt ist voll auf Frühlingsfest eingestellt. Überall fahren Zweiräder die berühmten Mandarinenbäumchen herum, die auch in Südchina als Symbol für den Frühling in dieser Jahreszeit Hochkonjunktur haben. Festlich geschmückt sind ganze Straßenzüge, einige sogar gesperrt. Ich brauche eine Weile, um mich zu orientieren. Auf dem Stadtplan finde ich längst nicht jedes kleine Gässchen in diesem verwinkelten Altstadtbereich. Schließlich finde ich mein altes Hotel, das »Cyclo-Hotel«, in dem ich meine erste Nacht in Vietnam nach der Ankunft verbracht habe. Ich habe ja schließlich eine Mission: meine Kaution zurückverlangen für den Schlüssel, den Reisegenosse Hu verbummelt hat. Aber mein Entsetzen ist groß, als ich erfahre, dass mein langer Weg zurück völlig sinnlos war: Hu hat den Schlüssel viel zu spät zurückgebracht (er war ja in Saigon) und ein neues Schloss musste eingebaut werden. Mithin kann mir mein Geld nicht erstattet werden, erläutern die Damen zerknirscht. Das Schloss war ja viel teurer! Aber, argumentiere ich, das alles war doch nicht meine Schuld! Hu hat leider jegliche Verantwortung und finanzielle Kompensationsleistung abgelehnt. Ich bin einigermaßen empört und muss den Rezeptionsdamen zustimmen, als sie Hus Verhalten als »typically Chinese« bezeichnen.
Im Hotel habe ich immerhin erfahren, wie man mit dem Bus an die Grenze kommt, denn am Bahnhof habe ich ermittelt, dass es auch nach China keine Zugfahrkarten mehr gibt. Hu hatte mich per E-Mail aber schon informiert, dass eine Reise im Bus ohnehin empfehlenswerter sei, da man so wenigstens etwas von der Landschaft sehe. Ich fahre also zur Busstation Luong Yen und erkundige mich nach Preisen. Auf der anderen Seite der Schnellstraße gibt es eine Reihe von Billighotels und ich miete mich günstig in einem kühlen, fensterlosen Raum mit Dusche und TV ein. Ist ja nur für eine Nacht. Danach begebe ich mich, vom Gepäck befreit, noch einmal an den Hoan-Kiem-See und umwandere ihn einmal, schaue mir das Gebäude des Volkskomitees im Osten und die Ba-Da-Pagode im Westen an, wo irgendeines historischen Ereignisses gedacht wird, das mit einem Schwert zu tun hat. Und um 18 Uhr gehe ich in eine Aufführung des »Vietnam National Tuong Theatre«. In nicht mal einer Stunde werden Ausschnitte klassischer folkloristischer Stücke gezeigt, mit dem üblichen Klong-klong und den hohen Jaulstimmen maskierter und geschminkter Schauspieler. Ein Schauspieler spielt einen alten Opa und dessen junge Frau gleichzeitig und in einer Figur – bemerkenswert. Zwei junge Schnösel baggern die junge Frau an, weil sie finden, dass der Alte zu alt für sie sei. Das ist, grob zusammengefasst, die Handlung des ersten Stücks. Für die jeden Montag und Donnerstag stattfindende Darbietung auf einer kleinen Bühne vor dem Theatersaal haben sich etwa zwanzig vorwiegend ausländische Zuschauer eingefunden. Das ganze Vergnügen kostet auch nur 150.000 Dong. Kultur pur.
Und dann geschieht das Unglaubliche: Ich erwerbe ein Souvenir in einem Laden für handwerkliche Produkte, Touri-Tinnef, Bild-Reproduktionen etc. Was ist passiert? Wie konnte es so weit mit mir kommen? Hat sich derlei in meiner Biografie überhaupt schon mal zugetragen? Die Antwort ist ganz einfach: Ich bin in dem Laden auf Reproduktionen von Tim-und-Struppi-Titelbildern zum An-die-Wand-Hängen gestoßen und Hans-Jo. wird vor Neid erblassen, wenn ich ihm eines Tages mein A3-Bild von »Reiseziel: Mond« zeigen kann. Es gibt neben »Rackham«, »Tim im Kongo«, »Der blaue Lotos« und »Schritte auf dem Mond« sogar ein Cover von »Tim in Vietnam«, ein im Hergé-Stil nachgebildetes Cover, das es so in Wirklichkeit natürlich nie gegeben hat. Ich entscheide mich aber lieber für ein Original... und darf mich endlich mal fühlen wie ein echter auf allen möglichen Kitsch reinfallender Tourist.
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